Ein halbes Jahr voller „Wachstumsschmerzen“

Wachstumsschmerzen. Tun unglaublich weh, meistens in den Knien, das man sich manchmal gar nicht weiter bewegen möchte, doch man freut sich wenn man an der Messlatte steht und der Strich schon wieder ein paar Zentimeter höher gemacht werden kann als einige Monate zuvor. Wachstumsschmerzen.

Die Zeit rennt und ich fühle mich bereits zu Hause hier in Mexiko nach etwas mehr als 2 Wochen. Doch mir bleiben nur noch 2 Wochen. Nicht nur hier. Sondern auch in meinem gesamten Freiwilligendienst und in meinem gesamten Auslandsjahr, das ich jetzt an verschiedenen Orten gelebt, durchlebt und erlebt habe. Komisch irgendwie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles ein Ende hat. Dass ich nach einem halben Jahr wieder nach Hause komme, nach einem ganzen Jahr wieder für lange Zeit in Deutschland leben werde und direkt nach einer Woche von zu Hause wieder ausziehen werde. Ich bin im letzten Jahr 5 Mal umgezogen. Aber diesmal ist es definitiver, länger und beständiger. Natürlich freue ich mich auch endlich wieder alles was für mich „zu Hause“ bedeutet in die Arme zu schließen und bei mir zu haben, ich freue mich auf das Lernen in einer Universität und auch eben auf diese Beständigkeit; Menschen für mehr als einige Monate kennenlernen; ein langfristigeres Leben aufbauen als im vergangenen Jahr.

Aber natürlich ist ein Stück meines Herzens in Argentinien hängengeblieben, ein klitzekleines in der Dominikanischen Republik und ein Stück auch hier in Mexiko. Es gibt nun zahlreiche Orte in Süd- und Nordamerika, die ich auch „zu Hause“ nenne und von denen ich mich nur schwer trennen konnte oder trennen werde können. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, nicht mehr täglich auf Spanisch zu kommunizieren, auf Spanisch zu träumen, zu fühlen und zu lieben – wie ich es die letzten 12 Monate tat. Ich kann mir nicht vorstellen wieder zurück in die deutsche Negativität zu tauchen, in die leistungsorientierte Gesellschaft zurückzukehren und wieder mehr über das Wetter zu reden als über die Liebe.

Natürlich wird mir vieles fehlen, aber ich habe auch gelernt wie glücklich mich mein Heimatland macht und das vieles meiner Heimat meine Persönlichkeit formt.

Geduld, Verständnis, Unverständnis und Energie raushauen und nichts zurückbekommen – hier in Mexico City fällt mir nochmal mehr auf, was ich alles in Santo Domingo erlebt habe und wie anders mein Freiwilligendienst doch hätte laufen können; mit so viel mehr Wertschätzung, Dankbarkeit, Geborgenheit und Herzlichkeit, die ich hier in Mexiko am Goethe-Institut und auch in meiner Freizeit täglich erfahren darf.

In Santo Domingo war ich von Anfang an auf mich allein gestellt, denn meine Einsatzstelle und meine Ansprechpartnerin haben sich nicht für mich interessiert, während sie mich gleichzeitig als kostenlose Deutschlehrkraft ausnutzten. Sie holten mich nicht vom Flughafen ab, unterstützten mich nicht bei der Suche einer Wohnung; sie halfen mir nicht beim Einleben und ließen mich allein. Meine Ansprechpartnerin habe ich 4 Mal während meiner Zeit gesehen(!) . Ich habe gegeben, gegeben und mich ausgepowert. Lauter Versprechungen bekam ich zu hören: Wir werden so viel mit dir unternehmen; im Sommer machen wir ein großes Sommer-Camp, wo wir deine Unterstützung brauchen; die Schule hat so viele Möglichkeiten für dich und wir tun alles – keine davon wurde wahr. Ich kollidierte mit der Oberschicht des Landes, suchte Halt, fand diesen zunächst in meiner Vermieterin, die mich jedoch auch irgendwann fallen ließ – und hier war ich, in der Einsamkeit.

In der Dominikanischen Republik habe ich oft „Wachstumsschmerzen“ gehabt, habe schwere Zeiten durchlebt, viel geweint, viel Frustration und viele Niederlagen erfahren und unglaublich viel an mir selbst gezweifelt. Ich habe gelernt was es bedeutet einsam zu sein, habe gelernt nicht den Mut zu verlieren, habe ihn dann doch manchmal verloren und habe trotzdem nie aufgegeben. Ich habe so unterschiedliche Menschen kennengelernt, habe so viel über Menschen gelernt und habe mir so viele Fragen gestellt.

Auch die Frage „Warum musste das alles genauso laufen“ ging mir oft nicht aus dem Kopf, insbesondere wenn mir andere Freiwillige aus Kolumbien oder Mexiko von ihrer großartigen Einsatzzeit berichteten. „Finde ich mein FSJ doof?“ „Warum bin ich noch hier?“

Ich bin so dankbar den letzten Monat hier in Mexiko-Stadt verbringen zu dürfen. Nicht nur weil ich all das erleben und erfahren darf, was mir in den letzten 5 Monaten in der Dominikanischen Republik verwehrt wurde oder fehlte, sondern auch weil ich Zeit habe alles zu reflektieren. Mittlerweile bin ich mit mir in Frieden gekommen mit den Erlebnissen und Erfahrungen aus Santo Domingo. Ich habe gemerkt, dass ich keine sozialen Probleme habe und dass ein Job auch ganz anders aussehen kann 🙂 .

Im Nachhinein bin ich aber dennoch sehr dankbar für diese komplizierte Zeit, in der ich mich oft verlor. So viel wie ich während meines Freiwilligendienst gelernt habe, habe ich während meiner gesamten Abizeit nicht gelernt (und da dachte ich schon ich wüsste jetzt alles 🙂 ).

Während meiner Zeit in Santo Domingo hat mich insbesondere das Kickbox-Training sehr gestärkt. Das Team und der Trainer waren großartig. Nach jedem noch so frustrierenden Tag ging es in den Parque Mirador Sur, wo wir erstmal 20 Mal die langen Treppen hoch und runter laufen mussten als Aufwärmung und später wurde all der Frust in das Kissen geboxt- bis die Hände wehtaten.

Ich finde es so ironisch, wenn ich nun am Ende der Zeit nochmal zurück an den Artikel denke, der von mir in unserer Lokalzeitung erschien, bevor ich mich auf den Weg machte. Ich erinnere mich noch gut an die Kommentare auf Facebook dazu, an einen ganz besonders, weil er mich ziemlich traf: „Karibik ist doch viel mehr Komfortzone als das Wendland!“

Ich schmunzele darüber nun, während all die Bilder in meinem Kopf des letzten halben Jahres ablaufen und merke wie ich mir über einiges im Klaren geworden bin: Wir sind alle gleich geboren; sollten alle die gleichen Rechte haben. Doch trotzdem sind wir alle verschieden. Wir sind viele verschiedene Persönlichkeiten auf dieser Welt und haben alle verschiedene Voraussetzungen und damit in gewisser Weise auch Verantwortungen. Als Deutsche haben wir so viele Privilegien. Wir haben so viele Möglichkeiten. Lasst uns diese Möglichkeiten ausschöpfen und uns kennenlernen. Lasst uns herausfinden was wir wollen und das verwirklichen, denn ja, in Deutschland können wir das! Deutschland eröffnet uns die Welt. Aber Stopp: Deutschland ist nicht die Welt. Ein Jahr bin ich nun durch Nord- und Südamerika gereist und habe die Welt dort kennengelernt; ich habe das wirkliche Leben kennengelernt (und ja, auch gelernt dass unser Landkreis die mit Abstand verdammt größte Komfortzone dieser Welt ist!!). Ich bin zur Latina geworden und bin Deutsche geblieben. Ich habe mein Herz verteilt.

Ich komme nun als wandelnder Meltingpot zurück in meine Heimat, mit so vielen Geschichten im Gepäck aus den unterschiedlichsten Ländern und mit einem anderen Blick auf die Welt und meine Heimat.

Eines kann ich ganz sicher sagen: Ich bin sooo viel an mir selbst gewachsen (und bin viiiiiel bräuner geworden, denn ja, in der Karibik scheint wirklich die Sonne 🙂 ).

Was ich so in einer der größten Städte der Erde mache

9:00 Uhr, ich ziehe die Wohnungstür meiner Airbnb-Wohnung hinter mir zu und laufe die 9 Stockwerke bis ins Erdgeschoss des großen Gebäudes runter. Bekleidet mit meiner Regenjacke, die in Santo Domingo die letzten 5 Wochen im Schrank hing, darunter einem Pullover, trete ich aus meinem Mehrfamilienblockhaus raus in die kühle Morgenluft mit 14 Grad.

Im Park gegenüber ist wie jeden Morgen ein Zumba Training zu Gange, direkt daneben sehe ich zwei sich küssende Pärchen auf den Parkbänken am Rand. Hier wird gelebt was das Zeug hält – denke ich mir, als ich die Straße überquere, die meinen Stadtteil Doctores zu dem hippen Stadtteil Roma Norte trennt. Das Leben findet hier von morgens bis spät auf der Straße statt. Die Mexikaner haben eine ganz andere Wahrnehmung von „Öffentlichkeit“ als wir Deutschen: Es wird gegessen, geredet, gelacht, telefoniert, getanzt und gearbeitet auf der Straße. Öffentlichkeit gehört allen und alle sind dort anzutreffen.

Ich gehe weiter und mir kommen Hundespaziergänger aller Art entgegen: Der Anzugtragende Geschäftsmann, telefonierend mit seinem sportlichen mittelgroßen Hund, die geschäftige Mutter mit dem kleinem wuscheligem Hund am Kinderwagen, der Hipster mit einer Bulldogge und der Jogger mit einem muskulösen Hund, der ganz und gar nicht in die 4. Größte Stadt Mexikos gehört.

Zwischen den passierenden Menschen sehe ich Straßenreiniger. Sie beseitigen die Überreste der vergangenen Nacht, pausieren wenn man vorbei geht.

Ich gehe weiter, vorbei an Straßenessensstände, die ihr Essen vorbereiten. Die Verkäufer rufen sich gegenseitig die Neuigkeiten des Tages zu, während sie ihr Fleisch einlegen. Einige Stände haben schon Kunden: Es gibt pikante Tacos zum Frühstück.

Es geht weiter vorbei an der hippen belgischen Panadería. Amerikaner, Europäer oder die hippen Bewohner von Roma Norte, kaufen hier ihr Frühstück bevor es zum ersten Meeting geht.

Alle Leute sind schnell unterwegs zum Weg zur Arbeit, ein normaler Arbeitstag besteht hier aus 9 Stunden. Einige arbeiten bereits: Die Bauarbeiter sagen „Buenos días“ im Vorbeigehen. Sie bauen die neuen schicken Gebäude; die Ergebnisse der fortschreitenden Gentrifizierung. Noch einmal abbiegen und dann stehe ich vor dem großen weißen Gebäude mit den grünen Buchstaben – dem 3. Größten Goethe-Institut der Welt – meinem derzeitigen Arbeitsplatz. Die Security begrüßt mich mit einem Lächeln und die Sekretärin Barbara winkt mir wie jeden Morgen zu und ruft mir ein „Guden Morgän“ entgegen – jeden Morgen ein wunderbarer Start in meinen Arbeitstag in der Sprachabteilung am Goethe Institut Mexiko-Stadt. Einen richtigen Büro-Job habe ich hier und ordentlich was zu tun. Ich arbeite nicht nur an administrativen Aufgaben, sondern momentan auch an einer Rallye zu Alexander von Humboldt für den Tag der deutschen Sprache, einer Veranstaltung hier am Goethe-Institut im September. Eine tolle kreative Phase, die ich hier erlebe, vor meinem unkreativen Studium 🙂

Also nochmal im Klartext: Ich wohne jetzt in der 4. Größten Stadt der Welt. Ich wohne jetzt in Mexico City. Das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen, ohne eine erhöhte Herzfrequenz dabei zu bekommen. Aber ich fühle mich hier sehr wohl und nach 2 Wochen bereits zu Hause. Zu Beginn war das aber eine ordentliche Umstellung: Lauter Highlife-Probleme stürzten auf mich ein: Ich hatte nicht nur einen Klimaschock sondern auch einen Höhenschock und war erstmal leicht angeschlagen. Von 0m Karibik auf 2500m Mexiko-Stadt hatte ich total unterschätzt. Es wird einem sogar dringlich geraten, die ersten Wochen keinen Sport zu treiben, weil der Körper sich erstmal an den Unterschied gewöhnen muss. Hinzu kommt die Temperatur: Ich kam aus der karibischen Luft mit 38 Grad Celsius nach hier her mit maximal 20 Grad am Tag und nachts Tiefsttemperaturen von 12 Grad, mit einem Koffer voller luftiger Kleider und Bikinis.

Also: Wärmflasche und Pullover gekauft. Ganz viele Mangos gegessen. Noch mehr Taccos und Tamales gegessen und schwups, nach 2 Wochen war ich mexikanisiert.

Letzten Sonntag bin ich dann sogar 9km joggen gewesen auf der Avenida Reforma. Die breite Straße, die quer durch die Stadt führt wird sonntags immer bis 14 Uhr für Läufer und Fahrradfahrer von Polizei und Mithelfern gesperrt. Am Straßenrand gibt es Stände für Fahrradreparatur und  Informationsstände zu Sport und Gesundheit – wie ein Volkslauf, obwohl das Land eigentlich die Bevölkerung mit der größten Fettleibigkeits- und Diabetesrate hat – irgendwie ironisch, aber schön!

Letzten Freitag war ich mit einigen Freunden in einem alternativen Theater im südlichen Stadtteil Coyoacan. Sie sind Teil der Theatergruppe, dessen Lehrer an dem Abend der Hauptdarsteller eines Monologs war. Das Thema: Die Flucht in die USA – ein Traum, Schicksal und eine Zukunft, die sich durch die mexikanische Gesellschaft zeiht. Unter den Leuten, im Gespräch mit dem Schauspieler Manuel, lachend, diskutierend – irgendwie spürte ich so ein erfülltes Gefühl in meinem Herzen, fühlte genauer hin und merkte: Ich möchte hier in Mexiko bleiben! Im Anschluss ließen wir  den Abend mit ganz vielen anderen Mexikanern in einer Bar mit einer 2,5l großen Säule vollem mexikanischen Bier ausklingen.

Aber nicht nur im Dunkeln bin ich begeistert von dieser Stadt: Letzten Samstag habe ich mich spontan bei einer Free Walking Tour durch das Centro Historico eingeschrieben und stand am Ende allein dort mit einem super übermotivierten Guide mit orangefarbenen Regenschirm, der sich Jesus Christus als großes Vorbild zu nehmen schien. Er erzählte mir die nächsten 3,5 Stunden enthusiastisch alles was ihm so einfiel und hörte gar nicht mehr auf :).

Am Sonntag war ich dann mit einer Freundin auf dem großen Blumenmarkt Jamaica. Wir probierten Früchte, die ich noch nicht kannte, tranken frische Säfte, aßen und bestaunten die zahlreichen Piñatas. Ich bin erstaunt, dass man die Mexikaner für so viel begeistern kann. Hier scheint sich alles viel mehr um Liebe, Leben und Freude zu drehen als um Leistung, wie in Deutschland. Es gibt wenig Geld, doch trotzdem kaufen alle Luxusgüter wie Piñatas, Blumen etc.

Auch eine coole Erfahrung war die feierliche Eröffnung der 18. deutschen Filmwoche, organisiert vom Goethe-Institut im 100 Jahre alten Teatro de la Ciudad am vergangenen Dienstag. In den kommenden 2 Wochen werden 17 verschiedene deutsche Filme in unterschiedlichen Kinos und Theatern hier in Mexiko Stadt gezeigt, die die aktuelle Filmszene Deutschlands wiederspiegeln. Es handelt sich nur um preisgekrönte Filme, die teilweise noch nicht mal in Deutschland in den Kinos waren. Dazu wurden diverse Regisseure und Schauspieler von diesen Filmen vom Goethe-Institut eingeladen. Nach der Eröffnung, gab es eine krachende Aftershow-Party mit den VIP-Gästen. Es war mega cool einige Schauspieler mit einer Flasche Bier in der Hand zu treffen und im Small-Talk bis in die frühen Morgenstunden zu feiern.

Die Zeit rennt. In 2 Wochen bin ich wieder in Deutschland. Das fühlt sich gerade irgendwie merkwürdig für mich an. Nächste Woche habe ich aber noch ein kleines Abenteuer vor mir. Ich fliege nach Puerto Escondido im Bundesstaat Oaxaca und werde dort einige Tage mit Surfen und Yoga am Pazifik verbringen. Ein kleiner Mutausbruch noch zum Abschluss 🙂

Dann wird alles ganz schnell gehen: Abschied in Mexiko, noch eine Nacht zurück nach Santo Domingo, eine Nacht nochmal in meinem Zimmer schlafen, mit meinen WGlern dort lachen, kochen und quatschen und dann fliegt mich Condor in nur 10 Stunden mitten rein in meinen neuen Lebensabschnitt.

Klassenräume haben nicht immer 4 Wände

„Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, damit wir das Leben finden, das auf uns wartet.“ – Oscar Wilde

Am Mittwoch, 12. Juni fanden im Colegio Déroly die Festivitäten zum Schuljahresende statt. Wir bastelten den Vormittag an der Deko und bereiteten alles für das Finale der Wissensolympiade unter den Schülern vor.

Beginn der Sommerferien am Décroly

Dann waren Sommerferien. Auch für mich. In meiner Einsatzstellenbeschreibung stand, dass die Schüler erst am 15.07. in die Sommerferien aufbrechen werden, also war ich etwas überrascht. Einige der Schüler umarmten mich zum Abschied und bedankten sich für den Unterricht. Eine Schülerin sagte mir, sie wolle in den Ferien weiter Deutsch lernen und dabei bleiben, da meine Eltern ihr gesagt hätten wie viel Potenzial sie hätte, als sie hier zu Besuch waren. Ich freue mich, dass ich wenigstens bei einigen Schülern etwas hinterlassen konnte und sie sogar etwas traurig waren, dass ich nach den Ferien nicht mehr hier sein werde. Denn die Sommerferien gehen hier bis Mitte August. 2 Monate Sommerferien, ist das nicht viel zu viel, dachte ich, was machen die Schüler so lange? Ich fragte eine kleine 7-jährige Schülerin nach ihren Plänen. Sie antwortete: „Erst fliegen wir nach New York. Dann geht’s weiter nach Hawaii und später fahren wir nochmal nach Casa de Campo (ein Luxusvillenresort hier an der Küste)“. So viel dazu.

Meine Aussichten für die „Sommerferien“  waren nicht ganz so extravagant. Eigentlich war geplant, dass ich im Summer Camp der Schule tätig bin und dort weiterarbeite, einer der Gründe warum ich mich auch im März gegen einen Wechsel der Einsatzstelle entschied, weil ich mich bereits auf das angekündigte Camp mit „Tanz, Gesang und Theater“ freute – Pustekuchen.

Bestätigung meiner erneuten Frustration fand ich im netten Austausch mit drei der weltwärts- Freiwilligen, die ich endlich ausfindig machen konnte. Wir trafen uns zwei Mal zu sehr netten Gesprächen. Die drei Mädchen sind nun schon ein Jahr hier und fliegen in den kommenden Wochen nach Hause zurück. Es war spannend, wie sie ähnliche Auffassungen der Mentalität und des dominikanischen Lebens haben und dass es auch bei ihnen zu Beginn eine schwere Zeit gab. Auch faszinierend war es, sich über die Einsatzstellen auszutauschen, denn zwei Freiwillige arbeiten in einer Schule für sehr arme Kinder – das komplette Gegenteil zum Colegio Décroly. Schade, dass es für die drei nun schon wieder zurück geht, doch der Austausch mit ihnen war eine tolle Bereicherung und Bestätigung.

Direkt nach Schuljahresende des Colegio stand für mich nun erstmal der Sprachkurs an, den ich aufgrund der vielen Probleme und des Durcheinander aufschieben musste. Ein Sprachkurs ist Teil des kulturweit-Programms und soll eigentlich zu Beginn des Aufenthalts gemacht werden. Mein Kurs fand im Instituto Intercultural del Caribe statt. Ein kleines Haus mit ganz viel Liebe. Die Schule bietet je nach Sprachniveau Kurse in kleinen Gruppen an und die Lehrer sind sehr persönlich. Die anderen Sprachschüler dort bleiben meist länger als eine Woche, meistens 5-8 Wochen. Aber es kommen und gehen auch immer wieder Schüler, sodass viel Leben dort herrscht. Der Kurs gefiel mir sehr, denn endlich konnte ich meine alltäglichen grammatikalischen Fehlerchen ausbessern und viel Neues dazulernen. Das Highlight war jeden Tag um 10:30 Uhr das frische karibische Obst in der Kaffeepause – Instituto del Caribe eben J Eine meiner Mitschülerinnen startete mit mir zusammen in der Sprachschule und war einige Tage zuvor erst angekommen. Sie weinte den ersten Tag nur. „Dieses Land ist so doof, nirgendwo kann man allein zu Fuß gehen und es ist so heiß. Europa ist viel besser.“ Ich war zunächst etwas erschrocken, denn klar, das Leben ist anders hier und wirklich erstmal ein „Kulturschock“ für uns Europäer, doch direkt am zweiten Tag so zu urteilen?  Spannend, wie andere mit diesem Schock umgehen und sich hier in dem Land verhalten. Die nächsten Tage besserte sich die Stimmung des Mädchens, doch ein „Carro Publicos werde ich nie fahren, ich werde nur UBER benutzen“ zeigte mir, wie wenig sie bereit dazu war, sich auf die Kultur hier einzulassen. Schade. Als die Sprachschule zu Ende ging war ich etwas traurig, denn die Zeit dort hat mir sehr gefallen. Gerade erst vor ein paar Tagen habe ich nochmal dort vorbei geschaut, um mich zu verabschieden – wirklich ein kleines Zuhause.

Meine Spanischlehrerin 🙂

Die bisherige Zeit meines Freiwilligendienstes hat mir gezeigt, wie schmerzhaft Emotionen wie Sehnsucht, Heimweh und Vermissen sein können. Aber ich habe auch spüren gelernt, dass diese Gefühle sehr wertvoll sind, die einem zeigen wer einem eigentlich wie viel bedeutet. Immer wieder Sehnsucht zu haben hat mich unheimlich gestärkt. Meiner Familie und meinen Freunden bin ich sehr dankbar für die Unterstützung, das Mut machen und die geteilten Freuden und auch auf meinen Freund bin ich sehr stolz, der mich dieses Jahr trotz den tausenden von Kilometern Entfernung auf meiner Achterbahn-Fahrt begleitet.

Während meiner Zeit hier stelle ich mir oft Fragen wie: „Was brauche ich?“ und „Was ist mir wichtig?“ Darauf habe ich wunderbare, schwierige und spannende Antworten gefunden.

So habe ich vor einigen Wochen meinen lang ersehnten Umzug verwirklicht. Ich zog zu einer Freundin von mir, und ihrem Freund. Sie wohnen direkt am Meer im 20. Stock. Von nun an veränderte sich meine Lebensqualität total: Ich erfuhr nicht nur viel Geborgenheit und Herzlichkeit der beiden, sondern ich schlief ein mit Meeresrauschen und wachte auf vom Meeresrauschen, ich frühstückte mit Blick auf die Karibik und putzte Zähne mit dem salzigen Wind um die Nase – herrlich.

Neben dem Sprachkurs gab ich weiterhin Deutschnachhilfe für eine Ärztin und ihre Tochter im Norden der Stadt und gab an einem Samstag auch Vertretungsunterricht an der APEC-Universität.

Jetzt, wo ich an einem anderen Ort wohnte, lohnte es sich auch mal die Metro zu benutzen, die nur zwei Linien hat und nur einige Orte abdeckt. Echt lustig, wie auch die Metro „dominikanisch“ ist. Es gibt keinen Fahrplan, noch eine Anzeige wann der nächste Zug kommt und auch Kartenautomaten gibt es nicht, sondern nur einen Schalter. Manchmal muss man sogar fragen in welche Richtung der Zug genau fährt, da die Ausschilderung fehlt. Die Züge und auch die Bahnsteige sind jedoch hoch modern, da es die Metro erst seit 3 Jahren gibt. Auch in der Bahn vergisst man nicht wo man ist: Jeder sagt Guten Tag, wenn er rein kommt und neben mir hörte ich einer Diskussion darüber zu, ob man erst die Personen aussteigen lassen muss und dann einsteigen darf. Eine Wortmeldung dazu bestätigt, dass es in New York ja auch so sei – Ich liebe es 🙂

Die Metro.

Mein Sommerferien-Highlight (besser als New York, Hawaii und Casa de Campo zusammen) rückte immer näher: Mein Freund kam mich für 3 Wochen besuchen und wir reisten gemeinsam. Meine Vorfreude darauf wuchs Tag um Tag, doch die Zeit nach meinem Urlaub blieb immer noch ein Fragezeichen, denn die Arbeit in der Schule war beendet.

Ich schrieb diverse kulturelle Institutionen und Organisationen von Veranstaltungen an, nahm Kontakt zu NGOs und sozialen Einrichtungen auf, um eine alternative Beschäftigung im Rahmen meines kulturweit-Freiwilliendienstes zu finden, doch ohne Erfolg.

So habe ich also den Entschluss gefasst, die letzten fünf Wochen meines Freiwilligendienstes nicht mehr in Santo Domingo verbringen zu können und zu wollen und nahm Kontakt zu kulturweit auf, schilderte meine Situation.  Sehr habe ich mich einige Wochen später über die Einladung mit Sponsoring des Goethe-Instituts zur fünfwöchigen Hospitation in Ciudad de Mexico gefreut. Ich habe mich also entschieden noch mal kurz vor Ende einen Sprung über den Tellerrand zu wagen und nach Mexiko zu ziehen.

Ich denke die wichtigsten Dinge, die ich in meinem „Klassenraum“ Santo Domingo gelernt habe, sind Prioritäten zu setzen, „lernen“ zu wollen und nicht zu müssen und sehr viel über mich selbst.

Weite Kulturen mit kulturweit

“Kulturweit setzt sich für eine weltoffene Gesellschaft im Sinne der UNESCO ein. Im Zentrum steht ein lebenslanger Prozess der Persönlichkeitsentwicklung entlang der Themen Kultur, Bildung und Menschenrechte. Zentral ist die Vermittlung einer ethischen Haltung, die den Werten des Friedens, der Menschenwürde und der Gerechtigkeit verpflichtet ist.“*

Mit kulturweit bin ich hier in der Dominikanischen Republik als Vertreterin deutscher Kultur. Was ist das, deutsche Kultur? Ich bin 19 Jahre alt und kenne viele Teile Norddeutschlands ziemlich gut würde ich behaupten. Doch dann… Berlin und Dresden auch noch, Bonn und Stuttgart war ich schon mal und südlicher in einigen Städten. Also was kann ich über die deutsche Kultur sagen? Gibt es überhaupt DIE eine?

Ich glaube bei kulturweit und meinem Einsatz geht es vielmehr um mich als eine deutsche, eine Vertreterin aus einer Region Deutschlands, die ihr Leben teilt. Wenn mich jemand fragt was für mich Deutschland ist, antworte ich: Sicherheit, Vertrauen, Möglichkeiten, Schützenfest, Vollkornbrot und Weihnachtsmärkte. Niemand anders wird so antworten oder wenn, dann nur ähnlich. Für mich sind zum Beispiel Familie und Feste sehr wichtig, weshalb ich mit meinen Schülern viel zum Thema Ostern gearbeitet habe: Wir haben gesungen, Eier bemalt, Texte gelesen und einander erzählt wie wir das Fest jeweils feiern. Sicherlich wird der nächste Freiwillige ganz andere Prioritäten setzen und möglicherweise Deutschland als Fußball-Nation hervorheben, was mich z.B. weniger interessiert. Dafür finde ich es spannend von meinem Sport, dem Fechten zu berichten, den viele hier gar nicht kennen. So ist jeder Deutsche anders und jeder Freiwillige hat verschiedene Eigenschaften und bringt andere Vorstellung von „seiner Heimat“ mit. Trotzdem gehören wir alle dem Kollektiv „Deutschland“ an, weil uns sicher auch vieles verbindet.

Spannend finde ich auch unsere Mission als kulturweit-Freiwillige (s.o.), eine ethische Haltung, Werte des Friedens, Menschenwürde und Gerechtigkeit zu vermitteln. Ich denke das sollte die Aufgabe eines jeden Reisenden zur Völkerverständigung sein und ist darüber hinaus ein sehr interessanter Austausch. In der Schule, in der ich arbeite kommen die meisten Schüler aus der sozialen Oberschicht des Landes. Ihre Eltern bezahlen viel Geld für die Bildung ihrer teilweise schwererziehbaren Kinder und die Schule erhält die Aufgabe der Erziehung oder manchmal schlichtweg die der Beaufsichtigung. An dieser  Stelle fehlt, meiner Meinung nach, die Vermittlung der „Weltbürger-Werte“: Höflichkeit, einander Zuhören und ausreden lassen, als Team voneinander und miteinander lernen, Fantasie, reflektiertes Denken… einige der Fähigkeiten, an denen ich gemeinsam mit meinen Schülern gearbeitet habe und zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen bin.

Ich bin hier zum Austausch. Ich bin hier um meinen Teil deutscher Kultur mit dem Teil dominikanischer Kultur, den ich während meiner 6 Monate hier kennen lernen darf, zusammenstoßen und verschmelzen zu lassen. Auch hier betrachte ich den Begriff „Kultur“ als etwas Offenes und Diverses. Ich bin sechs Monate in diesem Land, lerne nur bestimmte Menschen kennen, die mir zwar alle verschiedene Geschichten und Sichtweisen auf das Land zeigen, aber trotzdem gibt es noch viel mehr Menschen und so viel mehr Geschichten, die ich nicht kennen lernen werde. Also habe ich mir folgende Frage gestellt: Was ist anders hier für mich als in Deutschland? Was ist der Unterschied zwischen meinem Leben in Deutschland und meinem Leben hier?

Das wohl Offensichtlichste: Die Hitze. Das, was hier alles beeinflusst. Es gibt zwei Jahreszeiten sagen viele Dominikaner: Sommer und Hölle. Dieses Jahr fiel die Regenzeit im Mai komplett aus, weshalb der Juni bereits so heiß ist, wie es normalerweise erst im August wird. Die Menschen arbeiten deswegen weniger und langsamer. An der Supermarktkasse kann das ein durchgetaktetes deutsches Leben sehr gut aus der Ruhe bringen, wenn die Kassiererin 10 Minuten pro Klienten benötigt. Aber dafür sind die Supermärkte beeindruckend. Sie sind riesengroß und man findet alles was man braucht und noch mehr. Leider sind die Lebenshaltungskosten hier sehr hoch. Viele Dominikaner leben von jetzt bis jetzt, ohne an die Zukunft zu denken und geben ihr Geld häufig direkt aus.

Ebenfalls überrascht mich, dass Bildung in diesem Land häufig nicht mehr als persönliche Anreicherung ist. Bildung ist hier kein Schlüssel zur Karriere, im Gegenteil. Meine 15-jährigen SchülerInnen wussten bereits in welche Jobs der Papa oder der Onkel sie reinschleusen wird. Oft habe ich mitbekommen, dass es auf dem Jobmarkt der Dominikanischen Republik nicht um Bildung, sondern nur um Vitamin B geht. Kein Wunder, dass einige Schüler teilweise mit verschränkten Armen vor mir saßen und sagten: „Was willst du? Wir brauchen kein Deutsch.“ Jeder scheint also tatsächlich in seine Rolle hineingeboren zu sein. Was für ein Luxus, den wir in Deutschland doch haben und wie wenige ihn zu schätzen wissen, wenn sie stöhnend vor der Studienwahl stehen und „irgendwas“ beginnen zu studieren, was ihnen nicht gefällt. Wie cool, dass wir unsere Leidenschaft zu unserem Beruf machen können und damit eine ganze Familie ernähren können.

Trotzdessen bin ich wunderbar überrascht von der dominikanischen Mentalität als Reaktion auf diese Probleme und Missstände. Gott ist hier alles. Und deshalb wird auch alles gut, weil Gott alle liebt – das Lebensmotto der Dominikaner.

Die Menschen stöhnen nicht oder regen sich nicht stundenlang über etwas auf, wenn etwas nicht funktioniert, sondern sie werden erfinderisch. Sie helfen einander und nirgendwo bist du allein. Denn man hat Familie ohne eine zu haben. Dazu gehören die Nachbarn, der Handwerker, die Freunde und die Kollegen. Das ist alles sehr oberflächlich für deutsche Verhältnisse aber für den Moment weiß man wer da ist und darum geht es hier in der Dominikanischen Republik: um den Moment.

*Auszug Internetauftritt kulturweit.