Endstation Altai? Der lange Weg nach Bayantooroi

Nach einer letzten Sprachstunde in Präsenz machten Grit, Hermine und ich uns frühzeitig zusammen mit zwei weiteren Freiwilligen auf den Weg zum New Ulaanbaatar Dragon Terminal. Unser Gepäck in das Taxi (ein Toyota Prius Alpha) zu bekommen war gar nicht so leicht. Grit und ich landeten zugepackt mit meiner dicken Winterjacke, meinem Wanderrucksack, drei Rucksäcken und einem Beutel auf der Rückbank.
Trotz des Berufsverkehrs waren wir überraschend schnell am Busterminal. Wer jetzt ein Bild des Aachener Bushofs im Kopf hat und denkt: „Schreck! Dort musstet ihr drei Stunden bis zur Abfahrt des Busses verbringen?!”, der liegt weit daneben. Das neue Busterminal gleicht einer modernen Shopping-Mall: Supermarkt, Bekleidungsgeschäfte und Essensmöglichkeiten, verteilt auf mehreren Etagen. Wir entschieden uns für eine Limonade und ich testete vorsichtig meine Mongolischkenntnisse, indem ich nach dem Weg zur Toilette fragte. Mein erstes Erfolgserlebnis 😊

Eine halbe Stunde vor Abfahrt gingen wir zu den Bussen. Wir erkannten den Bus anhand des Nummernschildes, das auf den Tickets stand. Während wir dieses zur Sicherheit nochmal abglichen, kam der Busfahrer bereits auf uns zu und bestätigte uns freundlich, dass wir richtig waren. Unsere Koffer verschwanden im Bauch des Busses, der sich mit jedem Fahrgast mehr in ein Tetris-Spiel verwandelte. Ich verbrachte die folgenden 30 Minuten damit, meine Reiseessentials griffbereit zu sortieren, den Rest über mir zu verstauen und das geschäftige Treiben zu beobachten.
Als alle ihre Plätze eingenommen hatten, kontrollierte der Fahrer, ob alle Fahrgäste auf der Passagierliste standen. Kurz nach 18 Uhr ging es wirklich los. Vor uns lagen 16 Stunden Busfahrt durch die Weite der Mongolei, bis wir in Есөнбулаг (Yeso’nbulag) von unserer Ansprechperson Ariunbuyan in Empfang genommen werden sollten.

Die erste Stunde kamen wir im dichten Verkehr der Hauptstadt kaum voran. Ein, zwei Mal hielten wir an, um weitere Personen aufzusammeln und die erste Toilettenpause einzulegen. Dann ging es immer weiter in Richtung Westen, der untergehenden Sonne entgegen. Solange es hell war, hing mein Blick am Fenster und an der vorbeiziehenden Landschaft. Anschließend versuchte ich zu schlafen. Das war gar nicht so leicht. Um mich herum wurde laut telefoniert und geredet, und irgendwo schrie ein Baby. Dazu kam die ruckelige Straße und die Tatsache, dass ich keine Möglichkeit hatte, mich anzulehnen. Irgendwie gelang es mir, ein bisschen zu dösen. Geweckt wurde ich von Grit, die sich neben mich setzte. Ihr Sitznachbar hatte sich unangenehm breit gemacht. Kurze Zeit später döste ich wieder ein.
Der nächste Halt war eine Art Gaststätte. Eigentlich wollten wir uns nur die Beine vertreten, aber es war so kalt, dass wir schließlich hineingingen. Mir wehte der lauwarme Geruch von Fleisch entgegen. Unschlüssig, ob wir uns ebenfalls etwas zu essen holen sollten, warteten wir ab, was sich die anderen bestellten. Und das war gut so. Die Portionen erschienen uns riesig und es gab kein Gericht, das wir kannten. Der Online-Übersetzer half uns auch nicht weiter. Also orientierten wir uns an den Bildern der Speisekarte und den Gerichten auf den anderen Tellern. Letztendlich entschieden wir uns für einen Teller mit etwas, das an Spätzle erinnerte, mit Kohl und Ziegenfleisch. Allerdings teilten wir uns einen Teller zu dritt. Fazit: Alle essen hier sehr schnell und das Essen war besser als erwartet. Was wir nicht wussten: Die Toilette dort war für lange Zeit die letzte „westliche”.
Bei den nächsten Pausen hieß es: Raus aus dem Bus, ein paar Meter weg und mitten in die Landschaft setzen. Ganz schön ungewohnt, und nachts auch schnell kalt. Dafür fühlte ich mich im Dunkeln weniger beobachtet. Nachts erhellt hier nur der Sternenhimmel die Landschaft. Und was für einer! So viele Sterne habe ich zuletzt in Südwestfrankreich am Atlantik gesehen. Nur ist hier sogar die Milchstraße deutlich zu erkennen! In jeder Pause konnte ich es kaum fassen. Dieser Anblick soll mich jetzt ein halbes Jahr begleiten? Einfach unbeschreiblich! Aber ich schweife ab. Zurück zur Fahrt:
Gegen 10 Uhr morgens hielt der Bus. Ein Blick auf die Karte verriet: Wir waren in Altai. Panik breitete sich in mir aus: Hatten wir das falsche Ticket gebucht? Mit ein paar Gesten und viel Mongolisch gab man uns zu verstehen, dass hier Endstation war, wir aber am richtigen Ort waren. Etwas unsicher stieg ich aus und holte gemeinsam mit Grit und Hermine unsere Koffer. Wir stellten uns an die Seite und riefen, leicht verwirrt, unsere Ansprechperson Ariunbuyan an. Tatsächlich waren wir am richtigen Ort und lernten ihn kurze Zeit später kennen. Ich war unendlich erleichtert. Andernfalls hätte ich nicht gewusst, wie es von hier aus weitergehen sollte.

Zusammen mit Ariunbuyan gingen wir etwas essen (es gab Brokkolisuppe, yummy!), er holte sich noch einen Kaffee und gegen 15 Uhr machten wir uns endlich wieder auf den Weg in Richtung Bayantooroi. Hatte ich die Straße vorher als ruckelig beschrieben? Nun, ab jetzt sah die Straße eher nach einer Off-Road-Piste aus. Es schaukelte ordentlich und fühlte sich bereits kurz nach dem Start sehr unbequem an. Sollte das die nächsten sieben Stunden so gehen?? An Schlaf war für mich auch hier überhaupt nicht zu denken. Völlig übermüdet döste ich ein, schreckte allerdings beim nächsten Schlagloch wieder hoch. Zwischendurch unterhielten wir uns immer wieder mit Ariunbuyan. Er zeigte uns die ersten Tiere: Ein paar Mäuse und einen Vogel, der aussah wie ein Aasgeier. Gegen 19:30 Uhr tauchte zum ersten Mal Eej Khairkhan (Mother Mountain) vor uns auf. Seinen Namen verdankt der Berg seiner Form, die an eine schlafende Frau erinnert. Dass dieser heilige Berg ab jetzt unser Orientierungspunkt werden würde, ahnten wir da noch nicht.

Nach gut 28 Stunden kamen wir endlich in Bayantooroi an. Inzwischen war es dunkel. Außer ein paar Umrissen, dem Sternenhimmel und dem beleuchteten Innenhof konnte ich nichts erkennen. Doch das störte mich nicht. Zur Begrüßung gab es ein leckeres Abendessen, das wir zusammen mit Ariunbuyan und dem Direktor des Biosphärenreservats aßen. Danach zeigte man uns unsere Unterkunft. Sie liegt auf dem Gelände, keine 10 Meter vom Office entfernt: Ein Flur mit Waschtisch, eine kleine Küche und zwei Zimmer. Die Holztür zum ersten Zimmer ist knallorangen, mit Mustern verziert und so verzogen, dass sie nicht richtig schließt. Wir waren uns sofort einig, dass wir zusammen im hinteren Zimmer schlafen wollten.
Doch erst einmal ging die Tour weiter. Draußen im Innenhof befindet sich das Toilettenhaus: Auf der einen Seite eine gepolsterte Toilettenbrille über einem Loch, auf der anderen einfach nur ein Loch im Holzboden. Weiter ging es in die Küche. Dort erfuhren wir, dass Trink- und Kochwasser aus einem Brunnen im Dorf geholt wird. Wir müssen nur Bescheid geben. Das Wasser aus dem Hofbrunnen ist nur zum Waschen, Duschen und Gießen gedacht. Einfach den Hahn aufdrehen? Das gibt es hier nicht.
Apropos Dusche: Ariunbuyan zeigte ganz selbstverständlich auf das Waschbecken im Flur. Darin sollten wir uns die Haare waschen? Unter dem Spiegel, der für uns auf Bauchhöhe ist, hängt ein Gefäß mit vielleicht 500 ml Wasser. Das Becken hat keinen Stöpsel und das Wasser läuft direkt in den Eimer darunter, der regelmäßig geleert werden möchte. Unsere Blicke müssen Bände gesprochen haben. Als Nächstes zeigte man uns „das grüne Gebäude” auf dem Hof: zwei Abflusslöcher im Boden, ein blaues Wasserfass und ein Duschschlauch, der nicht funktioniert.
Kein fließendes Wasser, kein Licht, aber immerhin eine Tür zum Zuziehen. Damit endete die Tour fürs Erste. Wir bezogen unsere Betten und packten das Nötigste aus, jede für sich in ihrem Bereich. Wir waren so müde, dass die Vorfreude aufs Schlafen riesig war. Trotzdem lag ich noch eine Weile wach, drehte mich auf der harten Matratze von einer Seite auf die andere, bis die Müdigkeit endlich siegte.

Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.

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