Meine kleine Achterbahn

Das metaphorische Bild einer inneren Gefühlsachterbahn ist wahrscheinlich älter als die Achterbahn selbst. Trotzdem möchte auch ich dieses Bild noch einmal durchnudeln und hoffentlich etwas geistreich vertiefen. Ich habe die letzten Tage nämlich eigentlich nicht wie ein gleichmäßiges Auf und Ab der Gefühle erlebt, wie man es sich vielleicht vorstellt… bei mir ist es eher wie am Anfang der Achterbahn: Man bewegt sich mit langsamer aber stetiger Geschwindigkeit nach oben, bis man schließlich am höchsten Punkt angelangt ist – und dann, bevor man sich richtig seiner Lage bewusst werden kann, geht es auch schon mit voller Geschwindigkeit, nahezu in freiem Fall, wieder ins Tal hinab.

Genau das trifft auf meine letzte Woche relativ gut zu: Ich hatte immer normale bis schöne Tage, sowohl an meiner Einsatzstelle als auch privat. Zum Beispiel habe ich erste Kontakte zu einigen Mitbewohnern im Wohnheim geknüpft, nichts großes, aber eben mal ein kleines Lächeln oder eine Begrüßung auf dem Flur. Außerdem habe ich erste Unterrichtseinheiten selbst gestaltet und auch mittelmäßige Erfolge erzielt, aber zumindest das Gefühl gehabt, die Schüler würden meine Anwesenheit wertschätzen. Das absolute Highlight war ein Ausflug mit meiner Ansprechpartnerin nach Ljubljana zu der „Open kitchen“, einem wöchentlichen Streetfood-festival… oder so :D. Sie hat mich dann am Sonntag außerdem zu ihrem Geburtstagsbrunch eingeladen, sodass ich insgesamt ein richtig gutes Gefühl und vor allem einen gefüllten Magen hatte.

Nichtsdestotrotz brauchte es dann nur einen Tag, um mich wieder vollständig ins Tal zu befördern. Es war der erste Oktober, der Tag des Studienbeginns. Die Etage im Wohnheim hat sich inzwischen gefüllt und deswegen blickte ich diesem Tag eigentlich sehr optimistisch entgegen. Trotzdem war ich schon von vornherein etwas grundgenervt, weil ich in der Schule viermal denselben Vortrag gehalten habe, und dann auch noch über mein zu Hause (Anflüge von Heimweh garantiert). Dann kam ich zurück ins Wohnheim und fragte zum wiederholten Male beim Personal nach, ob mein erwartetes Paket endlich da sei. Ich wurde schon fast wieder direkt abgewimmelt („No English…“), erfuhr aber, dass Post immer direkt zum Zimmer gebracht wird – da war ich natürlich skeptisch, weil welcher Postbeamter gibt irgendeiner Rezeption schon das Paket irgendeiner Bewohnerin?

Zusätzlich zu meiner Grundstimmung wurde es am Abend dann noch relativ laut in der Etage. Ich habe natürlich eins und eins zusammengezählt und gedacht, dass die Studenten jetzt voll die krasse Hausparty in der Küche am laufen haben. Ich natürlich meinen Mut (und meinen Müll als Vorwand) zusammengenommen und in Richtung Küche gelaufen. Dort angekommen wurde ich etwas enttäuscht: Statt einem allgemeinen Zusammensein waren dort nur zwei Leutchen in der Sitzecke, die einfach nur laute Musik anhatten und sich sonst angeschwiegen haben. Außer ein leicht komisches „Hi…!“ war da nicht wirklich etwas zu holen an zwischenmenschlicher Kommunikation. Für mich war damit irgendwie die Gelegenheit verpasst und ich habe den Abend deswegen alleine verbracht während es draußen auf dem Flur noch lange laut war und gelacht und geredet wurde.

So, jetzt könnte man natürlich denken, dass man einfach zurück in sein Zimmer geht und sich eben anderweitig einen schönen Abend macht. Oder sich einfach sagt: Es werden noch so viele  Abende wie dieser und damit Gelegenheiten kommen, sich näher kennenzulernen. Aber wenn man eine emotionale Person ist, lässt man sich vielleicht eher zu einem Gedankenkarussell hinreißen, das von „Ich werde nie Anschluss finden“ über „Die haben jetzt schon eine Gruppe und ich werde für immer außerhalb dieser Gruppe bleiben“ bis hin zu „Die finden mich bestimmt richtig komisch weil ich mich so zurückziehe“ alles an Selbsthass und vor allem Selbstmitleid zu bieten hat. Vielleicht.

Rückblickend war das natürlich alles halb so schlimm und total unnötig, aber zu dem Zeitpunkt befand ich mich einfach wirklich am Tiefpunkt. Und dann noch mit meinem Freund zu telefonieren hat es auch nicht unbedingt besser gemacht. Im Gegenteil, ich musste nur noch mehr heulen und mir weiter leidtun.

Aber aus dieser Situation kann man definitiv lernen: ich kann mir für die Zukunft hoffentlich öfter zu Herzen nehmen, dass ich allein für meine Empfindungen und meine aktuelle Situation verantwortlich bin. Und dass auch nur ich selbst mich aus einem emotionalen Tief wieder herausholen kann. Und das habe ich dann auch getan: Gleich am nächsten Tag habe ich einigen Lehrern von der Paket-Situation erzählt und nach einigen hilfsbereiten Telefonaten konnte ich dann mein Paket an der nächsten Poststation abholen. Natürlich alles halb so wild. Meine Mitbewohner lächle ich auf dem Flur einfach weiterhin an und halte mich zudem immer öfter zum Kochen in der Küche auf, um vielleicht jemanden zu treffen, ohne mich dabei zu sehr unter Druck zu setzen.

Ein Tief hat natürlich auch den Vorteil, dass es ab jetzt zumindest wieder für eine gewisse Weile wieder nur bergauf gehen kann. Ich erfreue mich ab jetzt  bewusst an kleinen Dingen: Das Schulkantinenpersonal, dass sich augenscheinlich immer freut mich zu sehen, extra langsam mit mir redet und immer ein vegetarisches Menü für mich parat hat. Der Lehrer, der früher in der Schule Deutsch gelernt hat und immer noch alle Lektionen auswendig kann, weswegen er mich immer mit zusammenhangslosen Sätzen wie „Mein Mann bringt Cognac!“ begrüßt. Die Schüler, die immer mehr zuhören und verstehen… und vielleicht sogar ein bisschen Spaß haben am Unterricht. Es gibt außerdem so viele Termine, die jetzt bald anstehen und auf die ich mich freuen kann. Am Dienstag war zum Beispiel eine Feier in der Residenz des Deutschen Botschafters zum Tag der Deutschen Einheit. Vorher habe ich mich schon mit den beiden anderen Freiwilligen in Slowenien getroffen und wir haben uns über unsere bisherigen Erfahrungen ausgetauscht, was wirklich gut tat. Auch die Feier an sich war schön, vor allem der Wein und das Essen 🙂

Zu den anderen Ereignissen schreibe ich dann wieder etwas, wenn es so weit ist. Jetzt bleibe ich erstmal optimistisch und entspanne mich ein bisschen. Hach, was ein Wort zum Wochenende!

 

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