Was ich so in einer der größten Städte der Erde mache

9:00 Uhr, ich ziehe die Wohnungstür meiner Airbnb-Wohnung hinter mir zu und laufe die 9 Stockwerke bis ins Erdgeschoss des großen Gebäudes runter. Bekleidet mit meiner Regenjacke, die in Santo Domingo die letzten 5 Wochen im Schrank hing, darunter einem Pullover, trete ich aus meinem Mehrfamilienblockhaus raus in die kühle Morgenluft mit 14 Grad.

Im Park gegenüber ist wie jeden Morgen ein Zumba Training zu Gange, direkt daneben sehe ich zwei sich küssende Pärchen auf den Parkbänken am Rand. Hier wird gelebt was das Zeug hält – denke ich mir, als ich die Straße überquere, die meinen Stadtteil Doctores zu dem hippen Stadtteil Roma Norte trennt. Das Leben findet hier von morgens bis spät auf der Straße statt. Die Mexikaner haben eine ganz andere Wahrnehmung von „Öffentlichkeit“ als wir Deutschen: Es wird gegessen, geredet, gelacht, telefoniert, getanzt und gearbeitet auf der Straße. Öffentlichkeit gehört allen und alle sind dort anzutreffen.

Ich gehe weiter und mir kommen Hundespaziergänger aller Art entgegen: Der Anzugtragende Geschäftsmann, telefonierend mit seinem sportlichen mittelgroßen Hund, die geschäftige Mutter mit dem kleinem wuscheligem Hund am Kinderwagen, der Hipster mit einer Bulldogge und der Jogger mit einem muskulösen Hund, der ganz und gar nicht in die 4. Größte Stadt Mexikos gehört.

Zwischen den passierenden Menschen sehe ich Straßenreiniger. Sie beseitigen die Überreste der vergangenen Nacht, pausieren wenn man vorbei geht.

Ich gehe weiter, vorbei an Straßenessensstände, die ihr Essen vorbereiten. Die Verkäufer rufen sich gegenseitig die Neuigkeiten des Tages zu, während sie ihr Fleisch einlegen. Einige Stände haben schon Kunden: Es gibt pikante Tacos zum Frühstück.

Es geht weiter vorbei an der hippen belgischen Panadería. Amerikaner, Europäer oder die hippen Bewohner von Roma Norte, kaufen hier ihr Frühstück bevor es zum ersten Meeting geht.

Alle Leute sind schnell unterwegs zum Weg zur Arbeit, ein normaler Arbeitstag besteht hier aus 9 Stunden. Einige arbeiten bereits: Die Bauarbeiter sagen „Buenos días“ im Vorbeigehen. Sie bauen die neuen schicken Gebäude; die Ergebnisse der fortschreitenden Gentrifizierung. Noch einmal abbiegen und dann stehe ich vor dem großen weißen Gebäude mit den grünen Buchstaben – dem 3. Größten Goethe-Institut der Welt – meinem derzeitigen Arbeitsplatz. Die Security begrüßt mich mit einem Lächeln und die Sekretärin Barbara winkt mir wie jeden Morgen zu und ruft mir ein „Guden Morgän“ entgegen – jeden Morgen ein wunderbarer Start in meinen Arbeitstag in der Sprachabteilung am Goethe Institut Mexiko-Stadt. Einen richtigen Büro-Job habe ich hier und ordentlich was zu tun. Ich arbeite nicht nur an administrativen Aufgaben, sondern momentan auch an einer Rallye zu Alexander von Humboldt für den Tag der deutschen Sprache, einer Veranstaltung hier am Goethe-Institut im September. Eine tolle kreative Phase, die ich hier erlebe, vor meinem unkreativen Studium 🙂

Also nochmal im Klartext: Ich wohne jetzt in der 4. Größten Stadt der Welt. Ich wohne jetzt in Mexico City. Das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen, ohne eine erhöhte Herzfrequenz dabei zu bekommen. Aber ich fühle mich hier sehr wohl und nach 2 Wochen bereits zu Hause. Zu Beginn war das aber eine ordentliche Umstellung: Lauter Highlife-Probleme stürzten auf mich ein: Ich hatte nicht nur einen Klimaschock sondern auch einen Höhenschock und war erstmal leicht angeschlagen. Von 0m Karibik auf 2500m Mexiko-Stadt hatte ich total unterschätzt. Es wird einem sogar dringlich geraten, die ersten Wochen keinen Sport zu treiben, weil der Körper sich erstmal an den Unterschied gewöhnen muss. Hinzu kommt die Temperatur: Ich kam aus der karibischen Luft mit 38 Grad Celsius nach hier her mit maximal 20 Grad am Tag und nachts Tiefsttemperaturen von 12 Grad, mit einem Koffer voller luftiger Kleider und Bikinis.

Also: Wärmflasche und Pullover gekauft. Ganz viele Mangos gegessen. Noch mehr Taccos und Tamales gegessen und schwups, nach 2 Wochen war ich mexikanisiert.

Letzten Sonntag bin ich dann sogar 9km joggen gewesen auf der Avenida Reforma. Die breite Straße, die quer durch die Stadt führt wird sonntags immer bis 14 Uhr für Läufer und Fahrradfahrer von Polizei und Mithelfern gesperrt. Am Straßenrand gibt es Stände für Fahrradreparatur und  Informationsstände zu Sport und Gesundheit – wie ein Volkslauf, obwohl das Land eigentlich die Bevölkerung mit der größten Fettleibigkeits- und Diabetesrate hat – irgendwie ironisch, aber schön!

Letzten Freitag war ich mit einigen Freunden in einem alternativen Theater im südlichen Stadtteil Coyoacan. Sie sind Teil der Theatergruppe, dessen Lehrer an dem Abend der Hauptdarsteller eines Monologs war. Das Thema: Die Flucht in die USA – ein Traum, Schicksal und eine Zukunft, die sich durch die mexikanische Gesellschaft zeiht. Unter den Leuten, im Gespräch mit dem Schauspieler Manuel, lachend, diskutierend – irgendwie spürte ich so ein erfülltes Gefühl in meinem Herzen, fühlte genauer hin und merkte: Ich möchte hier in Mexiko bleiben! Im Anschluss ließen wir  den Abend mit ganz vielen anderen Mexikanern in einer Bar mit einer 2,5l großen Säule vollem mexikanischen Bier ausklingen.

Aber nicht nur im Dunkeln bin ich begeistert von dieser Stadt: Letzten Samstag habe ich mich spontan bei einer Free Walking Tour durch das Centro Historico eingeschrieben und stand am Ende allein dort mit einem super übermotivierten Guide mit orangefarbenen Regenschirm, der sich Jesus Christus als großes Vorbild zu nehmen schien. Er erzählte mir die nächsten 3,5 Stunden enthusiastisch alles was ihm so einfiel und hörte gar nicht mehr auf :).

Am Sonntag war ich dann mit einer Freundin auf dem großen Blumenmarkt Jamaica. Wir probierten Früchte, die ich noch nicht kannte, tranken frische Säfte, aßen und bestaunten die zahlreichen Piñatas. Ich bin erstaunt, dass man die Mexikaner für so viel begeistern kann. Hier scheint sich alles viel mehr um Liebe, Leben und Freude zu drehen als um Leistung, wie in Deutschland. Es gibt wenig Geld, doch trotzdem kaufen alle Luxusgüter wie Piñatas, Blumen etc.

Auch eine coole Erfahrung war die feierliche Eröffnung der 18. deutschen Filmwoche, organisiert vom Goethe-Institut im 100 Jahre alten Teatro de la Ciudad am vergangenen Dienstag. In den kommenden 2 Wochen werden 17 verschiedene deutsche Filme in unterschiedlichen Kinos und Theatern hier in Mexiko Stadt gezeigt, die die aktuelle Filmszene Deutschlands wiederspiegeln. Es handelt sich nur um preisgekrönte Filme, die teilweise noch nicht mal in Deutschland in den Kinos waren. Dazu wurden diverse Regisseure und Schauspieler von diesen Filmen vom Goethe-Institut eingeladen. Nach der Eröffnung, gab es eine krachende Aftershow-Party mit den VIP-Gästen. Es war mega cool einige Schauspieler mit einer Flasche Bier in der Hand zu treffen und im Small-Talk bis in die frühen Morgenstunden zu feiern.

Die Zeit rennt. In 2 Wochen bin ich wieder in Deutschland. Das fühlt sich gerade irgendwie merkwürdig für mich an. Nächste Woche habe ich aber noch ein kleines Abenteuer vor mir. Ich fliege nach Puerto Escondido im Bundesstaat Oaxaca und werde dort einige Tage mit Surfen und Yoga am Pazifik verbringen. Ein kleiner Mutausbruch noch zum Abschluss 🙂

Dann wird alles ganz schnell gehen: Abschied in Mexiko, noch eine Nacht zurück nach Santo Domingo, eine Nacht nochmal in meinem Zimmer schlafen, mit meinen WGlern dort lachen, kochen und quatschen und dann fliegt mich Condor in nur 10 Stunden mitten rein in meinen neuen Lebensabschnitt.

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