Großer Stolz und grüner Schal

Vor 8 Jahren begann an der Deutschen Schule in Ruse ein großes Projekt: Eine Flurwand sollte bemalt werden, nicht klassisch eintönig, sondern mit detaillierten Darstellungen der gesamten bulgarischen Geschichte, Volkshelden, Sagen und traditionellen Mustern. Eine Lehrerin nahm sich mithilfe einiger SchülerInnen dieser Aufgabe an, und nach unzähligen Arbeitsstunden, Pinselstrichen und Feinschliffen war das Kunstwerk letzte Woche endlich vollendet. Ich lief zufällig vorbei, als die finalen Punkte bemalt wurden, und war schwer beeindruckt. Wie ich erfuhr, sollte die Wand nicht nur von Schulbesuchenden bestaunt werden, und am kommenden Tag fand eine große Eröffnungszeremonie statt. Ich wurde mit eingeladen und war überrascht, plötzlich Journalisten, Fernsehkameras und den Bürgermeister Ruses in der Aula zu sehen! Ehemalige Lehrerinnen und ProfessorInnen sowie VertreterInnen der örtlichen Museen waren ebenfalls anwesend, manche hielten eine kurze Rede, der Bürgermeister lobte in seiner feierlichen Rede die Schule und verlieh der Lehrerin eine Plakette im Namen der Stadtgemeinschaft. Es war alles so schön feierlich und der Stolz auf die Bilder der Wand so spürbar, weil alle Anwesenden einen unfassbaren Stolz auf ihr Land ausstrahlten. Das zeigte sich in den SchülerInnen, die Gedichte über Bulgarien oder das „Bulgare-Sein“ vortrugen, in den Liedern zu Ehren des Landes und in den Reden, die von Zusammenhalt und Zugehörigkeit durch Hilfsbereitschaft handelten.
Die Stimmung war feierlich, und ich freute mich sehr, diese Atmosphäre so erleben zu können.

Bevor die Bilder der Wand einzeln eingeordnet und erklärt wurden, gab es noch traditionell bulgarisches Brot in runder Form, gefüllt mit Sirene und getunkt in Sharena Sol, einer bunten Salzmischung, die für mich sofort nach kalten Tagen auf dem Witoscha riecht. Damals war genau diese Kombination aus warmem Brot mit würzigem Salzgemisch und einer wärmenden Suppe in unserer Stammberghütte das Highlight eines Wochenend-Miniwandertrips. Allein der Geruch dieses Brotes löste so viele Erinnerungen in mir aus, das passiert mir in letzter Zeit oft.
Ich habe ein gutes Gedächtnis, und das, was ich gesehen und erlebt habe, kann ich meist recht zuverlässig und akkurat wieder aufrufen. Gerüche aber tragen eine ganz andere, tiefgründige Erinnerungskraft, die sich eben nicht zu jeder Zeit abrufen lässt.
Unvorhersehbar sind sie also, diese kleinen Erinnerungsinseln. Ich habe mir ein paar von ihnen aufgeschrieben, um sie nicht zu verlieren.
Wenn ich durch den Park laufe, komme ich oft an kleinen Buden vorbei, die Goldmais in kleinen Bechern verkaufen. Dieser wird mit geschmolzener Butter und Salz getoppt und riecht dementsprechend buttrig intensiv. Als Kinder haben wir das immer gerne gegessen, der Snack ist für mich mit Sommertagen im Park und Fahrradausflügen verbunden.
Neulich lief ich an einer Bäckerei vorbei, in der soeben eine frische Ladung Banitsa fertig gebacken wurde. Der Geruch nach Teig und Käsefüllung warf mich sofort in die U-Bahn in Sofia am frühen Morgen. Dort wird bei den Ausgängen eigentlich immer Banitsa in verschiedensten Variationen verkauft, und wenn man aussteigt, riecht man sie schon von der Metrotür aus.

Ich könnte ewig so weitermachen, vielleicht spare ich mir das aber lieber für Wochen, in denen ich nichts zu erzählen habe. Jedenfalls ließ mich das Brot mit Salz zur Eröffnung der Wand kurz an Ausflüge und Restaurantbesuche denken, und ich freute mich, gleich ein bisschen Geschichte zu hören.
Beim Betrachten der Wand fiel mir auf, dass einer der dargestellten Jungen einem Schüler sehr ähnlich sah. Ich flüsterte meine Beobachtung der Lehrerin neben mir zu und erfuhr, dass er tatsächlich Modell stehen durfte. Welch fuchsige Taktik, in der Schule nie in Vergessenheit zu geraten!
Während der Führung fiel mir auf, dass über den Bildern auch noch ein Schewitsa-Muster gemalt war. Schewitsa nennt man die traditionelle bulgarische Stickerei mit geometrischen und floralen Mustern, oft in Rot, Schwarz und Weiß, die man vor allem von Trachten kennt.
Diese Mischung aus Geschichte, Handwerk und der Liebe fürs Detail finde ich einfach bezaubernd.

Fröhlich liefen wir nach der Veranstaltung hinaus, schauten zum Himmel und mussten schnell die Regenschirme zücken.

In Ruse regnete es die ganze Woche schon. Vor meinem Wohnblock hatte sich eine Pfütze gebildet, die von Tag zu Tag größer wurde und am 5. Regentag in Folge schon ein kleiner Teich war, der mir jeden Morgen den Schulweg erschwerte. Was macht man an einem Wochenende hier, wenn es draußen kalt ist und es irgendwie von oben, unten und der Seite regnet? Nun, die letzten Wochen hatte ich vorsorglich schon mal rumgefragt, konkrete Lösungen schien aber niemand zu haben. Die meisten gehen dem aggressiven Regen wohl am liebsten einfach aus dem Weg. Aber ich entschied, mich nicht geschlagen zu geben, und so machten meine Mitfreiwillige und ich das Beste aus der Sache und unternahmen am Samstag nicht nur einen Abstecher ins Café, sondern auch in den Bastelladen! Wir suchten beide Materialien für ein kleines kreatives Projekt aus und genossen zusammen einen entspannten Abend mit herbstlicher Stimmung, guter Musik und netter Gesellschaft. Sie collagierte ein Lesezeichen mit Perlenband, und ich griff eine etwas eingerostete, aber schnell wieder aufzufrischende Aktivität auf: das Häkeln!
Meine Mutter häkelt, seit ich denken kann, und hat es mir auch schon früh beigebracht, ich bin aber seit Langem nicht dazu gekommen. Nun hatte ich eine Häkelnadel und grüne Wolle besorgt und war begeistert, wie schnell ich mich an die Handgriffe erinnerte. Ich freute mich über jede Masche und konnte gar nicht aufhören. Mein Schal wurde immer länger, und plötzlich war mein Wollknäuel weg.
Ich konnte kaum fassen, dass es so schnell aufgehäkelt war, und war schwer enttäuscht, als ich sah, dass die Wollläden erst Montag wieder aufmachen würden. Ich musste also gezwungenermaßen eine Pause machen.

Da wir am Samstag kreativ und aktiv waren, ließ der Sonntag Raum, sich etwas berieseln zu lassen. Es war Zeit, zum 1. Mal das Kino in Ruse zu besuchen, wir hatten es uns für genau solche Tage aufgespart. Die Neuverfilmung von „Sense and Sensibility“ lief, was ich unbedingt sehen musste. Ich habe es im März mit meinem Profil als Theaterstück in der Schule aufgeführt (auf schwer verständlichem Englisch und 3 Stunden lang, nicht das ganze Publikum war begeistert, wir aber schon) und war gespannt, wie die Geschichte dargestellt werden würde.
Es war ein wunderschön gemachter Film, und auch das Kino kann sich sehen lassen. Vor allem die Preise sind angenehm: Eine Karte kostet 4 Euro!
Nach der Vorstellung mussten wir im strömenden Regen zur Bushaltestelle rennen. Das ist hier doch etwas dörflich: Die Busse kommen manchmal tatsächlich nur einmal die Stunde, das bin ich aus Hamburg natürlich nicht gewöhnt…
Etwas, das ich aus Deutschland auch nicht kenne, ist die Pünktlichkeit der Busse. Statt zu spät zu kommen, was in Deutschland oft Standard ist, kommen sie hier so oft zu früh, dass ich mittlerweile spätestens 10 Minuten vor planmäßiger Abfahrt an der Haltestelle stehe. Zu oft war ich schon pünktlich, und der Bus war längst weg.
Das Wetter und die herbstlichen Temperaturen machten die letzten Tage besonders gemütlich. Es war zwar eine kleine Herausforderung, sich angemessene Aktivitäten zu organisieren, aber ich habe es ganz gut geschafft, finde ich.
Am Montag konnte ich dann auch neue Wolle kaufen und meinen Schal im Laufe der Woche fertig häkeln. Es hat so viel Spaß gemacht, und ich konnte nicht aufhören, weshalb er jetzt so lang ist, dass ich ihn 5-mal umwickeln kann. Ich glaube, für den kalten Winter, der mir bevorsteht, ist das aber gar nicht schlimm. Ich kann mir vorstellen, dass der ständige Regen der letzten Wochen sich bald in Schnee verwandeln wird und ich meinem Häkelrausch noch sehr dankbar sein werde.

Pfützen und Nostalgie

Nach vier Wochen in Ruse und einem Wochenende in Varna war ein Ausflug nach Sofia genau das, was fehlte, um vollständig zu realisieren, dass ich in Bulgarien bin. Die Meinung vieler Bulgaren scheint von meiner abzuweichen, aber die Hauptstadt ist für mich dann doch der Mittelpunkt des Landes. Als ich hier anfing, mit den Menschen über Sofia zu sprechen, hörte ich oft eine gewisse Abneigung oder sogar Ablehnung gegenüber der Hauptstadt heraus. Das ist nichts Ungewöhnliches, oft beobachte ich, dass Menschen aus kleineren Städten mit ihren Hauptstädten fremdeln. Überrascht hat es mich trotzdem. In Ruse selbst gilt Ruse als ordentliche Stadt, während die Sofioter es „die Provinz“ nennen und die Kritik an ihrer Stadt belächeln.

Ich höre hier oft, dass Sofia zu überlaufen, sogar überfordernd sei. Dass die Stadt zu aufregend ist und man sie lieber meidet. Ich sehe es nicht so und mag die Stimmung in Sofia, halte aber in Ruse nicht gern dagegen, weil es hier eher gegenteilig ist. Ruse ist gemütlich, übersichtlich und ruhig. Das kann entspannend wirken, das wuselige und lebendige Sofia aber fehlte mir, und ich freute mich sehr, als ich dann im Zug saß und etwas über 6 Stunden durch bulgarische Landschaften tuckerte.
Herbstsonne erwartete mich nicht, es war überraschend kalt und regnerisch, aber wenn Hamburg mich auf ein Wetter vorbereiten konnte, dann ja wohl dieses.

Da wir Freiwilligen, die an bulgarischen Schulen arbeiten, für ein Event in Sofia waren, konnten wir uns alle treffen und ein wenig Zeit zusammen verbringen. So zeigte ich meiner Varna-Mitfreiwilligen am Mittwoch die Stadt, und wir besuchten wichtige Eckpunkte wie die berühmte Alexander-Newski-Kathedrale oder den Witoscha-Boulevard, eine Einkaufsallee mit Blick auf den Witoscha. Wir tranken zusammen Kaffee und schafften es dann doch, ein bisschen Sonne zu tanken, bevor wir in die WG der Sofia-Freiwilligen fuhren.
Dort verbrachten wir einen schönen Abend zusammen, kochten, tauschten uns über die bisherige Zeit aus und spielten zusammen Cabo!
Das Leben der 4 in Sofia unterscheidet sich schon von dem von uns anderen. Es ist einfacher, neue Menschen zu treffen, weil es mehr Angebote für internationale StudentInnen oder Jugendliche gibt. Die Stadt ist sehr viel größer, die Offenheit gegenüber Neuem vielleicht auch, und die Möglichkeiten sind besonders vielfältig. Gleichzeitig kann das auch dazu führen, dass die Erfahrungen nicht so „klassisch bulgarisch“ sind. Die Sofioter Freiwilligen berichteten auch, dass es sehr schwierig ist, mit bulgarischen Jugendlichen in Kontakt zu kommen, und dass das Netzwerk internationaler Menschen auch dazu führen kann, dass man eher in einer Bubble lebt.
Es gibt verschiedene Herausforderungen, denen wir so begegnen, und es war spannend zu hören, wie sehr sie sich voneinander unterscheiden, je nachdem, wo man ist.

Die Veranstaltung, welche uns zusammengebracht hatte, führte auch mehrere andere Jugendliche zusammen, auf ganz andere Weise zwar, aber ebenfalls mit Fokus auf Austausch und das Entstehen neuer Bekanntschaften.
Die ZfA hatte einen Poetry-Slam-Wettbewerb organisiert, welcher Deutschlernende an der Donau dazu einlud, kurze Texte über Demokratie zu verfassen und sie vor einem Publikum vorzutragen. Teilnehmende aus der Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien stellten ihre Arbeit vor und feuerten einander an. Es war ein spannendes Event, und ich fand es so stark, wie die SchülerInnen sich trauten, aus ihrer Komfortzone herauszukommen! Die Umsetzung war so unterschiedlich, und doch verband das Thema Demokratie alle 12 Beiträge miteinander und zeichnete ein Bild von Hoffnung, Wünschen und Unsicherheiten, die junge Menschen überall beschäftigen.

Meine Zeit in Sofia ließ zu, dass ich nicht nur neue kulturweit-Freundschaften, sondern auch alte Bekanntschaften pflegen konnte. So besuchte ich zweimal meine alte Schule und schaute mir an, wie die Lage dort ist. Es ist spannend, als Erwachsene an einen Ort zurückzukehren, ihn neu einzuordnen und in anderen Aspekten kennenzulernen. So habe ich mit meinen ehemaligen Lehrerinnen jetzt über das Unterrichten, Probleme, Möglichkeiten und Entwicklungen der letzten Jahre gesprochen. Auch den Vergleich zwischen der deutschen Schule in Ruse und der in Sofia ziehen zu können, setzt einen ganz anderen Rahmen, in welchem ich mein Umfeld betrachten kann. Natürlich ist die Art, wie Deutsch unterrichtet wird, sehr unterschiedlich: In Ruse werden die deutschen Sprachdiplome als Ziel gesetzt, sie sind aber nicht verbindlich, und die SchülerInnen können weitgehend selbst entscheiden, ob sie Deutsch lernen möchten. Sie haben Fächer auf Bulgarisch und kommen auch gut ohne C1-Deutsch durch die Schulzeit.
Der Abschluss an der Deutschen Schule Sofia ist das Abitur, und es wird weitgehend auf Deutsch unterrichtet und gesprochen. Die Ziele sind unterschiedlich, und die Herangehensweisen sind deshalb nicht dieselben, doch Probleme, mit denen Lehrkräfte zu kämpfen haben, sind oft ähnlich. In Ruse wie in Sofia und auch in Hamburg höre ich von verkürzten Aufmerksamkeitsspannen und den Komplikationen im Umgang mit dieser Entwicklung. Auch die Lesekompetenz scheint zu sinken, und das veraltete Schulsystem schafft es nicht, alle mitzunehmen. Die Probleme, die ich eben noch als Schülerin erlebt habe, sehe ich jetzt auch aus Sicht der Lehrkräfte und spüre den Frust auf beiden Seiten.
Umso schöner ist es, neue Methoden mitzubekommen und zu sehen, dass die Umstände auch motivieren können, das, was nicht mehr funktioniert, zu verändern!
Die Tage in Sofia gaben mir viel Blick aufs „große Ganze“: den Vergleich zwischen bulgarischen Städten und den unterschiedlichen Lebensweisen auch bei uns Freiwilligen, den interkulturellen Austausch Deutschlernender und ihre Demokratievorstellungen und den Kontrast zwischen Schulen wie auch gemeinsame Probleme. Trotz des sehr regnerischen Wetters hinterließen mein Kurztrip und die Mischung aus Altbekanntem und neuen Begegnungen ein warmes Gefühl und eine große Zufriedenheit.

Meine Wochenendpläne verschlugen mich dann an einen noch unbekannten Ort, dafür aber mit sehr bekannten Gesichtern!
Ich traf meine Familie nach 6 Wochen Trennung in Bukarest wieder, und wir verbrachten viel Zeit damit, zu quatschen, Ereignisse der letzten Wochen zu teilen und die Zusammenkunft als vollständiges Quartett zu genießen.
So schlenderten wir durch die Stadt, und ich konnte Zeit mit allen einzeln und allen zusammen verbringen. Von Bukarest aus fuhren wir dann zusammen nach Ruse, und mein Bruder und meine Eltern freuten sich sehr, mal wieder in Bulgarien zu sein, jetzt in einem ganz anderen Rahmen als sonst.
Die Erfahrung, als Familie ins Ausland und wieder zurück zu ziehen, ist einer der Gründe, wieso wir jetzt so ein enges System sind, davon bin ich fest überzeugt. Die Zeit in Sofia teilen wir, die schönen Erinnerungen und engen Freunde, genauso wie Herausforderungen, Gefühle der Fremde oder die Umstellungen, die Umzüge und Umgebungswechsel mit sich bringen.
Ich glaube, deshalb war es für die 3 auch ganz besonders, mich besuchen zu kommen.
Ruse ist kein vollständig fremder Ort für sie, aber auch kein bekannter, und ihn jetzt als meinen Wohnort kennenzulernen, war eine ganz neue Dynamik. Nach einem Mittagsstopp bei Happy (was auch sonst?!) zeigte ich also meine Routen, Lieblingsorte und meine Wohnung!
Es war schön, meine Familie bei mir zu haben, und einfach ein ganz besonderes Erlebnis, in meiner Küche mit ihnen Abendessen zu machen und zu viert abends an meinem Tisch zu sitzen, wo ich doch sonst mit ihnen telefoniere… Lustig, wenn die Welten sich dann plötzlich überschneiden! Es war jedenfalls eine schöne Zeit, die letzten beiden Wochen waren sehr gesellig, und ich war viel unterwegs.

Am Freitag reiste meine Familie wieder ab, und ich war das erste Mal in Ruse tanzen! In einer bulgarischen Kneipe wurden wir beiden Ruse-Freiwilligen von 7 Mädels eingeladen, und es war ein Riesenspaß. Es gab traditionelles Essen, Livemusik und bulgarischen Tanz. Die bulgarischen Volkstänze werden Hand in Hand mit unterschiedlich schwierigen Schrittreihenfolgen getanzt, die im Laufe der Lieder schneller werden. Ich kenne das aus meiner Kindheit, und meine Mutter war auch in einer Tanzgruppe, bei deren Aufführungen ich jedes Mal von den ausgefallenen Trachten und schwierigen Tänzen beeindruckt war! Unsere waren natürlich nicht annähernd so sauber ausgeführt, aber zusammen durch das Restaurant zu tanzen hat einfach gute Stimmung gebracht. Es war ein wunderbarer Abend, und als wir nach dem Tanzen zusammensaßen und uns unterhielten, war ich erfüllt und zufrieden.
Die letzten Wochen haben vieles vereint und mich oft nachdenklich gemacht. Sie haben mir aber vor allem gezeigt, wo die Wurzeln liegen, die mich zurück nach Bulgarien gezogen haben, und wie viel ich seitdem erlebt habe, genauso wie ich reflektieren konnte, welch tolles Netzwerk ich in den letzten Wochen schon geschaffen habe.
Eine Mischung aus Nostalgie und Vorfreude auf die nächsten Monate zieht sich somit durch meinen Alltag hier in Ruse, Ende Oktober.

Einzug und einmonats Eindrücke

Über die letzten 7 Tage erstreckte sich in Ruse ein Literaturfest des Elias-Canetti-Instituts. Die offizielle Eröffnung fand am Samstag statt, und am Wochenende besuchte ich mit grosser Freude die 4 Lesungen deutscher Romane, die erst in der Originalsprache von den AutorInnen und dann auf Bulgarisch vorgelesen wurden. Nicht nur inhaltlich gefiel mir das, es war auch für meinen bulgarischen Wortschatz fantastisch, die Texte in beiden Sprachen zu hören. Zwei Tage zuvor gab es ausserdem einen Vorleseabend, bei dem Gäste „Lesenester“ an verschiedenen Standorten im Zentrum der Stadt besuchen konnten und aus unterschiedlichen Werken im 30-Minuten-Rhythmus ein paar Seiten vorgelesen wurden. Ein tolles Konzept und perfekt für mich, da ich so nochmal üben konnte, mich in der Stadt zu orientieren und rechtzeitig zu den richtigen Nestern zu gelangen…

An neuen Orten brauche ich immer eine Weile, bis der Strassenplan in meinem Kopf ausgebaut genug ist, dass ich mich mühelos zurechtfinde. Ruse ist in dieser Hinsicht aber eine sehr angenehme Stadt. Parallel zur Donau angelegt, gibt es eine lange Strasse, die sich durch die Stadt zieht und es mir einfach macht, jederzeit ungefähr zu wissen, wo ich bin. Da ich hier auch schon an drei verschiedenen Orten gewohnt habe, musste die „Startpunkt-Einstellung“ auch schnell wechseln, und meine Alltagsrouten blieben dynamisch.

Mein erster Monat in Ruse war wohnungstechnisch eher turbulent und gestaltete sich etwas nomadischer als erwartet.
Eine Wohnung zu finden, die gute Lage, Bezahlbarkeit und eine angemessene Ausstattung vereint, erwies sich als schwieriger als gedacht, und somit verbrachte ich meine ersten 3 Nächte in einem Hotel. Das war grundsätzlich ganz nett und gab mir die Chance, viel zu erkunden, statt eine Wohnung einzurichten oder meinen Koffer auszupacken. Den Prozess des Ankommens verzögerte es aber natürlich.
Die Wohnung, in die ich dann zog, war eher ein grosses Zimmer. Sehr süss, mit zwei kleinen Balkonen und Blick auf grosse Bäume und einen schönen Garten, aber leider ohne Küche, Kühlschrank oder Heizung.
Mitte September war das noch kein Problem, aber es war klar, dass ich nochmal umziehen müsste, weshalb ich mich in der Übergangslösung dann doch nicht vollständig wohlfühlen konnte.
Nun ist es aber geschafft, und ich habe meine eigene Wohnung! Ich hatte im Laufe mehrerer Umzüge mit meiner Familie schon ganz verschiedene Zimmer, doch jetzt besteht mein Reich aus mehreren Räumen, was sich natürlich ganz anders anfühlt. Es hat mir Spass gemacht, mich hier einzurichten, einzukaufen und für meinen eigenen Haushalt zuständig zu sein. Auch wenn es immer irgendwas zu besorgen, zu putzen oder abzuwaschen gibt, schätze ich es nach dem holprigen Weg hierher sehr.

Diese Woche hatte ich in der Schule besonders abwechslungsreiche Beschäftigungen, die mir sehr Spass gemacht haben: von Gesprächen mit fortgeschrittenen Deutschklassen über Armut und Wohlstand in Deutschland und Bulgarien über Eins-zu-eins-Gespräche mit Schülerinnen, die mir ihre persönliche Motivation, Deutsch zu lernen, mit Begeisterung schilderten, bis zu Vokabelspielen mit AnfängerInnen, die mit überraschendem Wetteifer die richtigen Artikel und Übersetzungen in Windeseile abrufen wollten. Dadurch, dass ich mit verschiedenen Altersgruppen und Sprachniveaus arbeiten darf, habe ich ganz unterschiedliche Aufgaben, und die Arbeit bleibt abwechslungsreich. Am Mittwoch durfte ich dann auch zusehen, wie die Früchte der harten Arbeit einiger Deutschlernender geerntet wurden, bei der Vergabe des Deutschen Sprachdiploms an die 10. Klassen. Festlich eingeleitet von zwei Gesangsperformances, einem Tanz und mehreren feierlichen Reden durften die SchülerInnen ihre Urkunde abholen und waren zu Recht sehr stolz aufeinander und auf sich selbst!

Obwohl das Deutschsprechen ja das Zentrum meines Arbeitsalltags hier ist, freue ich mich darüber, dass mein Bulgarisch deutlich besser wird und ich nicht nur sehr viel mehr verstehe, sondern mir vor allem das Sprechen leichter fällt als vor einem Monat. Die ersten Tage fühlte ich mich sprachlich eingeschränkt und eingerostet, mittlerweile ist aber vieles wiedergekommen: Das Lesen der kyrillischen Schrift geht automatisch, ich verstehe auch schnelle Gespräche auf Anhieb und suche seltener nach Vokabeln, wenn ich spreche. Trotzdem fühle ich mich noch etwas eingeschränkt, was das Artikulieren von Gedanken angeht, und es ist nervig, nicht so schnell sprechen zu können, wie ich denke. Es kann aber nun mal nicht alles sofort klappen, und diese Erfahrung hilft mir in meiner Kommunikation mit den SchülerInnen enorm. Ich verstehe nicht nur, was auf Bulgarisch gesagt wird, wenn deutsche Formulierungen fehlen oder Fragen aufkommen, und kann dann helfen, sondern kenne vor allem auch den Frust, wenn ein Gedanke zwar vollständig gedacht, aber nicht ausgedrückt werden kann. Das erleichtert die gemeinsame Kommunikation an der Schule auf beiden Seiten, und für diejenigen, die erst seit Anfang des Schuljahres Deutsch lernen, wird die Hemmschwelle, überhaupt auf Deutsch zu sprechen und Unklarheiten mit mir zu klären, kleiner.

Die Landessprache zu können, macht das Ankommen und Zugehörigkeitsgefühl an einem neuen Ort so viel einfacher, und ich könnte dankbarer kaum sein, dass dieser Aspekt mir meinen Start so erleichtert. Schon selbstständig einen Kaffee bestellen zu können oder auf dem Markt zu sagen, wie viel von welchem Gemüse ich möchte, gibt mir ein heimeliges Gefühl. Genauso die Teilnahme an kulturellen Events wie den „Lesenestern“ und dem zweiten Teil der Lesung, dem bulgarischen. Auch wenn ich in der Schule eigentlich nur Deutsch spreche, ist es wertvoll, zu verstehen, was gefragt wird, und Unsicherheiten zu erkennen, selbst wenn sie nicht an mich adressiert sind. Das alles hilft mir, in die bulgarische Kultur und das Miteinander einzutauchen und mich den Menschen, denen ich begegne, auch etwas zugehöriger zu fühlen. Natürlich profitiere ich also jetzt sehr davon, als Kind Bulgarisch gelernt zu haben. Doch diese Anfangsphase, in der jegliche Kommunikation schwierig ist und das Umfeld völlig fremd klingt, habe ich selbstverständlich nicht übersprungen.
Als 6-Jährige war diese Umstellung alles andere als leicht, und ich habe mich am Anfang oft sehr fremd gefühlt. Jetzt, 12 Jahre später, fühle ich mich hier aber vermutlich auch deshalb nicht einsam, weil ich mich verständigen und eigenständig bewegen kann und so die Freiheit habe, mich vor Ort einzubringen.
Ich habe viele spontane Gespräche geführt und interessante Menschen kennengelernt, weil eine gemeinsame Sprache das Fundament eines verbalen Austausches ist.

Diese Woche wurde ich beim Yoga gefragt, ob ich mich nach Deutschland sehne. Und ich muss sagen, dass es noch nicht so weit ist, dass man von starkem Heimweh sprechen könnte. Klar vermisse ich die lieben Menschen, die in Deutschland ein wichtiger Teil meines Alltags sind, und es ist schade, dass ich meine Freunde nicht spontan treffen kann, mit meiner Familie nur telefoniere und viel von dem, was sonst selbstverständlich war, plötzlich nicht mehr da ist. Aber dass alles neu, anders und dynamisch ist, macht auch Spass: Ich erlebe viel, habe ganz neue Aufgaben und bin unterwegs in dem Land, das ich schon so lange alleine neu entdecken wollte.
Das Heimweh kommt sicher noch, aber jetzt, genau einen Monat seit meiner Ankunft, ist das, was ich jeden Tag mache, noch nicht vollständig zum Alltag geworden. Jeder Tag in der Schule ist anders, und es ist immer irgendwas los, worauf ich mich freuen kann.

Jetzt, nach einem halben September und fast einem halben Oktober in Ruse, geht es für mich auch in die Stadt, die mir emotional am nächsten ist: Sofia!!
Das letzte Mal war ich diesen März dort, das Jahr zuvor auch.
Der Herbst ist in Sofia aber auch ganz bezaubernd, und ich kann es kaum erwarten, durch die Hauptstadt zu schlendern.
Eindrücke der Herbstsonne dann nächste Woche!
Schaut gerne wieder vorbei, GaLiGrü!

Bibliotheksabenteuer und ein Wochenende am schwarzen Meer

Am Dienstag, den 22. September, war in Bulgarien Tag der Unabhängigkeit. An diesem Tag im Jahr 1908 erklärte Fürst Ferdinand I. Bulgarien offiziell für unabhängig vom Osmanischen Reich. Das Land war zuvor schon weitgehend selbstständig, stand aber formal noch unter osmanischer Oberhoheit. Ferdinand nahm den Titel Zar an, und aus dem Fürstentum wurde ein Königreich.

Ein gesetzlicher Feiertag also, die Schulen waren zu. Da meine Mitfreiwillige in Ruse aber arbeiten musste, war ich in der vollständigen Eigenverantwortung, mich an diesem Tag, den die meisten BulgarInnen mit Familie und Freunden verbrachten, bei Laune zu halten.

Ich erledigte ein paar Einkäufe (die meisten Läden sind hier jeden Tag geöffnet) und begab mich dann auf einen langen Spaziergang, der mit einer Runde Lesen im Park und einem anschließenden Solo-Café-Besuch endete. Meine Lieblingsdreifaltigkeit, egal ob allein oder in Gesellschaft! Abends tüftelte ich an meinem ersten Blogeintrag, nachdem ich Tagebuch geschrieben und das halbe Buch inhaliert hatte, es war ein buchstabenreicher Tag und weiter sollte es ähnlich gehen.

Der Park, den ich besucht hatte, liegt direkt neben der Stadtbibliothek, die ich mir für meinen nächsten Ausflug vornahm. Für eine DSD-Klasse wollte ich eine kleine Präsentation vorbereiten und entschied, dass eine Bibliothek dafür der perfekte Raum wäre. Ich lief hinein, überzeugt, dass nichts einfacher sein würde, als mich einfach auf einen der Stühle zu pflanzen und mein Ding zu machen.

Überraschenderweise ist ein Bibliotheksaufenthalt doch gar keine so einfache Angelegenheit. Im ersten Bibliothekssaal wurde ich von der Frau am Schalter aufgeklärt: Ich dürfe mich nicht ohne Bibliotheksausweis aufhalten, nicht mal wenn ich kein Buch öffnen würde. Sie schickte mich zu ihrer Kollegin am Empfang, die mir mithilfe meines Personalausweises einen Ein-Tages-Bibliotheksausweis ausstellte: eine achtstellige Zahl auf einem abgerissenen Kalenderblatt.

Dieser Schein befähigte mich zu einem Besuch jeglicher Räumlichkeiten, die die Bibliothek zu bieten hatte, nicht schlecht! Doch es ging noch weiter. Eine nächste Dame führte mich die Treppe hinauf zu einem Zimmer mit internationaler Lektüre, darunter eine große Auswahl deutscher Klassiker. Ich freute mich sehr, denn es war eine permanente Sorge gewesen, wie ich meine Bücherversorgung organisieren würde, und diese hatte sich hiermit weitestgehend geklärt.

Ich merkte, dass ich erwartungsvoll angeschaut wurde: Die Frau bat mich, mir ein Buch auszusuchen, damit sie mich in den Lesesaal bringen könne. Ich hatte zwar mein eigenes Buch dabei und wollte eigentlich arbeiten, aber um den Ablauf nicht zu stören, entschied ich mich für einen Juli Zeh Roman. Sie registrierte im System, dass dieses Buch nun mit mir und meiner Ausweisnummer das Stockwerk verlassen würde, und lief mit mir wieder die Treppe hinunter, wo sie sicherstellte, dass ich im leeren Leseraum einen Sessel mit kleinem Tisch und Steckdosenanschluss bekam, bevor sie mich mir selbst überlassen konnte. Welch eine Reise, welch eine Fürsorge! Der Rest meines Besuchs lief unspektakulär ab: Das Buch gab ich zurück, ohne es geöffnet zu haben, an eine weitere Bibliothekarin, die dafür ebenfalls meine Ausweisnummer haben wollte.

Als ich gehe, stehen die drei Frauen, die sich darum gekümmert haben, dass ich sicher und mit einer deutschen Lektüre im Lesesaal ankomme, am Kaffeeautomaten und unterhalten sich ausgelassen in bibliotheksuntypischer Lautstärke. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch, hoffentlich dann mit einem richtigen Bibliotheksausweis.

Nach zwei ganzen Wochen in Ruse zappelten mir dann doch etwas die Füße, doch zum Glück hatte ich fantastische Wochenendpläne: zwei Tage Varna, wo eine weitere Freiwillige und Zimmermitbewohnerin vom Vorbereitungsseminar lebt, die am Sonntag Geburtstag hatte. Schon am ersten Tag des Seminars hatte sie uns zwei Ruse kulturweit Freiwilligen eingeladen, und ich freute mich seitdem darauf. Wir fuhren am Freitag mit dem Zug, es dauerte etwas über vier Stunden und kostete uns jeweils 8,08 Euro!

Zu dritt schlenderten wir dann am Samstag durch Varna und besuchten das Archäologische Museum, wo das erste große verarbeitete Gold der Menschheit ausgestellt wird. Es wurde im Gräberfeld von Varna entdeckt und stammt aus der Kupfersteinzeit, ist also etwa 6.600 Jahre alt. Älter als die Hochkulturen in Ägypten und Mesopotamien gelten die Funde als frühester Nachweis fortgeschrittener Goldschmiedekunst weltweit. Und Kunst kann man es wirklich nennen…staunend standen wir vor den feinen Goldstücken und wünschten uns, sie selbst tragen zu dürfen.

Trotz starker Winde, die sogar einen kleinen Tornado verursachten, spazierten wir am Strand entlang, atmeten die salzige Meerluft, ließen uns die Haare vom Wind zerzausen und sammelten so viele Muscheln, wie in unsere Jackentaschen passten. Zum Mittag besuchten wir ein Etablissement, das eine Guilty Pleasure eines jeden Bulgarien Touristen ist: Happy! Diese Kette, die in Bulgarien und mittlerweile auch in Spanien und England zu finden ist, überrascht mit einem vielfältigen Sortiment an Speisen und Getränken: Sushi, Burger, Meeresfrüchte, aber auch traditionell bulgarische Gerichte lassen sich hier finden und genießen. Für mich war Happy als Kind immer ein sehr verlässlicher Ort, an dem auch für achtjährige, wählerische Esserinnen eine gute Auswahl vorhanden ist. Ein spezieller Service wird von feiernden Gästen auch gerne in Anspruch genommen: ein persönlicher Geburtstagsgruß mit „Happy Birthday“-Gesang im ganzen Restaurant und einem Tischbesuch des Happy-Teams! Da für uns am nächsten Tag ja auch ein Geburtstagsanlass bevorstand, entschieden wir, zum Kaffee wiederzukommen.

Am Sonntag also, nach einer kleinen Bescherung und einem entspannten Geburtstagsbrunch, fanden wir uns wieder bei Happy sitzend, und ich nutzte zum ersten Mal aktiv den Vorteil, als Einzige Bulgarisch zu sprechen. Bis zum letzten Moment war unser Geburtstagskind der Überzeugung, ich hätte nicht Bescheid gesagt, dass wir zum Geburtstagskaffee hier säßen. Als die Musik plötzlich leiser wurde und ein lautes „Happy Birthday“-Lied aus den Lautsprechern kam, schämte sie sich ein wenig, wie es halt so ist, wenn alle für einen singen, freute sich dann aber über das geschenkte Stück Lindt-Torte mit Wunderkerze!

Nachdem wir den Tag angemessen und ausgiebig gefeiert hatten, mussten wir uns zurück zum Bahnhof begeben und uns vorerst verabschieden. Noch schnell ein wenig Verpflegung für die Reise: Am Bahnhof gibt es eine Banitsa-Bäckerei (Banitsa ist ein traditionell bulgarisches Gebäck aus knusprigem, buttrigem Filoteig, gefüllt mit dem bulgarischen Salzlakenkäse, Spinat oder süßem Kürbis), die um 17 Uhr noch ein wenig von den himmlisch duftenden Stücken übrig hatte. Wir bestellten zwei, die Verkäuferin fragte, ob sie sie warmmachen sollte. Wir freuten uns über das Angebot und stimmten zu, waren jedoch sehr irritiert, als sie die beiden Gebäckstücke in einer Plastiktüte für drei Minuten auf voller Leistung in die Mikrowelle gab… Nun, lecker waren sie trotzdem, als wir sie im Zug probierten, und ein wenig zusätzliches Mikroplastik macht den Kohl jetzt auch nicht fett.

Auf der Rückfahrt (in einem alten DB-Zug übrigens) waren wir uns einig, dass sich der Besuch gelohnt hat! Es war sehr schön, kurz in die Welt der anderen Freiwilligen einzutauchen, Unterschiede zu unserem Leben zu sehen, sich auszutauschen, Erfahrungen und Gedanken zu teilen und in erster Linie auch die Verbindung zueinander zu halten.

In dieser Anfangsphase finde ich das Bewusstsein, dass die anderen Freiwilligen ähnliche Erfahrungen machen und wir vielleicht denselben Problemen begegnen, sehr wertvoll. Der Austausch untereinander und die damit einhergehende Bestätigung, dass es nirgendwo auf Anhieb perfekt ist, gibt Rückenwind und Zuversicht.

Es ist überraschend, wie nah man sich auf einmal steht, wenn man die Erfahrung teilt, gemeinsam in der Fremde zu sein. Wir kennen uns jetzt knapp einen Monat, die Freundschaft ist aber schon in der Woche des Vorbereitungsseminars so eng geworden, dass es sich viel länger anfühlt. Es war auch nicht leicht, sich zu verabschieden, vor allem das Geburtstagskind allein in Varna zurückzulassen hat sich falsch angefühlt. Ich hoffe sehr, dass wir ihren Geburtstag etwas besonders machen konnten, es war für sie das erste Mal ohne Familie und Freunde, so wie es für die meisten von uns Freiwilligen jetzt im Alltag ist.

Es ist schon merkwürdig, als frisch geschlüpfte Erwachsene plötzlich allein das Leben navigieren zu müssen. Es macht Spaß, ist aufregend, aber anstrengend wird es manchmal auch. Und vor allem Rituale wie Geburtstage oder Sonntagsfrühstücke, Tage, die sonst gemeinsam verbracht werden, plötzlich ganz anders zu erleben, macht diese Umstellung noch einmal viel deutlicher als das “normale Alltagsleben“.

Irgendwie war das in dieser Woche auch ein wiederkehrendes Thema und wohl insgesamt eine wichtige Auseinandersetzung, wenn man sich für einen solchen Zeitraum aus bekannten Räumen fortbewegt. Welche Routinen, Angewohnheiten oder Beschäftigungen bleiben, welche müssen ersetzt, verändert oder abgelegt werden? Was darf gehen, was darf sich neu etablieren? Für die persönliche Entwicklung kann das ein guter Neustart sein, indem Muster und Angewohnheiten in einem neuen Licht und in einem anderen Kontext bewertet werden können.

Was nährt, darf bleiben. Was nervt, soll gehen.

Um all das herauszufinden, braucht es aber die Chance, neue Routinen überhaupt erst einmal etablieren zu können. Verlässliche Orte und eigene Räumlichkeiten sind dafür besonders wichtig. Und um das für mich zu finden, bin ich endlich an dem richtigen Ort angekommen: meiner Wohnung!

Diese Woche bin ich umgezogen, dazu nächstes Mal mehr.
Bis dann!

Ankommen!

Wir fahren über die Grenze, aus dem Fenster sehe ich zwei große Flaggen: die Europasterne auf tiefem Blau und daneben Weiß, Grün, Rot. „Dobre doschli w Bulgaria“, ruft mir der Fahrer zu, und ich realisiere langsam, dass ich hier die nächsten 6 Monate leben werde.

2014 zog meine Familie aus Hamburg nach Bulgarien und ich wurde in Sofia eingeschult. Dort hatte ich das Glück, liebe Menschen kennenlernen zu dürfen, die mir bis heute sehr nahestehen und dazu beigetragen haben, dass seit unserem Umzug zurück nach Deutschland 2019 der Wunsch bestand, nach der Schulzeit wieder nach Bulgarien zu gehen. An der Deutschen Schule Sofia gab es immer kulturweit Freiwillige, die für meine Grundschulzeit eine enorm wichtige Brücke zu Deutschland waren, und nun möchte auch ich meine wunderbaren Erfahrungen nutzen, um auf die andere Seite des Lehrerpults zu gehen, unsere Kulturen besser zu verstehen, aber vor allem auch: zurückzugeben.

Nun sollte es für mich allerdings nicht zurück in die Hauptstadt, sondern nach Ruse gehen. Das ist eine Stadt im Norden Bulgariens, direkt an der Donau und nur wenige Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt. Hier werde ich an einer Schule die nächsten sechs Monate den Deutschunterricht unterstützen und im Schulalltag mitwirken.

Die Warmherzigkeit des Kollegiums sorgte schon am 1. Tag dafür, dass ich mich hier sehr wohlfühle und voller Vorfreude auf die kommenden Monate blicke. Auch Ruse ist wunderschön und sogar im September noch spätsommerlich warm. Das bulgarische Schuljahr hat vor zwei Wochen angefangen, vom Schulleben werde ich also frühestens in den kommenden Wochen berichten können.
Was mir von Anfang an jeden Tag begegnet, sind hilfsbereite und aufgeschlossene Menschen, die sich freuen, ein neues Gesicht willkommen zu heißen, und mit viel Interesse auf mich zuzugehen. So wurde ich bei meiner ersten Yogastunde von den Teilnehmerinnen herzlich aufgenommen und nach einer kurzen Kennenlernrunde dazu aufgefordert, einfach in Bulgarien zu bleiben, das Wetter sei hier doch eh viel schöner als in Norddeutschland (wo sie recht haben…). Als ich das erste Mal Bus gefahren bin, gabelte mich eine Dame auf. Sie spürte wohl meine Orientierungslosigkeit, lud mich ein, neben ihr zu sitzen, und lief mit mir bis zur Kreuzung, die zwischen meinem und ihrem Ziel lag.

So schön es ist, hier neue Menschen kennenzulernen, so verwirrt sind diese meistens darüber, was ich hier eigentlich mache. Damit meine ich nicht die Tätigkeit, sondern eher das fehlende Verständnis dafür, wieso eine Deutsche nach Bulgarien kommen möchte. Meine Begründung, dass ich das Land sehr schätze und einfach das Gefühl hatte, wie gut mir die Rückkehr tun würde, ist leider nicht rational oder universell übertragbar genug, um die Frage zufriedenstellend beantworten zu können. Die Freude, dass Interesse an dem Land und vor allem der bulgarischen Sprache besteht, ist trotzdem meistens riesig und gerne wird viel erzählt: über sich selbst, die Familie, die Vergangenheit oder bulgarische Geschichte. Spannende Gespräche scheinen hier an jeder Straßenecke zu lauern!

Ich freue mich drauf, noch mehr zu erfahren, wie sich das bulgarische Schulsystem vom deutschen unterscheidet. Schon jetzt habe ich einige Unterschiede bemerkt, auf den 1. Blick der auffälligste: Schuluniformen! Unter der Woche laufen alle SchülerInnen in farbigen Oberteilen durch die Straßen; an der deutschen Schule sind sie lila. Einfach in der Stadt zu sitzen und die Umgebung aufzunehmen, finde ich hier sehr verlockend und auch besonders gängig. Es wirkt, als würden öffentliche Plätze und offene Orte zur Versammlung mehr genutzt, gepflegt und geschätzt werden, als ich das aus Deutschland kenne. Die Parks und vielen Spielplätze sowie öffentliche Sportanlagen werden viel und gerne besucht. Man trifft sich auf der Straße, findet sich zusammen, die Grüppchen sind dynamisch, Bekannte setzen sich spontan dazu und ziehen weiter, wenn sie müssen. Das gefällt mir sehr und motiviert mich, so viel Zeit wie möglich draußen und unter Menschen zu verbringen. Das mache ich auch sonst gerne, allerdings selten ohne Plan oder konkretes Ziel. Seit ich hier bin, mache ich es öfter und genieße es sehr.

An meinem zweiten Wochenende habe ich das erste große kulturelle Event hier miterlebt: ein Stadtfest zu Ehren der Torta Garash, einem dekadenten Schokoladen-Walnusskuchen, der überall in Bulgarien geliebt und geschätzt wird und 1885 hier in Ruse kreiert wurde. Beim Fest wurde die traditionsreiche Köstlichkeit der Stadt ausgiebig gefeiert: Teilnehmende aus ganz Bulgarien präsentierten ihre eigenen Versionen des Rezepts und ließen ihre Torten von bekannten Persönlichkeiten wie dem Bürgermeister und lokalen Spitzenköchen verkosten und bewerten. Danach durfte ich als Freiwillige, zusammen mit engagierten Schülerinnen und Schülern und Lehrerinnen meiner Schule, unzählige Tortenstücke an das hungrige Publikum verteilen und dabei ein bisschen in die Traditionen und Bräuche von Ruse eintauchen.

Das hat großen Spaß gemacht, und wie viel Herzblut sowohl in die Torten als auch in das Programm des gesamten Fests gesteckt wurde, hat mich überwältigt!

Ein guter Vorgeschmack, der Lust auf mehr Feierlichkeiten macht…

Do skoro!