Von der Schwere des Abschieds und der Kunst des Ankommens

Von der Schwere des Abschieds und der Kunst des Ankommens

Liebe Leser*innen,

Nach einem Jahr, 365 Tagen sitze ich nun wieder im ICE. Diesmal auf dem Weg zurück „nach Hause“, oder den Ort, den ich früher „Zuhause“ nannte. Es scheint mir, als wäre es erst einige Wochen her, dass ich im ICE auf dem Weg nach Berlin saß, voller Ungewissheit, was das Vorbereitungsseminar und das kommende Jahr wohl bringen wird. Aufregung war da, Spannung, aber auch etwas Nervosität und Respekt vor dem großen, noch nicht greifbarem Etwas namens „kulturweit“.

Ein Jahr, 365 Tage später macht sich Wehmut breit, Abschiedsschmerz, die Ungewissheit, was kommt, aber auch Freude auf das Neue. Werde ich gefragt, wie es denn war, antworte ich mit „gut“, „toll“ oder „schön“, nicht wissend, wie ich meine Erlebnisse und Erfahrungen anders beschreiben soll, vor allem den Menschen, die nicht mit auf der Reise waren. Vermissen werde ich Namibia definitiv: Die ständig scheinende Sonne, die unwirklichen Landschaften, die Wüste, den Ozean, das entspannte Leben und die liebgewonnenen Freunde.

Klassentreffen in Johannesburg – 14.07.2018

Wenn ich jetzt schon in Erinnerungen schwelge, will ich doch zurückblicken in den Juli, als ich meinen letzten Blogeintrag schrieb. Juli heißt Winter auf der Südhalbkugel. Angenehme Temperaturen – in meiner Wahrnehmung nicht so angenehm warm – am Tag und Kälte um den Gefrierpunkt in der Nacht, und das bei schlecht isolierten Wohnungen ohne Heizungen und mit dünnen Fensterscheiben. Immerhin, die Sonne scheint! Arbeit stand ganz normal im Goethe-Institut und in der Schule an. Drei Highlights sollten in den letzten zwei Monaten noch auf mich warten. Mitte Juli flog ich für ein langes Wochenende nach Johannesburg und traf zwei Freunde und ehemalige Klassenkameraden, die beide bei Lufthansa als Flugbegleiter*innen arbeiten und zufällig am gleichen Ort zur selben Zeit waren. Klassentreffen in Südafrika! Wir besuchten gemeinsam das hippe Viertel Maboneng und schauten uns das Apartheid-Museum an. Doch am besten war das Wiedersehen mit den Freunden!

Die Swakopmund-Crew – 28.07.2018

Ende Juli sollte es noch einmal an die Küste gehen, nach Swakopmund. Zu fünft besuchten wir einen Mitfreiwilligen in Swakopmund, schauten uns den Blutmond am Strand an, bestiegen zum Sonnenuntergang Düne 7 und genossen den Ozean. Kurios: Der Winter ist in Swakopmund teilweise die wärmste Jahreszeit, da der Ostwind, der nur weht, wenn es auf dem Kontinent kühler als über dem Ozean ist, warme Wüstentemperaturen, aber auch Sand, bringt. Leider hatten wir Pech und es war nicht wirklich wärmer als in Windhoek, dennoch wunderschön.

Sonnenuntergang auf Düne 7 – 28.07.2018

Eine Woche später sollte das letzte große Highlight warten. Ein Roadtrip gemeinsam mit zwei kultuweit-Freiwilligen und zwei deutschen Freundinnen über den Caprivizipfel nach Botswana, zu den Victoriafällen und dem Okavangodelta und zurück. Man stelle sich vor, man sitzt in einem Bott auf dem Chobe-Fluss im Sonnenuntergang und umfährt eine Insel, auf der eine riesige Elefantenherde grast, Krokodile die letzten Sonnenstrahlen aufsaugen, Antilopen das saftige Gras ausnutzen und Bullen sich entspannen. Gleichzeitig sieht man neben dem Boot die Luftblasen eines Nilpferds blubbern. So oder so ähnlich hat es ausgesehen, die Bootstour auf dem Chobe bei Kasane in Botswana. In den nächsten Tagen folgten die beeindruckenden Victoriafälle in Simbabwe/ Sambia und eine Kanutour durch das Okavangodelta, ebenfalls begleitet von vielen Tieren. Nach neun Tagen, über 3000 Kilometern und zahlreichen wunderschönen Erlebnissen erreichten wir wieder Windhoek, wo mich meine letzte Arbeitswoche erwartete.

Diese Woche begann zunächst mit meinem Geburtstag, den ich gebührend mit meinen Kollegen, meinen Schülern und meinem Freundeskreis feiern durfte. Vieles sollte ab diesem Tag das letzte Mal (vorerst) gewesen sein. Der letzte Braai mit den Freunden, das letzte Mal voll einkaufen, das letzte Mal zum Rugbyspiel, die letzten entspannten Abende mit den liebgewonnenen Menschen. Freitags vor der Abreise konnte ich bei meiner Abschiedsparty mich von vielen Menschen verabschieden und meinen Ausstand geben. Dennoch war es bei mir irgendwie noch nicht angekommen, dass ich bald gehen sollte. Es war alles viel zu schön, um es hinter sich zu lassen. Namibia war und ist ein Stück „zuhause“ geworden. Mit dem Abschied von meiner Einsatzstelle und dem Packen kehrte die Realität zurück und ein wenig Wehmut lag schon in der Luft. Gleichzeitig kommt die Frage auf, wie es denn zurück in Deutschland, „zuhause“, sein wird. Wo ist denn jetzt „zuhause“ oder „Heimat“? Hat sich viel verändert und kann ich den Anschluss wieder finden?

Geburtstagsüberraschung durch meine 12er – 13.08.2018

Zeit zur Beantwortung und Reflektion gab es keine. Nach dem letzten Karaoke im Warehouse dienstags und dem letzten Farewell-sagen stieg ich ins Flugzeug zurück nach Deutschland. Im Sitz beim Start traf mich das Gefühl dann voll: Jetzt ist es vorbei! Du bist auf dem Weg zurück. Und zehn Stunden später hatte ich deutschen Boden wieder unter den Füßen. Es war einfach viel zu warm und zu schwül! Aber ich war froh meine Familie wiederzusehen und im alten Bett zu schlafen. Viel Zeit „zuhause“ blieb nicht. Vier Tage später rief das Nachbereitungsseminar in der EJB Werbellinsee bei Berlin. Ein Gefühl von „zuhause“ oder „Angekommen sein“  hatte sich noch nicht wirklich entwickelt.

Abschied am Flughafen – 22.08.2018

So ging es mit einem Gefühl der „Heimatlosigkeit“ nach Berlin und dann zum Werbellinsee. Fünf Tage, um viele Freiwillige der Ausreise September 2017 wiederzusehen. Fünf Tage zur Reflektion, Verarbeitung und Einordnung des vergangenen Jahres. Fünf Tage zum Ankommen und Austauschen. Über 300 Freiwillige versammelten sich wieder und wurden angeleitet durch viele Trainer*innen in den Homezones und Workshops wieder Fuß zu fassen und anzukommen. Im Laufe des Seminars entwickelte sich eine wunderschöne Stimmung. Jeder konnte viele Dinge erzählen, zuhören, Erlebtes einordnen und mit den eigenen Erlebnissen vergleichen. Niemand sagte nach dem dritten Mal „In Namibia…“ es reicht! Auch hier noch einmal Danke an kulturweit für die tolle Gestaltung des Seminars und das familiäre Gefühl, was gerade am Ende des Jahres unter vielen Freiwilligen aufkam.

Schließlich, am 31. August 2018 um 14 Uhr war unser FSJ zu Ende. Unser Vertrag lief aus und es ging wieder zurück nach Berlin und dann wirklich nach Hause. So langsam fühlt es sich wieder so an. Ich glaube ich bin angekommen – einigermaßen zumindest. Gewachsen an mir, an vielen Erfahrungen, Herausforderungen und Erlebnissen. Gestärkt mit Zuversicht, Tatkraft und vielen neuen und alten Freunden. Und in die Zukunft schauend – Das Studium steht an: Jura in Berlin. Das nächste Abenteuer wartet. Ich muss wohl wieder versuchen neu anzukommen!

Abschließend möchte ich mich bedanken bei kulturweit und dem ganzen Team, die dieses wunderschöne Jahr ermöglichten. Und wie es auf dem Seminar betont wurde: „kulturweit ist noch lange nicht vorbei!“ Bei meinen Einsatzstellen, dem Goethe-Institut Windhoek und der Windhoek High School und allen Kollegen vor Ort für die tolle Zusammenarbeit. Ein besonderes Dank geht an Corinna Burth, die mich über das ganze Jahr betreut und unterstützt hat. Vielen Dank an alle kulturweit-Mitfreiwilligen in Windhoek und alle anderen neugewonnenen Freunde, die dieses Jahr zu dem bisher schönsten meines Lebens machten. Bei meiner Familie für die Unterstützung von zu Hause. Und last but not least bei allen Leser*innen, die über das ganze Jahr meinen, am Ende doch nicht ganz regelmäßig bespielten, Blog gelesen haben. Es war mir eine Freude!

Dieser Beitrag ist mein letzter Beitrag auf diesem Blog. Bei Fragen oder Kommentaren könnt ihr mich gerne über die Kommentare hier, Facebook oder Instagram erreichen.

Euch alles Gute und hoffentlich bis bald!

Jonathan

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