Gedankenfenster

Ich sitze auf gepackten Koffern. Schon wieder. In so vielen Aspekten, bin ich gerade in der gleichen Position wie vor einem Jahr. Das letzte Treffen mit Freunden. Von zu Hause ausziehen. Einen neuen Lebensabschnitt beginnen. Und trotzdem fühlt sich die Situation nicht gleich an. Und das liegt nicht nur daran, dass ich nicht in ein anderes Land ziehe sondern nur zwei Stunden südlich von hier. Am Wochenende bin ich schnell mal zu Hause, wenn ich das will. Ich spreche die Sprache, kenne die Stadt einigermaßen und auch meine Wohnung. Aber der größte Unterschied bin ich. In dem vergangenen Jahr ist so viel passiert, es wird Zeit, dass ich das Erlebte ein wenig Revue passieren lasse. Quasi damit abschließe bevor ein neuer Lebensabschnitt beginnt.

Der letzte Blogeintrag endete mit mir im Zug und dem Versprechen, noch einen letzten Blogeintrag zu verfassen, wenn ich alles ein wenig verarbeitet habe. Das hat doch länger gedauert als gedacht. Und unter uns, so ganz im Hier und Jetzt angekommen bin ich noch nicht. Aber dazu später mehr.

Die Ankunft hier war schön. Und seltsam. Abends im Bett, als alles dunkel war, konnte ich mir für einen kurzen Moment vorstellen, in meinem Bett in Brno zu liegen. Bis ich feststellte, dass die Matratze weicher ist, das Kopfkissen anders riecht und die vertrauten Geräusche der Straßenbahn, gelegentliche Sirenen und laute Rufe ausblieben und stattdessen meine Katze auf meinem Teppich schnurrte. Vor einem Jahr habe ich das Gleiche in Brno erlebt. Und das Ergebnis war das Gleiche: Enttäuschung, dass man doch in diesem Bett liegt. Schon seltsam, dass sich mein eigenes Zimmer jetzt nicht mehr ganz wie mein Zimmer anfühlt. Die Sachen, die hier sind, habe ich ein Jahr lang nicht gebraucht und als ich meine Koffer auspacke, überkommt mich das unangenehme Gefühl, viel zu viel zu besitzen.

Am nächsten Tag wage ich mich auf die Straße. Ich bin neugierig, ob noch alles so ist, wie ich es in Erinnerung habe. Und eigentlich ist es das auch. Aber die Wiese auf der ich vor etlichen Jahren immer Fangen gespielt habe und die bis vor einem Jahr noch unberührt war, existiert nicht mehr. Stattdessen steht dort ein neues Haus. Unsere Nachbarn haben eine Solaranlage auf dem Dach. Neben dem Bahnhof steht ein neues Einkaufszentrum, das für alle anderen schon wieder alt ist. Die S-Bahnen fahren im Viertelstunden-Takt. Die Liste dieser kleinen Unterschiede ist endlos und das ist fast schon überwältigend. Immerhin, der Großteil ist gleich geblieben. Auf dem Weg in die nächste Stadt kann man mit dem Fahrrad immer noch die Abkürzung über ein Feld nehmen. Die Ampel schaltet genauso langsam und wenn ich die dritte Tür im ersten Wagon der S-Bahn nehme, komme ich an der nächsten Haltestelle genau richtig raus. Ich bin hier eben doch zu Hause, in meiner Komfortzone, habe Sachen schon tausend Mal gemacht und verfalle wieder in alte Muster. Trotzdem verunsichert mich das Ganze. Haben sich meine Freunde verändert? Habe ich mich verändert?

Und deswegen bin ich irgendwie froh, dass ich jetzt erstmal mit meiner Familie in den Urlaub fahre, da muss ich mir keine Gedanken darüber machen, was neu ist und was nicht.
Am Ende des Urlaubs steht das Seminar an und ich freue mich darauf. Vielleicht bringt der Austausch mit anderen Freiwilligen etwas Klarheit in mein Gedankenchaos.

Und das tut er. Ich stelle fest, dass ich nicht die Einzige bin, die das Gefühl hat, eigentlich nur vorübergehend in Deutschland zu sein und dann wieder zurück zur Einsatzstelle zu fahren. Wenn einen dann die Realität einholt, ist das übrigens ein ziemliches Sch***-Gefühl. Tagsüber reden wir in unseren Homezones und Workshops über das Erlebte, teilen Erfahrungen, hören den Geschichten von anderen zu, erzählen unsere eigene und ich fühle mich auf eine ganz besondere Weise verstanden. Jemand, der nicht ein Jahr lang im Ausland war, ist vielleicht genervt davon, wenn ich bei jeder Gelegenheit etwas aus dem vergangenen Jahr erzähle. Mit anderen Freiwilligen ist das normal. Wir haben viel zusammen erlebt und jeden Einzelnen von uns hat dieses Jahr geprägt.

Wir sprechen nicht nur über das Ankommen, das bei manchen schon länger her ist als bei anderen und für die Einen viel schwieriger war als für die Anderen. Viel dreht sich auch darum, wie wir das Erlebte rückblickend bewerten. Was hat es mit uns gemacht? Haben sich unsere Erwartungen erfüllt? Ich für meinen Teil kann sagen: Ja, voll und ganz. Je mehr Abstand ich zu dem Jahr gewinne, desto klarer sehe ich, in wie vielen Teilen meines Lebens mich diese Erfahrung beeinflusst hat. Wenn man sich ständig außerhalb seiner Komfortzone bewegt, wächst diese irgendwann unweigerlich. Ich bin offener geworden, habe an Selbstvertrauen und Gelassenheit gewonnen, mache mir nicht mehr so viele Gedanken darüber, was andere über mich denken. Aber es ist auch nicht mehr alles so verklärt. Vieles dreht sich auch um Schwierigkeiten, kritisches Hinterfragen und die Erkenntnis: Ich konnte anderen in dem vergangen Jahr auf keinen Fall so viel geben, wie das Jahr mir gegeben hat.

Abends, wenn die Namenschilder abgelegt werden und der letzte Programmpunkt beendet ist, gehen die Gespräche weiter. Auf der Wiese zwischen den Häusern, am Strandbad, irgendwo dazwischen, während eines Trinkspiels, bei einer Partie Beachvolleyball, in der Disco. Das Gefühl, am Ende einer unglaublichen Zeit zu stehen ist spürbar. Und trotzdem gelingt es abends, ein bisschen loszulassen, die teils tiefgründigen Gesprächsthemen des Tages auszublenden, zu anderen Themen zu wechseln oder auch einfach zu feiern. Der Abschied kommt dafür dann umso abrupter. So viele Tränen sind bei mir schon lange nicht mehr geflossen. Plötzlich ist das Ende da, ab morgen sind wir keine Freiwilligen mehr, die Menschen, die uns ein Jahr lang begleitet haben, verteilen sich über ganz Deutschland und wer weiß wann man sich wieder sieht.

Das Seminar selbst hat mir aber das Gefühl gegeben, den Freiwilligendienst abrunden zu können. Der Austausch war das was ich gebraucht habe, um all meine Gedanken und Gefühle loszuwerden und mit anderen darüber zu sprechen. Ich glaube, einige von uns reisen mit deutlich leichterem Gepäck ab, als sie angekommen sind.

Zurück zu Hause, sitze ich dann plötzlich da, mit einem Alltag, der keine Struktur hat und in einer Übergangsphase, die ein ganz seltsames Gefühl in mir auslöst. Aber es tut gut. Ich muss mich scheinbar nicht nur von den vergangen Tagen erholen, sondern, gemessen an der Menge an Schlaf, die ich benötige, von dem ganzen Jahr.

Natürlich treffe ich mich auch mit Freunden. Mit manchen klickt es sofort, es fühlt sich an, als wäre ich nie weg gewesen. Bei anderen bin ich zwar wieder in der Gruppe dabei gedanklich aber ganz wo anders, ohne so richtig zu wissen wo, und warum ich das Gefühl habe, gerade eher als Außenstehende auf  meine engsten Freunde zu schauen. Die Aussage: „Du hast dich ja gar nicht verändert.“ sollte da ja eigentlich ermutigend sein. So nach dem Motto „Das wird schon wieder.“ Aber das Gegenteil ist der Fall. In dem vergangen  Jahr habe ich ein komplett neues Leben gelebt. Und das hat mich geprägt. Die Veränderungen betrachte ich mit Stolz. Dass sie von manchen Mitmenschen teilweise gar nicht wahrgenommen werden, fühlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Ich weiß, dass damit eigentlich gemeint ist, dass es schön ist, dass ich wieder dabei bin und die Intentionen dahinter nur die Besten sind, aber ich würde lieber hören: „Du hast dich wirklich verändert.“

Die Frage „Und? Wie wars?“ ist wohl die meistgestellte Frage überhaupt und ein Überraschungspacket. Wie genau will der Fragende die Frage wirklich beantwortet haben? Meine Erkenntnis: erstmal grob antworten, die Nachfragen kommen dann schon. Oder viel öfter auch nicht. Während ich gedanklich noch in Brno festhänge, geht das Leben um mich herum wieder seinen gewohnten Gang, dass ich dieses Essen oft in Tschechien gekocht habe, das Licht dort um eine bestimmte Uhrzeit immer besonders schön war oder der Café unvergleichbar gut, all das sind Dinge, die mir immer wieder in den Kopf kommen, aber wenn ich sie mit anderen teile merke ich schnell, Viele können mit meinen Gedanken nichts anfangen.

Die Anfangszeit ist also schwer, mit der Zeit wird es leichter. Ich genieße es wieder, hier zu sein und inzwischen bringen mich solche kleinen Gedankenfenster an das vergangene Jahr in meinem Alltag immer wieder zum Lächeln. Ich habe gemerkt, dass ich es schaffe, mit den Menschen, die mir in diesem Jahr ans Herz gewachsen sind, in Kontakt zu bleiben. Und möchte noch einmal ein riesengroßes Dankeschön an alle aussprechen, die das Jahr zu dem besten Jahr meines Lebens gemacht haben.

Die Lehrkräfte vor Ort, die mich mit offenen Armen empfangen haben, mir bei all meinen Fragen zur Seite standen, mich mit Kuchen verwöhnt haben, mit denen ich endlose Harry-Potter-Diskussionen geführt habe, stundenlang im Kabinett saß, obwohl der Unterricht schon lange vorbei war, die mir gezeigt haben, dass zum Lehrersein auch ein bisschen Wahnsinn dazugehört und sich mit mir teils mit Händen und Füßen unterhalten haben, meine Tschechischkünste gelobt haben, auch wenn es grottig war, mir Freunde, Ersatz-Mama und Papa und ein Stück Familie waren und mir ein riesiges Zugehörigkeitsgefühl vermittelt haben.

Die tschechischen Freunde und Freundinnen, die mich mit Neugierde, Herzlichkeit und ganz viel Liebe aufgenommen haben, mich auf Parties eingeladen haben, gemeinsam Cafés getestet haben, lange Spaziergänge unternommen haben, mit mir über Lehrer lästern wollten, mich im Dunkeln nach Hause gebracht haben, mich über mein Heimweh hinweggetröstet haben und nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendet haben, dass ich in einem Jahr wieder gehe sondern alles was sie hatten in unsere Freundschaft gelegt haben.

Meine Mitschüler:innen im Tschechisch-Kurs, die irgendwo auch Freunde geworden sind und unter denen ich mich nicht mehr so allein gefühlt habe. Die mich als Küken in unserer Gruppe immer auf Augenhöhe behandelt haben und mit denen ich über Grammatik verzweifelt bin, Gespräche über Tiergeräusche und andere relevante Themen geführt habe und völlig unpassende Lachflashs hatte.

Die Roller-Derby Mädels, die sich meiner jämmerlichen Skating-Künste angenommen haben und jeden noch so kleinen Erfolg gefeiert haben, als hätte ich gerade einen noch nie dagewesenen Trick gemeistert. Ich habe auf und neben dem Feld so viel von diesen starken Persönlichkeiten lernen dürfen und ihre „Scheiß drauf was andere sagen“- Einstellung konnte auch auf mich abfärben.

Meine Klassen, die ich wirklich ganz verliebt, „meine“ Klassen nenne, die mich vor die größten Schwierigkeiten, beinahe Wutanfälle und Verzweiflungs-Haareraufen gestellt haben, dank denen ich bestimmt mindestens ein graues Haar habe, die mir aber so viel gegeben haben, dass ich ihnen das großzügig verzeihe, die sich auf mich und meine Experimente, wie ich denn jetzt bitte unterrichten soll, eingelassen haben und mich jedes Mal aufs Neue unglaublich stolz gemacht haben.

Und zu guter Letzt die „wahre“ Ersatz-Familie des vergangenen Jahres: die anderen Freiwilligen, die mich das ganze Jahr über begleitet haben, Begegnungen, die sofort so voller Vertrauen und Offenheit waren, dass in kürzester Zeit intensive Freundschaften entstanden sind, gemeinsame Erlebnisse, Seminare, Geschichten, die wir noch unseren Urenkeln erzählen, „Damals als wir in der Slowakei…“, mit denen man sich über Schwierigkeiten austauschen konnte und auf die ich mich mich zu hundert Prozent verlassen konnte.

Inzwischen sind „die beiden Leben“ zu einem verschmolzen und während ich mich verändert habe, bin ich dankbar, um vertraute Strukturen in meiner ersten Heimat, freue mich auf den baldigen Besuch in meiner zweiten Heimat, bin auf dem Weg, mir ein drittes zu Hause aufzubauen, genieße die Zeit mit meinen Freunden hier, vermisse meine Freunde aus dem Freiwilligendienst unglaublich und freue mich auf neue Bekanntschaften, die vor mir liegen. Zurückkommen ist nicht einfach, aber das vergangene Jahr ist all das und noch viel mehr wert und wann immer meine Gedanken zurückschweifen, kann man mich mit einem Lächeln im Gesicht beobachten. Und ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass diese Gedankenreisen in die Vergangenheit niemals weniger werden und viele weitere Erinnerungen in diesem Kosmos des Freiwilligendienstes dazukommen.

Deshalb ein allerletztes Mal: Danke fürs Lesen, machts gut und Ahoj!

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