Sergeij Rachmaninoff: 2. Klavierkonzert in c-Moll, 2. Satz

2. Satz

Wasser trübt den menschlichen Blick. Die glitzernde Oberfläche verschwimmt beim ersten Blick und wird schon bald undurchdringlich. Selbst mit den modernsten menschlichen Erfindungen kann man nicht in die tiefsten Tiefen vorstoßen und in dieser Not versucht man das Wasser in städtischen Schwimmbädern zu zähmen. Auf Faszination folgt immer auch Unbehagen und Angst, aber gleich darauf wieder Faszination. Theoretisch ist es schon ergründet, praktisch unergründbar. Ein heimliches Refugium für Träume.

Greta ist gerade aus Einem der Solchen erwacht und auch ihr Blick ist verschwommen. Sie nimmt bunte Schemen wahr und gleißendes Licht, während sich die Glupschaugen bemühen, endlich wieder zu fokussieren. In ihrem Kopf herrscht noch ein warmer Dunst, ruhig formt er seine Wattewolken und stupst ab und zu mit deren Rändern an die Schädeldecke. Hier ist kein Platz für die Realität, hier soll man lieber langsam denken. „Wie schön doch die Sonne ist, eigentlich braucht der Fisch nicht mehr zum Leben“, murmelt sie noch halb benommen, „nur wenn sie sich doch nicht immer so schnell bewegen würde. Wie schafft die Sonne es nur hier zu schwimmen, sie ist doch so heiß, so heiß, heiß, h, hä?“ Ganz perplex ist das arme Wassertierchen, ihr Kopf brummt immer noch durch den Sturz genauso, wie durch die vorangegangenen Erlebnisse und fast ist sie schon froh, als sich gemächlich ein Schatten vor dieses Rätsel zu schieben beginnt. Nein, kein Schatten im eigentlichen Sinne, ihr ist es fast so, als erstrahle diese Gestalt noch viel schöner als die Sonne selbst, ein wahrer Sonnengott, auch wenn er viel eher sanft als selbstbewusst bleibt. Ja, jetzt sieht sie es gleich klar, dort schwebt ein junger Fisch über ihr, anmutig gleitet er durch das Blau, während seine Schuppen in allen Regenbogenfarben unter der Sonne tanzen, unschuldig verträumt, aber auch betrübt. Stück für Stück zieht er seine Kreise, der Sternenhitze entgegen. Warum so herrlich, aber doch so melancholisch, diese Frage hängt er hinter sich, wie einen Sternschnuppenschweif und Greta kann nicht anders, ihr ist bei diesem Anblick zum Heulen zu Mute, ohne dass sie weiß, ob der Kloß in ihrem Hals glücklich oder traurig ist, sie weiß nur (Und es ist wirklich schade, dass ich das alles nur ironisch sagen kann), dass er wohl Liebe heißen muss. Sie hat ein so unbeschreibliches Gefühl in ihrer Brust noch nie erlebt und dort klopft es unaufhörlich. Er scheint sehr bekümmert über irgendetwas und das bricht ihr nahezu das Herz. Wie kann ein solches Geschöpf vor allen Geschöpfen nur so in sich zusammensinken, wie er es tut? Unbedingt, unbedingt muss sie ihn trösten, sie weiß es, er braucht ihren Schutz. Ach, wenn sie doch nur Mut besäße, so wie ihr Vater…! Und plötzlich ist es schon zu spät. Eine kleine Gruppe nähert sich geschwind der Szenerie, Greta zählt vier Stadtwachen, mit Speer und Schild bewaffnet und in ihrer Mitte ein grauenvolles, großes Tier, ein schuppengepanzerter Haifisch, seine goldenen Zähne ragen spitz aus dem breiten Maul. „Prinz Nemo!“, ruft das Goldmaul schon von Weitem, „Halte doch gefälligst ein!“. Der Fischprinz scheint nichts davon gehört zu haben, jedenfalls schwimmt er unbeirrt voran. Doch da haben ihn seine Verfolger bereits eingeholt und zornig packt ihn der Hai an der Rückenflosse und übergibt ihn den Wachen. „Der hohe Frosch ist äußerst erzürnt über deine Abwesenheit und befiehlt dir, schleunigst in die Perlenstadt zurückzukehren. Ihr hattet eine Abmachung, hast du das vergessen? Brichst du deine Pflicht, dann musst du wohl wissen, was deiner Familie geschehen wird.“ „Was ist das für eine Pflicht, mit der man Verrat übt an seinen eigenen Leuten?“, so erhebt der Prinz zum ersten Mal seine Stimme, „Er verlangt von mir Unmögliches, das kannst du deinem Herren ausrichten. Niemals werde ich vor der Stadt Unwahrheit sprechen über das, was hier geschehen ist. Meine Großmutter Hemingway ist die rechtmäßige Gebieterin in dieser Stadt und das wird niemand verleugnen. Ihr seid nur gottlose Räuber unserer Welt. Als Gesindel kamt ihr, zettelt eine grausame Verschwörung an und glaubt jetzt, dass die Bewohner der Perlenstadt mit ebensolcher Schlechtigkeit die Wohltaten ihrer Herrscherin vergessen können, sobald ihr sie in die Kerkergrotten werft. Verbrecher!“ Verächtlich spuckt er seinem Gegenüber dieses Wortgeblubber ins Gesicht, wo es wütend zerplatzt. Das Goldmaul schüttelt sich heftig, aber grinst verächtlich. „Dein Stolz frisst deinen Verstand. Weißt du nicht besser als ich, Kind, aus welcher Tyrannenherrschaft du entstammst. Dieser See kannte das Wort Freiheit nicht, bevor wir damit begannen es zu verbreiten. Unseretwegen werden die Starken nicht länger von den Schwachen regiert, unseretwegen sind alle Seekreaturen frei, nicht nur die Fische. Wir haben das Alte zerbrochen, um die Welt noch einmal besser zu errichten und dabei steht die Mehrheit hinter uns. Oder wie erklärst du dir die Flossen deiner Fischgefährten, die dich hier an Ort und Stelle halten?“, und dabei zeigt er auf die vier Soldaten, die unter ihren Muschelhauben schwitzen. „Ach ihr, Verräter eures eigenen Wassers. Was euch dazu getrieben hat, diese Demagogen zu unterstützen, das kann ich nicht wissen, aber schämen solltet ihr euch vor allen, die ihr einmal Freunde nanntet! Eure Selbstgier hat euch verdorben und dafür verfluche ich euch!“ Unter diesen hitzigen Worten beginnen die Wachen nervös zu werden und für einen Augenblick sind sie abgelenkt. Dies nutzte der Prinz und kämpft sich ruckartig frei. „Alle diese Verräter verfluche ich, ich kann nicht anders, als euch hassen. Und jetzt werde ich wie gefordert hinter die Stadtmauern zurückkehren, auf der Suche nach den Ehrenvollen, die verblieben sind, um alles Gesindel aus der Stadt zu schlagen und wenn ich Keinen finden sollte, bin ich schon bereit zu sterben.“ Er stürzt vorwärts mit einer und ihm gelingt es mit einer unglaublichen Flinkheit, seinen Wächtern zu entkommen. Mit mächtigen Flossenschlägen hastet er in Richtung Stadt, während sich hinter ihm seine Verfolger formieren und auch Greta beginnt wie vom Blitz getroffen, ihm zu folgen. Elegant schlägt er sich durch das Wasserpflanzengestrüpp vorbei an den verdutzten Wasserschneckenfarmern, die mit ihren Schneckennutztieren die bewachsenen Steinhänge pflügen und schon ist er an die gewaltigen Tore der Perlenstadt gelangt, die seit der Revolte auch tagsüber verschlossen sind. Gerade passiert dort allerdings eine Soldatenkohorte und mit Wucht und Wille fliegt er auf sie zu, die Menge zerstobt vor Schreck nach allen Seiten und so gelangt er auf die Hauptallee hinter die schützende Blase, die die Stadt vom Rest des Sees trennt. Fluchend bleibt ihm der Haifisch auf den Fersen. Überall dringen die Bürger aus ihren Behausungen auf den Weg und betrachten entgeistert das Spektakel. Auf dem königlichen Platz angelangt, zieht es Prinz Nemo in die Höhe, er will auf die Kanzel, die dort majestätisch am Turm des weißen Perlenschlosses thront, mittlerweile hat er eine riesige Fischansammlung im Schlepptau (). Er ist fast oben angelangt, da hebt sich ein schwarzer, aufgedunsener Rochen aus der Menge, geradewegs auf den Unglücklichen zu. In seinem Eifer bemerkt er die drohende Gefahr nicht und mit einem einzigen, gewaltigen Schlag rammt der Rochen einen Stachel in das Fleisch des Fisches. Elektrizität zuckt durch den zarten Körper und er wird unter höchsten Qualen hin und her geworfen, willenlos beugt sich der Körper dem Stromstoß für einige Sekunden. Einen unendlichen Augenblick lang verharrt der Niedergestoßene an Ort und Stelle, bar den Blicken der Zuschauer ausgesetzt und einige Wenden sich ob dieses schrecklichen Anblicks zur Seite. Regungslos sinkt er dann zu Boden, ganz langsam schwebt er herab, wie ein gefallener Engel und blitzt noch einmal unter der Sonne auf, schöner denn je zu vor erstrahlen seine Augen mitten im Schuppenkleid, bis er dann friedlich in die Dunkelheit des Seegrundes eintaucht. Ein stolzes Hoffnungslächeln auf den Lippen, verschwindet er in einem Dunst aus Harmonie.

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