Einzug und einmonats Eindrücke

Über die letzten 7 Tage erstreckte sich in Ruse ein Literaturfest des Elias-Canetti-Instituts. Die offizielle Eröffnung fand am Samstag statt, und am Wochenende besuchte ich mit grosser Freude die 4 Lesungen deutscher Romane, die erst in der Originalsprache von den AutorInnen und dann auf Bulgarisch vorgelesen wurden. Nicht nur inhaltlich gefiel mir das, es war auch für meinen bulgarischen Wortschatz fantastisch, die Texte in beiden Sprachen zu hören. Zwei Tage zuvor gab es ausserdem einen Vorleseabend, bei dem Gäste „Lesenester“ an verschiedenen Standorten im Zentrum der Stadt besuchen konnten und aus unterschiedlichen Werken im 30-Minuten-Rhythmus ein paar Seiten vorgelesen wurden. Ein tolles Konzept und perfekt für mich, da ich so nochmal üben konnte, mich in der Stadt zu orientieren und rechtzeitig zu den richtigen Nestern zu gelangen…

An neuen Orten brauche ich immer eine Weile, bis der Strassenplan in meinem Kopf ausgebaut genug ist, dass ich mich mühelos zurechtfinde. Ruse ist in dieser Hinsicht aber eine sehr angenehme Stadt. Parallel zur Donau angelegt, gibt es eine lange Strasse, die sich durch die Stadt zieht und es mir einfach macht, jederzeit ungefähr zu wissen, wo ich bin. Da ich hier auch schon an drei verschiedenen Orten gewohnt habe, musste die „Startpunkt-Einstellung“ auch schnell wechseln, und meine Alltagsrouten blieben dynamisch.

Mein erster Monat in Ruse war wohnungstechnisch eher turbulent und gestaltete sich etwas nomadischer als erwartet.
Eine Wohnung zu finden, die gute Lage, Bezahlbarkeit und eine angemessene Ausstattung vereint, erwies sich als schwieriger als gedacht, und somit verbrachte ich meine ersten 3 Nächte in einem Hotel. Das war grundsätzlich ganz nett und gab mir die Chance, viel zu erkunden, statt eine Wohnung einzurichten oder meinen Koffer auszupacken. Den Prozess des Ankommens verzögerte es aber natürlich.
Die Wohnung, in die ich dann zog, war eher ein grosses Zimmer. Sehr süss, mit zwei kleinen Balkonen und Blick auf grosse Bäume und einen schönen Garten, aber leider ohne Küche, Kühlschrank oder Heizung.
Mitte September war das noch kein Problem, aber es war klar, dass ich nochmal umziehen müsste, weshalb ich mich in der Übergangslösung dann doch nicht vollständig wohlfühlen konnte.
Nun ist es aber geschafft, und ich habe meine eigene Wohnung! Ich hatte im Laufe mehrerer Umzüge mit meiner Familie schon ganz verschiedene Zimmer, doch jetzt besteht mein Reich aus mehreren Räumen, was sich natürlich ganz anders anfühlt. Es hat mir Spass gemacht, mich hier einzurichten, einzukaufen und für meinen eigenen Haushalt zuständig zu sein. Auch wenn es immer irgendwas zu besorgen, zu putzen oder abzuwaschen gibt, schätze ich es nach dem holprigen Weg hierher sehr.

Diese Woche hatte ich in der Schule besonders abwechslungsreiche Beschäftigungen, die mir sehr Spass gemacht haben: von Gesprächen mit fortgeschrittenen Deutschklassen über Armut und Wohlstand in Deutschland und Bulgarien über Eins-zu-eins-Gespräche mit Schülerinnen, die mir ihre persönliche Motivation, Deutsch zu lernen, mit Begeisterung schilderten, bis zu Vokabelspielen mit AnfängerInnen, die mit überraschendem Wetteifer die richtigen Artikel und Übersetzungen in Windeseile abrufen wollten. Dadurch, dass ich mit verschiedenen Altersgruppen und Sprachniveaus arbeiten darf, habe ich ganz unterschiedliche Aufgaben, und die Arbeit bleibt abwechslungsreich. Am Mittwoch durfte ich dann auch zusehen, wie die Früchte der harten Arbeit einiger Deutschlernender geerntet wurden, bei der Vergabe des Deutschen Sprachdiploms an die 10. Klassen. Festlich eingeleitet von zwei Gesangsperformances, einem Tanz und mehreren feierlichen Reden durften die SchülerInnen ihre Urkunde abholen und waren zu Recht sehr stolz aufeinander und auf sich selbst!

Obwohl das Deutschsprechen ja das Zentrum meines Arbeitsalltags hier ist, freue ich mich darüber, dass mein Bulgarisch deutlich besser wird und ich nicht nur sehr viel mehr verstehe, sondern mir vor allem das Sprechen leichter fällt als vor einem Monat. Die ersten Tage fühlte ich mich sprachlich eingeschränkt und eingerostet, mittlerweile ist aber vieles wiedergekommen: Das Lesen der kyrillischen Schrift geht automatisch, ich verstehe auch schnelle Gespräche auf Anhieb und suche seltener nach Vokabeln, wenn ich spreche. Trotzdem fühle ich mich noch etwas eingeschränkt, was das Artikulieren von Gedanken angeht, und es ist nervig, nicht so schnell sprechen zu können, wie ich denke. Es kann aber nun mal nicht alles sofort klappen, und diese Erfahrung hilft mir in meiner Kommunikation mit den SchülerInnen enorm. Ich verstehe nicht nur, was auf Bulgarisch gesagt wird, wenn deutsche Formulierungen fehlen oder Fragen aufkommen, und kann dann helfen, sondern kenne vor allem auch den Frust, wenn ein Gedanke zwar vollständig gedacht, aber nicht ausgedrückt werden kann. Das erleichtert die gemeinsame Kommunikation an der Schule auf beiden Seiten, und für diejenigen, die erst seit Anfang des Schuljahres Deutsch lernen, wird die Hemmschwelle, überhaupt auf Deutsch zu sprechen und Unklarheiten mit mir zu klären, kleiner.

Die Landessprache zu können, macht das Ankommen und Zugehörigkeitsgefühl an einem neuen Ort so viel einfacher, und ich könnte dankbarer kaum sein, dass dieser Aspekt mir meinen Start so erleichtert. Schon selbstständig einen Kaffee bestellen zu können oder auf dem Markt zu sagen, wie viel von welchem Gemüse ich möchte, gibt mir ein heimeliges Gefühl. Genauso die Teilnahme an kulturellen Events wie den „Lesenestern“ und dem zweiten Teil der Lesung, dem bulgarischen. Auch wenn ich in der Schule eigentlich nur Deutsch spreche, ist es wertvoll, zu verstehen, was gefragt wird, und Unsicherheiten zu erkennen, selbst wenn sie nicht an mich adressiert sind. Das alles hilft mir, in die bulgarische Kultur und das Miteinander einzutauchen und mich den Menschen, denen ich begegne, auch etwas zugehöriger zu fühlen. Natürlich profitiere ich also jetzt sehr davon, als Kind Bulgarisch gelernt zu haben. Doch diese Anfangsphase, in der jegliche Kommunikation schwierig ist und das Umfeld völlig fremd klingt, habe ich selbstverständlich nicht übersprungen.
Als 6-Jährige war diese Umstellung alles andere als leicht, und ich habe mich am Anfang oft sehr fremd gefühlt. Jetzt, 12 Jahre später, fühle ich mich hier aber vermutlich auch deshalb nicht einsam, weil ich mich verständigen und eigenständig bewegen kann und so die Freiheit habe, mich vor Ort einzubringen.
Ich habe viele spontane Gespräche geführt und interessante Menschen kennengelernt, weil eine gemeinsame Sprache das Fundament eines verbalen Austausches ist.

Diese Woche wurde ich beim Yoga gefragt, ob ich mich nach Deutschland sehne. Und ich muss sagen, dass es noch nicht so weit ist, dass man von starkem Heimweh sprechen könnte. Klar vermisse ich die lieben Menschen, die in Deutschland ein wichtiger Teil meines Alltags sind, und es ist schade, dass ich meine Freunde nicht spontan treffen kann, mit meiner Familie nur telefoniere und viel von dem, was sonst selbstverständlich war, plötzlich nicht mehr da ist. Aber dass alles neu, anders und dynamisch ist, macht auch Spass: Ich erlebe viel, habe ganz neue Aufgaben und bin unterwegs in dem Land, das ich schon so lange alleine neu entdecken wollte.
Das Heimweh kommt sicher noch, aber jetzt, genau einen Monat seit meiner Ankunft, ist das, was ich jeden Tag mache, noch nicht vollständig zum Alltag geworden. Jeder Tag in der Schule ist anders, und es ist immer irgendwas los, worauf ich mich freuen kann.

Jetzt, nach einem halben September und fast einem halben Oktober in Ruse, geht es für mich auch in die Stadt, die mir emotional am nächsten ist: Sofia!!
Das letzte Mal war ich diesen März dort, das Jahr zuvor auch.
Der Herbst ist in Sofia aber auch ganz bezaubernd, und ich kann es kaum erwarten, durch die Hauptstadt zu schlendern.
Eindrücke der Herbstsonne dann nächste Woche!
Schaut gerne wieder vorbei, GaLiGrü!

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