Großer Stolz und grüner Schal

Vor 8 Jahren begann an der Deutschen Schule in Ruse ein großes Projekt: Eine Flurwand sollte bemalt werden, nicht klassisch eintönig, sondern mit detaillierten Darstellungen der gesamten bulgarischen Geschichte, Volkshelden, Sagen und traditionellen Mustern. Eine Lehrerin nahm sich mithilfe einiger SchülerInnen dieser Aufgabe an, und nach unzähligen Arbeitsstunden, Pinselstrichen und Feinschliffen war das Kunstwerk letzte Woche endlich vollendet. Ich lief zufällig vorbei, als die finalen Punkte bemalt wurden, und war schwer beeindruckt. Wie ich erfuhr, sollte die Wand nicht nur von Schulbesuchenden bestaunt werden, und am kommenden Tag fand eine große Eröffnungszeremonie statt. Ich wurde mit eingeladen und war überrascht, plötzlich Journalisten, Fernsehkameras und den Bürgermeister Ruses in der Aula zu sehen! Ehemalige Lehrerinnen und ProfessorInnen sowie VertreterInnen der örtlichen Museen waren ebenfalls anwesend, manche hielten eine kurze Rede, der Bürgermeister lobte in seiner feierlichen Rede die Schule und verlieh der Lehrerin eine Plakette im Namen der Stadtgemeinschaft. Es war alles so schön feierlich und der Stolz auf die Bilder der Wand so spürbar, weil alle Anwesenden einen unfassbaren Stolz auf ihr Land ausstrahlten. Das zeigte sich in den SchülerInnen, die Gedichte über Bulgarien oder das „Bulgare-Sein“ vortrugen, in den Liedern zu Ehren des Landes und in den Reden, die von Zusammenhalt und Zugehörigkeit durch Hilfsbereitschaft handelten.
Die Stimmung war feierlich, und ich freute mich sehr, diese Atmosphäre so erleben zu können.

Bevor die Bilder der Wand einzeln eingeordnet und erklärt wurden, gab es noch traditionell bulgarisches Brot in runder Form, gefüllt mit Sirene und getunkt in Sharena Sol, einer bunten Salzmischung, die für mich sofort nach kalten Tagen auf dem Witoscha riecht. Damals war genau diese Kombination aus warmem Brot mit würzigem Salzgemisch und einer wärmenden Suppe in unserer Stammberghütte das Highlight eines Wochenend-Miniwandertrips. Allein der Geruch dieses Brotes löste so viele Erinnerungen in mir aus, das passiert mir in letzter Zeit oft.
Ich habe ein gutes Gedächtnis, und das, was ich gesehen und erlebt habe, kann ich meist recht zuverlässig und akkurat wieder aufrufen. Gerüche aber tragen eine ganz andere, tiefgründige Erinnerungskraft, die sich eben nicht zu jeder Zeit abrufen lässt.
Unvorhersehbar sind sie also, diese kleinen Erinnerungsinseln. Ich habe mir ein paar von ihnen aufgeschrieben, um sie nicht zu verlieren.
Wenn ich durch den Park laufe, komme ich oft an kleinen Buden vorbei, die Goldmais in kleinen Bechern verkaufen. Dieser wird mit geschmolzener Butter und Salz getoppt und riecht dementsprechend buttrig intensiv. Als Kinder haben wir das immer gerne gegessen, der Snack ist für mich mit Sommertagen im Park und Fahrradausflügen verbunden.
Neulich lief ich an einer Bäckerei vorbei, in der soeben eine frische Ladung Banitsa fertig gebacken wurde. Der Geruch nach Teig und Käsefüllung warf mich sofort in die U-Bahn in Sofia am frühen Morgen. Dort wird bei den Ausgängen eigentlich immer Banitsa in verschiedensten Variationen verkauft, und wenn man aussteigt, riecht man sie schon von der Metrotür aus.

Ich könnte ewig so weitermachen, vielleicht spare ich mir das aber lieber für Wochen, in denen ich nichts zu erzählen habe. Jedenfalls ließ mich das Brot mit Salz zur Eröffnung der Wand kurz an Ausflüge und Restaurantbesuche denken, und ich freute mich, gleich ein bisschen Geschichte zu hören.
Beim Betrachten der Wand fiel mir auf, dass einer der dargestellten Jungen einem Schüler sehr ähnlich sah. Ich flüsterte meine Beobachtung der Lehrerin neben mir zu und erfuhr, dass er tatsächlich Modell stehen durfte. Welch fuchsige Taktik, in der Schule nie in Vergessenheit zu geraten!
Während der Führung fiel mir auf, dass über den Bildern auch noch ein Schewitsa-Muster gemalt war. Schewitsa nennt man die traditionelle bulgarische Stickerei mit geometrischen und floralen Mustern, oft in Rot, Schwarz und Weiß, die man vor allem von Trachten kennt.
Diese Mischung aus Geschichte, Handwerk und der Liebe fürs Detail finde ich einfach bezaubernd.

Fröhlich liefen wir nach der Veranstaltung hinaus, schauten zum Himmel und mussten schnell die Regenschirme zücken.

In Ruse regnete es die ganze Woche schon. Vor meinem Wohnblock hatte sich eine Pfütze gebildet, die von Tag zu Tag größer wurde und am 5. Regentag in Folge schon ein kleiner Teich war, der mir jeden Morgen den Schulweg erschwerte. Was macht man an einem Wochenende hier, wenn es draußen kalt ist und es irgendwie von oben, unten und der Seite regnet? Nun, die letzten Wochen hatte ich vorsorglich schon mal rumgefragt, konkrete Lösungen schien aber niemand zu haben. Die meisten gehen dem aggressiven Regen wohl am liebsten einfach aus dem Weg. Aber ich entschied, mich nicht geschlagen zu geben, und so machten meine Mitfreiwillige und ich das Beste aus der Sache und unternahmen am Samstag nicht nur einen Abstecher ins Café, sondern auch in den Bastelladen! Wir suchten beide Materialien für ein kleines kreatives Projekt aus und genossen zusammen einen entspannten Abend mit herbstlicher Stimmung, guter Musik und netter Gesellschaft. Sie collagierte ein Lesezeichen mit Perlenband, und ich griff eine etwas eingerostete, aber schnell wieder aufzufrischende Aktivität auf: das Häkeln!
Meine Mutter häkelt, seit ich denken kann, und hat es mir auch schon früh beigebracht, ich bin aber seit Langem nicht dazu gekommen. Nun hatte ich eine Häkelnadel und grüne Wolle besorgt und war begeistert, wie schnell ich mich an die Handgriffe erinnerte. Ich freute mich über jede Masche und konnte gar nicht aufhören. Mein Schal wurde immer länger, und plötzlich war mein Wollknäuel weg.
Ich konnte kaum fassen, dass es so schnell aufgehäkelt war, und war schwer enttäuscht, als ich sah, dass die Wollläden erst Montag wieder aufmachen würden. Ich musste also gezwungenermaßen eine Pause machen.

Da wir am Samstag kreativ und aktiv waren, ließ der Sonntag Raum, sich etwas berieseln zu lassen. Es war Zeit, zum 1. Mal das Kino in Ruse zu besuchen, wir hatten es uns für genau solche Tage aufgespart. Die Neuverfilmung von „Sense and Sensibility“ lief, was ich unbedingt sehen musste. Ich habe es im März mit meinem Profil als Theaterstück in der Schule aufgeführt (auf schwer verständlichem Englisch und 3 Stunden lang, nicht das ganze Publikum war begeistert, wir aber schon) und war gespannt, wie die Geschichte dargestellt werden würde.
Es war ein wunderschön gemachter Film, und auch das Kino kann sich sehen lassen. Vor allem die Preise sind angenehm: Eine Karte kostet 4 Euro!
Nach der Vorstellung mussten wir im strömenden Regen zur Bushaltestelle rennen. Das ist hier doch etwas dörflich: Die Busse kommen manchmal tatsächlich nur einmal die Stunde, das bin ich aus Hamburg natürlich nicht gewöhnt…
Etwas, das ich aus Deutschland auch nicht kenne, ist die Pünktlichkeit der Busse. Statt zu spät zu kommen, was in Deutschland oft Standard ist, kommen sie hier so oft zu früh, dass ich mittlerweile spätestens 10 Minuten vor planmäßiger Abfahrt an der Haltestelle stehe. Zu oft war ich schon pünktlich, und der Bus war längst weg.
Das Wetter und die herbstlichen Temperaturen machten die letzten Tage besonders gemütlich. Es war zwar eine kleine Herausforderung, sich angemessene Aktivitäten zu organisieren, aber ich habe es ganz gut geschafft, finde ich.
Am Montag konnte ich dann auch neue Wolle kaufen und meinen Schal im Laufe der Woche fertig häkeln. Es hat so viel Spaß gemacht, und ich konnte nicht aufhören, weshalb er jetzt so lang ist, dass ich ihn 5-mal umwickeln kann. Ich glaube, für den kalten Winter, der mir bevorsteht, ist das aber gar nicht schlimm. Ich kann mir vorstellen, dass der ständige Regen der letzten Wochen sich bald in Schnee verwandeln wird und ich meinem Häkelrausch noch sehr dankbar sein werde.

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