Ein halbes Jahr voller „Wachstumsschmerzen“

Wachstumsschmerzen. Tun unglaublich weh, meistens in den Knien, das man sich manchmal gar nicht weiter bewegen möchte, doch man freut sich wenn man an der Messlatte steht und der Strich schon wieder ein paar Zentimeter höher gemacht werden kann als einige Monate zuvor. Wachstumsschmerzen.

Die Zeit rennt und ich fühle mich bereits zu Hause hier in Mexiko nach etwas mehr als 2 Wochen. Doch mir bleiben nur noch 2 Wochen. Nicht nur hier. Sondern auch in meinem gesamten Freiwilligendienst und in meinem gesamten Auslandsjahr, das ich jetzt an verschiedenen Orten gelebt, durchlebt und erlebt habe. Komisch irgendwie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles ein Ende hat. Dass ich nach einem halben Jahr wieder nach Hause komme, nach einem ganzen Jahr wieder für lange Zeit in Deutschland leben werde und direkt nach einer Woche von zu Hause wieder ausziehen werde. Ich bin im letzten Jahr 5 Mal umgezogen. Aber diesmal ist es definitiver, länger und beständiger. Natürlich freue ich mich auch endlich wieder alles was für mich „zu Hause“ bedeutet in die Arme zu schließen und bei mir zu haben, ich freue mich auf das Lernen in einer Universität und auch eben auf diese Beständigkeit; Menschen für mehr als einige Monate kennenlernen; ein langfristigeres Leben aufbauen als im vergangenen Jahr.

Aber natürlich ist ein Stück meines Herzens in Argentinien hängengeblieben, ein klitzekleines in der Dominikanischen Republik und ein Stück auch hier in Mexiko. Es gibt nun zahlreiche Orte in Süd- und Nordamerika, die ich auch „zu Hause“ nenne und von denen ich mich nur schwer trennen konnte oder trennen werde können. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, nicht mehr täglich auf Spanisch zu kommunizieren, auf Spanisch zu träumen, zu fühlen und zu lieben – wie ich es die letzten 12 Monate tat. Ich kann mir nicht vorstellen wieder zurück in die deutsche Negativität zu tauchen, in die leistungsorientierte Gesellschaft zurückzukehren und wieder mehr über das Wetter zu reden als über die Liebe.

Natürlich wird mir vieles fehlen, aber ich habe auch gelernt wie glücklich mich mein Heimatland macht und das vieles meiner Heimat meine Persönlichkeit formt.

Geduld, Verständnis, Unverständnis und Energie raushauen und nichts zurückbekommen – hier in Mexico City fällt mir nochmal mehr auf, was ich alles in Santo Domingo erlebt habe und wie anders mein Freiwilligendienst doch hätte laufen können; mit so viel mehr Wertschätzung, Dankbarkeit, Geborgenheit und Herzlichkeit, die ich hier in Mexiko am Goethe-Institut und auch in meiner Freizeit täglich erfahren darf.

In Santo Domingo war ich von Anfang an auf mich allein gestellt, denn meine Einsatzstelle und meine Ansprechpartnerin haben sich nicht für mich interessiert, während sie mich gleichzeitig als kostenlose Deutschlehrkraft ausnutzten. Sie holten mich nicht vom Flughafen ab, unterstützten mich nicht bei der Suche einer Wohnung; sie halfen mir nicht beim Einleben und ließen mich allein. Meine Ansprechpartnerin habe ich 4 Mal während meiner Zeit gesehen(!) . Ich habe gegeben, gegeben und mich ausgepowert. Lauter Versprechungen bekam ich zu hören: Wir werden so viel mit dir unternehmen; im Sommer machen wir ein großes Sommer-Camp, wo wir deine Unterstützung brauchen; die Schule hat so viele Möglichkeiten für dich und wir tun alles – keine davon wurde wahr. Ich kollidierte mit der Oberschicht des Landes, suchte Halt, fand diesen zunächst in meiner Vermieterin, die mich jedoch auch irgendwann fallen ließ – und hier war ich, in der Einsamkeit.

In der Dominikanischen Republik habe ich oft „Wachstumsschmerzen“ gehabt, habe schwere Zeiten durchlebt, viel geweint, viel Frustration und viele Niederlagen erfahren und unglaublich viel an mir selbst gezweifelt. Ich habe gelernt was es bedeutet einsam zu sein, habe gelernt nicht den Mut zu verlieren, habe ihn dann doch manchmal verloren und habe trotzdem nie aufgegeben. Ich habe so unterschiedliche Menschen kennengelernt, habe so viel über Menschen gelernt und habe mir so viele Fragen gestellt.

Auch die Frage „Warum musste das alles genauso laufen“ ging mir oft nicht aus dem Kopf, insbesondere wenn mir andere Freiwillige aus Kolumbien oder Mexiko von ihrer großartigen Einsatzzeit berichteten. „Finde ich mein FSJ doof?“ „Warum bin ich noch hier?“

Ich bin so dankbar den letzten Monat hier in Mexiko-Stadt verbringen zu dürfen. Nicht nur weil ich all das erleben und erfahren darf, was mir in den letzten 5 Monaten in der Dominikanischen Republik verwehrt wurde oder fehlte, sondern auch weil ich Zeit habe alles zu reflektieren. Mittlerweile bin ich mit mir in Frieden gekommen mit den Erlebnissen und Erfahrungen aus Santo Domingo. Ich habe gemerkt, dass ich keine sozialen Probleme habe und dass ein Job auch ganz anders aussehen kann 🙂 .

Im Nachhinein bin ich aber dennoch sehr dankbar für diese komplizierte Zeit, in der ich mich oft verlor. So viel wie ich während meines Freiwilligendienst gelernt habe, habe ich während meiner gesamten Abizeit nicht gelernt (und da dachte ich schon ich wüsste jetzt alles 🙂 ).

Während meiner Zeit in Santo Domingo hat mich insbesondere das Kickbox-Training sehr gestärkt. Das Team und der Trainer waren großartig. Nach jedem noch so frustrierenden Tag ging es in den Parque Mirador Sur, wo wir erstmal 20 Mal die langen Treppen hoch und runter laufen mussten als Aufwärmung und später wurde all der Frust in das Kissen geboxt- bis die Hände wehtaten.

Ich finde es so ironisch, wenn ich nun am Ende der Zeit nochmal zurück an den Artikel denke, der von mir in unserer Lokalzeitung erschien, bevor ich mich auf den Weg machte. Ich erinnere mich noch gut an die Kommentare auf Facebook dazu, an einen ganz besonders, weil er mich ziemlich traf: „Karibik ist doch viel mehr Komfortzone als das Wendland!“

Ich schmunzele darüber nun, während all die Bilder in meinem Kopf des letzten halben Jahres ablaufen und merke wie ich mir über einiges im Klaren geworden bin: Wir sind alle gleich geboren; sollten alle die gleichen Rechte haben. Doch trotzdem sind wir alle verschieden. Wir sind viele verschiedene Persönlichkeiten auf dieser Welt und haben alle verschiedene Voraussetzungen und damit in gewisser Weise auch Verantwortungen. Als Deutsche haben wir so viele Privilegien. Wir haben so viele Möglichkeiten. Lasst uns diese Möglichkeiten ausschöpfen und uns kennenlernen. Lasst uns herausfinden was wir wollen und das verwirklichen, denn ja, in Deutschland können wir das! Deutschland eröffnet uns die Welt. Aber Stopp: Deutschland ist nicht die Welt. Ein Jahr bin ich nun durch Nord- und Südamerika gereist und habe die Welt dort kennengelernt; ich habe das wirkliche Leben kennengelernt (und ja, auch gelernt dass unser Landkreis die mit Abstand verdammt größte Komfortzone dieser Welt ist!!). Ich bin zur Latina geworden und bin Deutsche geblieben. Ich habe mein Herz verteilt.

Ich komme nun als wandelnder Meltingpot zurück in meine Heimat, mit so vielen Geschichten im Gepäck aus den unterschiedlichsten Ländern und mit einem anderen Blick auf die Welt und meine Heimat.

Eines kann ich ganz sicher sagen: Ich bin sooo viel an mir selbst gewachsen (und bin viiiiiel bräuner geworden, denn ja, in der Karibik scheint wirklich die Sonne 🙂 ).

Was ich so in einer der größten Städte der Erde mache

9:00 Uhr, ich ziehe die Wohnungstür meiner Airbnb-Wohnung hinter mir zu und laufe die 9 Stockwerke bis ins Erdgeschoss des großen Gebäudes runter. Bekleidet mit meiner Regenjacke, die in Santo Domingo die letzten 5 Wochen im Schrank hing, darunter einem Pullover, trete ich aus meinem Mehrfamilienblockhaus raus in die kühle Morgenluft mit 14 Grad.

Im Park gegenüber ist wie jeden Morgen ein Zumba Training zu Gange, direkt daneben sehe ich zwei sich küssende Pärchen auf den Parkbänken am Rand. Hier wird gelebt was das Zeug hält – denke ich mir, als ich die Straße überquere, die meinen Stadtteil Doctores zu dem hippen Stadtteil Roma Norte trennt. Das Leben findet hier von morgens bis spät auf der Straße statt. Die Mexikaner haben eine ganz andere Wahrnehmung von „Öffentlichkeit“ als wir Deutschen: Es wird gegessen, geredet, gelacht, telefoniert, getanzt und gearbeitet auf der Straße. Öffentlichkeit gehört allen und alle sind dort anzutreffen.

Ich gehe weiter und mir kommen Hundespaziergänger aller Art entgegen: Der Anzugtragende Geschäftsmann, telefonierend mit seinem sportlichen mittelgroßen Hund, die geschäftige Mutter mit dem kleinem wuscheligem Hund am Kinderwagen, der Hipster mit einer Bulldogge und der Jogger mit einem muskulösen Hund, der ganz und gar nicht in die 4. Größte Stadt Mexikos gehört.

Zwischen den passierenden Menschen sehe ich Straßenreiniger. Sie beseitigen die Überreste der vergangenen Nacht, pausieren wenn man vorbei geht.

Ich gehe weiter, vorbei an Straßenessensstände, die ihr Essen vorbereiten. Die Verkäufer rufen sich gegenseitig die Neuigkeiten des Tages zu, während sie ihr Fleisch einlegen. Einige Stände haben schon Kunden: Es gibt pikante Tacos zum Frühstück.

Es geht weiter vorbei an der hippen belgischen Panadería. Amerikaner, Europäer oder die hippen Bewohner von Roma Norte, kaufen hier ihr Frühstück bevor es zum ersten Meeting geht.

Alle Leute sind schnell unterwegs zum Weg zur Arbeit, ein normaler Arbeitstag besteht hier aus 9 Stunden. Einige arbeiten bereits: Die Bauarbeiter sagen „Buenos días“ im Vorbeigehen. Sie bauen die neuen schicken Gebäude; die Ergebnisse der fortschreitenden Gentrifizierung. Noch einmal abbiegen und dann stehe ich vor dem großen weißen Gebäude mit den grünen Buchstaben – dem 3. Größten Goethe-Institut der Welt – meinem derzeitigen Arbeitsplatz. Die Security begrüßt mich mit einem Lächeln und die Sekretärin Barbara winkt mir wie jeden Morgen zu und ruft mir ein „Guden Morgän“ entgegen – jeden Morgen ein wunderbarer Start in meinen Arbeitstag in der Sprachabteilung am Goethe Institut Mexiko-Stadt. Einen richtigen Büro-Job habe ich hier und ordentlich was zu tun. Ich arbeite nicht nur an administrativen Aufgaben, sondern momentan auch an einer Rallye zu Alexander von Humboldt für den Tag der deutschen Sprache, einer Veranstaltung hier am Goethe-Institut im September. Eine tolle kreative Phase, die ich hier erlebe, vor meinem unkreativen Studium 🙂

Also nochmal im Klartext: Ich wohne jetzt in der 4. Größten Stadt der Welt. Ich wohne jetzt in Mexico City. Das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen, ohne eine erhöhte Herzfrequenz dabei zu bekommen. Aber ich fühle mich hier sehr wohl und nach 2 Wochen bereits zu Hause. Zu Beginn war das aber eine ordentliche Umstellung: Lauter Highlife-Probleme stürzten auf mich ein: Ich hatte nicht nur einen Klimaschock sondern auch einen Höhenschock und war erstmal leicht angeschlagen. Von 0m Karibik auf 2500m Mexiko-Stadt hatte ich total unterschätzt. Es wird einem sogar dringlich geraten, die ersten Wochen keinen Sport zu treiben, weil der Körper sich erstmal an den Unterschied gewöhnen muss. Hinzu kommt die Temperatur: Ich kam aus der karibischen Luft mit 38 Grad Celsius nach hier her mit maximal 20 Grad am Tag und nachts Tiefsttemperaturen von 12 Grad, mit einem Koffer voller luftiger Kleider und Bikinis.

Also: Wärmflasche und Pullover gekauft. Ganz viele Mangos gegessen. Noch mehr Taccos und Tamales gegessen und schwups, nach 2 Wochen war ich mexikanisiert.

Letzten Sonntag bin ich dann sogar 9km joggen gewesen auf der Avenida Reforma. Die breite Straße, die quer durch die Stadt führt wird sonntags immer bis 14 Uhr für Läufer und Fahrradfahrer von Polizei und Mithelfern gesperrt. Am Straßenrand gibt es Stände für Fahrradreparatur und  Informationsstände zu Sport und Gesundheit – wie ein Volkslauf, obwohl das Land eigentlich die Bevölkerung mit der größten Fettleibigkeits- und Diabetesrate hat – irgendwie ironisch, aber schön!

Letzten Freitag war ich mit einigen Freunden in einem alternativen Theater im südlichen Stadtteil Coyoacan. Sie sind Teil der Theatergruppe, dessen Lehrer an dem Abend der Hauptdarsteller eines Monologs war. Das Thema: Die Flucht in die USA – ein Traum, Schicksal und eine Zukunft, die sich durch die mexikanische Gesellschaft zeiht. Unter den Leuten, im Gespräch mit dem Schauspieler Manuel, lachend, diskutierend – irgendwie spürte ich so ein erfülltes Gefühl in meinem Herzen, fühlte genauer hin und merkte: Ich möchte hier in Mexiko bleiben! Im Anschluss ließen wir  den Abend mit ganz vielen anderen Mexikanern in einer Bar mit einer 2,5l großen Säule vollem mexikanischen Bier ausklingen.

Aber nicht nur im Dunkeln bin ich begeistert von dieser Stadt: Letzten Samstag habe ich mich spontan bei einer Free Walking Tour durch das Centro Historico eingeschrieben und stand am Ende allein dort mit einem super übermotivierten Guide mit orangefarbenen Regenschirm, der sich Jesus Christus als großes Vorbild zu nehmen schien. Er erzählte mir die nächsten 3,5 Stunden enthusiastisch alles was ihm so einfiel und hörte gar nicht mehr auf :).

Am Sonntag war ich dann mit einer Freundin auf dem großen Blumenmarkt Jamaica. Wir probierten Früchte, die ich noch nicht kannte, tranken frische Säfte, aßen und bestaunten die zahlreichen Piñatas. Ich bin erstaunt, dass man die Mexikaner für so viel begeistern kann. Hier scheint sich alles viel mehr um Liebe, Leben und Freude zu drehen als um Leistung, wie in Deutschland. Es gibt wenig Geld, doch trotzdem kaufen alle Luxusgüter wie Piñatas, Blumen etc.

Auch eine coole Erfahrung war die feierliche Eröffnung der 18. deutschen Filmwoche, organisiert vom Goethe-Institut im 100 Jahre alten Teatro de la Ciudad am vergangenen Dienstag. In den kommenden 2 Wochen werden 17 verschiedene deutsche Filme in unterschiedlichen Kinos und Theatern hier in Mexiko Stadt gezeigt, die die aktuelle Filmszene Deutschlands wiederspiegeln. Es handelt sich nur um preisgekrönte Filme, die teilweise noch nicht mal in Deutschland in den Kinos waren. Dazu wurden diverse Regisseure und Schauspieler von diesen Filmen vom Goethe-Institut eingeladen. Nach der Eröffnung, gab es eine krachende Aftershow-Party mit den VIP-Gästen. Es war mega cool einige Schauspieler mit einer Flasche Bier in der Hand zu treffen und im Small-Talk bis in die frühen Morgenstunden zu feiern.

Die Zeit rennt. In 2 Wochen bin ich wieder in Deutschland. Das fühlt sich gerade irgendwie merkwürdig für mich an. Nächste Woche habe ich aber noch ein kleines Abenteuer vor mir. Ich fliege nach Puerto Escondido im Bundesstaat Oaxaca und werde dort einige Tage mit Surfen und Yoga am Pazifik verbringen. Ein kleiner Mutausbruch noch zum Abschluss 🙂

Dann wird alles ganz schnell gehen: Abschied in Mexiko, noch eine Nacht zurück nach Santo Domingo, eine Nacht nochmal in meinem Zimmer schlafen, mit meinen WGlern dort lachen, kochen und quatschen und dann fliegt mich Condor in nur 10 Stunden mitten rein in meinen neuen Lebensabschnitt.

Liebe auf Distanz

Vermissen, plötzlich Tränen in den Augen haben, Zeitverschiebung, tausende von Kilometern, lange Telefonate wenn man Glück hat; keine Zeit, schlechte Internetverbindung, verpixelte Bilder und eine verzerrte Stimme wenn’s mal wieder nicht so läuft wie geplant. Schweigen, Frustration, den Wunsch alles aufzugeben. Lernen mit Worten zu umarmen, mit einem Lächeln zu küssen. Tage zählen, Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Zweifel.

– 3 Monate waren mein Freund und ich im August letzten Jahres gerade einmal zusammen, da trennten sich bereits unsere Wege. Unsere Wege trennten sich, doch wir uns nicht. Wir stürzten uns in eine große Challenge: Alles das, was für uns unsere Beziehung bedeutete; Umarmungen, Küsse, durch die Haare strubbeln, einander anschauen und glücklich sein, laut gemeinsam drauf loslachen, sich gegenseitig durchkitzeln, Fahrrad fahren, ins Kino gehen, lange Spaziergänge, warmen Kakao trinken und dem Anderen die Schokoreste wegwischen, zusammen kochen und in der Küche tanzen…..- all das sollte in den kommenden Monaten durch eine einzige Sache ersetzt werden: Durch Worte.

Denn während mein Freund Corin nach Hamburg zog, entschied ich mich das kommende Jahr um die Welt zu ziehen: Erst nach Argentinien, dann nochmal zurück – ein Zwischenstopp für ein paar Monate in Deutschland – weiter in die Dominikanische Republik und schließlich nach Mexiko. Erst sollten wir also 3, dann 6 Monate getrennt voneinander sein; insgesamt sollten uns 9 Monate über 10 000km und ein riesiger Ozean trennen. Schaffbar, dachten wir. Wie naive Kleinkinder, die sich von einem Abenteuer ins nächste stürzen. Schaffbar dachten wir – challenge accepted.

Ich glaube dieses Jahr mit Liebe auf Distanz war das längste Jahr meines bisherigen Lebens und auch eines der schönsten. Wie oft habe ich mich gefragt, warum ich das eigentlich alles mache. Wie oft habe ich mich nicht verstanden gefühlt, gezweifelt und gedacht das war’s.

Aber ich habe auch oft gespürt, dass das genau die richtige Entscheidung war zu gehen; mein Ding zu machen; unabhängig zu sein und mein Leben zu leben. Ich habe oft gespürt, dass wir das schaffen und dass es das wert ist. z.B. als ich am Abendbrotstisch mit meiner argentinischen Gastfamilie saß und mit einem Lächeln im Gesicht von Corin auf Spanisch erzählt habe oder als mir meine Gastmama ein Foto von einem Brief von ihm schickte, der eingetroffen war während meiner Patagonien-Reise. Oder als ich mitten in der Nacht meinen Freund anrief weil ich während des lauten südamerikanischen Gewitters nicht schlafen konnte und er mir die Angst nahm. Oder als sich im Februar noch 6 Monate Dominikanische Republik für mich viel zu gruselig anhörten und Corin mir in langen Gesprächen Mut machte obwohl er mich am liebsten bei sich behalten wollte. Dann immer wieder, wenn ich erneut frustriert auf meinem Bett unter dem Mückennetz in Santo Domingo saß, weil ich wieder einmal gescheitert war und an mir selbst zweifelte, mich auf meinem Handy aber über FaceTime ein lächelndes Gesicht ansah und mir sagte: Ich glaub an dich.

Und was für schöne Motivationsgeschichten habe ich erzählt bekommen! Meine Gastmama hat mir von ihren Sorgen erzählt, als mein Gastpapa als Soldat in Kroatien eingesetzt war und ihre kurzen Telefongespräche abgehört wurden und jetzt sind sie lange verheiratet. Meine Mama erzählte mir von ihrer Verzweiflung als sie weit entfernt von meinem Papa studierte und später in den USA arbeitete und wie sie auf teure Telefonzellen geflucht hatte.

Von meinem Opi weiß ich, wie er selbst in meinem Alter um die Welt, auf hoher See, gereist ist und trotz wochenlanger Postwege der Briefe die Liebe zu meiner Omi niemals aufhörte.

Diese Geschichten und Menschen geben mir die ganze Zeit lang Mut und Kraft, weil sie auch mal in meiner Situation waren und mich bestärken. Wer weiß, vielleicht erzähle ich auch irgendwann meinen Kindern so eine Geschichte. Selbst wenn nicht, selbst wenn sich die Wege von mir und meinem Freund irgendwann wirklich trennen sollten und ich jemanden ganz anders und dann wieder jemand anders kennenlernen sollte und dann erst glücklich verheiratet bin oder es vielleicht auch nie sein werde – denn wer weiß das schon – selbst dann weiß ich, dass das hier etwas Einzigartiges und Einmaliges ist, was wir durchleben und teilen und das macht mich glücklich.

Es war Ende Juni als Corin und ich uns schon wieder 4 Monate lang nicht gesehen hatten. Wieder trennten uns tausende von Kilometern, wieder schien der Countdown zum Wiedersehen stehen geblieben und die Tränen immer noch nicht leer zu sein.

Doch mein Freund hatte mir ein großartiges Versprechen gegeben, welches er wahr machte.

Auf einmal, am 27. Juni um 4 Uhr morgens kam der Junge, den ich in den vergangenen Monaten nur auf meinem Handybildschirm und auf Fotos gesehen hatte, etwas verschlafen aber mit einem großen Grinsen durch die automatischen Schiebetüren in der Ankunftshalle des Flughafens in Santo Domingo. Ich konnte es nicht glauben. Ich lief auf ihn zu und in seine offenen Arme. Hier war er nun. Mit mir in meinem derzeitigen Zuhause. Wie komisch und schön!

Wir hatten uns in den kommenden 3 Wochen, die er mich besuchte, so viel zu erzählen und gleichzeitig wussten wir gefühlt schon so viel aus dem Leben des Anderen der letzten Monate. Es fühlte sich so besonders an, wieder Zeit miteinander verbringen zu können.

Die erste Woche zeigte ich ihm mein Zuhause der vergangenen Monate; wir besichtigten die Zona Colonial und mein Viertel Piantini, nahmen Tanzstunden, kochten in meiner WG auf Spanisch, deutsch und englisch, lachten, sprangen in den Pool, machten zusammen Sport, schauten einen schrecklichen Tatort und erzählten uns lange Geschichten.

Dann ging es ins Paradies an die Ostküste der Dominikanischen Republik; in die Region Punta Cana. Hier genossen wir die Zweisamkeit, den weißen Sandstrand, die Karibik und die Sonne jeden Tag aufs Neue. Von dort ging unsere Inseltour weiter gen Norden auf die Halbinsel Samaná, wo wir sehr romantisch in Palmenhütten schliefen, umgeben von tausenden von Mücken und morgens die Früchte von den Bäumen frühstückten. Wir schnorchelten, fuhren Boot, wanderten, diskutierten und sonnten uns. Sooo viel Glück auf einmal 🙂
Doch auch die schönste Zeit hat irgendwann ein Ende.

So plötzlich wie mein Freund am Flughafen aufgetaucht war, so schnell verschluckten ihn die großen Schiebetüren drei Wochen später wieder, diesmal zur Abflughalle zurück Richtung Heimat.

Die Tränen liefen und einige Stunden später fühlte ich mich als wäre ich gerade aus einem Traum erwacht. Zwei Tage später verschwand jedoch auch ich hinter denselben Schiebetüren des Flughafens, jedoch mit dem Ziel Mexiko Stadt – wieder ein neuer Umzug; wieder in ein neues Land; wieder Kopfüber in ein neues Abenteuer. Aber das hieß auch wieder weit entfernt von Corin zu sein. Doch uns bleiben die Erinnerungen, die Vorfreude, denn in 5 Wochen würde uns nicht mehr eine lange Flugreise trennen, sondern nur noch eine Fahrradfahrt durch den Hamburger Park Planten un Bloomen und noch etwas:

Die Erkenntins, dass Liebe auf Distanz eine Geheimformel ist. Die Liebe wächst nämlich exponentiell mit der gemeinsam durchlebten Distanz. Challenge completed.

Klassenräume haben nicht immer 4 Wände

„Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen, das wir geplant haben, damit wir das Leben finden, das auf uns wartet.“ – Oscar Wilde

Am Mittwoch, 12. Juni fanden im Colegio Déroly die Festivitäten zum Schuljahresende statt. Wir bastelten den Vormittag an der Deko und bereiteten alles für das Finale der Wissensolympiade unter den Schülern vor.

Beginn der Sommerferien am Décroly

Dann waren Sommerferien. Auch für mich. In meiner Einsatzstellenbeschreibung stand, dass die Schüler erst am 15.07. in die Sommerferien aufbrechen werden, also war ich etwas überrascht. Einige der Schüler umarmten mich zum Abschied und bedankten sich für den Unterricht. Eine Schülerin sagte mir, sie wolle in den Ferien weiter Deutsch lernen und dabei bleiben, da meine Eltern ihr gesagt hätten wie viel Potenzial sie hätte, als sie hier zu Besuch waren. Ich freue mich, dass ich wenigstens bei einigen Schülern etwas hinterlassen konnte und sie sogar etwas traurig waren, dass ich nach den Ferien nicht mehr hier sein werde. Denn die Sommerferien gehen hier bis Mitte August. 2 Monate Sommerferien, ist das nicht viel zu viel, dachte ich, was machen die Schüler so lange? Ich fragte eine kleine 7-jährige Schülerin nach ihren Plänen. Sie antwortete: „Erst fliegen wir nach New York. Dann geht’s weiter nach Hawaii und später fahren wir nochmal nach Casa de Campo (ein Luxusvillenresort hier an der Küste)“. So viel dazu.

Meine Aussichten für die „Sommerferien“  waren nicht ganz so extravagant. Eigentlich war geplant, dass ich im Summer Camp der Schule tätig bin und dort weiterarbeite, einer der Gründe warum ich mich auch im März gegen einen Wechsel der Einsatzstelle entschied, weil ich mich bereits auf das angekündigte Camp mit „Tanz, Gesang und Theater“ freute – Pustekuchen.

Bestätigung meiner erneuten Frustration fand ich im netten Austausch mit drei der weltwärts- Freiwilligen, die ich endlich ausfindig machen konnte. Wir trafen uns zwei Mal zu sehr netten Gesprächen. Die drei Mädchen sind nun schon ein Jahr hier und fliegen in den kommenden Wochen nach Hause zurück. Es war spannend, wie sie ähnliche Auffassungen der Mentalität und des dominikanischen Lebens haben und dass es auch bei ihnen zu Beginn eine schwere Zeit gab. Auch faszinierend war es, sich über die Einsatzstellen auszutauschen, denn zwei Freiwillige arbeiten in einer Schule für sehr arme Kinder – das komplette Gegenteil zum Colegio Décroly. Schade, dass es für die drei nun schon wieder zurück geht, doch der Austausch mit ihnen war eine tolle Bereicherung und Bestätigung.

Direkt nach Schuljahresende des Colegio stand für mich nun erstmal der Sprachkurs an, den ich aufgrund der vielen Probleme und des Durcheinander aufschieben musste. Ein Sprachkurs ist Teil des kulturweit-Programms und soll eigentlich zu Beginn des Aufenthalts gemacht werden. Mein Kurs fand im Instituto Intercultural del Caribe statt. Ein kleines Haus mit ganz viel Liebe. Die Schule bietet je nach Sprachniveau Kurse in kleinen Gruppen an und die Lehrer sind sehr persönlich. Die anderen Sprachschüler dort bleiben meist länger als eine Woche, meistens 5-8 Wochen. Aber es kommen und gehen auch immer wieder Schüler, sodass viel Leben dort herrscht. Der Kurs gefiel mir sehr, denn endlich konnte ich meine alltäglichen grammatikalischen Fehlerchen ausbessern und viel Neues dazulernen. Das Highlight war jeden Tag um 10:30 Uhr das frische karibische Obst in der Kaffeepause – Instituto del Caribe eben J Eine meiner Mitschülerinnen startete mit mir zusammen in der Sprachschule und war einige Tage zuvor erst angekommen. Sie weinte den ersten Tag nur. „Dieses Land ist so doof, nirgendwo kann man allein zu Fuß gehen und es ist so heiß. Europa ist viel besser.“ Ich war zunächst etwas erschrocken, denn klar, das Leben ist anders hier und wirklich erstmal ein „Kulturschock“ für uns Europäer, doch direkt am zweiten Tag so zu urteilen?  Spannend, wie andere mit diesem Schock umgehen und sich hier in dem Land verhalten. Die nächsten Tage besserte sich die Stimmung des Mädchens, doch ein „Carro Publicos werde ich nie fahren, ich werde nur UBER benutzen“ zeigte mir, wie wenig sie bereit dazu war, sich auf die Kultur hier einzulassen. Schade. Als die Sprachschule zu Ende ging war ich etwas traurig, denn die Zeit dort hat mir sehr gefallen. Gerade erst vor ein paar Tagen habe ich nochmal dort vorbei geschaut, um mich zu verabschieden – wirklich ein kleines Zuhause.

Meine Spanischlehrerin 🙂

Die bisherige Zeit meines Freiwilligendienstes hat mir gezeigt, wie schmerzhaft Emotionen wie Sehnsucht, Heimweh und Vermissen sein können. Aber ich habe auch spüren gelernt, dass diese Gefühle sehr wertvoll sind, die einem zeigen wer einem eigentlich wie viel bedeutet. Immer wieder Sehnsucht zu haben hat mich unheimlich gestärkt. Meiner Familie und meinen Freunden bin ich sehr dankbar für die Unterstützung, das Mut machen und die geteilten Freuden und auch auf meinen Freund bin ich sehr stolz, der mich dieses Jahr trotz den tausenden von Kilometern Entfernung auf meiner Achterbahn-Fahrt begleitet.

Während meiner Zeit hier stelle ich mir oft Fragen wie: „Was brauche ich?“ und „Was ist mir wichtig?“ Darauf habe ich wunderbare, schwierige und spannende Antworten gefunden.

So habe ich vor einigen Wochen meinen lang ersehnten Umzug verwirklicht. Ich zog zu einer Freundin von mir, und ihrem Freund. Sie wohnen direkt am Meer im 20. Stock. Von nun an veränderte sich meine Lebensqualität total: Ich erfuhr nicht nur viel Geborgenheit und Herzlichkeit der beiden, sondern ich schlief ein mit Meeresrauschen und wachte auf vom Meeresrauschen, ich frühstückte mit Blick auf die Karibik und putzte Zähne mit dem salzigen Wind um die Nase – herrlich.

Neben dem Sprachkurs gab ich weiterhin Deutschnachhilfe für eine Ärztin und ihre Tochter im Norden der Stadt und gab an einem Samstag auch Vertretungsunterricht an der APEC-Universität.

Jetzt, wo ich an einem anderen Ort wohnte, lohnte es sich auch mal die Metro zu benutzen, die nur zwei Linien hat und nur einige Orte abdeckt. Echt lustig, wie auch die Metro „dominikanisch“ ist. Es gibt keinen Fahrplan, noch eine Anzeige wann der nächste Zug kommt und auch Kartenautomaten gibt es nicht, sondern nur einen Schalter. Manchmal muss man sogar fragen in welche Richtung der Zug genau fährt, da die Ausschilderung fehlt. Die Züge und auch die Bahnsteige sind jedoch hoch modern, da es die Metro erst seit 3 Jahren gibt. Auch in der Bahn vergisst man nicht wo man ist: Jeder sagt Guten Tag, wenn er rein kommt und neben mir hörte ich einer Diskussion darüber zu, ob man erst die Personen aussteigen lassen muss und dann einsteigen darf. Eine Wortmeldung dazu bestätigt, dass es in New York ja auch so sei – Ich liebe es 🙂

Die Metro.

Mein Sommerferien-Highlight (besser als New York, Hawaii und Casa de Campo zusammen) rückte immer näher: Mein Freund kam mich für 3 Wochen besuchen und wir reisten gemeinsam. Meine Vorfreude darauf wuchs Tag um Tag, doch die Zeit nach meinem Urlaub blieb immer noch ein Fragezeichen, denn die Arbeit in der Schule war beendet.

Ich schrieb diverse kulturelle Institutionen und Organisationen von Veranstaltungen an, nahm Kontakt zu NGOs und sozialen Einrichtungen auf, um eine alternative Beschäftigung im Rahmen meines kulturweit-Freiwilliendienstes zu finden, doch ohne Erfolg.

So habe ich also den Entschluss gefasst, die letzten fünf Wochen meines Freiwilligendienstes nicht mehr in Santo Domingo verbringen zu können und zu wollen und nahm Kontakt zu kulturweit auf, schilderte meine Situation.  Sehr habe ich mich einige Wochen später über die Einladung mit Sponsoring des Goethe-Instituts zur fünfwöchigen Hospitation in Ciudad de Mexico gefreut. Ich habe mich also entschieden noch mal kurz vor Ende einen Sprung über den Tellerrand zu wagen und nach Mexiko zu ziehen.

Ich denke die wichtigsten Dinge, die ich in meinem „Klassenraum“ Santo Domingo gelernt habe, sind Prioritäten zu setzen, „lernen“ zu wollen und nicht zu müssen und sehr viel über mich selbst.

Weite Kulturen mit kulturweit

“Kulturweit setzt sich für eine weltoffene Gesellschaft im Sinne der UNESCO ein. Im Zentrum steht ein lebenslanger Prozess der Persönlichkeitsentwicklung entlang der Themen Kultur, Bildung und Menschenrechte. Zentral ist die Vermittlung einer ethischen Haltung, die den Werten des Friedens, der Menschenwürde und der Gerechtigkeit verpflichtet ist.“*

Mit kulturweit bin ich hier in der Dominikanischen Republik als Vertreterin deutscher Kultur. Was ist das, deutsche Kultur? Ich bin 19 Jahre alt und kenne viele Teile Norddeutschlands ziemlich gut würde ich behaupten. Doch dann… Berlin und Dresden auch noch, Bonn und Stuttgart war ich schon mal und südlicher in einigen Städten. Also was kann ich über die deutsche Kultur sagen? Gibt es überhaupt DIE eine?

Ich glaube bei kulturweit und meinem Einsatz geht es vielmehr um mich als eine deutsche, eine Vertreterin aus einer Region Deutschlands, die ihr Leben teilt. Wenn mich jemand fragt was für mich Deutschland ist, antworte ich: Sicherheit, Vertrauen, Möglichkeiten, Schützenfest, Vollkornbrot und Weihnachtsmärkte. Niemand anders wird so antworten oder wenn, dann nur ähnlich. Für mich sind zum Beispiel Familie und Feste sehr wichtig, weshalb ich mit meinen Schülern viel zum Thema Ostern gearbeitet habe: Wir haben gesungen, Eier bemalt, Texte gelesen und einander erzählt wie wir das Fest jeweils feiern. Sicherlich wird der nächste Freiwillige ganz andere Prioritäten setzen und möglicherweise Deutschland als Fußball-Nation hervorheben, was mich z.B. weniger interessiert. Dafür finde ich es spannend von meinem Sport, dem Fechten zu berichten, den viele hier gar nicht kennen. So ist jeder Deutsche anders und jeder Freiwillige hat verschiedene Eigenschaften und bringt andere Vorstellung von „seiner Heimat“ mit. Trotzdem gehören wir alle dem Kollektiv „Deutschland“ an, weil uns sicher auch vieles verbindet.

Spannend finde ich auch unsere Mission als kulturweit-Freiwillige (s.o.), eine ethische Haltung, Werte des Friedens, Menschenwürde und Gerechtigkeit zu vermitteln. Ich denke das sollte die Aufgabe eines jeden Reisenden zur Völkerverständigung sein und ist darüber hinaus ein sehr interessanter Austausch. In der Schule, in der ich arbeite kommen die meisten Schüler aus der sozialen Oberschicht des Landes. Ihre Eltern bezahlen viel Geld für die Bildung ihrer teilweise schwererziehbaren Kinder und die Schule erhält die Aufgabe der Erziehung oder manchmal schlichtweg die der Beaufsichtigung. An dieser  Stelle fehlt, meiner Meinung nach, die Vermittlung der „Weltbürger-Werte“: Höflichkeit, einander Zuhören und ausreden lassen, als Team voneinander und miteinander lernen, Fantasie, reflektiertes Denken… einige der Fähigkeiten, an denen ich gemeinsam mit meinen Schülern gearbeitet habe und zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gekommen bin.

Ich bin hier zum Austausch. Ich bin hier um meinen Teil deutscher Kultur mit dem Teil dominikanischer Kultur, den ich während meiner 6 Monate hier kennen lernen darf, zusammenstoßen und verschmelzen zu lassen. Auch hier betrachte ich den Begriff „Kultur“ als etwas Offenes und Diverses. Ich bin sechs Monate in diesem Land, lerne nur bestimmte Menschen kennen, die mir zwar alle verschiedene Geschichten und Sichtweisen auf das Land zeigen, aber trotzdem gibt es noch viel mehr Menschen und so viel mehr Geschichten, die ich nicht kennen lernen werde. Also habe ich mir folgende Frage gestellt: Was ist anders hier für mich als in Deutschland? Was ist der Unterschied zwischen meinem Leben in Deutschland und meinem Leben hier?

Das wohl Offensichtlichste: Die Hitze. Das, was hier alles beeinflusst. Es gibt zwei Jahreszeiten sagen viele Dominikaner: Sommer und Hölle. Dieses Jahr fiel die Regenzeit im Mai komplett aus, weshalb der Juni bereits so heiß ist, wie es normalerweise erst im August wird. Die Menschen arbeiten deswegen weniger und langsamer. An der Supermarktkasse kann das ein durchgetaktetes deutsches Leben sehr gut aus der Ruhe bringen, wenn die Kassiererin 10 Minuten pro Klienten benötigt. Aber dafür sind die Supermärkte beeindruckend. Sie sind riesengroß und man findet alles was man braucht und noch mehr. Leider sind die Lebenshaltungskosten hier sehr hoch. Viele Dominikaner leben von jetzt bis jetzt, ohne an die Zukunft zu denken und geben ihr Geld häufig direkt aus.

Ebenfalls überrascht mich, dass Bildung in diesem Land häufig nicht mehr als persönliche Anreicherung ist. Bildung ist hier kein Schlüssel zur Karriere, im Gegenteil. Meine 15-jährigen SchülerInnen wussten bereits in welche Jobs der Papa oder der Onkel sie reinschleusen wird. Oft habe ich mitbekommen, dass es auf dem Jobmarkt der Dominikanischen Republik nicht um Bildung, sondern nur um Vitamin B geht. Kein Wunder, dass einige Schüler teilweise mit verschränkten Armen vor mir saßen und sagten: „Was willst du? Wir brauchen kein Deutsch.“ Jeder scheint also tatsächlich in seine Rolle hineingeboren zu sein. Was für ein Luxus, den wir in Deutschland doch haben und wie wenige ihn zu schätzen wissen, wenn sie stöhnend vor der Studienwahl stehen und „irgendwas“ beginnen zu studieren, was ihnen nicht gefällt. Wie cool, dass wir unsere Leidenschaft zu unserem Beruf machen können und damit eine ganze Familie ernähren können.

Trotzdessen bin ich wunderbar überrascht von der dominikanischen Mentalität als Reaktion auf diese Probleme und Missstände. Gott ist hier alles. Und deshalb wird auch alles gut, weil Gott alle liebt – das Lebensmotto der Dominikaner.

Die Menschen stöhnen nicht oder regen sich nicht stundenlang über etwas auf, wenn etwas nicht funktioniert, sondern sie werden erfinderisch. Sie helfen einander und nirgendwo bist du allein. Denn man hat Familie ohne eine zu haben. Dazu gehören die Nachbarn, der Handwerker, die Freunde und die Kollegen. Das ist alles sehr oberflächlich für deutsche Verhältnisse aber für den Moment weiß man wer da ist und darum geht es hier in der Dominikanischen Republik: um den Moment.

*Auszug Internetauftritt kulturweit.

4 Mädchen mit 4 großen Rucksäcken durch Mexiko

Am Freitag, 31.05. machten wir uns auf den Weg Mexiko gen Süden zu erkunden. Wir, das waren die Halb-Marokkanerin Anissa, die Bayerin Kathrin, die „Könnte auch Brasilianerin sein“ Evita und ich, die Clichée-Deutsche (ich galt meist als Spielverderberin mit hell blonden Haaren und blauen Augen). Wir waren also eine ziemlich coole Truppe 🙂 .

Unser erstes Ziel war Puebla de Zaragoza, eine 1,6 Millionen Stadt in Zentralmexiko. VW ist hier der größte Arbeitgeber. Kein Wunder, ich hätte das „mexikanische Wolfsburg“ auch hier her gelegt: Eine gemütliche Innenstadt mit netten Geschäften und Cafés und eine riesige Kathedrale, die sogar höher sein soll als die in Mexiko-Stadt. Aber das ist nicht die einzige Kirche in Puebla! Die Stadt hat 365 Kirchen. Ein spannender Grund für mich als Protestantin mit meinen Mitreisenden, einer Muslimin und zwei Katholiken, über den katholischen Glauben und die Rolle von Geld und Prunk zu diskutieren.

Am Abend fragten wir den Rezeptionisten unseres Hostels nach Möglichkeiten in der Stadt feiern zu gehen. Er verstand zunächst nicht was wir wollten. Als wir ihm erklärten, dass wir tanzen wollten, sagte er: „In der Innenstadt sind einige Cafés, da gibt es auch manchmal Musik.“ Ok, wir waren definitiv an den Falschen geraten. Auf der Suche nach einer netten Abendbeschäftigung landeten wir dann in einem Kino – ein cooles Erlebnis. Denn in Mexiko ist die Kinokultur sehr ausgeprägt. Wir bezahlten rund 3€ für Eintritt und eine riesige Portion karamellisiertes Popcorn und schauten Alladin auf Spanisch. Der Kinosaal war voll! Mitten im Film stand auf einmal vorn vor der Leinwand eine Frau, die uns lautstark von ihrer Lebensphilosophie überzeugen wollte. Wenig später wurde sie von dem Kinopersonal raus begleitet. Klar, bei so niedrigen Preisen hat fast jeder Zutritt ins Kino, aber so hat der Kinosaal in Mexiko auch eine ganz andere Bedeutung als in Deutschland: Es ist DER socialising-Raum schlecht hin: Hier trifft man sich, plaudert und lernt neue Leute kennen.

Am Tag darauf nahmen wir einen ziemlich klapprigen Bus, der uns in die benachbarte Stadt Cholula chauffierte. Hier tobt das Leben auf der Straße: Es wird gegessen, verkauft, gerufen und gelacht. Bereits aus der Innenstadt sieht man eine riesige Kirche auf einem Berg prangen. Diese Kirche befindet sich auf den Ruinen der größten Pyramide der Welt. Nach einem Mittag auf der Straße (Essen ist Priorität Nummer 1 in Mexiko, weshalb das wohl auch das Land mit der größten Diabetis- und Fettleibigkeitsrate ist), bestiegen wir die Pyramide bis zur Kirche. Von dort aus hatten wir einen fantastischen Blick auf Cholula und den riesigen, aktiven Vulkan hinter der Pyramide. Es gibt außerdem einen Tunnel durch die Pyramide, den wir auch passierten. Wirklich ein gigantisches Bauwerk, und sehr schade, dass es durch den Bau der Kirche so zerstört wurde. Angesteckt von dem Essenswahn Mexikos fuhren wir erst wieder aus Cholula, nachdem wir auf einem kleinen Jahrmarkt einen leckeren Crêpe verzehrt hatten.

Am Abend trafen wir eine Bekannte einer Mitreisenden, die in Puebla wohnt, mit ihren Freunden. Sie zeigten uns den hippen, neuen Stadtteil Pueblas. Dort fuhren wir Riesenrad, hinein in den Nachthimmel der Stadt mit all ihren Lichtern. Danach ließen wir den Abend in einem netten Restaurant bei angeregten spanischen Gesprächen ausklingen. Anissa meinte die Anderen vor mir warnen zu müssen: „Sie sieht zwar so Deutsch aus, wie man nur aussehen kann, aber ihr Herz ist so was von Latina, keine Sorge!“

Am Tag darauf ging unsere Reise weiter. Ein Bus brachte uns auf einer 5-stündigen Fahrt nach Veracruz, an den Golf von Mexiko. Leider erwartete uns die Stadt mit Regenwetter. Trotzdem trauten wir uns am darauffolgenden Tag raus und ans Wasser. Die Promenade der Stadt, die uns von unserem Hotel, das etwas außerhalb lag, in die Innenstadt führte, ist voller Kontraste in der Baukultur: Da ist eine Ruine mit einem „zu vermieten“-Schild neben einem hochmodernen neuen Bankgebäude von Santander und danach folgt ein halb abgerissenes Haus. In Veracruz gibt es leider wenig kulturelle Sehenswürdigkeiten und die Strände, die wir aufgrund des Unwetters auch nicht aufsuchten, befinden sich wohl eher außerhalb der Stadt. In den zwei Tagen in Veracruz besichtigten wir die Festung und das kleine Stadtzentrum. Dank unserer Rezeptionistin und dem Machismos kamen wir sogar in den Marinestützpunkt des Atlantiks und bekamen von zwei gut aussehenden uniformierten Marine-Soldaten eine private Führung – ziemlich cool.

Die Küste bei Veracruz

Und dann stand die Reise zu unserem letzten Reiseziel und wohl dem beliebtesten und bekanntesten Reiseziel Mexikos an: Cancún. Diesmal flogen wir und das sollte ein Abenteuer werden. Pünktlich, wie es sich für uns kulturweit-Freiwillige nun mal gehört, fanden wir uns an dem kleinen Provinzflughafen in Veracruz ein. Die Gepäckaufgabe und die Sicherheitskontrolle passierten wir schnell und überlegten uns gerade – wir waren schließlich in Mexiko – was wir zu Abend essen sollten (obwohl niemand von uns mehr von „Hunger“ sprechen konnte 🙂 ), da kam eine Durchsage, die uns eine 2-stündige Verspätung unseres Fluges verkündete, der um 22 Uhr hätte gehen sollen. Auf Nachfrage bei dem Personal der Fluggesellschaft erfuhren wir, dass es erst ab einer Verspätung von 3 Stunden eine Entschädigung für die Fluggäste gäbe. Also entschieden wir uns mit Abendbrotessen und „Stadt-Land-Fluß“ auf Spanisch spielen die Zeit zu vertreiben. Währenddessen schlossen langsam die wenigen Geschäfte, die der Flughafen zu bieten hatte. Im letzten Moment ergatterten wir noch eine Flasche Wasser, dann waren wir mit den anderen Fluggästen allein in der Wartehalle. Weder Personal, noch Lebensmittel waren aufzufinden. Als die nächste Verspätung angesagt wurde, fanden wir vor der Sicherheitskontrolle doch noch einen Angestellten unserer Fluggesellschaft. Er erwiderte unsere Beschwerden mit Unverständnis und sagte die Verspätungen lägen am „Wetter“, weshalb uns keine Entschädigung zustünde. Wir probierten noch zu diskutieren, doch kamen zu keinem Ergebnis.

Endlich, um 2 Uhr morgens. startete das Flugzeug dann und wundersamer Weise landeten wir auch sicher in Cancún. Unser nächstes Problem: Morgens um 4 fuhren keine Taxis mehr, sondern nur super teure Shuttles, die uns, dank unseres Aussehens, noch extra über das Ohr ziehen wollten. Nach langem Hin und Her fanden wir endlich eine Möglichkeit in unser Hostel zu gelangen. Im Hostel fiel uns dann jedoch eine mysteriöse Abbuchung bei einer vom Kreditkartenkonto einer Mitreisenden von uns auf. So konnten nur 3 von uns schlafen, die Andere verbrachte die frühen Morgenstunden auf der Polizeidienststelle und musste ihre Bankkarte sperren lassen. Doch viel Schlaf blieb auch uns nicht, denn um 8 Uhr am nächsten Tag brachen wir nach einem wunderbaren Frühstück auf, um eines der sieben modernen Weltwunder zu besichtigen: Eine Stadt der Maya aus dem Jahr 650: Chichén Itzá. Wirklich ein heißes, anstrengendes aber atemberaubendes Erlebnis, verewigt mit einem Stempel im Reisepass.

In unseren letzten Urlaubstagen lernten wir dann Cancún von seiner typischen Seite kennen: Wir fuhren mit einer Fähre zur naheliegenden Isla Mujeres und in die Zone der Hotels und genossen Sonne, Strand und Karibik.

Ein Urlaub ging zu Ende, in dem wir viel erlebten, viel lachten, viel lernten, viel nachfragten, viel aßen, zwei Mal während einer Woche ins Kino gingen und mit gebräunter Haut und tollen Erinnerungen zurückkehrten – jeder Einzelne in sein Einsatzland und seine Einsatzstelle. Jeder Einzelne mit anderen Hoffnungen und Ängsten.

Bienvenida a los Estados Unidos…….de México!

Tatsächlich gestaltet es sich eher schwierig von der Insel Hispaniola schnell und günstig herunter zu kommen. Das Zwischenseminar meines Freiwilligendienstes fand aber nun in Mexiko statt. Also machte ich mich am Samstag vor zwei Wochen auf eine 5-stündige Flugreise. Mit viel Vorfreude, leeren inneren Batterien, die dringend aufgeladen werden mussten und einem kleinen Rucksack landete ich in Mexiko Stadt. Die Landung war schon atemberaubend. So eine riesige Stadt hatte ich noch nie gesehen: Die Miniaturhäuser hörten gar nicht mehr auf und als ich dachte das Zentrum erspäht zu haben, kam gleich noch eines hinterher und noch mehr Gebäude, Straßen und Menschen. Und ganz viel Nebel, der sich später als Smog heraus stellte, und innerhalb der Stadt dazu führt, dass man nicht einmal einen Kilometer weit schauen kann – wie mir später erklärt wurde.

Am Flughafen wartete ich seelenruhig auf zwei andere Freiwillige aus Kolumbien, mit denen ich zusammen in die Stadt fahren wollte. Genüsslich verzehrte ich mein Mittags-Sandwich und ließ mein Handy langsam mit dem Internet verbinden. Als es das irgendwann getan hatte, bekam ich mit, dass die beiden in Panamá hängen geblieben waren und erst am folgenden Tag kommen sollten. Oh Mensch: Anna allein in Mexiko Stadt. Also: Geld abheben, raus gehen, böse gucken und den am vertrauenswürdigst aussehenden Taxifahrer schnell und bestimmend auf Spanisch ansprechen – es klappte. Wenig später saß ich bei offenen Fenstern und mexikanischer Musik im Auto eines netten Fahrers, der mir sogar abkaufte Dominikanerin zu sein. Die Situation wendete sich allerdings bald, als er die schöne Musik leiser drehte und er eine Frau über Lautsprecher anrief. Er: „Gib mir doch deine Freundin, wenn sie bei dir ist“ – zunächst wiederholte er diesen Satz mehrmals. Unwissend von dem was passieren würde, war ich eher genervt davon, dass er das Radio leiser gedreht hatte, als dass ich mir Mühe gab, den Sachverhalt zu verstehen. Erst beim dritten Telefonat mit der gleichen Frau, als auch wiederholt Sätze von ihm fielen wie „Ich weiß ganz genau dass er bei dir ist.“, „Es ist vorbei. Ich komme gleich vorbei und werde meine Sachen holen!“ und „Bleib doch bei deinem Schatz.“, realisierte ich langsam was ich gerade live miterlebte: Mein Taxifahrer hatte sich soeben über Lautsprecher von seiner Frau getrennt. Zwischen den Gesprächen versuchte er mir dann seine Situation zu erklären und fragte mich sogar nach Rat! Als seine Frau ihn fragte, ob er denn nicht gerade einen Kunden hätte, meinte er nur „Die ist Gringa (Amerikanerin) und versteht eh nichts“, schaute in den Spiegel und zwinkerte mir zu– ich war wohl wirklich in Mexiko angekommen.

An dem Wochenende vor Beginn des Seminars trudelten wir (die 11 Freiwilligen aus Kolumbien, Mexiko und ich, aus der Dominikanischen Republik) langsam in Mexiko-Stadt ein. Bereits beim Vorbereitungsseminar (im März 2019 in Berlin) waren wir zu einem coolen Team zusammengewachsen, sodass es ein freudiges Wiedersehen gab. Super Glück ist es auch, einen Historiker und Mexikoexperten als Mitfreiwilligen zu haben, mit dessen Hilfe wir die Stadt zwar kurz aber knackig kennenlernten. Natürlich könnte ich darüber schreiben, aber da es ja mein Blog ist und kein Reiseführer, belasse ich es lieber dem, meiner Meinung nach, Spannendstem: Meinem ersten Eindruck und meinen spontanen Gefühlen: Ich ging nach Monaten wieder in einer Masse Menschen unter oder hatte wenigstens das Gefühl, dass ich nicht die Einzige bin mit heller Hautfarbe. Und: Zivilisation. Ganz komisch aber wahr: wieder Kultur, Cafés, Spazierengehen. Auch die Autos kamen mir merkwürdig vor. In Santo Domingo können sich nur die wohlhabenden Menschen ein Auto leisten, so prägen dort das Straßenbild (den nicht TÜV-würdigen Carros Publicos mal ausgeschlossen): Porsche, Mercedes, Crysler etc., meistens SUV mit getönten Scheiben. In Mexiko-Stadt gab es alle verschiedenen Größen und Modelle von Autos. Ein erster Eindruck, der mich erstaunte. Das hatte ich nicht so erwartet.

Auch nicht erwartet hatte ich, dass das 5-tägige Zwischenseminar ein reiner Traum werden würde. Ungefähr eine Stunde von Mexiko-Stadt in den Bergen auf 2700m Höhe trafen wir uns, 11 Freiwillige mit der Trainerin, dem Hausherren eines wunderschönen Chalets inmitten der Berge und purer Natur sowie zwei lieben Köchinnen. Die Zeit war wortwörtlich zum Durchatmen da, denn die Luft war frisch und morgens noch sehr kühl und auch die Stille wirkte sehr heilend.

Zwischen Reflexion und Analyse der bisherigen 3 Monate im Freiwilligendienst zauberten die lieben Köchinnen uns mexikanische Geschmackswunder. Das leckere Essen, die uns umgebende Natur, der friedliche Schlaf und der tiefe Austausch untereinander ließ mich oft meine Frustration vergessen, die ich spürte, wenn die Anderen von ihren Arbeitsstellen und Erfahrungen berichteten und ich immer nur wieder von meiner katastrophalen Einsatzstelle berichten konnte.

Das wohl krasseste Erlebnis des Seminars war ein Ausflug mit unserem Hausherren zu seinen Freunden in ein Temazcal. Dabei handelt es sich um ein Dampfbad, welches im mesoamerikanischen Raum archäologisch belegt ist. Es geht dabei nicht um Spa, wie bei einem Saunagang, sondern um den therapeutischen Zweck; in erster Linie um die Heilung von Krankheiten. Wir saßen 3 Stunden in einer Art Steiniglu zu dreizehnt in Badekleidung. In vier verschiedenen Etappen wurden heiße Steine in die Mitte in ein großes Loch gelegt und später mit Wasser immer wieder aufgegossen.

In dem stockdunklen Raum atmeten wir, lauschten den zwei Anleitern und ihren Gedanken zu Leben, Leistung und Schicksal und musizierten wir. Der wohl emotionalste Moment: Wir sprachen die Dinge aus, die wir dort, im Temazcal, zurücklassen wollten. Es wurde immer heißer und am Ende befand ich mich fast in einer Trance. Als das Ritual beendet war, Licht uns wieder erreichte, wir langsam unseren Kreislauf zu sich kommen ließen,  und die ersten das Steinglu verließen, lag ich einfach nur auf dem Boden und weinte still. Ich weiß nicht warum und wie es dazu kam. Aber es tat gut und im Nachhinein war es einfach nur umwerfend. Was auch immer ich dort zurückgelassen habe, in der Nacht danach habe ich so gut geschlafen wie seit drei Monaten nicht mehr, und meine Batterien waren wieder im grünen Bereich.

(Fortsetzung über anschließende Backpacking-Tour folgt!)

Titel machen Leute

„Warum hast du dich dazu entschieden deinen Freiwilligendienst zu machen?“ – Puh, so eine grundlegende Frage ist schwierig aus dem Stand zu beantworten und erst recht wenn sie von einer „Frau Dr. Phil. Dipl. Ing. so und so“ kommt. „Ähm, vor dem Studium wollte ich nochmal…..“, ich merke wie ich beginne zu stammeln und mir wird heiß. Ich ärgere mich weil ich doch eigentlich ganz genau weiß, warum ich das hier mache! Doch ich fühle mich wie in einem Bewerbungsgespräch.

Im Nachhinein muss ich darüber schmunzeln. Frau Dr. Phil. Dipl. Ing. Ulrike Kuch von der Bauhaus Universität Weimar kam letzte Woche Santo Domingo, anlässlich der Festivitäten zu „100 Jahren Bauhaus“, besuchen und ungefähr so wie oben beschrieben lief unser erstes Gespräch ab. Ich sage ich muss im Nachhinein darüber lachen, weil ich mit der lieben Ulrike im Verlauf der Woche, in der sie hier war, Wunderhöhlen besichtigt und zusammen mit einer Freundin viel gekocht habe, wir zusammen Rum getrunken und über Finnland geträumt haben, und beide schrecklich geweint haben.

Aus dem Respekt vor ihren ganzen Titeln wurde Mitfiebern bei ihren Vorträgen und Zusprechen wenn sie an der lokalen Organisationsweise scheiterte.

Ulrike Kuch war also hier um diverse Vorträge über das Bauhaus zu halten, über dessen Geschichte und dessen Bedeutung, über dessen Existenz in der Dominikanischen Republik zu philosophieren und um an Veranstaltungen dazu teilzunehmen, die die deutsche Botschaft organisierte. Mir sagte Bauhaus vorher nicht viel, doch sie schaffte es gut auf Englisch ihr Publikum (meist Architekturstudenten) in ihren Bann zu ziehen und ihnen die Interpretationsfreiheit von Bauhaus – einer Architektur der Moderne – zu eröffnen. Da war Walter Gropius, da ist die Bauhaus Universität Weimar, und es gab eine politische Bewegung und da waren Exilanten unter dem nationalsozialistischen Regime, die ihre Ideen von Bauhaus in die Welt trugen.

Also erhielt ich oft innerhalb der letzten Woche, wenn ich Ulrike zu einem bestimmten Gebäude oder Bild fragte: „Ist das denn jetzt Bauhaus?“ die Antwort: „Kommt darauf an, was Bauhaus ist.“ Einer ihrer Vorträge, bei denen ich sie mit Meike Schröer vom Deutschen Akademischen Austauschdienst begleitete, fand im Centro Léon in Santiago de los Caballeros statt. Wir fuhren gemeinsam mit einer Abordnung der deutschen Botschaft dorthin: 150 km durch die verschiedensten Grüntonarten an Natur, durch Berge und kleine Dörfer, spanisch-, englisch-, und ab und zu deutschsprechend. Die Konferenz in Santiago war sehr spannend: Neben Ulrikes Vortrag ging es in einer Diskussion von verschiedenen dominikanischen Architekten darum, wo sie ihrer Meinung nach im Land Züge von Bauhaus vorfinden. Der Architekt Alex Martinez Suárez forscht sogar gerade dazu. Auch das Centro Léon selbst, mit seinen Ausstellungen zu karibischer Geschichte und Kunst ist sehr beeindruckend, wir bekamen nach der Konferenz noch eine Führung durch die großen, kreativ hergerichteten Ausstellungsräume. „Karibik, das ist nicht nur ein Meer, das ist ein Gefühl, welches uns miteinander verbindet.“ – sagte die Museumsführerin.

Ulrike Kuchs Woche ging zu Ende mit einer Fotoausstellung am Freitagabend im Centro Dominico Alemán in Santo Domingo. Gezeigt wurden schwarz weiß Aufnahmen von verschiedenen Architekten: Ausschnitte von Gebäuden und Perspektiven von Treppen aus Santo Domingo oder Santiago. Der deutsche Botschafter Dr. Volker Pellet eröffnete die Ausstellung, mit seiner Frau kam ich während des Empfangs ins Gespräch (die Frau des Botschafters!!!). Zunächst erlebte ich ein Déjà-vu, als Frau Pellet sich zu mir wandte und mich fragte: „Und was machen sie hier? Und was ist das genau, PASCH?“ „Ähm…“ – Das kann doch jetzt nicht sein, habe ich etwa vergessen was mein Job hier ist?! „Schulen, Partner der Zukunft“ – sage ich endlich stockend und werde schräg gemustert.

Nach einem Stückchen sehr delikates servierter Bratwurst und einem Bier unterhielten wir uns nett und sie fragte sogar nach meinen Kontaktdaten, um sie zwei weltwärts-Freiwilligen weiterzuleiten, die sie über eine Freundin kennt.

Auch der Rest des Abends verlief nett und war ein gemütlicher Ausklang einer turbulenten Woche mit einigen personas muy importantes. Als der Botschafter sich bei mir verabschiedete und sagte ich könne mich immer melden wenn irgendwas ist, merkte ich dass wir doch alle irgendwie Menschen sind. Anscheinend machen nicht nur Kleider Leute, sondern auch Titel.

Mein ganz unkaribischer Alltag, jeden Tag anders

6 Uhr, spätestens 7 Uhr morgens ist hier meistens Schluss mit Schlafen. Es wird hell, warm und laut – alles Zeichen in den Tag zu starten. In den Tag starten heißt in meinem Fall einmal gaanz kalt duschen. Mittlerweile mag ich das sogar sehr 🙂 Dort wo ich wohne gibt es keine Fenster, nur Paneelen, die man aufschraubt zum Lüften, die keine Lärmisolierung leisten. Deswegen genieße ich es morgens auf dem vergitterten und überdachten Balkon, dem einzigen Ort mit Tageslicht meinen Porridge zu essen. Diese britische Angewohnheit kann ich nicht lassen, egal wo ich auf der Welt bin 🙂 Hier gibt es dazu fabelhafte Früchte, die wir nur als Importprodukte oder nur gar aus abgepackten Säften aus dem Supermarkt kennen: Ananas, Mango, Papaya, Maracuja – die natürlichen und einheimischen Vitaminbomben hier, einfach wunderbar.

Nach dem Frühstück mal eben zur Arbeit gestaltet sich leider schwierig. Meistens muss ich mich eine Stunde vor Beginn mit verschiedenen carros publicos, zu acht eingequetscht in einem normalen PKW, auf den Weg machen. Spätestens jetzt bin ich schweißgebadet. Da die carros aber immer nur eine Straße hoch und runter fahren, muss man meist Wege auch zu Fuß vervollständigen und oft die carros wechseln. Die Sonne ist hier sehr stark und das Klima ist tropisch, also letztendlich so als würde man sich den ganzen Tag in Hagenbecks Papageienkäfig bewegen. Diese feuchte Hitze macht zu Fuß gehen ab ca. 9 Uhr morgens unmöglich. Trotzdem quetschen sich die Menschen in lange Hosen und lange Blusen mit Blazer. Hier ist es sehr wichtig gut auszusehen, ganz unabhängig von dem Geld über das man verfügt. Shorts auf der Straße gelten eher als No-Go, die gehören nicht in die Hauptstadt. Außerdem sind viele Arbeitsplätze, Unis, Malls und Supermärkte dermaßen klimatisiert, dass man sich der Kälte dort mit entsprechender Kleidung schlichtweg wappnen muss.

Das Coole hier ist, dass ich eigentlich keinen festen Alltag habe. Nachdem ich meinen Freiwilligenplan umgestaltet habe ist jeder Tag hier anders, neu, spannend und sehr interessant. Ich fahre während der Woche viel durch die Stadt und habe unterschiedliche Einsatzbereiche. Dazu gehört meine ursprüngliche Einsatzstelle, die Schule, aber auch die Universität APEC und die technische Universität Santo Domingos, die INTEC. Ich unterstütze im Deutschunterricht, der rar in der Dominikanischen Republik ist, weshalb ich auch am Aufbau des Programms beteiligt bin. Dazu gehört u.a. die Beratung einer Schule, die ebenfalls dem PASCH-Netz angehören möchte und außerdem die Erarbeitung von Modulprogrammen für ein digitales Deutschlernprogramm. Zudem bin ich bei Beratungsgesprächen in der Deutschen Botschaft dabei, für Studenten, die die Stipendien des Deutschen Akademischen Austauschdiensts ausschöpfen wollen um in Deutschland oder anderen Ländern Zentralamerikas zu studieren. Einer Deutschlernenden, die gern einen Deutschen heiraten möchte, und für ein deutsches Visum ein A1-Niveau-Zertifikat benötigt, werde ich bald zusammen mit ihrer Tochter Nachhilfe geben.

So ist meistens meine Woche von Montag bis Samstag vollgestopft mit sehr interessanten und für die Kultur typischen Treffen, Terminen, Konferenzen, Workshops und Unterrichtseinheiten.

An den Wochenenden ergeben sich meistens nette Unternehmungen mit Bekannten und Freunden hier.

Mehrmals die Woche nehme ich auch am Kickbox-Training teil. Das findet in der schwülen Nachmittagshitze in einem Park statt und wird von einem international aktiven dominikanischen Boxer geleitet. Das Gefühl danach ist klasse. Das Training lässt mich gut abschalten und gibt mir mehr Selbstsicherheit auf der Straße. Zum absoluten Abschalten gehe ich auch zum Yoga im Botanischen Garten. Das ist eine coole Community dort und hat großen Effekt.

Für mich ist es eine enorme Umstellung jeden Weg planen zu müssen, da es keinen verlässlichen, flächendeckenden ÖPNV gibt und man daher viel Zeit auf den eher gefährlichen Straßen verbringt. Blond, blauäugig und hellhäutig ist das nochmal doppelt so gefährlich. Ich merke wie ich mich manchmal total sicher fühle und in anderen Momenten absolut gefährdet. Mittlerweile habe ich mir aber Umsicht und Vorsicht angewöhnt und kann besser einschätzen, wo es wann OK ist sich zu bewegen, dann geht das.

Der Alltag hier ist wirklich unkaribisch und es wird einfach gelebt, so wie es eben geht. Oft komme ich abends kaputt zurück und schlafe unter der Woche schnell ein. Kaum schließe ich die Augen höre ich wieder die Autohupen, spüre die Hitze und schaue auf die Uhr: Es ist 6 Uhr – vaaamos!

Die typische „struggle“-Phase eines Freiwilligendienstes

Wie bekommt man eine aufgekratzte Klasse zum Schweigen? Wie bekommt man Kinder mit ADHS zum Stillsitzen? Wie bekommt man Lernverweigerer zum Lernen? Wie geht man mit permanenten Angriffen und Beleidigungen von Schülerseite um, ohne sich diese zu sehr anzunehmen? Wie geht man mit einem Jungen, der das Asberger-Syndrom hat, um?  Wie ist man konsequent aber nicht streng? Fragen, die mich in den letzten Wochen überschwemmen und eine schnelle Antwort verlangen. Fragen, die mich zum Schwanken bringen. Fragen, die mir niemand beantwortet aber alle erwarten ich wüsste die Antworten. Ich muss dann immer wiederholen: „Ich bin Anna, 19 Jahre alt, habe gerade Abi gemacht und bin keine Lehrerin, noch habe ich eine pädagogische Ausbildung!“ Aber das scheint hier niemand zu verstehen oder nicht verstehen zu wollen. Denn ich bin ja Europäerin. Die können alles.

Vor fast drei Wochen bekam ich das Angebot meine Einsatzstelle nach Mexiko zu wechseln.

Tagelang wog ich das eine gegen das andere ab, suchte nach Lösungen. In Mexiko würde ich mit offenen Armen empfangen werden und hatte nette Gespräche. Letztendlich tut es mir leid, das Angebot nicht angenommen zu haben. Aber ich gehöre jetzt einfach in die Dominikanische Republik. Ich erschrecke mich selbst, dass ich das so sage, aber irgendwie ist da etwas dran, auch wenn ich es noch nicht ganz greifen kann. Natürlich würde ich niemals sagen, dass ich mich hier angepasst oder komplett eingelebt habe. Auch zögere ich immer „nach Hause“ zu sagen, wenn ich ausdrücken möchte in meine Wohnung zu gehen.

Aber ich habe das Gefühl, dass ich auf einem guten Weg dahin bin und möchte die Menschen und Orte, die ich bereits kennengelernt habe nicht einfach so hinter mir lassen ohne weiter kennenzulernen. Das ist ein bisschen so, als würde man ein Überraschungs-Ei öffnen, die spannende Anleitung des Spielzeugs überfliegen, ein kleines Stück der Schokolade probieren, aber den Rest liegen lassen und das Spielzeug nicht zusammen bauen.

Und auch wegen derjenigen Schüler, die mir etwas zurückgeben: Die kleinen Schülerinnen, die mich morgens umarmen und meine Haare bestaunen, die Schüler, die im Vorbeigehen „Guten Tag, Lehrerin“ sagen und ich weiß, dass ich ihnen das beigebracht habe. Und auch die Schüler, die mich anbetteln nicht zu gehen und unbedingt Deutsch lernen wollen. Aus all diesen Gedanken entwickelte sich zwischen Telefonaten und Mails mein neuer Plan.

Ich habe nun meine Lehrzeit im Projektarbeitsformat mit 3 Lerngruppen auf 2 Tage pro Woche minimiert. Den Rest der Woche habe ich die Möglichkeit an zwei Universitäten beim Deutschunterricht zu hospitieren, Tandem-Gespräche zu führen, Nachhilfe zu geben und dort an Projekten mitzuarbeiten. Ich bin letzendlich sehr froh diese Entscheidung getroffen zu haben und habe jetzt schon viele kulturelle Erlebnisse gesammelt, die mir als Vollzeitlehrkraft sicher verwahrt geblieben wären.

Natürlich bedeutet das mehr Eigeninitiative und Herausforderung, als wenn ich die Stelle nach Mexiko, in eine „perfekte Kulturweit-Einsatzstelle“ gewechselt hätte, aber ich möchte mich dem stellen und bin offen und gespannt auf das was noch kommt. Ich denke es ist ganz normal in einem Freiwilligendienst auf unbekannte, fehlerhafte und fehlende Infrastrukturen zu stoßen und dann damit klarkommen zu müssen. Das ist Teil der Erfahrung und auch super spannend im Nachhinein!

So schnell wird die Karibik mich nicht los.