Wir fahren über die Grenze, aus dem Fenster sehe ich zwei große Flaggen: die Europasterne auf tiefem Blau und daneben Weiß, Grün, Rot. „Dobre doschli w Bulgaria“, ruft mir der Fahrer zu, und ich realisiere langsam, dass ich hier die nächsten 6 Monate leben werde.
2014 zog meine Familie aus Hamburg nach Bulgarien und ich wurde in Sofia eingeschult. Dort hatte ich das Glück, liebe Menschen kennenlernen zu dürfen, die mir bis heute sehr nahestehen und dazu beigetragen haben, dass seit unserem Umzug zurück nach Deutschland 2019 der Wunsch bestand, nach der Schulzeit wieder nach Bulgarien zu gehen. An der Deutschen Schule Sofia gab es immer kulturweit Freiwillige, die für meine Grundschulzeit eine enorm wichtige Brücke zu Deutschland waren, und nun möchte auch ich meine wunderbaren Erfahrungen nutzen, um auf die andere Seite des Lehrerpults zu gehen, unsere Kulturen besser zu verstehen, aber vor allem auch: zurückzugeben.
Nun sollte es für mich allerdings nicht zurück in die Hauptstadt, sondern nach Ruse gehen. Das ist eine Stadt im Norden Bulgariens, direkt an der Donau und nur wenige Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt. Hier werde ich an einer Schule die nächsten sechs Monate den Deutschunterricht unterstützen und im Schulalltag mitwirken.
Die Warmherzigkeit des Kollegiums sorgte schon am 1. Tag dafür, dass ich mich hier sehr wohlfühle und voller Vorfreude auf die kommenden Monate blicke. Auch Ruse ist wunderschön und sogar im September noch spätsommerlich warm. Das bulgarische Schuljahr hat vor zwei Wochen angefangen, vom Schulleben werde ich also frühestens in den kommenden Wochen berichten können.
Was mir von Anfang an jeden Tag begegnet, sind hilfsbereite und aufgeschlossene Menschen, die sich freuen, ein neues Gesicht willkommen zu heißen, und mit viel Interesse auf mich zuzugehen. So wurde ich bei meiner ersten Yogastunde von den Teilnehmerinnen herzlich aufgenommen und nach einer kurzen Kennenlernrunde dazu aufgefordert, einfach in Bulgarien zu bleiben, das Wetter sei hier doch eh viel schöner als in Norddeutschland (wo sie recht haben…). Als ich das erste Mal Bus gefahren bin, gabelte mich eine Dame auf. Sie spürte wohl meine Orientierungslosigkeit, lud mich ein, neben ihr zu sitzen, und lief mit mir bis zur Kreuzung, die zwischen meinem und ihrem Ziel lag.
So schön es ist, hier neue Menschen kennenzulernen, so verwirrt sind diese meistens darüber, was ich hier eigentlich mache. Damit meine ich nicht die Tätigkeit, sondern eher das fehlende Verständnis dafür, wieso eine Deutsche nach Bulgarien kommen möchte. Meine Begründung, dass ich das Land sehr schätze und einfach das Gefühl hatte, wie gut mir die Rückkehr tun würde, ist leider nicht rational oder universell übertragbar genug, um die Frage zufriedenstellend beantworten zu können. Die Freude, dass Interesse an dem Land und vor allem der bulgarischen Sprache besteht, ist trotzdem meistens riesig und gerne wird viel erzählt: über sich selbst, die Familie, die Vergangenheit oder bulgarische Geschichte. Spannende Gespräche scheinen hier an jeder Straßenecke zu lauern!
Ich freue mich drauf, noch mehr zu erfahren, wie sich das bulgarische Schulsystem vom deutschen unterscheidet. Schon jetzt habe ich einige Unterschiede bemerkt, auf den 1. Blick der auffälligste: Schuluniformen! Unter der Woche laufen alle SchülerInnen in farbigen Oberteilen durch die Straßen; an der deutschen Schule sind sie lila. Einfach in der Stadt zu sitzen und die Umgebung aufzunehmen, finde ich hier sehr verlockend und auch besonders gängig. Es wirkt, als würden öffentliche Plätze und offene Orte zur Versammlung mehr genutzt, gepflegt und geschätzt werden, als ich das aus Deutschland kenne. Die Parks und vielen Spielplätze sowie öffentliche Sportanlagen werden viel und gerne besucht. Man trifft sich auf der Straße, findet sich zusammen, die Grüppchen sind dynamisch, Bekannte setzen sich spontan dazu und ziehen weiter, wenn sie müssen. Das gefällt mir sehr und motiviert mich, so viel Zeit wie möglich draußen und unter Menschen zu verbringen. Das mache ich auch sonst gerne, allerdings selten ohne Plan oder konkretes Ziel. Seit ich hier bin, mache ich es öfter und genieße es sehr.
An meinem zweiten Wochenende habe ich das erste große kulturelle Event hier miterlebt: ein Stadtfest zu Ehren der Torta Garash, einem dekadenten Schokoladen-Walnusskuchen, der überall in Bulgarien geliebt und geschätzt wird und 1885 hier in Ruse kreiert wurde. Beim Fest wurde die traditionsreiche Köstlichkeit der Stadt ausgiebig gefeiert: Teilnehmende aus ganz Bulgarien präsentierten ihre eigenen Versionen des Rezepts und ließen ihre Torten von bekannten Persönlichkeiten wie dem Bürgermeister und lokalen Spitzenköchen verkosten und bewerten. Danach durfte ich als Freiwillige, zusammen mit engagierten Schülerinnen und Schülern und Lehrerinnen meiner Schule, unzählige Tortenstücke an das hungrige Publikum verteilen und dabei ein bisschen in die Traditionen und Bräuche von Ruse eintauchen.
Das hat großen Spaß gemacht, und wie viel Herzblut sowohl in die Torten als auch in das Programm des gesamten Fests gesteckt wurde, hat mich überwältigt!
Ein guter Vorgeschmack, der Lust auf mehr Feierlichkeiten macht…
Do skoro!