Marché HLM

Wir sollen ihr folgen. Glaube ich zumindest. Fatou ist eine Erscheinung von einer Frau und führt uns selbstbewusst wie eine Königin durch das Getümmel. Nora und ich befinden uns auf dem Marché HLM, dem größten Stoffmarkt Dakars. Was für Harry Potter die Winkelgasse ist, ist für uns diese unglaubliche Ansammlung von Stoffhändlern. Jeder der ca. 500 kleinen Läden (und das sind nur die, an denen wir vorbeigekommen sind!) konkurriert mit einer ungeheuren Menge von Textilien um die Aufmerksamkeit der Kunden. Es handelt sich nur zum kleinsten Teil um Kleidungsstücke, die schon geschneidert, also prêt-à-porter sind. Ich spreche von Stoffen aller Farben, Größen und Beschaffenheiten – in einer Farbenpracht, wie ich sie noch nie gesehen habe. Während ich noch überlege, wo der imaginäre Sättigkeitsregler ist, um das, was ich sehe, wieder zu normalisieren, hatte Nora einen Stoff gefunden, der ihr besonders gut gefällt. Die Verkäuferin des zugehörigen kleinen Ladens bot uns erstmal einen Sitzplatz an, stellte uns ihre Schwester vor und beschloss dann – nach ausgiebiger Beratung – wie viele Meter des Stoffes Nora nun kaufen soll. Auf die Frage, ob sie denn zufällig eine Schneiderin kenne, begann sie zu telefonieren. Entgegen unserer Vermutung, bekamen wir nicht einfach einen Straßennamen oder eine Telefonnummer. Nein, die Schneiderin, Fatou, kam nach ein paar Minuten direkt in den Laden, um uns abzuholen.

Nun schieben wir uns also durch die Marktstraße, vorbei an unzähligen weiteren Stoffen, aber auch an Essensständen und Bettlern. Fatou führt uns zum Eingang einer Halle. Und was für Harry Potter das Treppenhaus in Hogwarts mit den sich bewegenden Treppen ist, das ist für uns dieser große, unüberblickbare, mehrstöckige Bienenstock. In jedem der engen Gänge dieses Gebäudes befinden sich dicht an dich kleine Nähstuben. Der Platz in diesen wird komplett von den Nähmaschinen und den Stapeln an zu verarbeitenden Stoffen gefüllt. Über die ohrenbetäubende Geräuschkulisse all dieser Nähmaschinen sowie den vielen Fernsehern und Radios, führt uns Fatou die Treppe nach oben. Leider ist aber nur die eine Seite der Treppe benutzbar, der andere Teil ist ein einziger Haufen von Stoffabfällen. Angekommen bei ihrer Parzelle, werden uns wieder Sitzplätze angeboten. Während ich vollkommen gefesselt von dem Jungen im Kabuff nebenan bin, der freihändig mit einer Nähmaschine einen Stoff mit wunderschönen Stickereien versieht, soll Nora erklären, wie sie sich das Kleid vorstellt, das sie geschneidert bekommen will. Als unser Französisch an seine Grenzen kommt, bekommt sie einfach Stift und Papier in die Hand gedrückt und darf ihr Unikat aufzeichnen. Nora wird vermessen, es wird uns Attaya, also Tee, angeboten und Fatou zeigt uns Bilder von bereits von ihr geschneiderten Kleidern. Als es dann an die Bezahlung geht (wirklich ein Spottpreis), hat Fatou kein Wechselgeld parat. Also fragte sie erst alle ihre Kollegen – und sie kennt dort wirklich jeden – und als das alles nichts nutzt, nimmt sie uns mit nach draußen auf die Straße. Die Obstverkäuferin dort, natürlich auch eine Freundin, hat glücklicherweise noch Kleingeld. Als wir uns schon wieder zu Fuß auf den Rückweg machen wollen, winkt Fatou ab, wir sollen doch mit dem Car rapide fahren. (Das Car rapide ist die so ziemlich undurchschaubarste, unsicherste und waghalsigste Fortbewegungsart in Dakar. Dazu aber vielleicht in einem gesonderten Artikel nochmal mehr.) Fatou sagt dem Busfahrer aber wo wir hinmüssen und nennt uns noch den Preis, den auch die Einheimischen zahlen. Und siehe da – wir sind genau da rausgekommen, wo wir hinwollten.

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