Irgendwo zwischen Freude und Trauer (Woche 41)

Diese Woche begann für mich ungewöhnlich früh, da ich seit Langem mal wieder Montagmorgens Unterricht hatte. Ich weiß, das ist Jammern auf hohem Niveau, aber Montags bis um 9 schlafen zu können, ist ein Luxus, an den ich mich schnell gewöhnt habe.

Das Aufstehen fiel mir dennoch relativ leicht, da der Grund dafür ein schöner und gleichzeitig auch ein bisschen ein trauriger war. Da die Stunden einer Klasse überraschenderweise alle ausfielen, weil entweder sie oder ich nicht da waren, hatten sie mich gebeten, ob wir nicht noch eine gemeinsame Stunde haben könnten. Nach einigem Hin und Her hatten wir endlich einen Termin gefunden: eben diesen Montagvormittag. Der Wunsch der Schüler:innen für die letzte Stunde (wie könnte es anders sein): Rausgehen und Eisessen. Also holten wir uns bei Brněnka  ein Eis und schauten anderen Klassen auf dem Schulhof beim Sport treiben zu. Ein durchaus gelungener Abschluss!

Die nächste Stunde war ebenfalls eine letzte Stunde mit einer Klasse, die aber gerne gemeinsam Spiele spielen wollte. Wir spielten also gemeinsam ein paar Runden „Codenames“ auf Deutsch/Tschechisch/Englisch und schließlich baten sie mich noch um ein „Artefakt“, das sie an ihre „Erinnerungswand“ hängen können. Der Gedanke, dass sie sich gerne an unsere gemeinsamen Stunden erinnern hat mich sehr gerührt und ich muss definitiv ein gebührendes „Artefakt“ finden.

Am Montagabend stand dann tatsächlich die letzte Tschechischstunde an, was mich fast noch trauriger gestimmt hat, als die letzten Unterrichtsstunden, da meine Klassenkamerad:innen in den letzten Monaten zwar immer mal wieder gewechselt haben, mir aber gerade die, die in den letzten Monaten dabei waren, sehr ans Herz gewachsen sind. Es ist ein komischer Gedanke, dass ich jetzt nicht mehr jeden Montag und Mittwoch in die Kounicová laufe, von Adli mit einem so fröhlichen „Ahoj!“, wie nur er es kann, begrüßt werde, über Mateuzs trockenen Humor lache, mit Aida über die Ähnlichkeit zwischen der deutschen und bosnischen Sprache diskutiere, mit Ema über alles und nichts während und nach dem Unterricht quatsche und mit Ahmet durch die abendliche Altstadt nach Hause laufe.
Entsprechend frustriert verkroch ich mich den Rest des Abends mit einem Buch im Bett, um mich ein wenig abzulenken, was auch, wie immer bei Büchern, Erfolg hatte.

Am Dienstag nutzte ich die freien Stunden, um meine Wohnung, die unter den vollen Tagen der letzten Wochen ein wenig gelitten hatte, wieder auf Vordermann zu bringen, denn es stand am Nachmittag ein Besuch an, auf den ich mich schon lange gefreut hatte! Freundinnen und Freunde aus Deutschland kamen zu Besuch, sodass es in meiner Wohnung erneut ein wenig eng wurde. Das war aber nicht weiter schlimm, da wir sowieso die meiste Zeit nicht in der Wohnung waren.

Den ersten Nachmittag verbrachten wir mit einem Bummel durch das Stadtzentrum und genossen den Sommerabend bei einem spanischen OpenAir-Konzert, das, wie so Vieles hier, einfach so, weil jemand Lust darauf hatte, stattzufinden schien.

Am Mittwoch schliefen wir aus, frühstückten spät, gingen einkaufen und machten uns schließlich erneut auf den Weg in die Stadt, um die Gegenden zu erkunden, die wir am Vortag noch nicht gesehen hatten. Oder naja, zumindest war ausschlafen der Plan. Dieser wurde allerdings von der Kinderdisco, die im Kindergarten neben meiner Schule ab neun Uhr stattfand, zunichte gemacht. Bei unserem Stadtbummel statteten wir dem ein oder anderen Laden einen Besuch ab und ich besitze jetzt eine dringend benötigte Kopfbedeckung. Und nicht nur irgendeine, sondern eine von einem Hutmacher in Brno, bei dem die Belege noch von Hand ausgefüllt und die verkaufte Mütze von Hand in ein Abrechnungsbuch eingetragen werden.

Pause im Schatten.

Nach einer Stärkung im Café Mitte erklommen wir die Burg (bei Temperaturen über 30°C kann man ruhig von erklimmen sprechen) und machten uns von da aus auf den Weg zu einem weiteren OpenAir-Konzert. Diesmal war es eine Veranstaltung der Musikschule von Antonie. Wir machten es uns im Park gemütlich, genossen den kühlenden Schatten und die Musik, Antonie gesellte sich für eine Weile zu uns und erzählte, dass sie Tante geworden ist und als wir schließlich hungrig wurden und es Zeit fürs Abendessen war, machten wir uns auf den Heimweg, wo wir die Packung Linsen, die ich alleine nie in der verbliebenen Zeit aufgebraucht hätte, vernichteten.
Den Abend verbrachten wir gemütlich im Trojka, der Studentenbar und genossen es, bis spätabends im T-Shirt im Freien sitzen zu können.

Hmmmmm 🙂

Da man von Seetagen nie genug haben kann, fuhren wir am Donnerstag an den Stausee, wo wir den ganzen Tag verbrachten, die Ruhe (bis wir Gesellschaft in Form einer Hockeymannschaft bekamen) und das kalte Seewasser genossen, das eine perfekte Abkühlung darstellte.

Zurück im Zentrum beschlossen wir, in der Stadt etwas zu essen und landeten schließlich beim besten Inder der Stadt, wo wir uns so satt aßen, dass wir das Gefühl hatten, nie wieder etwas essen zu können. Uns allen war nach einem Verdauungsspaziergang und so machten wir uns auf den Weg in Richtung Fluss, wo wir und schließlich auf eine der alten Fabrikbrücken setzten und die Ruhe und das weit entfernte Treiben der Stadt genossen und sogar eine Sternschnuppe sahen.
Ich hatte am nächsten Morgen allerdings zur ersten Stunde Unterricht, sodass es nicht allzu spät wurde, bis wir uns auf den Heimweg machten.

Die erste Stunde am nächsten Morgen fiel mal wieder in die Kategorie „Konversationsstunden mit Schüler:innen, die keine Konversation führen wollen“, sodass ich schließlich auf Spiele, die zumindest ein bisschen Konversation beinhalten, umschwenkte, um der Unterrichtsstunde zumindest noch ein bisschen Sinn zu verleihen.
Die zweite Stunde lief dafür umso besser, was vielleicht auch daran lag, dass ich die Klasse inzwischen schon ein Jahr kenne. Hier hatte ich eigentlich ein wenig Unterricht geplant, weil es aber die letzte Stunde war, saßen wir die kompletten 45 Minuten beisammen, sprachen über Politik, tschechische Musik, Wünsche für Brno und die Zukunft und ich stellte mal wieder fest, wie sehr mir diese Chaosgruppe doch ans Herz gewachsen ist.
Auch die darauffolgende Stunde war ein Abschied von einer Klasse, mit der es nicht immer einfach war, die mir aber trotzdem immer wichtig war, weil ich weiß, dass Corona sie, was den Deutschunterricht angeht, mit am schwersten getroffen hat und ich hoffe, dass sie diesen Nachteil aufholen können.

Nach einer Freistunde kam dann die letzte letzte Stunde des Tages, die wir mit Volleyballspielen im Schulhof verbrachten. Sport verbindet einfach und wir haben in der letzten Stunde viel gelacht und die Zeit ging schneller vorbei als mir lieb war.

Den Nachmittag verbrachte ich mit meinen Freunden zunächst im Botanischen Garten, bevor wir uns ein wenig in der Wohnung ausruhten und gemeinsam vesperten. Das Ausruhen war auch dringend nötig, denn am Abend wollten wir auf die lang angekündigte Schuljahresabschlussparty, die ein paar Schüler aus der Abschlussklasse organisiert hatten.

Ich war nicht ganz sicher, was uns erwarten würde, da ich die letzte Schulparty aufgrund von Corona verpasste. Kaum dort angekommen, war aber klar, dass der Abend klasse werden würde. Es war super schön, so viele Schüler:innen und Freund:innen noch einmal zu sehen und ich hätte niemals damit gerechnet, dass die Schüler:innen sich so darüber freuen würden, dass ich da war. Ich habe noch nie so viele überrascht erfreute Gesichter gesehen und habe irgendwann aufgehört zu zählen, von wie vielen Leuten ich alles umarmt wurde. Teilweise waren es Freund:innen, teilweise aber auch Schüler:innen, die ich zwar aus dem Unterricht kannte, von denen ich aber nicht gedacht hätte, dass sie sich darüber freuen würden, mich auf einer Party zu sehen, weil ich abgesehen von den Stunden, kaum etwas mit ihnen zu tun hatte. Nach diesem Abend habe ich wirklich das Gefühl, dass ich im letzten Jahr etwas Sinnvolles gemacht habe und das die Schüler:innen die gemeinsamen Stunden vielleicht tatsächlich genauso genossen haben, wie ich.

Umso schwerer war dann der Abschied von vielen Schüler:innen, die ich nicht mehr wiedersehen werde, bevor ich zurück nach Deutschland gehe. Ich habe im vergangenen Jahr so viele Menschen in mein Herz geschlossen. Manche haben eine größere Rolle in meinem Leben hier gespielt, andere eine kleinere, aber alle waren sie wichtig und haben das Jahr zu etwas ganz Besonderem gemacht.
Wir haben uns zwar fest vorgenommen, in Kontakt zu bleiben und ich will unbedingt nächstes Jahr noch einmal nach Brno kommen, aber ich weiß, dass Vieles davon am Ende nicht so funktionieren wird, wie wir uns das jetzt wünschen und bin daher umso dankbarer für so einen tollen letzten Abend.

Am Samstagmorgen standen wir relativ früh auf, frühstückten auf dem Markt und packten schließlich die Sachen zusammen, da der Zug der Anderen schon mittags fuhr.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit Wäschewaschen, Blogeinträgen, Aufräumen und dem Planen der letzten richtigen Woche hier, die ich in vollen Zügen genießen will, bis es schließlich Abends noch einmal Zeit wurde, mich auf den Weg in Richtung Stausee zu machen.

Diesmal war ich allerdings nicht zum Baden gekommen, sondern um mir das Feuerwerk von „Ignis Brunensis“, einem internationalen Feuerwerkswettbewerb anzuschauen. In der Tram bekam ich dann schon einen Vorgeschmack auf das, was mich erwarten würde, denn obwohl ich noch vor dem Hauptbahnhof einstieg, war die Tram schon gerammelt voll.

Am Stausee angekommen, fühlte ich mich dann wie auf dem Stuttgarter Wasen. Überall waren Fahrgeschäfte, Bier- und Essensstände und diverse andere Verkaufsbuden aufgestellt und es wimmelte nur so vor Menschen und Polizisten, die vergeblich versuchten für etwas Ordnung zu sorgen.

Als ich mich schließlich bis zum See durchgeschlagen hatte und mich in Richtung des Treffpunkts aufmachte, wo ich verabredet war, wurde es zum Glück etwas leerer und auf der Brücke, auf der ich mich schließlich mit einem Freund, einer Lehrerin und deren Freund:innen traf, war zum Glück kaum etwas los.

Von dort aus bewunderten wir zunächst die Drohnenshow, die zu Ehren von Gregor Mendels 200. Geburtstag veranstaltet wurde (Gregor Mendel lebte und forschte in Brno), bis schließlich das Highlight des Abends begann: das 20minütige Feuerwerk.

Kaum war das Feuerwerk vorbei, strömten die ersten Leute schon wieder in Richtung Straßenbahn und obwohl wir noch einige Zeit warteten, war die Straßenbahn mit der wir schließlich zurück ins Zentrum fuhren, so überfüllt, dass man, obwohl man sich nirgends festhalten konnte, keine Chance hatte, umzufallen. Dennoch ist das Feuerwerk definitiv einen Besuch wert, wenn man zu dieser Zeit in Brno ist!

Voll, voller, Straßenbahn ins Zentrum.

Am nächsten Morgen schlief ich aus. Und zwar so richtig. Ich holte den Schlaf der ganzen letzten Nächte nach und als ich mich dann doch mal aus dem Bett quälte, verbrachte ich den Mittag mit Wäsche waschen (seeehr viel Wäsche), E-Mails schreiben, Bustickets buchen und noch einigen anderen Kleinigkeiten. Und all das tat ich, während ich in der Warteschleife der Österreichischen Busgesellschaft hing, bei der ich etwas für eine Schülerin nachfragen wollte.

Am Nachmittag stand dann noch ein Telefonat mit einer potenziellen Vermieterin für ein WG-Zimmer an und schließlich traf ich mich Abends noch mit Klára.

So langsam werden aus den Treffen nach und nach Abschiede, denn viele sind dann im Urlaub, wenn ich noch einmal in Brno bin und umgekehrt. Noch kann ich nicht so richtig begreifen, dass ich manche Freund:innen vielleicht zum letzten Mal gesehen habe. Auf der einen Seite freue ich mich natürlich auf den Urlaub und auch darauf, wieder nach Hause zu fahren. Auf der anderen Seite will ich die Freundschaften, die ich hier geknüpft habe und das Leben, dass ich mir hier aufgebaut habe, nicht einfach so verlassen, wissend, dass dieses Kapitel in meinem Leben damit beendet ist. Denn auch wenn ich zu Besuch komme, ist es doch nicht das Gleiche, wie hier zu leben.

Trotzdem und gerade deshalb habe ich mir vorgenommen, die letzte richtige Woche hier in vollen Zügen zu genießen. Wie mir das gelingt, dass ist dann Thema im nächsten Blogeintrag.

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