Archiv für den Monat: Februar 2020

Sergeij Rachmaninoff: 2. Klavierkonzert in c-Moll, 2. Satz

2. Satz

Wasser trübt den menschlichen Blick. Die glitzernde Oberfläche verschwimmt beim ersten Blick und wird schon bald undurchdringlich. Selbst mit den modernsten menschlichen Erfindungen kann man nicht in die tiefsten Tiefen vorstoßen und in dieser Not versucht man das Wasser in städtischen Schwimmbädern zu zähmen. Auf Faszination folgt immer auch Unbehagen und Angst, aber gleich darauf wieder Faszination. Theoretisch ist es schon ergründet, praktisch unergründbar. Ein heimliches Refugium für Träume.

Greta ist gerade aus Einem der Solchen erwacht und auch ihr Blick ist verschwommen. Sie nimmt bunte Schemen wahr und gleißendes Licht, während sich die Glupschaugen bemühen, endlich wieder zu fokussieren. In ihrem Kopf herrscht noch ein warmer Dunst, ruhig formt er seine Wattewolken und stupst ab und zu mit deren Rändern an die Schädeldecke. Hier ist kein Platz für die Realität, hier soll man lieber langsam denken. „Wie schön doch die Sonne ist, eigentlich braucht der Fisch nicht mehr zum Leben“, murmelt sie noch halb benommen, „nur wenn sie sich doch nicht immer so schnell bewegen würde. Wie schafft die Sonne es nur hier zu schwimmen, sie ist doch so heiß, so heiß, heiß, h, hä?“ Ganz perplex ist das arme Wassertierchen, ihr Kopf brummt immer noch durch den Sturz genauso, wie durch die vorangegangenen Erlebnisse und fast ist sie schon froh, als sich gemächlich ein Schatten vor dieses Rätsel zu schieben beginnt. Nein, kein Schatten im eigentlichen Sinne, ihr ist es fast so, als erstrahle diese Gestalt noch viel schöner als die Sonne selbst, ein wahrer Sonnengott, auch wenn er viel eher sanft als selbstbewusst bleibt. Ja, jetzt sieht sie es gleich klar, dort schwebt ein junger Fisch über ihr, anmutig gleitet er durch das Blau, während seine Schuppen in allen Regenbogenfarben unter der Sonne tanzen, unschuldig verträumt, aber auch betrübt. Stück für Stück zieht er seine Kreise, der Sternenhitze entgegen. Warum so herrlich, aber doch so melancholisch, diese Frage hängt er hinter sich, wie einen Sternschnuppenschweif und Greta kann nicht anders, ihr ist bei diesem Anblick zum Heulen zu Mute, ohne dass sie weiß, ob der Kloß in ihrem Hals glücklich oder traurig ist, sie weiß nur (Und es ist wirklich schade, dass ich das alles nur ironisch sagen kann), dass er wohl Liebe heißen muss. Sie hat ein so unbeschreibliches Gefühl in ihrer Brust noch nie erlebt und dort klopft es unaufhörlich. Er scheint sehr bekümmert über irgendetwas und das bricht ihr nahezu das Herz. Wie kann ein solches Geschöpf vor allen Geschöpfen nur so in sich zusammensinken, wie er es tut? Unbedingt, unbedingt muss sie ihn trösten, sie weiß es, er braucht ihren Schutz. Ach, wenn sie doch nur Mut besäße, so wie ihr Vater…! Und plötzlich ist es schon zu spät. Eine kleine Gruppe nähert sich geschwind der Szenerie, Greta zählt vier Stadtwachen, mit Speer und Schild bewaffnet und in ihrer Mitte ein grauenvolles, großes Tier, ein schuppengepanzerter Haifisch, seine goldenen Zähne ragen spitz aus dem breiten Maul. „Prinz Nemo!“, ruft das Goldmaul schon von Weitem, „Halte doch gefälligst ein!“. Der Fischprinz scheint nichts davon gehört zu haben, jedenfalls schwimmt er unbeirrt voran. Doch da haben ihn seine Verfolger bereits eingeholt und zornig packt ihn der Hai an der Rückenflosse und übergibt ihn den Wachen. „Der hohe Frosch ist äußerst erzürnt über deine Abwesenheit und befiehlt dir, schleunigst in die Perlenstadt zurückzukehren. Ihr hattet eine Abmachung, hast du das vergessen? Brichst du deine Pflicht, dann musst du wohl wissen, was deiner Familie geschehen wird.“ „Was ist das für eine Pflicht, mit der man Verrat übt an seinen eigenen Leuten?“, so erhebt der Prinz zum ersten Mal seine Stimme, „Er verlangt von mir Unmögliches, das kannst du deinem Herren ausrichten. Niemals werde ich vor der Stadt Unwahrheit sprechen über das, was hier geschehen ist. Meine Großmutter Hemingway ist die rechtmäßige Gebieterin in dieser Stadt und das wird niemand verleugnen. Ihr seid nur gottlose Räuber unserer Welt. Als Gesindel kamt ihr, zettelt eine grausame Verschwörung an und glaubt jetzt, dass die Bewohner der Perlenstadt mit ebensolcher Schlechtigkeit die Wohltaten ihrer Herrscherin vergessen können, sobald ihr sie in die Kerkergrotten werft. Verbrecher!“ Verächtlich spuckt er seinem Gegenüber dieses Wortgeblubber ins Gesicht, wo es wütend zerplatzt. Das Goldmaul schüttelt sich heftig, aber grinst verächtlich. „Dein Stolz frisst deinen Verstand. Weißt du nicht besser als ich, Kind, aus welcher Tyrannenherrschaft du entstammst. Dieser See kannte das Wort Freiheit nicht, bevor wir damit begannen es zu verbreiten. Unseretwegen werden die Starken nicht länger von den Schwachen regiert, unseretwegen sind alle Seekreaturen frei, nicht nur die Fische. Wir haben das Alte zerbrochen, um die Welt noch einmal besser zu errichten und dabei steht die Mehrheit hinter uns. Oder wie erklärst du dir die Flossen deiner Fischgefährten, die dich hier an Ort und Stelle halten?“, und dabei zeigt er auf die vier Soldaten, die unter ihren Muschelhauben schwitzen. „Ach ihr, Verräter eures eigenen Wassers. Was euch dazu getrieben hat, diese Demagogen zu unterstützen, das kann ich nicht wissen, aber schämen solltet ihr euch vor allen, die ihr einmal Freunde nanntet! Eure Selbstgier hat euch verdorben und dafür verfluche ich euch!“ Unter diesen hitzigen Worten beginnen die Wachen nervös zu werden und für einen Augenblick sind sie abgelenkt. Dies nutzte der Prinz und kämpft sich ruckartig frei. „Alle diese Verräter verfluche ich, ich kann nicht anders, als euch hassen. Und jetzt werde ich wie gefordert hinter die Stadtmauern zurückkehren, auf der Suche nach den Ehrenvollen, die verblieben sind, um alles Gesindel aus der Stadt zu schlagen und wenn ich Keinen finden sollte, bin ich schon bereit zu sterben.“ Er stürzt vorwärts mit einer und ihm gelingt es mit einer unglaublichen Flinkheit, seinen Wächtern zu entkommen. Mit mächtigen Flossenschlägen hastet er in Richtung Stadt, während sich hinter ihm seine Verfolger formieren und auch Greta beginnt wie vom Blitz getroffen, ihm zu folgen. Elegant schlägt er sich durch das Wasserpflanzengestrüpp vorbei an den verdutzten Wasserschneckenfarmern, die mit ihren Schneckennutztieren die bewachsenen Steinhänge pflügen und schon ist er an die gewaltigen Tore der Perlenstadt gelangt, die seit der Revolte auch tagsüber verschlossen sind. Gerade passiert dort allerdings eine Soldatenkohorte und mit Wucht und Wille fliegt er auf sie zu, die Menge zerstobt vor Schreck nach allen Seiten und so gelangt er auf die Hauptallee hinter die schützende Blase, die die Stadt vom Rest des Sees trennt. Fluchend bleibt ihm der Haifisch auf den Fersen. Überall dringen die Bürger aus ihren Behausungen auf den Weg und betrachten entgeistert das Spektakel. Auf dem königlichen Platz angelangt, zieht es Prinz Nemo in die Höhe, er will auf die Kanzel, die dort majestätisch am Turm des weißen Perlenschlosses thront, mittlerweile hat er eine riesige Fischansammlung im Schlepptau (). Er ist fast oben angelangt, da hebt sich ein schwarzer, aufgedunsener Rochen aus der Menge, geradewegs auf den Unglücklichen zu. In seinem Eifer bemerkt er die drohende Gefahr nicht und mit einem einzigen, gewaltigen Schlag rammt der Rochen einen Stachel in das Fleisch des Fisches. Elektrizität zuckt durch den zarten Körper und er wird unter höchsten Qualen hin und her geworfen, willenlos beugt sich der Körper dem Stromstoß für einige Sekunden. Einen unendlichen Augenblick lang verharrt der Niedergestoßene an Ort und Stelle, bar den Blicken der Zuschauer ausgesetzt und einige Wenden sich ob dieses schrecklichen Anblicks zur Seite. Regungslos sinkt er dann zu Boden, ganz langsam schwebt er herab, wie ein gefallener Engel und blitzt noch einmal unter der Sonne auf, schöner denn je zu vor erstrahlen seine Augen mitten im Schuppenkleid, bis er dann friedlich in die Dunkelheit des Seegrundes eintaucht. Ein stolzes Hoffnungslächeln auf den Lippen, verschwindet er in einem Dunst aus Harmonie.

Narzisstische Charakterskizze

Die zwei Katastrophen hatten sich schwach abgezeichnet, aber doch hätte man sie erkennen können, die Erstere war damals kurz auf der Jahresfeier sichtbar geworden. Max hatte sich doch schließlich entschließen können dort hinzugehen, auch wenn er es eigentlich wenig leiden konnte, lang unter so vielen Leuten zu sein. Aber alle Kommilitonen waren hingegangen und es gehörte sich nun mal in der Gesellschaft zu der er jetzt gehörte. Außerdem war es die erste solcher Gelegenheiten im Jahr und jetzt bereits zu schwänzen hieße, einen Pflichtsäumpräzedenzfall zu schaffen und das wollte Max auf keinen Fall, denn er war in dieser Hinsicht sehr schwach. Andererseits hatte er auch keine Wahl, denn Herr M. hatte ihn eigens darum gebeten mitzukommen. Es war alles zugegebenermaßen anfangs sogar sehr lustig gewesen, man hatte sich mit den alten Freunden wiedermal getroffen und geplaudert und später wurde Haydn gespielt, Herr M. war erster Geiger und lächelte Max sogar zwischendurch gespannt zu, und der musste grinsen darüber, wie leicht Herr M. seine Aufgabe doch nehmen konnte und wie egal dieses massive Publikum für ihn war. Nachher gingen die meisten noch weiter in das Stammlokal der Studenten und auch Herr M. und einige andere Professoren zogen mit. Er selbstverständlich in Begleitung seiner Frau, die sogar zwischen dem jungen Rest noch Bezauberung ausstrahlte. Zuerst hatte er sich die Nähe des Professors zu ihm noch erschreckt mit einer perversen Leidenschaft erklärt, bis er diese Frau kennenlernte und über die wunderbare Zartheit der Beiden einfach, wie alle anderen auch, nur noch staunen konnte. Danach war die Kameradschaft des Herr M. wieder ein Rätsel geblieben und heute dachte er bloß, dass dieser wohl ein ausgezeichneter Kerl sein müsse und er wollte genauso einmal werden. Also, sie hatten etwas getrunken und es wurden viele Geschichten erzählt. Irgendwann war auch das vorbei und man beschloss weiter aufzubrechen. Ohne die Älteren natürlich, die blieben wahrscheinlich noch eine Weile sitzen. Max war angeheitert und deshalb dachte er nicht daran, jetzt schon nach Hause zu gehen, nein, er war sehr glücklich in der ganzen Gruppe und griff nach seiner Jacke und dem Schal. Und da sah er sie, die blitzenden Augen des Herrn M., wie sie über ihn mit ihrer elektrischen Plötzlichkeit hinweg zuckten und sich dann gleich wegdrehten. Als er schon stand, fragte ihn Herr M. noch freundlich, ob er nicht doch noch eine Weile bleiben wolle und halb über die seltsame Einbildung des gottlosen Blickes, halb über den altbekannten schelmischen Ausdruck seines Gegenübers lachend, verneinte Max und zog von dannen. Nun, diese Vorahnung einer Katstrophe war vor 6 Tagen gewesen, die Zweite war erst wenige Minuten alt. Er hatte den Rückzug des gegnerischen Läufers für eine ungeschickte, aber legitime Rettung aus seiner eigenen Falle gehalten, war dennoch einen Augenblick gestutzt, denn eine derartige Plumpheit hatte er nicht von M.‘s sonstiger Form erwartet. Aber immerhin hatte er endlich eine Chance gewittert, endlich einmal zu gewinnen und dieser Instinkt war zu stark gewesen, als dass er lieber in seinen Gedanken verweilt wäre. So zog er weiter mit denselben grauen Zügen, die er bis jetzt nicht gelernt hatte, bunter zu gestalten. Und unvermeidlich machte dieser freche Läufer einen Satz nach vorn und hatte das ganze System zersprengt. Erst einmal war nun der Turm geschlagen und alles weitere wollte sich Max gar nicht erst ausmalen, die Frustration war groß. Da trat rettend Elisabeth (M.) zum Wohnzimmertisch dazu und fragte Max nach seiner Zeit:

„Ich wollte Ihnen gern noch ein paar meiner neu bestellten Bücher zeigen, Sie sind mir wirklich schon der Liebste geworden, um darüber zu diskutieren.“, lächelt sie und verschränkt die Arme interessiert hinter ihrem Rücken. „Nicht jetzt Liebes, wir beide sind sowieso gleich fertig und dann hat Max alle Zeit der Welt für dich.“, grinst der Professor. Und mit einem Mal, ob es wohl die Frustration oder Elisabeth ist, regt sich eine kleine Rebellion. „Na ja, ich denke du hast wohl wieder klar gewonnen, ich hab es wirklich nicht kommen sehen“, lacht Max, „Ich meine, es ist das Beste, ich gebe einfach auf und wir sehen morgen weiter, bis dahin habe ich ja noch Zeit mir etwas Neues zu überlegen :D!“. „Ich weiß nicht, ich würde das hier gerne noch fertig spielen“. „Ich bitte dich, ich seh es ja auch schon, in drei Zügen bin ich Schachmatt, das will ich nicht noch miterleben, das ist ja Zeitverschwendung und außerdem noch Folterung meines Selbstbewusstseins :D“. „Ja Schatz, das musst du deinem Gast nun wirklich nicht noch zumuten, geb ihn doch frei für heute und ihr spielt dann morgen weiter.“ Und dieses Mal, das schwört ihm sein Bewusstsein, sieht Max Herrn M. verschwinden. Stattdessen sitzt da eine riesige Kröte, bestimmt drei Meter hoch und trieft vor Schleim. „Nein, das brauche ich jetzt wirklich nicht von dir hören, Schluss damit. Ich spiel das hier zu Ende und danach könnt ihr machen, was ihr wollt, dann habt ihr meinen Segen!“ brüllt die Kröte. Max spürt, wie sich mit seiner Wahrnehmung jetzt auch sein Innerstes zu verändern beginnt. Jetzt gibt es kein zurück mehr, er und sein letzter Bauer auf dem Brett beginnen die Rebellion damit, die Höflichkeit vom Tisch zu schlagen. „Also das ist doch nun schon ein bisschen kindisch, denkst du nicht?“, wirft er gereizt Herrn M. entgegen, die Kröte ist verschwunden. Nun, das braucht sich Herr M. von einem halben Kinde wohl nicht bieten zu lassen, das ruft er wutentbrannt durch den Raum, es reicht!…

und da packte Max seinen Mantel und auch seinen Schal und lief schnellen, äußerst entrüsteten Schrittes aus dem Haus. Nach diesem Ereignis war Sonntag und danach war Montag und die Uni fing schon wieder an, doch erst am Freitag trafen die Beiden wieder aufeinander. M. grüßte höflich, sagte sonst aber kein Wort und auch die nächsten Wochen änderte sich nichts daran. Max war wieder ein Mensch wie alle anderen für diesen Herrn geworden und, wenn Max ehrlich in sich horchte, störte ihn das auch kein bisschen, auch nachdem seine Wut auf diesen Menschen schon längst abgeflaut war. Und damit ging sein Leben weiter und zwar schnell. Mit 24 lernte er die schönste Frau der Welt kennen, mit 28 heiratete er, mit 29 promovierte er mit einer exzellenten Arbeit über Traffikationsrhythmen, mit 32 wurde er der jüngste Consultant für den Vorstand dieser einen Firma, mit 34 schlug er jeden seiner Schachgegner, mit 35 ging er jeden Monat einmal ins Konzert oder in die Oper, mit 36 trat er der Partei bei, mit 37 wurde sein erster Sohn 8 Jahre alt und irgendwann in dieser Zeit geschah es, dass er mit Mantel und Hut und Spazierstock aus der Wohnung trat, es war ein Februarabend und es regnete, das sah man im Licht der Straßenlaternen. Und auf dem Bürgersteig lief er an einer gebückten Gestalt vorbei, die seinen Spazierstock an sich riss. Sie griff ihn mit langen weißen Fingern ins Gesicht und patschte in seine Wangen, ihre Augen schossen Blitze. Und mit Todesangst blickte er dem Männlein ins Gesicht, starrte auf die aufgeblasenen Backen und langsam hielt das Männlein sich die andere Hand vor dem Mund und spuckte drauf. Da hockte eine kleine braune Kröte und glotzte unverwandt. Die quetschte es zwischen zwei Finger und stopfte Max damit kurzerhand das Maul.