Sergeij Rachmaninoff: 2. Klavierkonzert in c-Moll, 1. Satz

Was ist an Wasser besonders? Es fließt in allen Formen, vielleicht tropft es auch nur oder es steht und stinkt. Aber trotzdem, es lebt auf sehr verquere Weise, wenn auch nicht in unserer wissenschaftlichen Realität. Ich meine, ich habe Dinge gehört und gesehen, manchmal auch selbst gespürt, die meine These unmissverständlich belegen, auch wenn mir jeder Mensch, der denkt, aus der Romantik entkommen zu sein, diese Behauptung sofort mit einem selbstzufriedenen Grinsen wiederlegen wird. Ja, ich weiß, Träume sind eine idealistische Scheiße und heutzutage eigentlich gar nicht mehr erlaubt. Meinetwegen noch bei einem vierzehnjähriges Mädchen mit naiven Schreibversuchen, das keine anderen Probleme hat im Leben, außer sich irgendwelche Freunde zu erfinden. Das kann meinetwegen von lebendigen Wassergöttern träumen, damit es wenigstens noch eine Motivation hat im Lateinunterricht aufzupassen. Haha. Ja, aber ich erzähle euch trotzdem eine Geschichte, das ist meine guilty pleasure:

  1. Satz:

Wir befinden uns in einem Riesenwald, der Amazonas vielleicht, aber nordischer, sibirischer. Erst hat die Kamera noch geradeaus gezeigt, jetzt dreht sie sich langsam nach unten. Dort fließt ein mächtiger Strom. Ein einziger, flüssiger, gewaltiger Körper, der geschmeidig vorwärts drängt. Klar sind da ab und an ein paar wirre Strudel, aber hauptsächlich pumpt sich da ein Etwas voran, in großen, gleichmäßigen Schritten. Die Kamera taucht hinein. Plötzlich ist alles ruhig, hier herrscht ein eigener Kosmos, hier bekommt man von den Rändern des Universums nichts mit. Der Staub des Grundes glitzert in der Abendsonne, noch nicht rot, aber immerhin schon müde. Aufgewirbelt hat ihn eine Herde Fische, ein Familien-Schwarm. Die Meute plappert und blubbert, während sie gemächlich stromabwärts zieht, immer weiter hinweg über die roten Kiesel und zwischen Wasserpflanzen hindurch, die für sich ganz privat den Vibe fühlen, also ich meine, sie tanzen. Diese Kommasetzung ej, ich weiß nicht ob sie Spaß macht. Der Fokus zoomt auf ein ganz bestimmtes Fischmädchen, er zoomt auf Greta. Greta ist nicht unbedingt eine Legende, aber ihr Vater ist es, ein viel dekorierter Kriegsheld, jedenfalls weiß Greta das aus den Geschichtsbüchern in der Schule. Ihr Vater ist nämlich im Kampf gesunken, sie hat ihn nicht mehr richtig kennengelernt. Heutzutage wird die Rechtmäßigkeit dieses Krieges zwar von Vielen in der Fischcommunity hinterfragt, aber was soll’s, ihre Großeltern sind trotzdem stolz auf den Schwiegersohn. Nur die Mutter redet nicht gerne darüber, sie erzählt viel lieber Reminiszenzen über den Vater, aus der Kennenlernzeit. Ich glaube, sie hat ihn sehr geliebt, er muss eine wunderbare Persönlichkeit gewesen sein. Einmal, das war auf ihrer Hochzeitsreise, sind die beiden wie so oft im Frühling den Fluss hinabgeschwommen, auch wieder in einer so großen Gruppe. Ihr müsst wissen, dieser Fluss birgt viele Gefahren und die meisten davon sind schon relativ tödlich. Damals waren es die Braunbären. Natürlich müssen die auch von irgendetwas leben und wenn es keine Beeren für die Bären mehr gibt, fischen sie eben nach Lachs. Die Gefahr sah man von Weitem, aber man hatte keine andere Wahl als darauf zu zutreiben. Im Herbst müssen die Kühe runter von den Bergen, im Frühjahr müssen die Fische runter den Fluss. In den trüben Fluten wateten die drei Riesen, die Mutter mit ihren Kindern, alle wild, nass und hungrig. Ihre Bewegungen ließen die Flusserde platzten wie Explosionen in einem Kriegsgebiet, ohne Feuerpausen. „Ihr habt keine andere Wahl, ihr müsst durch den Staub, da können sie euch nicht sehen. Lasst euch von der Strömung leiten, sie ist von den Göttern beseelt und leuchtet in jeder Finsternis. Habt Vertrauen und Willen…“ „Aber Richard, wo willst du hin? Diese Monster sind zu stark für dich, spiel jetzt nicht schon wieder den Helden, grad ist es wirklich unnötig, okay?“ „Ich werde sie in die seichten Gewässer locken und sie von der Gruppe abbringen. Fürchte dich nicht, alles wird gut.“ „Na, wie du meinst…“ Gretas Mutter hat da bis zum heutigen Tage noch eine sanfte Träne im Auge, wenn sie an den darauf folgenden Abschiedskuss denkt. Dabei ist das eigentlich wirklich bullshit, weil man die Träne erstens im Wasser nicht sieht und zweitens aufeinander zu blubbernde Fische wohl ziemlich bescheuert aussehen müssen, selbst in der Erinnerung eines Fischgehirns. Jedenfalls gelang das waghalsige Manöver schließlich doch ganz reibungslos und fügte sich in eine lange Reihe heldenhafter Anekdoten, die noch für tausende von Jahren durch die Kiemen schwimmender Sänger dringen sollten. Ja, das war ihr Vater gewesen, und sie? Sie hatte den ganzen Tag nichts Besseres zu tun, als diesen fucking Fluss hoch und wieder runter zu paddeln, dabei im An- und Verkauf für das Familienunternehmen tätig zu sein, aber insgeheim ihre Lebenszeit mit sozialer Kommunikation zu verschwenden, ohne irgendein Ziel außer den Winterschlafsferien am Ende der Touristensaison. Das kann man Leben nennen, muss man aber nicht. Natürlich war Greta noch jung, die „Blüte ihres Schaffens“ stand ihr noch bevor, aber in dieser Gesellschaft hieß das schließlich auch nichts anderes, als mit irgendeinem Idioten den Nachwuchs zu sichern. The show must go on and on and on usw., aber die Akteure dieser show vererben ihre Rollen in die Unendlichkeit und irgendwann muss das auch dem ausdauerndsten Theaterfanatiker langweilig werden. Aber dafür bin ich ja da, man schreit nach einem deus ex machina! Und sofort beginnt sich der Himmel zu verdunkeln. Ein Sturm zieht auf und peitscht den bereits aufgepeitschten Fluss mit Regenschauern noch tiefer in Verwirrung. Bis jetzt war die Temperatur eigentlich angenehm, aber langsam bräuchte man einen Kapuzenpulli. Oder eher ein paar Beruhigungstropfen, denn das Gewässer schwankt mittlerweile direkt unheimlich um die eigene Achse. Doch in Naturkatastrophen sind die Fische geübt, man kuschelt sich zusammen und stößt weiter vor in einer eisernen Fischschuppenphalanx. Dennoch, das göttliche Rührgerät eines Tornados dreht sich unaufhaltsam fort und bald fressen sich die aufgebäumten Wassermassen über das Ufer in den Wald. Der Fluss ist übergetreten, es rette sich, wer kann! Die stolzen Tannen erschauern in den Böen, als sie auf diese neu entstanden, plündernden Bäche herabblicken, die sich in irren Eifer ihre Bahnen suchen. Eingeschlossen in der Phalanx kauert Greta und lässt sich treiben. Hier ist man abgeschottet von der Außenwelt und halbwegs sicher, ein Feuer prasselt schüchtern und wirft die Bilder der Ungeheuerlichkeiten von Draußen liebevoll weichgezeichnet als Schatten an die Innenwand. Alle warten ab, es gibt Momente im lebendigen Dasein, an denen lässt sich nur harren und hoffen. Immerhin hat Greta das bisher immer so gemacht, aber irgendetwas ist plötzlich anders. Ob es die Gene ihres Vaters sind oder bloß eine randomisierte Punktmutation, es regt sich ein unbekanntes Gefühl in ihr, eine drängende Emotion, eine handlungsorientierte Motivation. Neugier. Ich will wissen was dort draußen vor sich geht. Ich will raus aus dieser Höhle. Wer weiß, vielleicht ist das gar kein stinknormaler Sturm, sondern eine Götterdämmerung. Gibt es Götter überhaupt? Wenn ja, dann will ich sie wenigstens mal mit meinen eigenen Augen sehen. Gar nicht reden, nur mal schauen. Götter sind schöner als alle anderen Lebewesen, weil sie ja gar keine Lebewesen sind. Da lohnt sich schon mal ein Blick, oder Papa? Ach Papa… Und sie lässt sich leise hinter ihre Mutter zurückfallen neben ihren Großvater und lugt vorsichtig zu Seite. Die Formation ist viel zu dicht. Sie drängt ein bisschen mehr. Sie drängt und drängt zu weit, ungeschickt. Und mit einem Mal öffnet sich vor ihr das Tosen und Brausen der Naturgewalten und verschlingt sie mit einem großen Happs. Unbekannte, unsichtbare Kräfte ziehen das hilflose Geschöpf hinaus aus der sicheren Heimat und hinein in eine blutrünstige Anarchie. Und die einzige Konstante in diesem Tohuwabohu verliert sich rasend schnell an Gretas Horizont, es ist die schreckliche Fratze einer zerrissenen Seele, die nun auch den letzten Teil ihres liebenden Herzens verloren hat, Gretas Mutter. Ihr Lebenssinn hatte doch schon lange einen Herzschrittmacher, aber jetzt hat Gott, dieser Masochist, ihr den auch noch bei lebendigen Leib aus der schwachen Brust gerissen. Erst Richard und jetzt seine Tochter. Ihre Tochter. Gott, was hast du getan, was hast du getan… Greta bekommt von diesen Qualen allerdings nichts ins Bewusstsein, sie ist in einer anderen Welt. Ohne Willen, ohne Gedanken treibt sie immer schneller in alle Richtungen, mal vertikal, mal horizontal. Ihr Körper zittert, als stehe er kurz vor dem Zerbersten und es hört nicht auf. Es ist, als wäre die Zeit gestorben und nichts hätte mehr eine Ordnung. Nein, wahrscheinlich ist sie selbst gestorben, fragt sich Greta. Und selbst wenn das hier die Hölle wäre, ist es eigentlich nicht schlimm. Sobald man keine Hoffnung mehr im Leben hat, ist alles taub und stumm. Alles ist egal, die Zeit ist tot, Gott ist tot und alles im Zufall und man treibt und treibt. Und irgendwann ist Greta weit genug getrieben und die schlimmste Krise ist vorbei. Ihre kleine Lebenskrise ist vorbei. Langsam beruhigt sich das Gewässer und es beruhigen sich die Nerven und tauen wieder auf. Die Taubheit schmilzt, es ist Frühling und die ersten Vögel zwitschern. Ja, das ist gar keine Einbildung, die Vögel zwitschern wirklich in den Bäumen und die Sonne scheint. Scheint herab durch die Wolken auf ein riesiges, urwaldbewachsenes Plateau. Durch dieses ehrwürdige, von Jahrtausenden unberührte Reich zieht sich heute ein verirrter blauer Faden. Der Fluss hat in seinem Kampf mit sich selbst zahlreiche, überströmende Flüchtlinge auf Reise geschickt und wie es scheint hat sich ein Geselle in diese friedliche Gemeinde durchgeschlagen. Mittendrin schwimmt Greta, tapfer kommt sie zu Bewusstsein zwischen Moos und grauen Wurzeln. Manchmal, wie das eben Sache ist mit solchen Traumata, verfällt das Gehirn in eine Art Übersättigung. Es hat so überproportional Schreckliches erlebt, dass es jetzt nach Schönheit dürstet. Und in diesem Wahn verdrängt es das Erlebte und ersetzt es mit dem zu Erlebenden. So geschieht es jetzt mit Greta, sie hat jede Erinnerung an die Vergangenheit verloren, wundert sich aber auch nicht über ihr Selbst, sondern saugt nur gierig die Eindrücke dieses Paradieses auf, welches sich plötzlich vor ihren Fischaugen erstreckt. Sie war dem Wasserpfad im Wald gefolgt, wobei sich die Bäume immer weiter lichteten und stattdessen jetzt Felsen produzieren. Irgendwann scheinen auch diese zu verschwinden, ja in nächster Nähe scheint selbst der Boden zu verschwinden und an seiner Stelle offenbart sich tief unter dem Plateau ein phantastischer Anblick. Dort liegt weit und schwärmerisch im Tal ein strahlender, glitzernder Bergsee, ein glorreich idyllischer Tümpel. In seiner Mitte ragt ein mächtiger Fels aus dem kristallklaren Wasser und an seinen Hängen formiert sich eine unglaubliche Unterwasserstadt. In allen Regenbogenfarben schimmert sie erhaben unten am Grund und ruft Greta zu sich. Und mit offenen Mund blubbert sie verträumte Worte der Ekstase und bemerkt so nicht, wie sie die Klippe des Plateaus erreicht und dort abrupt in der Gischt des pompösen Wasserfalls versinkt. Und das ist doch nun zu viel Aufregung an einem Tag für so ein kleines Ding und deshalb wird sie ganz zwangsläufig noch im Fallen ohnmächtig, so tapfer sie auch alles in diesem ersten Satz bestritten hat und sinkt unten langsam und kraftlos in die offenen Arme des Bergseesandes. Es tut mir wirklich leid, vielleicht wurde ich in den letzten Zeilen ein wenig sentimental. Ich gelobe Besserung und eine interessante Geschichte, muss mich dabei allerdings auf Rachmaninoffsche Erzählkunst verlassen.

 

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