Einfach nur ein Statusupdate

Ich hab’s mir überlegt. Ich bin an diesen Blog herangegangen mit großen Plänen und der ambitionierten Vision, hier den journalistischen Durchbruch zu erzielen. Nun bin ich aber zu der Einsicht gekommen, dass ihr, meine Freunde und Familie, das gar nicht unbedingt wollt, sondern einfach nur wissen wollt, wie es mir geht und was ich so treibe. Und dass ich von solchen Ambitionen eher gelähmt werde, als regelmäßig etwas zu posten. Deshalb werde ich jetzt ganz unprätentiös und unspektakulär einfach über meinen Alltag hier berichten, meine Ausflüge und wie es in nächster Zeit weiter geht. Und zwar genau in dieser Reihenfolge :).

Da sich in den ersten vier Wochen die Arbeit eher ruhig gestaltet hat (hauptsächlich verursacht durch die Abwesenheit unserer Betreuerin), hatten wir vier kulturweit-Freiwillige viel Zeit, uns einzuleben. Doch dann ging es richtig los: Nora und ich begannen einen Sprachkurs am Institut Franҫais, ich zog zur Untermiete bei einem Franzosen ein und – die größte Veränderung – meine Arbeit an der Schule begann. Dort fühle ich mich sehr wohl und werde unglaublich gut eingebunden, sodass ich mich entschieden habe, dort in ein Betreuerzimmer des Internats zu ziehen. Diese Entscheidung bringt einige Vor- und Nachteile mit sich (Meerblick vs. Kein Internet), aber was eindeutig dafürspricht, ist, dass ich dort kostenlos wohne und verpflegt werde. Der Umzug steht nun nächste Woche an; das kann ja noch lustig werden, mit meinem ganzen Geraffel die Fähre benutzen zu müssen…

Besonders während des Sprachkurses waren meine Tage sehr lang und anstrengend. Morgens um kurz vor 8 Uhr musste ich an der Bushaltestelle stehen (Dakar ist besonders morgens ein Verkehrschaos von unvorstellbarer Dimension). Der Vormittag war dann dem Sprachkurs gewidmet und dann fuhr ich zweimal die Woche nachmittags ins Goethe-Institut und zweimal die Woche nachmittags mit der Fähre auf die Insel Gorée. Selten war ich vor 20 Uhr zu Hause. Aber ich möchte mich auf keinen Fall darüber beschweren; ich bin sogar sehr froh, über gut gefüllte Tage. Mir gibt es eine Sicherheit, genau zu wissen, was man als Nächstes machen muss und wenn man nicht die Zeit hat, nachzudenken. Das ganze Leben hier ist auch soviel einfacher geworden. Das Wetter ist viel angenehmer (ich schalte ab und zu meinen Ventilator aus!) und ich habe sogar das Bussystem durchblickt. Auch mit den interessierten Blicken auf der Straße, den ca. 50 Leute, mit denen ich am Tag Smalltalk führe und sogar den gelegentlichen Heiratsanträgen, habe ich gelernt umzugehen. Obwohl es natürlich immer noch anstrengend und echt komisch ist. Auch habe ich bereits echt gelernt, wie man alleine lebt und wie viel man für eine Person kochen muss. (An dieser Stelle Shoutout an Nora, die immer noch für vier kocht :)).

Zusammengefasst: Unter Woche bleib bisher nie viel Zeit für irgendwas. Das haben wir aber angemessen an den Wochenenden und Feiertagen nachgeholt. Unsere Ausflüge und Strandbesuche hier sind schon wirklich sehr cool – da merkt man immer wieder, dass man an einem Ort arbeitet, den andere im Urlaub besuchen. Besonders die kleinen Inseln um die Halbinsel Dakar herum, haben es uns angetan. Alle drei sind komplett unterschiedlich: Gorée, die größte von ihnen, war sehr wichtig in der Kolonialzeit und großer Umschlagplatz des Sklavenhandels. Heute ist die Insel hauptsächlich geprägt vom Tourismus, jedoch steht dort auch „meine“ Schule und es gibt Kulturveranstaltungen wie das Kinofestival, das wir letztes Wochenende besucht haben. Ngor ist bedeutend kleiner und eine sehr geruhsame und einfache Fischerinsel. Dort gibt es wunderschöne Strände und tolle Fischrestaurants. Letzten Montag, senegalesischer Feiertag aufgrund der großen Pilgerfahrt nach Touba, besuchten wir die Île de Madeleine. Diese Insel ist gänzlich unbewohnt und wurde in den 80er Jahren zu einem Nationalpark umgestaltet. Die Buchten und Steilklippen waren wirklich unglaublich. Vor zwei Wochen machten wir uns sogar auf große Fahrt in das fünf Stunden entfernte Saint-Louis. Wir besuchten dort unsere Freundin und Mitfreiwillige Franzi und verbrachten ein schönes Wochenende mit Sightseeing und Familienanbindung. Für eine ausführliche Beschreibung unserer Exkursionen in der ersten Zeit kann ich euch nur wieder Noras Blog ans Herz legen (www.kulturweit.blog/panoramasenegal). Wir beide führen seit unserer Ankunft sowieso ein eheähnliches Leben, ihre Berichte stimmen exakt mit dem überein, was ich auch erlebt habe. Leider zieht Nora dieses Wochenende nach Kaolack, einer Stadt im Landesinneren des Senegals, wo sie die Arbeit an „ihrer“ Schule beginnen wird. Also steht wohl wieder eine Änderung hier in unserer beiden Lebensalltage an.

Im Moment arbeiten wir auf Hochtouren an der Organisation eines großen Projekts des Goethe-Instituts, bei dem Ende November sechs senegalesische und zwei deutsche Schulen zusammen ein zehntägiges Schulradioprojekt auf Gorée machen werden. Dafür gibt es noch einiges zu tun – versucht ihr mal, hier ein Busunternehmen zu finden oder die Regelungen der SODAV, der senegalesischen GEMA, zu durchschauen. In gut zwei Wochen findet auch direkt schon das Zwischenseminar statt. Für uns ist das aber kein allzu großes Projekt, da es hier im Senegal stattfinden wird. Desweiteren habe ich bereits angefangen, meine Weihnachtsferien hier zu planen (ich sage nur Kayaktour und Surfkurs) und schreibe sogar schon Bewerbungen für die Zeit nach dem Freiwilligendienst.

Mein Zeitgefühl ist irgendwie vollkommen verquer. Einerseits kommt es mir so vor, als sei ich schon ewig lang hier (meine erste Malariatabletten-Packung ist schon leer!), aber andererseits liegt noch so viel vor mir. Und ich freue mich sehr darauf!

(Fast) meschenleere Gasse von Gorée

Bei einem Konzert im Institut Francais

Traumstrand von Ngor

Pferdefuhrwerk und Müllberge am Strand von Yoff

Nora und ich

Blick von der Fähre auf die Insel Gorée

Beim Kinofestival unter freiem Himmel

Felsen der Île de Madeleine

Bilderbuch-Natur 🙂

Ich, Nora und Johanna

Île de Madeleine

Das alles ist ein RIESIGER Baobab!!

Marché HLM

Wir sollen ihr folgen. Glaube ich zumindest. Fatou ist eine Erscheinung von einer Frau und führt uns selbstbewusst wie eine Königin durch das Getümmel. Nora und ich befinden uns auf dem Marché HLM, dem größten Stoffmarkt Dakars. Was für Harry Potter die Winkelgasse ist, ist für uns diese unglaubliche Ansammlung von Stoffhändlern. Jeder der ca. 500 kleinen Läden (und das sind nur die, an denen wir vorbeigekommen sind!) konkurriert mit einer ungeheuren Menge von Textilien um die Aufmerksamkeit der Kunden. Es handelt sich nur zum kleinsten Teil um Kleidungsstücke, die schon geschneidert, also prêt-à-porter sind. Ich spreche von Stoffen aller Farben, Größen und Beschaffenheiten – in einer Farbenpracht, wie ich sie noch nie gesehen habe. Während ich noch überlege, wo der imaginäre Sättigkeitsregler ist, um das, was ich sehe, wieder zu normalisieren, hatte Nora einen Stoff gefunden, der ihr besonders gut gefällt. Die Verkäuferin des zugehörigen kleinen Ladens bot uns erstmal einen Sitzplatz an, stellte uns ihre Schwester vor und beschloss dann – nach ausgiebiger Beratung – wie viele Meter des Stoffes Nora nun kaufen soll. Auf die Frage, ob sie denn zufällig eine Schneiderin kenne, begann sie zu telefonieren. Entgegen unserer Vermutung, bekamen wir nicht einfach einen Straßennamen oder eine Telefonnummer. Nein, die Schneiderin, Fatou, kam nach ein paar Minuten direkt in den Laden, um uns abzuholen.

Nun schieben wir uns also durch die Marktstraße, vorbei an unzähligen weiteren Stoffen, aber auch an Essensständen und Bettlern. Fatou führt uns zum Eingang einer Halle. Und was für Harry Potter das Treppenhaus in Hogwarts mit den sich bewegenden Treppen ist, das ist für uns dieser große, unüberblickbare, mehrstöckige Bienenstock. In jedem der engen Gänge dieses Gebäudes befinden sich dicht an dich kleine Nähstuben. Der Platz in diesen wird komplett von den Nähmaschinen und den Stapeln an zu verarbeitenden Stoffen gefüllt. Über die ohrenbetäubende Geräuschkulisse all dieser Nähmaschinen sowie den vielen Fernsehern und Radios, führt uns Fatou die Treppe nach oben. Leider ist aber nur die eine Seite der Treppe benutzbar, der andere Teil ist ein einziger Haufen von Stoffabfällen. Angekommen bei ihrer Parzelle, werden uns wieder Sitzplätze angeboten. Während ich vollkommen gefesselt von dem Jungen im Kabuff nebenan bin, der freihändig mit einer Nähmaschine einen Stoff mit wunderschönen Stickereien versieht, soll Nora erklären, wie sie sich das Kleid vorstellt, das sie geschneidert bekommen will. Als unser Französisch an seine Grenzen kommt, bekommt sie einfach Stift und Papier in die Hand gedrückt und darf ihr Unikat aufzeichnen. Nora wird vermessen, es wird uns Attaya, also Tee, angeboten und Fatou zeigt uns Bilder von bereits von ihr geschneiderten Kleidern. Als es dann an die Bezahlung geht (wirklich ein Spottpreis), hat Fatou kein Wechselgeld parat. Also fragte sie erst alle ihre Kollegen – und sie kennt dort wirklich jeden – und als das alles nichts nutzt, nimmt sie uns mit nach draußen auf die Straße. Die Obstverkäuferin dort, natürlich auch eine Freundin, hat glücklicherweise noch Kleingeld. Als wir uns schon wieder zu Fuß auf den Rückweg machen wollen, winkt Fatou ab, wir sollen doch mit dem Car rapide fahren. (Das Car rapide ist die so ziemlich undurchschaubarste, unsicherste und waghalsigste Fortbewegungsart in Dakar. Dazu aber vielleicht in einem gesonderten Artikel nochmal mehr.) Fatou sagt dem Busfahrer aber wo wir hinmüssen und nennt uns noch den Preis, den auch die Einheimischen zahlen. Und siehe da – wir sind genau da rausgekommen, wo wir hinwollten.

Goethe-Institut – Sprache, Kultur, Deutschland?

Meine ersten vier Wochen in Dakar sind beinahe um (WAAAS? Ich bin doch grad erst angekommen!) und mein Blog ist leider jetzt schon verwaist. Nach meinem übermotivierten Anfang hatte ich die letzten Tage weder die Zeit noch die Inspiration, etwas zu schreiben. Ab Montag beginnt nun meine Arbeit in der Maison d’Education Mariama Bâ auf der Insel Gorée – und meine Arbeit am Goethe-Institut ist somit weitgehend beendet oder wird in der nächsten Zeit zumindest sehr in den Hintergrund rücken. Das möchte ich gerne zum Anlass nehmen, mich einmal mit der Arbeit dieser Institution auseinander zu setzen. Das ist mir auch explizit wichtig, seitdem ich erfahren habe, dass der Freiwilligendienst kulturweit aus Entwicklungsgeldern des Auswärtigen Amtes finanziert wird. Ich finde das wirklich erwähnenswert und eigentlich auch nicht tragbar. Deshalb ist es mir umso wichtiger zu beleuchten, was das Goethe-Netzwerk eigentlich genau tut.

Die Goethe-Initiative nahm ihren Anfang 1951 in München und begann ihre Arbeit als Sprachinstitut für ausländische Deutschlehrer in Deutschland. 1968 kam der zweite große Aufgabenschwerpunkt, die Kulturarbeit, hinzu. Heute gibt es 159 Goethe-Institute in 98 Ländern und der Schwerpunkt hat sich von der reinen Vermittlung deutscher Sprache und Kultur auf eine kulturelle Zusammenarbeit und die Vermittlung eines modernen Deutschlandbildes verlagert. Soweit die Theorie. Als kulturweit-Freiwillige habe ich nun die große Chance, mir die ganze Chose mal aus der Nähe anzuschauen. Ich sitze hier im Büro des Institutsleiters (der gerade in Elternzeit ist), habe Zugang zum Goethe-Intranet und bekomme einen Einblick von vielem, was das „Goethe“ im Moment zu treibt. Als angehende Journalistin (Yay!) habe ich nun ein bisschen recherchiert und meine Kolleginnen befragt, was sie denn den lieben langen Tag so treiben.

Die erste Säule ist laut Goethe-Motto die Vermittlung der deutschen Sprache. Gesprochen habe ich darüber mit Nina Melnikowa, die hier zuständig für die Sprachkursorganisation ist. Ehrlichgesagt habe ich sie in ihrer Mittagspause überfallen und mit einem Zettel voller Fragen bombadiert, aber sie hat mir dennoch sehr nett die Kerndaten zu den Sprachkursen geliefert. Das Goethe-Institut Senegal bietet drei Mal pro Jahr neu beginnende Sprachkurse für ungefähr 100 – 130 SchülerInnen in jeweils ca. 10 Kursen pro Trimester an. Theoretisch gibt es Kurse jeden Niveaus von A1 bis C1 (Sprachniveaus des europäischen Referenzrahmens), jedoch kommen B2- oder C1-Kurse nur selten zustande. Die Frage die ich mir unwillkürlich stelle ist: Warum im Himmel lernt irgendjemand freiwillig Deutsch? Nina sagt dazu, dass es gar nicht so wenig Deutschlernende seien – die Hauptmotivation ist häufig ein Studium in Deutschland anzufangen, das der DAAD (Deutscher akademischer Austauschdienst) mit Stipendien fördert. Ein Großteil der Deutschlernenden braucht ein Sprachzertifikat für den Ehegattennachzug (habe gerade gegoogelt, dazu benötigt man die absoluten Grundkenntnisse, also A1-Niveau). Auch eine Motivation, Deutsch zu lernen, ist der Wunsch, nachher als Deutschlehrer arbeiten zu können oder bei deutschen Firmen und Stiftungen im Senegal arbeiten zu können. Das sind laut Nina aber eher wenige. In Westafrika gibt es zwar auch andere Stellen, um die deutsche Sprache zu lernen, wie z.B. im Schulunterricht, an der Uni oder in kleinen Privatschulen, dennoch kommen ans Goethe-Institut Senegal nicht nur SenegalesInnen, sondern auch Leute aus Gambia, Guinea(-Bissau), Capo Verde, Mauretanien und Nigeria. Unterstützend zum Sprachkurs gibt es hier eine kleine Bibliothek mit deutschen Büchern, Zeitschriften und Filmen und es wird auch landeskundlicher Unterricht angeboten.

Die zweite große Säule ist die Kulturarbeit. Während meiner drei Wochen hier, habe ich die Planung und/oder Durchführung folgender Projekte mitbekommen: ein Diskussionsabend zum Thema „Fake News“ mit Journalisten einer senegalesischen Nachrichtenagentur, eine Lesung eines senegalesischen Schriftstellers, der ein Buch über einen senegalesischen Musiker geschrieben hat, ein Symposium über einen deutschen Forscher, der in den 70er Jahren viel im Senegal geforscht hat, ein Expertenworkshop deutscher Tonmeister für angehende senegalesische AufführungstechnikerInnen und ein Theaterprojekt senegalesischer junger Menschen, die für eine Tour durch die Schulen des Senegals proben. Ihr merkt schon – das Goethe-Institut legt großen Wert darauf, nicht nur deutsche Kulturvermittlung machen zu wollen

Mein Problem mit dem Goethe-Institut ist nicht dessen Arbeit – sie versuchen sowohl in Theorie als auch in Praxis Alles richtig zu machen und jegliche neokolonialistische Anwandlungen zu verhindern. Mir geht es um den krassen Gegensatz, wenn wir zu Fuß von unserem Haus bis zum Goethe gelaufen sind, vorbei an Straßenhändlern, Frauen,  die Waren auf dem Kopf tragen und Ziegenherden, die über die Straße gescheucht werden. Und dann tritt man in ein topmodernes Bürogebäude mit mehreren Sicherheitsmenschen am Eingang, fährt mit dem Aufzug in den fünften Stock und schaltet als erstes die Klimaanlage im Chefbüro mit Vollverglasung ein, mit Blick über Dakar. Die Mitarbeiterinnen hier (ja, es sind tatsächlich alles Frauen) sind zwar super lieb und lustig, aber grenzen sich meiner Meinung nach auch ab vom Leben der „normalen“ Menschen, indem sie sich aus den europäischsten und damit teuersten Restaurants Dakars mittags etwas bestellen und bringen lassen und das dann unter der schützenden Klimaanlage essen. Das Goethe-Institut ist, wie die deutsche Botschaft, quasi deutscher Boden – und steht damit in einem krassen Gegensatz zu dem Senegal, den ich bisher so gesehen habe.

Also, sind die Existenz der Goethe-Institute und besonders meine Anwesenheit hier nun gerechtfertigt? Das ist eine sehr interessante Frage, über die man vermutlich eine ganze wissenschaftliche Abhandlung schreiben könnte. Ich bin tatsächlich auch sehr motiviert, mich damit zu beschäftigen! Für den Moment kann ich jedoch nur beschreiben, was ich sehe und wie ich es wahrnehme – und das zeigt mir, dass die Rolle des Goethe-Instituts trotz großer Bemühungen kritisch betrachtet werden muss. Ich kann hier natürlich nichts Weltpolitisches bewegen, aber das ist auch gar nicht mein Anspruch. Jedoch kann ich etwas lernen; und dazu ist kulturweit schließlich auch gedacht.

Eigentlich das Büro des Institutsleiters – nun aber unseres

Bibliothek

Verberichten – Ein Essay

Meine Freunde, ich stehe vor einem Dilemma. Einerseits platze ich fast vor all den neuen Eindrücken, die ich in den letzten drei Tagen hier in Dakar gesammelt habe und es gelingt mir nicht zufriedenstellend, diese in Fotos zu fassen. Doch andererseits ist es auch unglaublich schwer von einem Land zu berichten, wo man doch bisher nur zwei Stadtviertel gesehen hat. Das gibt einfach ein sehr unvollständiges, subjektives Bild – besonders wenn dieser Bericht dann auch noch von jemanden gelesen wird, der den afrikanischen Kontinent vielleicht noch nie betreten hat. Deshalb nun der eindeutige Disclaimer: Ich möchte hier lediglich versuchen (deshalb auch Essay), meine persönlichen Eindrücke schildern und keinen Reisebericht im Sinne von „Alle Menschen im Senegal leben so und so“ schreiben. Punkt.

Dakar scheint zwischen den Stühlen zu sein. Das eine Dakar ist eine globalisierte Metropole, fast jeder hat ein Smartphone, die Jungs tragen internationale Fußballtrikots, es gibt asiatische und italienische Restaurants. Die öffentlichen Busse haben zwar keinen Abfahrtsplan, aber dennoch feste Linien und Bushaltestellen und kommen (meist) alle zehn Minuten. Am Strand muss man – wie überall – für den Sonnenschirm bezahlen und an jeder Straßenecke bekommt man eine gekühlte Coke.

Das andere Dakar ist es, was mich wirklich beschäftigt, wenn ich abends in meinem klimatisierten Zimmer den Tag Revue passieren lasse. Das Straßenbild ist ebenso geprägt von Personen in traditioneller afrikanischer Kleidung, von Straßenverkäufern, die alles Erdenkliche verkaufen (auch lebendige Tiere!), von getünchten Flachdachbauten und uns unbekannten Bäumen, die die Gehwege überdachen. Das Dakar, das ich gesehen habe, sind die vielen Moscheen und die Kabel, die die Straßen überspannen, wo Pferdewagen neben der ungeheuren Menge an altersschwachen Taxis fahren. Das sind die Eigenheiten, auf die ich als Touristin begeistert zeige und meinen Freundinnen „Schau mal, da!“ zurufe. Das sind die Momente, in denen ich mich gerne neben einen der vielen jungen Männer an den Straßenrand setzen würde, die einfach nur das Geschehen vor sich beobachten. Daneben gibt es aber auch die Dinge, von denen ich beschämt meinen Blick abwende, Dinge, die ich eigentlich übersehen will – Bauruinen, Müll, Schuttberge, verhärmte Nutzrinder und -pferde. Und dann die Grausamkeiten, die ich 18 Jahre lang für eine Erfindung der Tagesschau hielt: Kinder, die in Müllbergen spielen oder dir hundert Meter mit bettelnden Händen folgen.

Wie ihr sicher verstehen könnt, ist es sehr schwierig, all diese Eindrücke zu verarbeiten. Noch schwieriger ist es aber, darüber zu schreiben. Ich sehe mich weder in einer übergeordneten Position (obwohl mir natürlich in den letzten Tagen meine Privilegien noch einmal schmerzlich bewusst geworden sind), möchte mich nicht als „Überlebende“ eines Trips inszenieren, noch habe ich den Anspruch, hier irgendwas zu ändern. Ich glaube die Menschen sind glücklich. Sie sind sehr gastfreundlich und offen, und als wir einen Straßenverkäufer nach der richtigen Buslinie gefragt haben, hat er mit uns gewartet, uns den richtigen Bus angehalten und dem Fahrer mitgeteilt, wo wir wieder aussteigen wollen. Und das ist mir eigentlich das Wichtigste – durch die Straßen von Dakar kann jeder Tourist laufen und danach so einen Bericht schreiben, wie ich ihn jetzt verfasst habe. Aber die Begegnungen mit Menschen, die vermehren und intensivieren sich mit der Zeit, die man hier verbringt. Und deshalb sind diese Eindrücke erst die oberste Schicht eines Geschenkes, das mir mit der Möglichkeit, hier im Senegal neue Erfahrungen zu sammeln, gemacht worden ist.

Unser Haus ist links bei dem Torbogen

Kundenbewertung der Unterkunft oder auch: ein Loblied auf die Klimaanlage

Nach sehr schönem Abschied in München, reibungslosen Flug und ca. 6000km von München entfernt, erreichten wir Dakar. Die Unterkunft, in der ich meine ersten vier Wochen in Dakar verbringen werde, habe ich (bzw. Nora) über AirBnB gefunden. Angelehnt an die Kundenrezensionen dort werde ich nun auch meine Eindrücke nach der ersten Nacht bei Joseph Gaston schildern.

Sehr freundlicher Empfang von Gaston, wurden sogar zu Fuß an der Straßenecke abgeholt und es wurden uns die Koffer hochgetragen. Sehr schönes Haus in toller Lage. Durch das Treppenhaus geht es in den ersten Stock, dort findet sich ein Gemeinschaftsraum mit Sofas und Kühlschrank von dem aus es in die einzelnen Zimmer geht. Mein Zimmer ist wirklich top: Doppelbett, Sofa, Schreibtisch, Klimaanlage, Ventilator, abschließbare Schränke. Außerdem gibt es reibungsloses WLAN. Das einzige, was wirklich zu wünschen lässt, sind Gemeinschaftsküche und -badezimmer. Der Verschmutzungsgrad hält sich aber noch im Rahmen, dennoch einen Stern Abzug. Vor dem Fenster ist es sehr grün, jedoch kräht morgens der Hahn und man hört in der Ferne den Muezzin zum Gebet rufen. Hervorzuheben sei nochmals die wunderbar funktionierende Klimaanlage, die bei unglaublich feuchten 29° C auch mehr als angenehm ist. Alles in allem also eine sehr empfehlenswerte Unterkunft.

Ich stoße an meine Grenzen – schon jetzt.

Es beginnt mit den Menschen. Es ist mir nicht möglich, mir alle Namen zu merken. Ich kann nicht zuordnen, mit wem ich wann über was gesprochen habe. Ich schaffe es nicht, jeden Gedankengang zu verstehen. Bei über 330 Freiwilligen kann ich nicht jeden dieser wirklich interessanten Menschen kennen lernen, werde immer etwas verpassen, irgendwo außenvor bleiben.

Auch verzweifle ich an dem Programm, dass uns hier geboten wird. Jeden Abend möchte ich zu allen Abendveranstaltungen gehen. Bei jeder Auswahlmöglichkeit würde ich gerne an jedem einzelnen der angebotenen Workshops teilnehmen. Ich möchte über so vieles mich unterhalten, möchte Bücher zu so vielen Themen lesen.

Das bringt mich zum Beanspruchendsten, Ermüdensten und Kopliziertesten hier. Doch gleichzeitig ist es auch das Tollste, Unglaublichste, Interessanteste und Wichtigste, was ich je erlebt habe. Wir sprechen hier über Themen, mit denen ich noch nie in diesem Maße konfrontiert war. Themen, die mich noch nie in meiner Lebensrealität so berührt haben, Themen, deren Relevanz ich nie begriffen habe. Unsere Diskussionen, insbesondere zu Rassismus und Diskriminierung, bringen mich an die Extrema interaktiver Kommunikation; ich musste mich noch nie so vorsichtig ausdrücken bei einem Thema, das mit Menschen verschiedener Herkunft und Hautfarbe emotionaler kaum sein könnte. Und ich entdecke Rassismen bei anderen, bei mir und in der ganzen Gesellschaft, von deren Existenz ich niemals geahnt hätte. Ich werfe meine Grundsätze im Umgang mit anderen, insbesondere mit Menschen, die im Alltag Rassismus erfahren, vollkommen über Bord. Doch nach der Erkenntnis, dass ich all die Jahre Fehler, sowohl sprachlich als auch gedanklich, gemacht habe, steht die vollkommene Unwissenheit, bis hin zur Verzweiflung, wie ich diesen Menschen nun begegnen soll. Ich weiß einfach nicht, wie ich es richtig machen soll; ich habe noch mehr Fragen als davor.

Ich stoße nicht nur an die Grenzen der zwischenmenschlichen Kommunikation und auf skurrile Aspekte des interkulturellen Miteinanders, ich stoße ganz besonders auch an meine eigenen Grenzen. Bei der Reflektion über meine Identität, meine Stellung in der Welt und was ich in den letzten Jahren versäumt habe zu lernen, bin ich plötzlich nicht mehr der allgemeingebildete, rationale und gefestigte Mensch, für den ich mich immer gehalten habe.

All das, was ich hier geschildert habe, war Teil und vielleicht sogar Ziel der ersten Hälfte meines Vorbereitungsseminars. Während ich davor noch dachte, dass wir schlicht und ergreifend auf das Leben in einem anderen Land vorbereitet werden, wurden wir, zumindest in meinem Fall, zur Reflektion nicht nur über uns, sondern über die ganze Welt angeregt. Wir beantworten hier nicht die Fragen, die mir im Zug nach Berlin noch durch den Kopf geschwirrt sind – wir werfen neue Fragen auf, die uns das nächste halbe Jahr und auch darüber hinaus beschäftigen sollen. Auch wenn das Vorausgegangene vielleicht pathetisch klingen mag – ich habe das Gefühl meine tiefsitzende Verwirrung über die Flut an Input irgendwie in Worte fassen zu müssen.

Nur damit ihr mich nicht falsch versteht: Ich sitze hier gerade auf einer wunderschönen Wiese in der Sonne, als ich das schreibe. Ich habe um mich herum unglaublich nette und offene Menschen, denen ich mich nach knapp einer Woche schon so verbunden fühle, wie es vermutlich sonst erst nach Wochen oder Monaten wäre. Ich gehe jeden Tag im wunderschönen Werbellinsee schwimmen und esse so viel Schokolade wie noch nie (ich habe in Nora meinen persönlichen Dealer gefunden :)). Und von all diesen wunderbaren Erlebnissen, aber auch der kompletten kognitiven Überforderung vollkommen erschöpft, falle ich jeden Abend kurz nach zehn in mein Bett. Ich habe selten eine so intensive und lehrreiche Zeit erlebt – und ich möchte eigentlich nicht, dass sie zu Ende geht.

Zum Namen dieses Blogs

Die Frage nach einem Namen für meinen Blog stand vermutlich schon genau so lange im Raum wie der feste Vorsatz, einen solchen zu schreiben. Etwas mit meinem Einsatzland sollte er zu tun haben und er sollte ausdrücken, was auf dieser Website passieren wird. Von Ideen, wie ein Wort der Verkehrssprache Wolof zu verwenden (unmöglich, da unschreibbar und unaussprechlich), meinen Namen in der URL zu verarbeiten (klingt egozentrisch) oder etwas auf Französisch zu schreiben (sieht immer blöd aus ohne Leerstellen zwischen den Worten, probiert es aus!) habe ich mich verabschiedet. Geworden ist es nun (trommelwirbel…) BAOBABLOG! In dieser Synthese stecken die Wörter Baobab und Blog: Ersteres ist die Nationalpflanze des Senegal, auf Deutsch auch Affenbrotbaum, und laut Wikipedia eine Gattung großer, markanter und häufig bizarr wachsender Laubbäume. Mit dieser Beschreibung ist mir dieser Baum so dermaßen sympathisch, er steht sogar im Ranking noch über meinen Kakteen. Das zweite Wort, Blog, ist wohl selbsterklärend. Dazu bleibt nur zu sagen, dass ich die Ambitionen hege, hier keinen typischen Blog voll von Erlebnisberichten zu schreiben. Ich möchte meinen Baobablog auch als Plattform nutzen, um mich an verschiedenen journalistischen Textsorten auszuprobieren und so Steinchen für Steinchen ein Mosaik zu legen, das meinen Freiwilligendienst und das Land Senegal darstellen soll.

Das Abenteuer beginnt! Wie die Deutsche Bahn einen inneren Monolog in mir auslöst.

Ich sitze im Zug Richtung Berlin. Dort wird die nächsten zehn Tage das Vorbereitungsseminar für alle kulturweit-Freiwilligen stattfinden. In meinem riesigen Koffer habe ich – neben viel zu vielen Klamotten – einen Haufen Vorfreude auf das, was wir lernen werden und ganz besonders auf die Menschen, die ich kennenlernen werde. Die drei Mädchen, die mit mir gemeinsam in den Senegal reisen werden, habe ich schon kennen gelernt, wenn auch nur digital. Jedoch habe ich besonders mit einer von ihnen, Nora, schon so viel geschrieben und zehnminütige Sprachnachrichten ausgetauscht, dass es mir so vorkommt, als würden wir uns schon ewig kennen.

Im Zugfenster neben mir fliegt Mitteldeutschland mit zerfallenen Fabrikgebäuden und Wohngebieten mit Fertigwohnhäusern vorbei. Ich kann es kaum erwarten, in zwei Wochen im Senegal aus dem Fenster zu sehen und mitten in einer Welt zu sein, die vermutlich kaum etwas mit dieser zu tun hat. Auf welche westlichen Strukturen werde ich treffen? Wie viel ursprüngliches Afrika steckt in der Millionenmetropole Dakar? Und wie wird es werden, plötzlich alleine zu leben? Während andere aus meiner Stufe, Freunde, neben denen ich jahrelang in der Schule gesessen habe, nun in andere deutsche Städte zum Studieren ziehen werden, ziehe auch ich aus – aber nach Afrika.

Das ist nur ein Bruchteil der Fragen, die ich mir stelle. Jedoch sind es auch die Fragen, über die ich in den nächsten zehn Tagen gerne mit den anderen Freiwilligen sprechen möchte. Gestern Abend haben wir den Seminarplan erhalten (kulturweit ist so gruselig gut organisiert) und wir werden anscheinend viel Zeit haben, um uns in Kleingruppen, den so genannten „Homezones“ auszutauschen, aber auch Momente zur eigenen Reflexion haben und mit den Verantwortlichen von kulturweit sprechen können. Über solche Vorbereitungsseminare habe ich bereits die verschiedensten Geschichten gehört. Während eine Freundin auf ihrer dreitägigen „Vorbereitungswoche“ philosophische Gespräche zu Themen wie „Was ist Kultur?“ führte, hatte eine andere Freundin einen Praxis-Workshop, wie man in Afrika mit den Händen isst. Was nun am Werbellinsee geschehen wird gleicht also vermutlich einer Wundertüte.

Meine Fahrt mit dem ICE 1724 Richtung Müritz scheint mir eine lachhaft passende Metapher für meine gesamte Reise in den Senegal zu sein. Alles ist unglaublich strukturiert und organisiert (siehe Zugnummer), aber das Ziel des Ganzen ist einem gänzlich unbekannt, auch wenn man sich ihm langsam nähert. Dieses Vorbereitungsseminar ist die erste Etappe meines Abenteuers Afrika – und ich freue mich unglaublich darauf!