2 Monate bin ich jetzt schon in China. Fern ab der Heimat habe ich viele neue Eindrücke gewonnen, andere Verhaltenweisen gesehen, leckere und weniger leckere Sachen gegessen auf der Straße und anderen Orten, die keineswegs dem westlichen Standard eines Imbisses gleichen, bin viele Zugkilometer gefahren und habe mich immer wieder über dieses andere Volk gewundert, das mir doch so vertraut sein sollte…
Der anfängliche Kulturschock ist überwunden.
Ich habe Fuß gefasst, aber bis ich richtig ankomme und mich einlebe, werden noch viele weitere Monate ins Land ziehen. Ich weiß, wo ich Dinge des täglichen Lebens bekomme, wo ich shoppen gehen kann (was nicht heißt, dass ich es schon in großem Stil gemacht habe) und kenne die Buslinien für die wichtigsten Verbindungen. Am Wochenende kommt Phillip aus Shanghai und dann werde ich auch alle Sehenswürdigkeiten hier gesehen haben. Letzte Woche hat endlich der Deutschunterricht hier angefangen, d.h. ich darf auch endlich anfangen zu arbeiten. Ich glaube, das ist eines der wenigen Male in meinem Leben, in denen ich arbeiten darf. Ich habe einmal hospitiert und einmal eine Geographieeinheit über Deutschland gehalten. Es hat zwar nur die Hälfte wirklich interessiert, aber es war ein gutes Gefühl endlich mal was Sinnvolles tun zu dürfen. Ich habe schon große Pläne für kleine Projekte, aber bei der Umsetzung muss ich noch schauen, ob die Schüler überhaupt Zeit haben und wie man das Projekt ihren doch beschränkten Sprachkenntnissen (A1) anpassen kann.
Eine Journalistin von der 北京青年报 (bei jing qin nian bao, eine Zeitschrift für Jugendliche) hatte mich im Geothe-Institut über meinen Alleingang nach China interviewt. Sie wollte alles von Motivation über Meinung anderer über mein Jahr hier bis zu meinen Eindrücken in China. Ich habe alles ziemlich detailliert beschrieben und das war auch der Auslöser über meine bisherige Zeit nachzudenken. Was habe ich gelernt? Welche Verhaltensweisen habe ich verstanden? Welchen ersten Eindruck hat China bei mir hinterlassen?
Chinesen sind sehr gastfreundlich. Das stimmt schon. Wenn man jemanden kennenlernt, wird man immer gleich nach Hause eingeladen, aber der Einladung sofort zu folgen, wäre nur unhöflich. Erst abwarten bis die Gastgeber wirklich drauf bestehen.
Chinesen drängeln, schubsen, quetschen und sind sonst auch sehr egoistisch. Alles wahr! Besonders die alten kleinen Frauen können das am besten. Da wundert man sich schon, wenn man von einer Oma über den Haufen gerannt wird, die einem nur bis zur Schulter geht. Und wenn die meisten Chinesen auf der Fahrbahn stehen und alle in eine Richtung blicken, bedeutet das, der Bus ist zu spät. Sie wollen alle die ersten sein, damit sie noch einen Sitzplatz abkriegen und beim Einsteigen geht das Gedrängele erst richtig los. Ohne Rücksicht auf Verluste wird der eigene Körper durch die Tür gebracht, die Fahrkarte kurz an den Automaten gehalten bis ein Piep-Ton erklingt und dann gehts weiter in Richtung Fahrzeuginnere, begleitet von einem monotonen 往里,往里, 往里走! (Geht ins Innere!) des Fahrers in einer Lautstärke, bei der man gerne noch ein Stück weiter weg rückt. Ein Bus kann nie zu voll sein. Einem Satz, dem die meisten Chinesen wohl zustimmen würden. Jedenfalls hält sie das nicht von ihrem Vorhaben in diesen Bus zu steigen ab. Auch in Qingdao gibt es überfüllte Busse und Dauerstau, weshalb eine Metro geplant ist. Aber egoistisch? Ich würde es eher als eine Angewohnheit als als eine Eigenschaft sehen. Wenn man in einem Land mit über 1,3 Milliarden Menschen lebt und in einer Stadt mit 7 Millionen, dann ist es verständlich, dass ein jeder für sich selbst sorgen muss, um auch einen Teil des Kuchens abzubekommen bevor alle anderen ihn aufgegessen haben. Ich glaube nicht, dass solche Schubs- und Drängelaktionen jemals böse gemeint sind oder von „schlechter Erziehung“ zeugen. Eher sind sie das Ergebnis einer für China „angemessenen, richtigen“ Erziehung, die durch ständigen Wettbewerb geprägt ist und schon in der Grundschule anfängt. Ich weiß nicht, wie es im Kindergarten zugeht, denn es gibt Schüler, die schon mit 4 Jahren eingeschult werden und es mag sein, dass das die klügeren und weiter entwickelten Kinder sind. In der Schule lastet schon ein gewaltiger Druck auf den Kindern; bis 22 Uhr werden noch Hausaufgaben gemacht und zwischendurch in Selbststudiumsphasen der Gelernte wiederholt. Jeder will der Beste sein, um an eine der besseren Unis zu kommen. Viele studieren wegen der besseren Aussichten und des geringeren Wettbewerbs auch im Ausland. So etwas wie eine Lehre gibt es gar nicht, weil zu viele Menschen da sind, die geringer qualifizierte Berufe erledigen können, und nur die bestens ausgebildeten Absolventen haben Chancen auf eine gutbezahlte Arbeit. Das Lohnniveau ist sehr niedrig hier. Ich habe von Lehrern gehört, die weniger als ich im Monat bekommen. Ein Schüler will sogar in Deutschland Abitur machen, weil ihm die 高考 (Aufnahmepüfung der Universitäten, vglb. Abitur) zu schwer ist. Er hat Horrorgeschichten über die Prüfungen gehört und lernt deshalb besonders fleißig Deutsch. Er ist der einzige Schüler mit A2-Level und fährt auch zur Deutscholympiade.
Chinesen spucken. Was in Europa unvorstellbar ist, ist hier Normalität. Männer, Frauen, Busfahrer und auch Frauen, die etwas schicker angezogen sind, alle spucken sie wie wild durch die Gegend. Nur Kinder und Jugendliche habe ich bis jetzt noch nicht spucken gesehen. Meine Theorie ist, dass der Boden, auf den sie spucken, ja nicht ihnen gehört und auch privates Grundstück nicht wirklich den Bestizern gehört, sondern alles dem Staat. Deshalb kann es ihnen egal sein, in welchem Zustand der Boden ist, nicht sauber ist er sowieso. Ich weiß nicht, ob man meine Theorie soweit ausweiten kann, dass man sagt, sie spucken auf den Staat, denn Staatsuntreue möchte ich keinem Chinesen vorwerfen. Ich habe aber auch noch mit keinem Chinesen darüber gesprochen.
Chinesen trinken sehr viel. In Deutschland würde man bei einem Festessen am Anfang kurz anstoßen und dann trinkt jeder wann und soviel er/sie will. In China werden bei Einladungen zum Essen alle 5 min kurze Reden gehalten und danach heißt es dann immer 干杯!Leert das Glas! Die Frauen nippen meistens nur dran, während die Männer das kleine Glas leeren. Bei dem Ehrengast wird besonders drauf geachtet, dass er ja auch mittrinkt.
Chinesen sagen Ja und meinen Nein. Man redet gerne um den heißen Brei herum und umgeht ein Problem, in dem man solange über etwas anderes spricht bis der Fragende seine Frage schon vergessen hat. Will ich wissen in welche Klassenstufe mein Gegenüber geht, bekomme ich erstmal das ganze chinesische Schulsystem erklärt. Will ich wissen, wann die nächsten Ferien sind, werden mir sämtliche Ferienzeiten erklärt mit ihren ungefähren Längen nur um dann zum Schluss zu erfahren, dass der Schüler auch keine Ahnung hat. Allgemein hat hier niemand ne Ahnung, wann die Ferien anfangen. Man weiß nur ungefähr wann sie sein sollten (Januar oder Februar…) und bekommt es dann 2 Wochen vorher durch Lautsprecher angekündigt. Informationen werden hier so lange zurückgehalten bis es kurz bevor steht. Ich wusste ja auch nie wann der DE-Unterricht losgeht bis er dann losging. Was besonders aufällig ist, sind die Hierarchiestufen hier. Immer muss der Ranghöhere gefragt werden bis durch zum Direktor. So ziehen sich Entscheidungen über Wochen hin. Ich hoffe, dass die Deutschecke schnell genehmigt wird…
Das sind so meine bisherigen Einblicke in die chinesische Kultur. In einigen Monaten werde ich erneut ein Fazit schreiben und mal schauen, ob ich da was revidieren muss ;). Jedenfalls hoffe ich, mehr Chinesen kennenzulernen und werde deshalb demnächst auch mal den Germanistikstudenten einen Besuch abstatten.
Besonders cool find ich ja grad dein Wetter…Sand? Echt?^^