Ansichten aus einem Tro Tro

Zugegeben, ich bin schon fasziniert von diesem Kleinbussystem. Im Tro Tro Fahren habe ich durch meinen täglichen Arbeitsweg schon sehr viel Erfahrung, aber heute hatte ich einige, fast schon philosophisch anmutende Gedanken, die ich Euch nicht vorenthalten will. Zunächst mal: Der Name Tro Tro kommt vom englischen Threepence (three penny), auf Twi „Tro“, da die Busse einen für wenig Geld transportieren sollten. Trotz Inflation halten sie auch heute noch ihr Versprechen, denn die teuerste Kurzstrecke, die ich bisher gefahren bin hat ca. 50 Cent gekostet. In jedem Tro Tro arbeiten zwei Personen (eigentlich sind es immer Männer). Der Fahrer, der den Kleinbus durch die dichtesten Staus kurvt und es erstaunlicherweise meistens schafft die schlecht gewarteten Dinger (manchmal knarzt und kracht die Gangschaltung schon gewaltig) auch steile Berge hochzuziehen und natürlich der Mate, der nicht nur für das Abkassieren zuständig ist, sondern auch Kindern beim Aussteigen hilft, einem auf Nachfrage durch das Fenster einen Snack oder Wasser von den um die Autos stehenden Verkäufer*innen kauft (natürlich muss man ihm dafür das Geld geben) oder Gepäck, das Leute mitnehmen wollen verstaut (Das können dann auch mal 25 Bananenstauden und drei Wannen voller Plantainchips sein, die eine Marktfrau von A nach B transportieren möchte und die auf magische Weise alle hineinpassen). Außerdem kommuniziert der Mate mit dem Fahrer. Wenn jemand aus dem Tro Tro aus-, oder von der Straße in das Tro Tro einsteigen will, klopft der am Fenster sitzende Mate laut auf das Dach und gibt damit das Zeichen: Anhalten, beziehungsweise Losfahren. Ist das Tro Tro noch nicht voll, lehnt er sich aus dem Fenster oder steigt an Ampeln aus und ruft laut in welche Richtung der Bus fährt und an welchen Haltestellen er hält, um Fahrgäste „anzulocken“. Dabei helfen dann manchmal sogar Passanten, die vom Mate dafür ein paar Cedi in die Hand gedrückt bekommen. Die Mates sind im Generellen sehr loyal und freundlich. Haben sie mal nicht das exakte Wechselgeld, runden sie es zu Gunsten des Fahrgastes auf, sie können dir sogar 100 Cedi wechseln, wenn du drei bezahlen musst und erst neulich habe ich gesehen, dass, als bei der Übergabe des Rückgeldes eine Münze runtergefallen ist, vom Mate einfach noch eine gegeben wurde. Obwohl das Tro Tro System auf den ersten Blick sehr ungeordnet und planlos wirken mag, gibt es ein ausgeklügeltes System, das sehr gut funktioniert. Es gibt kaum Wartezeiten, da einfach immer viele Kleinbusse unterwegs sind, durch das Abkassieren im Auto ist die Schwarzfahrendenrate gleich null und man braucht, wegen der allgemein festgeschriebenen Preisliste (die man auch auf Wunsch einsehen kann), keine Angst zu haben abgezogen zu werden. An größeren Tro Tro Stationen gibt es sogar oft kleine Stände and denen Mates größere Scheine zu Kleingeld wechseln können.

Aber genug zum Organisatorischen. Für mich stellen Tro Tros Orte der Begegnung dar. Auf kleinstem Raum kommen schlecht angezogene und Leute in schicken Businesskostümen, Kinder und Alte, Frauen und Männer, Weiße und Schwarze friedlich zusammen um alle einen Zweck zu verfolgen: Vorwärtskommen. Frauen stillen ihre Kinder, ältere Kinder stapeln sich übereinander, denn nur für jeden besetzten Platz muss man zahlen, Leute Essen, Leute Reden, meistens läuft auch das Radio nebenbei. Ich sitze besonders gerne am Fenster, versuche in den engen Sitzreihen Platz für meine Knie zu finden und meine umherfliegenden Haare zu bändigen (irgendwie gibt es durch die vielen Fenster immer Luftverbwirbellungen) und schaue hinaus, denn auf den Straßen gibt es immer viel zu sehen. Die bunten Häuserfassaden, unbenutzte und überwachsene Eisenbahnschienen, Läden und Essensstände, Flüsse in denen Plastik schwimmt, und natürlich: Menschen.

Apropos Menschen: Lasst uns mal über Fashion reden. Ich hoffe niemand in meiner Leserschaft geht davon aus, dass Ghanaer*innen ausschließlich African Prints, also diese bunt gemusterten Stoffe um sich gewickelt haben. Natürlich tragen die Menschen hier auch (nicht zuletzt als Erbe des Kolonialismus) „westliche Kleidung“. Es gibt, vor Allem im kommerziellen Zentrum Adum sehr viele Klamottenstände, die viel second-hand Kleidung verkaufen, aber auch Neuwertiges. Neulich habe ich zum Beispiel eine lange Jeans von Topshop, die definitiv noch niemand getragen hatte (das merkt man doch) für umgerechnet ca. 2,70€ gekauft und bin sehr zufrieden damit.

Im Straßenbild sieht man aber auch African Prints (sie werden hier hergestellt und zu Massen verkauft, natürlich werden sie auch getragen). Entweder werden sie zu schönen Oberteilen, Kleidern und Röcken genäht um dann zum Beispiel Sonntags in der Kirche getragen zu werden, sie werden einfach als Alltagskleidung getragen, sie werden von Marktfrauen als Schürze getragen, in der in zwei Taschen das Wechselgeld aufbewahrt wird, oft sieht man sie auch zu einer Art Kissen aufgerollt, dass das auf dem Kopf Tragen von schweren Gegenständen angenehmer macht oder sie werden als Babytragetuch verwendet (Kinderwagen sind in den vollen Straßen absolut unpraktisch. Ich habe noch keinen einzigen gesehen).

Viele Weiße Freiwillige kaufen sich hier während Ihres Aufenthalts Unmengen an Stoff und lassen sich dann daraus alle erdenklichen Kleidungsstücke schneidern. Dafür, muss ich aber sagen, hab ich noch nicht viele Weiße in African Print herumlaufen sehen. Braids, also diese Zopffrisuren mit ganz vielen kleinen Zöpfen, die oft auch durch Extensions verlängert werden bemerke ich dafür häufiger an Weißen. Mir persönlich wäre aber das Tragen von zu viel Prints und/oder Beides auch etwas unangenehm. Hier in Ghana stört es zwar niemanden, aber in Deutschland liegt der Vorwurf der kulturellen Aneignung schon sehr nahe, und das verstehe ich auch. Falls jemand nicht weiß, was ich meine: Bitte informieren. Ich kann das leider nicht ausreichend erklären, dafür fehlt mir Einiges an Hintergrundwissen und ich möchte hier nichts Unzureichendes schreiben. Je mehr Menschen aber darüber Bescheid wissen, desto besser.

Da mein letzter Blogeintrag noch nicht lange zurückliegt, gibt es aus meinem Leben nicht allzu viel Neues zu erzählen. Ich habe mit anderen Freiwilligen Pfannenplätzchen gebacken, oder viel mehr improvisiert (Kein Ofen und Öl statt Butter) und war endlich mal in dem Rattray Park, von dem ich im dritten Blogeintrag geschrieben habe (war ganz nett, aber nicht umwerfend). Neu ist noch, dass ich langsam anfange mich hier angekommen zu fühlen. Ja, nach 2 ½ Monaten erst, aber immerhin. Manche ganzjährige Freiwillige sagen, sie hätten erst nach einem halben Jahr in Ghana wirklich wohlgefühlt.

Weil es vor Weihnachten vielleicht keinen Eintrag mehr geben wird, wie versprochen: Afenhyiapa – Fröhliche Weihnachten und ein gutes Neues Jahr.

Und ich möchte jetzt bitte alle die richtige Antwort darauf murmeln hören: Afe nkɔ me to yɛn.

Bis bald
Sophie

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