Bibliotheksabenteuer und ein Wochenende am schwarzen Meer

Am Dienstag, den 22. September, war in Bulgarien Tag der Unabhängigkeit. An diesem Tag im Jahr 1908 erklärte Fürst Ferdinand I. Bulgarien offiziell für unabhängig vom Osmanischen Reich. Das Land war zuvor schon weitgehend selbstständig, stand aber formal noch unter osmanischer Oberhoheit. Ferdinand nahm den Titel Zar an, und aus dem Fürstentum wurde ein Königreich.

Ein gesetzlicher Feiertag also, die Schulen waren zu. Da meine Mitfreiwillige in Ruse aber arbeiten musste, war ich in der vollständigen Eigenverantwortung, mich an diesem Tag, den die meisten BulgarInnen mit Familie und Freunden verbrachten, bei Laune zu halten.

Ich erledigte ein paar Einkäufe (die meisten Läden sind hier jeden Tag geöffnet) und begab mich dann auf einen langen Spaziergang, der mit einer Runde Lesen im Park und einem anschließenden Solo-Café-Besuch endete. Meine Lieblingsdreifaltigkeit, egal ob allein oder in Gesellschaft! Abends tüftelte ich an meinem ersten Blogeintrag, nachdem ich Tagebuch geschrieben und das halbe Buch inhaliert hatte, es war ein buchstabenreicher Tag und weiter sollte es ähnlich gehen.

Der Park, den ich besucht hatte, liegt direkt neben der Stadtbibliothek, die ich mir für meinen nächsten Ausflug vornahm. Für eine DSD-Klasse wollte ich eine kleine Präsentation vorbereiten und entschied, dass eine Bibliothek dafür der perfekte Raum wäre. Ich lief hinein, überzeugt, dass nichts einfacher sein würde, als mich einfach auf einen der Stühle zu pflanzen und mein Ding zu machen.

Überraschenderweise ist ein Bibliotheksaufenthalt doch gar keine so einfache Angelegenheit. Im ersten Bibliothekssaal wurde ich von der Frau am Schalter aufgeklärt: Ich dürfe mich nicht ohne Bibliotheksausweis aufhalten, nicht mal wenn ich kein Buch öffnen würde. Sie schickte mich zu ihrer Kollegin am Empfang, die mir mithilfe meines Personalausweises einen Ein-Tages-Bibliotheksausweis ausstellte: eine achtstellige Zahl auf einem abgerissenen Kalenderblatt.

Dieser Schein befähigte mich zu einem Besuch jeglicher Räumlichkeiten, die die Bibliothek zu bieten hatte, nicht schlecht! Doch es ging noch weiter. Eine nächste Dame führte mich die Treppe hinauf zu einem Zimmer mit internationaler Lektüre, darunter eine große Auswahl deutscher Klassiker. Ich freute mich sehr, denn es war eine permanente Sorge gewesen, wie ich meine Bücherversorgung organisieren würde, und diese hatte sich hiermit weitestgehend geklärt.

Ich merkte, dass ich erwartungsvoll angeschaut wurde: Die Frau bat mich, mir ein Buch auszusuchen, damit sie mich in den Lesesaal bringen könne. Ich hatte zwar mein eigenes Buch dabei und wollte eigentlich arbeiten, aber um den Ablauf nicht zu stören, entschied ich mich für einen Juli Zeh Roman. Sie registrierte im System, dass dieses Buch nun mit mir und meiner Ausweisnummer das Stockwerk verlassen würde, und lief mit mir wieder die Treppe hinunter, wo sie sicherstellte, dass ich im leeren Leseraum einen Sessel mit kleinem Tisch und Steckdosenanschluss bekam, bevor sie mich mir selbst überlassen konnte. Welch eine Reise, welch eine Fürsorge! Der Rest meines Besuchs lief unspektakulär ab: Das Buch gab ich zurück, ohne es geöffnet zu haben, an eine weitere Bibliothekarin, die dafür ebenfalls meine Ausweisnummer haben wollte.

Als ich gehe, stehen die drei Frauen, die sich darum gekümmert haben, dass ich sicher und mit einer deutschen Lektüre im Lesesaal ankomme, am Kaffeeautomaten und unterhalten sich ausgelassen in bibliotheksuntypischer Lautstärke. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Besuch, hoffentlich dann mit einem richtigen Bibliotheksausweis.

Nach zwei ganzen Wochen in Ruse zappelten mir dann doch etwas die Füße, doch zum Glück hatte ich fantastische Wochenendpläne: zwei Tage Varna, wo eine weitere Freiwillige und Zimmermitbewohnerin vom Vorbereitungsseminar lebt, die am Sonntag Geburtstag hatte. Schon am ersten Tag des Seminars hatte sie uns zwei Ruse kulturweit Freiwilligen eingeladen, und ich freute mich seitdem darauf. Wir fuhren am Freitag mit dem Zug, es dauerte etwas über vier Stunden und kostete uns jeweils 8,08 Euro!

Zu dritt schlenderten wir dann am Samstag durch Varna und besuchten das Archäologische Museum, wo das erste große verarbeitete Gold der Menschheit ausgestellt wird. Es wurde im Gräberfeld von Varna entdeckt und stammt aus der Kupfersteinzeit, ist also etwa 6.600 Jahre alt. Älter als die Hochkulturen in Ägypten und Mesopotamien gelten die Funde als frühester Nachweis fortgeschrittener Goldschmiedekunst weltweit. Und Kunst kann man es wirklich nennen…staunend standen wir vor den feinen Goldstücken und wünschten uns, sie selbst tragen zu dürfen.

Trotz starker Winde, die sogar einen kleinen Tornado verursachten, spazierten wir am Strand entlang, atmeten die salzige Meerluft, ließen uns die Haare vom Wind zerzausen und sammelten so viele Muscheln, wie in unsere Jackentaschen passten. Zum Mittag besuchten wir ein Etablissement, das eine Guilty Pleasure eines jeden Bulgarien Touristen ist: Happy! Diese Kette, die in Bulgarien und mittlerweile auch in Spanien und England zu finden ist, überrascht mit einem vielfältigen Sortiment an Speisen und Getränken: Sushi, Burger, Meeresfrüchte, aber auch traditionell bulgarische Gerichte lassen sich hier finden und genießen. Für mich war Happy als Kind immer ein sehr verlässlicher Ort, an dem auch für achtjährige, wählerische Esserinnen eine gute Auswahl vorhanden ist. Ein spezieller Service wird von feiernden Gästen auch gerne in Anspruch genommen: ein persönlicher Geburtstagsgruß mit „Happy Birthday“-Gesang im ganzen Restaurant und einem Tischbesuch des Happy-Teams! Da für uns am nächsten Tag ja auch ein Geburtstagsanlass bevorstand, entschieden wir, zum Kaffee wiederzukommen.

Am Sonntag also, nach einer kleinen Bescherung und einem entspannten Geburtstagsbrunch, fanden wir uns wieder bei Happy sitzend, und ich nutzte zum ersten Mal aktiv den Vorteil, als Einzige Bulgarisch zu sprechen. Bis zum letzten Moment war unser Geburtstagskind der Überzeugung, ich hätte nicht Bescheid gesagt, dass wir zum Geburtstagskaffee hier säßen. Als die Musik plötzlich leiser wurde und ein lautes „Happy Birthday“-Lied aus den Lautsprechern kam, schämte sie sich ein wenig, wie es halt so ist, wenn alle für einen singen, freute sich dann aber über das geschenkte Stück Lindt-Torte mit Wunderkerze!

Nachdem wir den Tag angemessen und ausgiebig gefeiert hatten, mussten wir uns zurück zum Bahnhof begeben und uns vorerst verabschieden. Noch schnell ein wenig Verpflegung für die Reise: Am Bahnhof gibt es eine Banitsa-Bäckerei (Banitsa ist ein traditionell bulgarisches Gebäck aus knusprigem, buttrigem Filoteig, gefüllt mit dem bulgarischen Salzlakenkäse, Spinat oder süßem Kürbis), die um 17 Uhr noch ein wenig von den himmlisch duftenden Stücken übrig hatte. Wir bestellten zwei, die Verkäuferin fragte, ob sie sie warmmachen sollte. Wir freuten uns über das Angebot und stimmten zu, waren jedoch sehr irritiert, als sie die beiden Gebäckstücke in einer Plastiktüte für drei Minuten auf voller Leistung in die Mikrowelle gab… Nun, lecker waren sie trotzdem, als wir sie im Zug probierten, und ein wenig zusätzliches Mikroplastik macht den Kohl jetzt auch nicht fett.

Auf der Rückfahrt (in einem alten DB-Zug übrigens) waren wir uns einig, dass sich der Besuch gelohnt hat! Es war sehr schön, kurz in die Welt der anderen Freiwilligen einzutauchen, Unterschiede zu unserem Leben zu sehen, sich auszutauschen, Erfahrungen und Gedanken zu teilen und in erster Linie auch die Verbindung zueinander zu halten.

In dieser Anfangsphase finde ich das Bewusstsein, dass die anderen Freiwilligen ähnliche Erfahrungen machen und wir vielleicht denselben Problemen begegnen, sehr wertvoll. Der Austausch untereinander und die damit einhergehende Bestätigung, dass es nirgendwo auf Anhieb perfekt ist, gibt Rückenwind und Zuversicht.

Es ist überraschend, wie nah man sich auf einmal steht, wenn man die Erfahrung teilt, gemeinsam in der Fremde zu sein. Wir kennen uns jetzt knapp einen Monat, die Freundschaft ist aber schon in der Woche des Vorbereitungsseminars so eng geworden, dass es sich viel länger anfühlt. Es war auch nicht leicht, sich zu verabschieden, vor allem das Geburtstagskind allein in Varna zurückzulassen hat sich falsch angefühlt. Ich hoffe sehr, dass wir ihren Geburtstag etwas besonders machen konnten, es war für sie das erste Mal ohne Familie und Freunde, so wie es für die meisten von uns Freiwilligen jetzt im Alltag ist.

Es ist schon merkwürdig, als frisch geschlüpfte Erwachsene plötzlich allein das Leben navigieren zu müssen. Es macht Spaß, ist aufregend, aber anstrengend wird es manchmal auch. Und vor allem Rituale wie Geburtstage oder Sonntagsfrühstücke, Tage, die sonst gemeinsam verbracht werden, plötzlich ganz anders zu erleben, macht diese Umstellung noch einmal viel deutlicher als das “normale Alltagsleben“.

Irgendwie war das in dieser Woche auch ein wiederkehrendes Thema und wohl insgesamt eine wichtige Auseinandersetzung, wenn man sich für einen solchen Zeitraum aus bekannten Räumen fortbewegt. Welche Routinen, Angewohnheiten oder Beschäftigungen bleiben, welche müssen ersetzt, verändert oder abgelegt werden? Was darf gehen, was darf sich neu etablieren? Für die persönliche Entwicklung kann das ein guter Neustart sein, indem Muster und Angewohnheiten in einem neuen Licht und in einem anderen Kontext bewertet werden können.

Was nährt, darf bleiben. Was nervt, soll gehen.

Um all das herauszufinden, braucht es aber die Chance, neue Routinen überhaupt erst einmal etablieren zu können. Verlässliche Orte und eigene Räumlichkeiten sind dafür besonders wichtig. Und um das für mich zu finden, bin ich endlich an dem richtigen Ort angekommen: meiner Wohnung!

Diese Woche bin ich umgezogen, dazu nächstes Mal mehr.
Bis dann!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert