Confessions of a Brazilian Callgirl – Brasilianisches Feuilleton #1

(von Dezember 2019)

Whoa.

Ich habe gerade einen richtig, richtig krassen Film gesehen – auf Netflix, ich geb’s zu, der erste Film, den ich über meinen eigenen Netflix-Account geguckt habe (der nur existiert, um Filme über Brasilien und über’s Boxen zu gucken). Confessions of a Brazilian Callgirl (2011) mit Deborah Secco in der Hauptrolle, Regie von Marcus Baldini, ist die Verfilmung einer Autobiographie von Raquel Pacheco, Das süße Gift des Skorpions. So weit die Fakten. Ich als blutige Netflix-Anfängerin gab „Brasil“ in der Suchleiste ein, fand diesen Film, hielt ihn für eine lustige, turbulente Sitcom und erinnerte mich vage an etwas Oberflächliches, Witziges namens „The Secret Diary of a Callgirl“, das ich vor Jahren mit meiner besten Freundin auf der Couch gesehen hatte.

…Tja, weit gefehlt. Ich hatte den Film vor ein paar Wochen angefangen und war dann mit meiner Mitbewohnerin in einem Türkisch für Anfänger-Sumpf versunken, und natürlich fiel es mir gerade an dem Abend ein, ihn zuende zu sehen, als ich vereinsamt, anxious und mit Rotwein in der Bude allein zuhause war und eh schon schlechte Laune hatte.

Über fast zwei Stunden folgen wir Bruna/Raquel, einem Schulmädchen aus einer Adoptivfamilie, bei ihrem Weg vom bürgerlichen Stadtleben über ein abgeranztes Bordell in São Paulo, ein Edel-Eskort-Apartment, den Rausch nationaler Berühmtheit, den Straßenstrich, üble Spelunken und einen Aufenthalt im Krankenhaus bis zu dem Punkt der Geschichte, an dem sie anfängt, sie selber zu erzählen.

Der Film hat von Anfang an eine bedrückende Note, Raquel ist zwar der Mittelpunkt des Geschehens, wirkt aber die meiste Zeit, als ginge sie ihr eigenes Leben gar nichts an. Adoptiert in eine Familie mit mehr oder weniger normalen Eltern und einem fiesen Bruder führt Raquel einen sehr normalen Schulalltag, bis ein Klassenkamerad findet, dass „Hausaufgaben zusammen machen“ und „Raquel zum Blowjob zwingen“ zwei so unterschiedliche Dinge doch gar nicht sein müssen. Raquel beschließt kurz darauf, den ganzen Mist hinter sich zu lassen und in São Paulo neu anzufangen.

Nach den ersten zehn Minuten freute ich mich auf den Rest des Films, latschte an zankenden Junkies vorbei zum Kiosk, um mir ein Börek zu holen, und drückte guter Dinge wieder auf Play.
Raquel führt ein „Einstellungs“gespräch mit ihrer Zuhälterin in spe, ignoriert geflissentlich die anderen Mädchen, die in derselben Wohnung schlafen und für dieselbe Frau arbeiten, und macht irgendwie ihr Ding.

Nach fünfundzwanzig Minuten dachte ich zum ersten Mal: Hui, das ist aber ganz schön intensiv, ich hoffe, es ekaliert nicht noch mehr.
Raquel heißt inwischen Bruna, lernt auf die harte Tour, was es heißt, als Prostituierte zu arbeiten (TRIGGER WARNING: it might as well be a rape scene), ihr wird ihr ganzes Geld geklaut, aller Anfang ist schwer.

Nach einer halben Stunde hatte ich mich wieder entspannt, der Film nahm einen positiven Farbton an, Hoffnung lag in der Luft und ein blasses Glück.
Bruna hat sich inzwischen mit ihren Kolleginnen angefreundet, macht jede Menge Kohle und Unsinn, stylt sich die Haare anders, geht tanzen und berichtet lakonisch von den unterschiedlichen Penisformen ihrer Freier und dem merkwürdigen Moment, als einer von ihnen nur Möbel mit ihr zusammen verrücken wollte. Ihr allererster Freier – der auch ihr erstes Mal war – kommt regelmäßig zum Quatschen und Rauchen vorbei, und einmal hat sie sogar wirklich guten Sex und denkt kurz, sie sei verliebt (und auch als Zuschauerin lauert man nur darauf, dass dieser Typ zurückkommt).
Sie kündigt zusammen mit einer Freundin im Bordell und startet einen Blog über ihr Leben als Callgirl, der – ganz „Brazilian Dream“ – absolut durch die Decke geht und ihr ein neues, völlig anderes Leben ermöglicht. Aber dann… shit goes down.

Etwa zur Hälfte des Films, die Handlung erreichte ihren absurden Höhepunkt wie in einem experimentellen Theaterstück, wo alle nackt sind und auf der Bühne eine Gurke vergewaltigt wird (ich erinnerte mich mit Schaudern an „Mother!“ mit Jennifer Lawrence, den letzten miesen Trip dieser Art, der mir heute noch nachhängt), hatte ich mir mittlerweile den Arsch abgefroren und saß bibbernd mit dem Rücken an der Heizung auf dem Boden hinter meinem Bett.
Bruna hat völlig die Kontrolle über sich und ihr Leben verloren, stößt die Menschen weg, die gut zu ihr sind, und lässt sich immer mehr auf Drogen und die falschen Leute ein, driftet ins Vulgäre ab und wird immer einsamer, geht immer kaputter. Derweil werden ihre Outfits und ihre Bude immer pompöser und die Zahl ihrer Freier immer mehr, während die Zahl ihrer Bewunderer rapide abzunehmen beginnt. Sogar der Mann, mit dem sie guten Sex hatte, kommt sie besuchen, findet sie alleine und depressiv Bier trinkend am Pool vor und nuschelt irgendwas von „So hab ich mir das aber nicht vorgestellt“, um dann den Schwanz ein- und wieder abzuziehen. Irgendwann sehen wir Bruna zum allerersten Mal auf dem Straßenstrich stehen. Cut.

Die nächsten zwanzig Minuten dachte ich alle paar Szenen, dass es das doch jetzt bitte gewesen sein muss und dass es auf gar keinen Fall noch drastischer, elender, grausamer und more graphic werden kann. (Es kann.)
Der durch den Schnitt als solcher erkennbare „zweite“ Teil des Films beginnt mit einer langsamen Kamerafahrt durch eine verrauchte Kaschemme, in der Billard gespielt wird und sehr viele Leute aus scheinbar unerfindlichen Gründen in einem Flur stehen. Die Kamera fährt an jedem Einzelnen von ihnen entlang, allen, wie sie da aufgereiht herumlungern, große, kleine, dicke, dünne, vornehmlich hässliche Männer. Wait. Alles Männer. Einen von ihnen hört man „im Vorbeigehen“ murmeln, dass die Kleine ja wohl echt heiß sein müsse. Plötzlich realisiert man, dass diese Kerle alle nicht nur rumstehen, sondern anstehen. Ein sehr, sehr böser Verdacht beschleicht mich und ich denke: Oh Nein. Oh Nein. Die Tür am Ende des Gangs geht auf und heraus kommt Bruna, in T-Shirt und Slip, die lacht, eine anzügliche Bewegung macht und ruft: „Na, welcher Süße ist als Nächster dran?“ Mir wird schlecht.

Dann kam der Teil, wo ich mich endgültig fragte, was ich mir hier eigentlich antue und warum ich mir so was geben muss – als ersten cinematografischen Eindruck der Stadt, in der ich für fünf Monate leben werde. Das wäre so, als würde ich nach Hamburg kommen und mir als Erstes den Goldenen Handschuh von Fatih Akin reinziehen.
Die nächsten fünf Minuten (TRIGGER WARNING) sieht man, man kann es nicht anders sagen und es wird auch im Film so genannt, Bruna beim Geficktwerden und Koksen zu, und das ist nicht nur nicht schön, das ist absolut nichts, was ich mir ohne Vorwarnung alleine an einem entspannten Abend angucken würde. Das Grausamste an dieser nicht enden wollenden Szene ist der obligatorische Zwischenschnitt, der in immer kürzeren Abständen kommt und Bruna zeigt, wie sie die Tür aufreißt und mit immer rauerer Stimme, mit immer leereren Augen „Próximo!“ raunzt. Am Ende kommt der Notarzt.

Bruna landet im Krankenhaus, wo sie – ein wenig überraschender plot twist, könnte man meinen – ihr hartnäckiger erster Freier und inzwischen so-was-wie-ein-Freund Huldson abholt. Er nimmt sie im Auto mit, sie hat eine Jeans und einen Pullover an, gekämmte Haare, ein müdes Gesicht, macht aber den Eindruck, als hätte sie das Gröbste überstanden, Ruhe gefunden und mit der Heilung begonnen. Huldson bietet Bruna ein sicheres und schönes Leben an. Er liebt sie, so, wie sie ist. Sie kann zu ihm ziehen, sie kann neu anfangen. Bruna wird wieder zu Raquel.
Und jetzt kommt der überraschende Teil, der Grund, warum ich den Film trotz seiner Grausamkeit letztendlich sehr genossen habe und lohnend fand: Raquel erklärt Huldson, dass er ihr dieses Angebot nicht machen würde, würde er verstehen, worum es ihr geht. Es ging ihr immer darum, unabhängig zu sein. Mit dem, was sie in São Paulo in großem Stil gemacht hat – „Ficken!“ – war sie unabhängig, auch wenn sie dafür einen sehr hohen Preis gezahlt hat. Cut. Man versteht Raquel, fragt sich aber gleichzeitig ein bisschen, wie man so blöd sein kann.

Dann kommt der Epilog. Raquel ist ein letztes Mal Bruna, aber sie bleibt sich dabei treu. Sie spricht darüber, wie sie sich selbst verloren hat, welche Fehler sie gemacht hat, was sie daraus gelernt hat. Sie sagt aber auch, dass es Raquel ohne Bruna nicht geben würde und umgekehrt, dass Bruna immer ein Teil von ihr bleiben wird.
Sie sagt außerdem den sehr simplen und sehr, sehr starken Satz: „Ich bin stolz auf mich.“ (An der Stelle hatte ich Gänsehaut.)
Sie erklärt mit fester, ruhiger Stimme aus dem Off, dass sie Huldsons Angebot annehmen wird, dass sie sich aber erst noch ein finanzielles Polster aufbauen will, um unabhängig zu bleiben. Dass sie deswegen noch sechs Monate anschaffen wird, also 800 Termine. Man sieht sie in einer schönen Wohnung, in einem schönen Kleid, gesund, entspannt, ihre Augen lächeln. Es klingelt. Sie geht zur Tür, die Kamera hält auf Brunas Gesicht. „Komm rein“, sagt sie.

Was ich an diesem Film bemerkenswert fand, war erstens die Tatsache, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt.
Zweitens die Hauptdarstellerin. Eine solche Wandlungsfähigkeit, ohne dass man das als Zuschauerin direkt bemerkt, habe ich selten gesehen. Deborah Secco leidet, liebt, kämpft, stirbt und steht wieder auf, so überzeugend, dass man nicht versteht, warum diese Frau nicht weltberühmt ist.
Und drittens die feinen plot twists, der feministische Unterton, der immer stärker wird, das vermeintliche Paradox zwischen dem Inhalt der Geschichte und der Tatsache, dass die Protagonistin sich selbst dazu entschieden hat, sie genau so zu erzählen. Hier gibt es keinen male gaze, sondern nur den unbarmherzigen und doch liebevollen Blick Raquels auf sich selbst. Kein Prinz, der zur Rettung eilt, keine Freunde, die nach einigen Szenen mit trauriger Musik doch wieder zurückkommen, keine moralischen Zeigefinger. Nur Raquel/Bruna und den Weg, den sie geht – stolz und unabhängig.

One thought on “Confessions of a Brazilian Callgirl – Brasilianisches Feuilleton #1

  1. Ervilha,
    man könnte meinen, du schreibst fürs Feuilleton, deine Betrachtung liest sich fantastisch. Du ersparst denen, die diesen Film nicht schauen möchten, eine vermutlich nachhaltig verstörende Erfahrung und schenkst ihnen zugleich einen höchst reflektierten Blick durchs Schlüsselloch in eine Welt, die sie sich nicht näher anschauen können/möchten, deren Protagonistin sie sich gleichwohl verbunden fühlen. Hervorragend geschrieben, differenziert ausgeleuchtet, empathisch bewertet. Mit zurückhaltenden Bezügen auf dich selbst als Rezensentin eines Films, den du ohne Netflix vermutlich nie gesehen hättest. Zur weiteren Vorbereitung auf deine Zeit in Sao Paulo wünsche ich dir jetzt das Kontrastprogramm … „probier’s mal mit Gemütlichkeit, …“ :)))

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