Zuhause in der Fremde

Anfang April traf endlich mein lang ersehnter Familienbesuch in Mittelosteuropa ein: Mit meinem Bruder und meiner Mutter besuchte ich die zwei Donaumetropolen Wien und Budapest. Während meines Auslandsjahres hatte ich Wien und Budapest bereits jeweils zwei Mal besucht. Folglich waren die Aufenthalte in den beiden Städten ein Zusammenspiel aus der Wiederaufsuchung bekannter und der Entdeckung neuer Orte.

Neben der Reisen nach Österreich und Ungarn besuchte meine Familie auch mein „neues Zuhause“ in Nová Baňa. Während des Besuchs spürte ich, dass zwei Welten aufeinanderprallten: Meine Rolle als Tochter und große Schwester traf auf meine Rolle als alleinlebende Freiwillige. Trotz dieses Aufpralls war der Besuch für mich sehr wichtig. Meine engsten Bezugspersonen besitzen nun ein besseres Verständnis für meine Lebenssituation, da sie meine Wohnung, meinen Arbeitsplatz und einige Kontakte persönlich kennenlernen durften.

 

Der Besuch meiner Familie spannte sich zwischen großer Wiedersehensfreude und Abschiedstränen auf. Ich denke, dass es wichtig war meine Emotionen zuzulassen. Folgende Erkenntnis erleichterte jedoch meinen Umgang mit dem Abschiedsschmerz: Meine momentanen Erfahrungen sind in ihrer Intensität nur möglich, weil ich sie allein, ohne meine Familie, erlebe. Meine wachsende Selbständigkeit und die neuen Begegnungen resultieren aus dem ständigen Unterwegssein und der Verpflichtung dabei auf mich selbst angewiesen zu sein.

Der Abschied von meiner Familie wurde mir durch den Umstand erleichtert, dass mein Leben in Nová Baňa sehr routiniert ist. Als ich vor einem Jahr das Stellenangebot für Nová Baňa erhalten hatte, hatte ich mir nicht vorstellen können, dass es sich jemals so vertraut anfühlen würde, in einer slowakischen Kleinstadt zu leben.

Ich denke, dass sich das Gefühl von Geborgenheit aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt: Bedeutend ist sicherlich die Idylle Nová Baňas. Im Sonnenlicht ist die Landschaft in Nová Baňa ein Spektakel, an dem ich mich, nach all der Zeit, nicht satt sehen kann. Noch prägender für meine Zufriedenheit in der Mittelslowakei sind jedoch meine sozialen Kontakte. Ich empfinde große Dankbarkeit für meine Bekanntschaften in Nová Baňa:

Im blühenden Garten entzücken mich slowakisch-deutsche Unterhaltungen mit meiner Vermieterin und ihrem Ehemann.

In der Schule beglückt mich der Austausch mit den Schülerinnen und Schülern. Besonders der informelle Teil während der Pausen. Mit einigen Schülerinnen verabrede ich mich auch an den Nachmittagen, zum Spaziergang oder Cafébesuch.

Außerdem ist es eine glückliche Begebenheit, dass an meiner Schule eine junge Schulpsychologin arbeitet. Mittlerweile verbringen Majka und ich nicht nur unsere vegetarischen Mittagspausen gemeinsam, sondern treffen uns auch am Wochenende, zum Beispiel zum Inline-Skaten. Während slowakische Hügelspitzen im Sonnenlicht glitzern, freue ich mich über das wiederentdeckte Hobby aus Kindertagen.

Besonders wertvoll für meinen Aufenthalt in Nová Baňa ist die Freundschaft zu meiner argentinischen Kollegin Cecilia. Ihr Ehemann und sie laden mich zu sich ein. Gemeinsam trinken wir Mate und backen mit ihren Kindern Empanadas. Es bereitet mir Freude, diesen Schmelztiegel der Kulturen und Sprachen zu beobachten, und vielleicht auch selbst ein kleiner Teil davon zu sein.

Trotz meines Wohlbefindens an meinem Einsatzort, zieht es mich weiterhin regelmäßig in die Ferne. Am vergangenen Wochenende besuchte ich endlich meine Freundinnen Emmy und Cora in Košice. Wir sind die „Übriggebliebenen“ der großen Gruppe an Freiwilligen in der Slowakei. Unsere Gruppe ist so stark geschrumpft, weil die große Mehrheit der Freiwilligen nur einen sechsmonatigen Dienst im Ausland absolvierte.  Für mich verkörperte das Treffen mit Emmy und Cora Sicherheit und Vertrautheit. Uns verbindet die besondere Erfahrung seit acht Monaten in der Slowakei zu leben. Obwohl wir für uns alle unsere eigenen Erfahrungen erleben, teilen wir die Erinnerung an gemeinsame Stationen des Freiwilligendiensts: Unser Kennenlernen am Werbellinsee, das Zwischenseminar in Budapest und andere geteilte Wochenendausflüge, zum Beispiel nach Krakau oder Brünn.

Am vergangenen Wochenende in der Ostslowakei nutzten wir die gemeinsame Zeit für lange Abende auf dem Balkon und gemütliche Cafébesuche. Außerdem erhielt ich eine exklusive Führung durch Košice. Gemeinsam mit Emmy und Cora entdeckte ich zudem die drittgrößte Stadt der Slowakei, Prešov. Aus Prešov bleibt mir vor allem der Besuch der Synagoge als eindrückliche Erfahrung in Erinnerung. Die maurische Architektur des jüdischen Gotteshauses ist sehr besonders. Darüber hinaus unterhielten wir uns mit einer Angestellten des Museums – auf Slowakisch.

Zu meinen Gesprächen auf Slowakisch gehören weiterhin die Suche nach Wörtern und der Einsatz von Zeichensprache. Jedoch sind slowakische Unterhaltungen zu einem wichtigen Teil meiner Auslandserfahrung geworden. Die Gespräche auf der Landessprache schenken mir die Möglichkeit ein vielschichtiges Bild der Slowakei zu gewinnen. Ich bin besonders stolz auf die Entwicklung meiner Slowakischkenntnisse, weil mich die Sprache zu Beginn meiner Zeit in der Slowakei sehr eingeschüchtert hatte.