Ein halbes Jahr voller „Wachstumsschmerzen“

Wachstumsschmerzen. Tun unglaublich weh, meistens in den Knien, das man sich manchmal gar nicht weiter bewegen möchte, doch man freut sich wenn man an der Messlatte steht und der Strich schon wieder ein paar Zentimeter höher gemacht werden kann als einige Monate zuvor. Wachstumsschmerzen.

Die Zeit rennt und ich fühle mich bereits zu Hause hier in Mexiko nach etwas mehr als 2 Wochen. Doch mir bleiben nur noch 2 Wochen. Nicht nur hier. Sondern auch in meinem gesamten Freiwilligendienst und in meinem gesamten Auslandsjahr, das ich jetzt an verschiedenen Orten gelebt, durchlebt und erlebt habe. Komisch irgendwie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles ein Ende hat. Dass ich nach einem halben Jahr wieder nach Hause komme, nach einem ganzen Jahr wieder für lange Zeit in Deutschland leben werde und direkt nach einer Woche von zu Hause wieder ausziehen werde. Ich bin im letzten Jahr 5 Mal umgezogen. Aber diesmal ist es definitiver, länger und beständiger. Natürlich freue ich mich auch endlich wieder alles was für mich „zu Hause“ bedeutet in die Arme zu schließen und bei mir zu haben, ich freue mich auf das Lernen in einer Universität und auch eben auf diese Beständigkeit; Menschen für mehr als einige Monate kennenlernen; ein langfristigeres Leben aufbauen als im vergangenen Jahr.

Aber natürlich ist ein Stück meines Herzens in Argentinien hängengeblieben, ein klitzekleines in der Dominikanischen Republik und ein Stück auch hier in Mexiko. Es gibt nun zahlreiche Orte in Süd- und Nordamerika, die ich auch „zu Hause“ nenne und von denen ich mich nur schwer trennen konnte oder trennen werde können. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, nicht mehr täglich auf Spanisch zu kommunizieren, auf Spanisch zu träumen, zu fühlen und zu lieben – wie ich es die letzten 12 Monate tat. Ich kann mir nicht vorstellen wieder zurück in die deutsche Negativität zu tauchen, in die leistungsorientierte Gesellschaft zurückzukehren und wieder mehr über das Wetter zu reden als über die Liebe.

Natürlich wird mir vieles fehlen, aber ich habe auch gelernt wie glücklich mich mein Heimatland macht und das vieles meiner Heimat meine Persönlichkeit formt.

Geduld, Verständnis, Unverständnis und Energie raushauen und nichts zurückbekommen – hier in Mexico City fällt mir nochmal mehr auf, was ich alles in Santo Domingo erlebt habe und wie anders mein Freiwilligendienst doch hätte laufen können; mit so viel mehr Wertschätzung, Dankbarkeit, Geborgenheit und Herzlichkeit, die ich hier in Mexiko am Goethe-Institut und auch in meiner Freizeit täglich erfahren darf.

In Santo Domingo war ich von Anfang an auf mich allein gestellt, denn meine Einsatzstelle und meine Ansprechpartnerin haben sich nicht für mich interessiert, während sie mich gleichzeitig als kostenlose Deutschlehrkraft ausnutzten. Sie holten mich nicht vom Flughafen ab, unterstützten mich nicht bei der Suche einer Wohnung; sie halfen mir nicht beim Einleben und ließen mich allein. Meine Ansprechpartnerin habe ich 4 Mal während meiner Zeit gesehen(!) . Ich habe gegeben, gegeben und mich ausgepowert. Lauter Versprechungen bekam ich zu hören: Wir werden so viel mit dir unternehmen; im Sommer machen wir ein großes Sommer-Camp, wo wir deine Unterstützung brauchen; die Schule hat so viele Möglichkeiten für dich und wir tun alles – keine davon wurde wahr. Ich kollidierte mit der Oberschicht des Landes, suchte Halt, fand diesen zunächst in meiner Vermieterin, die mich jedoch auch irgendwann fallen ließ – und hier war ich, in der Einsamkeit.

In der Dominikanischen Republik habe ich oft „Wachstumsschmerzen“ gehabt, habe schwere Zeiten durchlebt, viel geweint, viel Frustration und viele Niederlagen erfahren und unglaublich viel an mir selbst gezweifelt. Ich habe gelernt was es bedeutet einsam zu sein, habe gelernt nicht den Mut zu verlieren, habe ihn dann doch manchmal verloren und habe trotzdem nie aufgegeben. Ich habe so unterschiedliche Menschen kennengelernt, habe so viel über Menschen gelernt und habe mir so viele Fragen gestellt.

Auch die Frage „Warum musste das alles genauso laufen“ ging mir oft nicht aus dem Kopf, insbesondere wenn mir andere Freiwillige aus Kolumbien oder Mexiko von ihrer großartigen Einsatzzeit berichteten. „Finde ich mein FSJ doof?“ „Warum bin ich noch hier?“

Ich bin so dankbar den letzten Monat hier in Mexiko-Stadt verbringen zu dürfen. Nicht nur weil ich all das erleben und erfahren darf, was mir in den letzten 5 Monaten in der Dominikanischen Republik verwehrt wurde oder fehlte, sondern auch weil ich Zeit habe alles zu reflektieren. Mittlerweile bin ich mit mir in Frieden gekommen mit den Erlebnissen und Erfahrungen aus Santo Domingo. Ich habe gemerkt, dass ich keine sozialen Probleme habe und dass ein Job auch ganz anders aussehen kann 🙂 .

Im Nachhinein bin ich aber dennoch sehr dankbar für diese komplizierte Zeit, in der ich mich oft verlor. So viel wie ich während meines Freiwilligendienst gelernt habe, habe ich während meiner gesamten Abizeit nicht gelernt (und da dachte ich schon ich wüsste jetzt alles 🙂 ).

Während meiner Zeit in Santo Domingo hat mich insbesondere das Kickbox-Training sehr gestärkt. Das Team und der Trainer waren großartig. Nach jedem noch so frustrierenden Tag ging es in den Parque Mirador Sur, wo wir erstmal 20 Mal die langen Treppen hoch und runter laufen mussten als Aufwärmung und später wurde all der Frust in das Kissen geboxt- bis die Hände wehtaten.

Ich finde es so ironisch, wenn ich nun am Ende der Zeit nochmal zurück an den Artikel denke, der von mir in unserer Lokalzeitung erschien, bevor ich mich auf den Weg machte. Ich erinnere mich noch gut an die Kommentare auf Facebook dazu, an einen ganz besonders, weil er mich ziemlich traf: „Karibik ist doch viel mehr Komfortzone als das Wendland!“

Ich schmunzele darüber nun, während all die Bilder in meinem Kopf des letzten halben Jahres ablaufen und merke wie ich mir über einiges im Klaren geworden bin: Wir sind alle gleich geboren; sollten alle die gleichen Rechte haben. Doch trotzdem sind wir alle verschieden. Wir sind viele verschiedene Persönlichkeiten auf dieser Welt und haben alle verschiedene Voraussetzungen und damit in gewisser Weise auch Verantwortungen. Als Deutsche haben wir so viele Privilegien. Wir haben so viele Möglichkeiten. Lasst uns diese Möglichkeiten ausschöpfen und uns kennenlernen. Lasst uns herausfinden was wir wollen und das verwirklichen, denn ja, in Deutschland können wir das! Deutschland eröffnet uns die Welt. Aber Stopp: Deutschland ist nicht die Welt. Ein Jahr bin ich nun durch Nord- und Südamerika gereist und habe die Welt dort kennengelernt; ich habe das wirkliche Leben kennengelernt (und ja, auch gelernt dass unser Landkreis die mit Abstand verdammt größte Komfortzone dieser Welt ist!!). Ich bin zur Latina geworden und bin Deutsche geblieben. Ich habe mein Herz verteilt.

Ich komme nun als wandelnder Meltingpot zurück in meine Heimat, mit so vielen Geschichten im Gepäck aus den unterschiedlichsten Ländern und mit einem anderen Blick auf die Welt und meine Heimat.

Eines kann ich ganz sicher sagen: Ich bin sooo viel an mir selbst gewachsen (und bin viiiiiel bräuner geworden, denn ja, in der Karibik scheint wirklich die Sonne 🙂 ).

Ein Gedanke zu „Ein halbes Jahr voller „Wachstumsschmerzen““

  1. Liebe Anna,

    es ist spannend und sehr nachvollziehbar, was du über deine „Wachstumsschmerzen“ schreibst. Du hast deinen Horizont wunderbar geweitet. Hut ab!

    Herzlichen Gruß aus der ersten Heimat
    Jutta Weingarten, Schulleiterin FRG

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