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Meine Entsendeorganisation

Erste Arbeitstage

Ich habe zwölf Jahre meines Lebens damit verbracht zu hoffen und beten, dass meine Zeit in der Schule endlich ein Ende findet, nur um mich jetzt – nicht einmal ein halbes Jahr nach Erhalt meines Abschlusszeugnisses – erneut in einer Schule wiederzufinden. Irgendwie schon ein bisschen ironisch, oder?

Um ehrlich zu sein, wollte ich eigentlich auch gar nicht an einer Schule arbeiten. Während meiner Bewerbung habe ich so ziemlich alles, was nicht in die Kategorie Schule fällt, als Erstwahl angegeben. Selbst ins Archäologische Institut in der Mitte vom nirgendwo wäre ich lieber gegangen und das obwohl ich Geschichte bereits vor drei Jahren abgewählt habe.

Es ist nicht einmal so, dass ich irgendwie eine Abneigung gegenüber Kindern habe, ganz im Gegenteil, ich spiele gerne mit ihnen. Ich bin nur nicht einmal ansatzweise hierfür qualifiziert. Meine geheime Hoffnung war, mein FSJ wie ein Praktikum zu behandeln und bei einer Einsatzstelle wie der Deutschen Welle praktische Erfahrungen zu sammeln, anstatt selbst in die Rolle einer Lehrenden zu schlüpfen. Ich habe mich schließlich die letzten zwei Jahre nahezu gänzlich auf Englisch verständigt und außerdem kann ich auch, egal in welcher Sprache, immer noch keine Kommas richtig setzen. Klar bin ich deutsche Muttersprachlerin, aber ausgebildet um anderen beim Erlernen der Sprache zu helfen, bin ich trotzdem nicht.

Aber andererseits frage ich mich manchmal, wer überhaupt für seinen jetzigen Beruf qualifiziert ist. Dies ist keineswegs abwertend gemeint, aber welcher Student erinnert sich zum Zeitpunkt seiner Bachelorarbeit noch an die Kursinhalte seines ersten Semesters an der Uni? Mein Vater hat eigentlich einen Doktor in Meeresbiologie, aber arbeitet jetzt für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn im Bereich des Projektmanagements in Zusammenarbeit mit Afrika. Mit seinem eigentlichen Studium hat das also eigentlich eher weniger zu tun und nichtsdestotrotz funktioniert es und zwar gut.

Ich glaube, mit der richtigen Unterweisung kann man vermutlich alles mögliche hinkriegen, selbst ohne die nötigen Qualifikationen auf Papier. Das einzige was wirklich zählt ist den richtigen Eindruck zu hinterlassen und dem Gegenüber irgendwie zu vermitteln, dass man genau weiß was man tut, selbst wenn dies nicht ferner von der Realität sein könnte. Und so habe ich die ersten paar Tage auf Arbeit damit verbracht sämtliches Allgemeinwissen, was ich mir in meinen 18. Lebensjahren angeeignet habe, darauf zu verwenden, ein nahezu makelloses Bild meiner selbst zu kreieren oder es zumindest zu versuchen.

Schritt Nr. 1: Professionell aussehen

Ihr habt vermutlich alle schon mal die Redewendung „Kleider machen Leute” gehört und ich gehöre zu den Leuten, die der festen Ansicht sind, dass das stimmt. An dieser Stelle an die Leute die ich kenne: Bevor ihr alle heimlich anfangt zu schmunzeln, mir ist durchaus bewusst, dass ich einen bedeutenden Teil meiner Zeit in Jogginghosen und irgendwelchen zu großen T-Shirts verbringe, aber man kann ja zumindest versuchen sein Verhalten zu ändern. Denn die vermutlich erste Sache, die mir in Ulaanbaatar aufgefallen ist, ist, dass ausnahmslos alle und zwar wirklich alle schick angezogen sind. Selbst die Leute im Supermarkt wirken dank Make Up und immerzu gestylten Haaren auf eine mühelose und natürliche Art elegant. Also habe ich beschlossen, Teil von ihnen zu werden oder zumindest genug Arbeit in mein Erscheinungsbild zu stecken, um nicht allzu sehr aus der Masse herauszustechen. Schließlich ist als 18. Jährige ernst genommen zu werden auch ohne Leggings und übergroße Pullis schon schwierig genug. Und zumindest für die ersten paar Tage hat meine Motivation, mich etwas schicker anzuziehen, auch gehalten und schließlich ist es letztendlich ja auch vor allem der erste Eindruck, der zählt.

Schritt Nr. 2: Lächeln, lächeln und noch mehr lächeln

Ich habe mich ja eben bereits einer Redewendung bedient und genau dasselbe werde ich jetzt wieder tun, wobei der Ausdruck „Stur lächeln und winken” nicht ganz so eine alteingesessenen gesellschaftliche Herkunft hat, sondern aus der Zeichentrick Serie “Die Pinguine aus Madagascar” für kleine Kinder kommt. Lächeln und Winken ist jedenfalls genau das, was ich an meinem ersten Tag als Lehrerinnenassistentin getan habe oder wie auch immer man meinen Job jetzt letztendlich nennen will. Ich glaube, ich habe es so letztendlich auch geschafft, ganz nett zu wirken.

Schritt Nr. 3: Einfach nur zuhören

Wenn du selbst absolut nichts weißt, dann willst du vermutlich auch nicht in einer Position sein, wo du auch nur ansatzweise etwas erklären musst und deshalb ist Tipp Nr. 3 zuhören und andere Leute das Reden übernehmen lassen. Alles was du tun musst ist so lange warten, bis sie irgendetwas erwähnen wovon du auch nur ansatzweise Ahnung hast und es als Anker benutzen, um dann schnell eine einfache Nachfrage stellen und meistens hast du sie dann dazu gebracht weiterzureden und wirkst trotz minimalem Aufwand nicht gänzlich dumm.

Das ist jetzt zwar nur eine sehr stark vereinfachte Theorie und natürlich gibt es im echten Leben zig tausend Variablen, aber trotz allem ist mein erster Tag in der Schule außerordentlich gut verlaufen. So gut, dass ich am Ende vor mich hin grinsend mit einem Blumenstrauß in der Hand nach Hause gelaufen bin. Die Blumen stehen übrigens, obwohl schon lange verwelkt, immer noch in meinem Zimmer rum. Das liegt allerdings weniger an ihrer emotionalen Bedeutung, sondern vor allem an einer gewissen Trägheit meinerseits

Montag verlief deutlich ereignisloser und ich habe letztendlich den gesamten Tag damit verbracht, der Lehrerin von einem Klassenzimmer zum nächsten hinterherzulaufen, nur um dann ganz hinten im Zimmer zu sitzen und auf das Ende des Tages zu warten. Mehr als ein paar Worte habe ich an dem Tag mit den Schülern nicht gewechselt. Aber ein langweiliger Tag ohne Katastrophen ist immernoch ein erfolgreicher Tag.

Dann begann am Dienstag mein erster richtiger Arbeitstag. Da eine aktive Mithilfe meinerseits am Unterricht wohl nicht effektiv gewesen wäre, hat die Lehrerin ein Konzept entwickelt, welchem zufolge immer eine kleine Gruppe Schüler von der eigentlichen Klasse getrennt wird und mit mir gemeinsam spielerisch Deutsch übt. Ziel dahinter war ihr zufolge vor allem, dass die Schüler auf Deutsch sprechen üben, da dies im sonstigen Frontalunterricht oft zu kurz kommt.

In Bezug auf irgendwie so wirken, als ob man auch nur die geringste Ahnung von irgendwas hat, war dies definitiv der schwerste Tag. Denn essentiell bestand er eigentlich nur aus auf der Stelle improvisieren, aber somit war er auch der interessanteste Tag, was Erfahrungen angeht. Ich habe nämlich zum ersten Mal meine Beobachterrolle verlassen und direkt mit den Schülern zusammengearbeitet. 

Die Schüler selbst sind unglaublich. Sie sind neugierig, motiviert, aufgeschlossen und tierisch intelligent. Sie haben mir ein traditionelles mongolisches Spiel beigebracht, bei welchem Knochen über den Boden geschnipst werden und obwohl ich die Regeln noch nicht gänzlich verstehe, bin ich dennoch unglaublich glücklich und erleichtert, dass sie mich so schnell in ihre Gemeinschaft aufgenommen haben.

Es ist vielleicht ein selbstsüchtiger und egoistischer Gedanke, aber ich bin froh nicht die Person zu sein, welche allzu sehr aus der Masse heraussticht, sondern auf gewisse Weise Teil der Gruppe geworden zu sein, insbesondere da ich hier als Ausländerin mit blonden Haaren auch so schon genug auffalle.

Selfie mit den Schülern der 8. Klasse

Neues Zuhause

Ich teile mir eine Wohnung mit drei weiteren deutschen Freiwilligen. Sie ist zu groß, zu teuer, zu luxuriös für nicht mehr als ein paar Studenten. Wobei wir ja eigentlich noch nicht einmal das sind, noch nicht zumindest. Und trotz des Überflusses liebe ich unsere Wohnung, denn sie liegt zentral und das bedeutet Sicherheit, einfachen Zugang zu allerlei Dingen.

Um ehrlich zu sein, macht mir der Gedanke, mit anderen Leuten zusammenzuleben, ein Haus, eine Küche, ein Wohnzimmer zu teilen, Angst. Wobei Angst vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist, ist es doch eher ein allgegenwärtiges Gefühl der Ungewissheit. Ich weiß nicht was mich erwartet wenn ich jeden Tag nach Hause komme. Ich weiß nicht, welche Seiten von Menschen sich noch zeigen werden, die bisher verborgen geblieben sind.

Es ist nicht das erste mal, dass ich mit anderen Leuten zusammenlebe. Immerhin habe ich die letzten zwei Jahre ein kleines Zimmer mit drei anderen Schülerinnen geteilt. Jetzt teile ich eine ganze Wohnung, in der jeder sein eigenes Zimmer hat, mit drei Leuten. Es ist mehr Freiheit als ich jemals zuvor hatte, aber mehr Freiheit bedeutet mehr Risiko. Mehr zu verlieren. Denn dieses Mal gibt es kein Sicherheitsnetz, keinen einfachen Weg hinaus. Wenn unser Zusammenleben nicht funktioniert, bin ich auf mich allein gestellt. 

Gänzlich auf mich allein.

Ich kann nicht einfach Zimmer oder Gastfamilie wechseln, wobei selbst das nie einfach war. Und dennoch, zwischen den Sorgen und Ängsten liegen Erinnerungen an fröhliche Augenblicke verborgen. Eine geteilte Wohnung bedeutet Gemeinschaft, ein Gefühl von Familiarität, wenn man nach Hause kommt und das ist in der Ferne unendlich viel Wert.

Ausblick aus meinem Fenster bei Sonnenuntergang

Ankunft

Bereits ausgelaugt und erschöpft vom Vorbereitungsseminar und dringend nötigem Packen auf den letzten Drücker, habe ich fast den gesamten Flug über Russland Richtung Ulaanbaatar verschlafen. Aber einmal am neuen Dschingis Khan Flughafen angekommen, ist meine Energie auch langsam wieder zurückgekehrt. Der Flughafen liegt außerhalb der Stadt und wurde erst letztes Jahr zu Ende gebaut. Die Passkontrolle verlief deutlich schneller und unproblematischer als erwartet. So stand auch schon bald unsere Gruppe von zehn Leuten gemeinsam bei der Gepäckausgabe, was dann wiederum lange gedauert hat. Nachdem das gesamte Gepäck endlich eingesammelt war, haben wir uns alle in kleine Grüppchen aufgeteilt beziehungsweise teilweise gänzlich allein auf die Suche nach unseren Ansprechpartnern gemacht. 

Drei andere Deutsche und ich, die allesamt verschiedenen Goethe-Pasch Schulen zugeteilt wurden, haben auch schon bald Beree gefunden. Sie arbeitet direkt fürs Goethe-Institut in Ulaanbaatar und ist für uns zuständig. An dieser Stelle meinen herzlichsten Dank an sie für die Hilfe, die sie uns bei der Visumsbeantragung und allen anderen Vorbereitungen geleistet hat! Sie hat uns zu einem kleinen Bus geführt, denn sie für die Fahrt vom Flughafen in die Stadt gemietet hat und nachdem die Fahrer uns beim Gepäckverstauen geholfen haben, ging es auch schon los.

Wir haben die nächste Stunde damit verbracht, durch die ländliche Gegend der Mongolei Richtung Metropole zu fahren. Und eins schonmal vorweg über die Landschaft in der Mongolei: Sie ist endlos. Ihr haftet etwas Unwirkliches, schwer zu beschreibendes an. Das einzige, was ich jemals in meinem Leben gesehen habe, was auch nur ansatzweise mit den Ausmaßen der hiesigen Steppe vergleichbar ist, ist der Nationalpark Pali Aike im Süden Chiles. Auch dort verliert sich der Blick in der scheinbar nie endenden Natur in ihrer Ursprungsform. Aber selbst Chile kann nicht mit der immensen Größe der Mongolei mithalten. Doch trotz ihrer gigantischen Größe ist das Leben in der Mongolei an einem einzigen Ort zentriert: Ulaanbaatar, der kältesten Hauptstadt der Welt.

Etwa die Hälfte der Bewohner des Landes leben in der Hauptstadt und von den ländlichen Gegenden in die Hauptstadt zu immigrieren ist nicht länger erlaubt, zumindest nicht offiziell. Ursprünglich musste jeder, der vom Land in die Stadt ziehen wollte, eine ordentliche Summe Geld zahlen, welche die Exklusivität und damit das langsame Wachstum der Hauptstadt sicherte. Doch nach Beschwerden über diese Praktik in Bezug auf Menschenrechte wurde die Gebühr abgeschafft und die Hauptstadt förmlich von Einwanderern überschwemmt, was letztendlich dazu geführt hat, dass heutzutage niemand mehr hierher ziehen darf.

Bald deutete der zunehmende Verkehr bereits auf die Nähe zur Stadt hin und ehe man sich versah, fanden wir uns in einer Wolke aus Smog wieder. Die Hauptstadt ist eine einzigartige Mischung aus Moderne und teilweise fehlender Infrastruktur. Sie wächst zu schnell. Bereitet sich uneingeschränkt immer weiter aus. Die inoffiziellen Jurtenviertel, welche an den Rändern der Stadt als Ergebnis des Immigrationsverbots entstanden sind, sind der beste Beweis dafür, dass Leben Einhalt zu gebieten nahezu unmöglich ist. 

Die Bürgersteige sind in manchen Gegenden der Stadt durchzogen von Rissen, während sich nicht einmal 15 Minuten weiter weg saubere, grüne Parkanlagen erstrecken. Ultramoderne Hochhäuser liegen grauen Betongerippen zukünftiger Gebäude entgegen. Obwohl die Einwanderung nach Ulaanbaatar durch ihr offizielles Verbot verlangsamt wurde, hat die Stadt sich noch nicht an die Massen an Menschen angepasst, die in ihr leben.

Vor dem Sprung

Bevor wir alle in die Flieger gestiegen sind und uns in Richtung unserer Einsatzländer aufgemacht haben, hatten wir alle gemeinsam ein 10-tägiges Vorbereitungsseminar am Werbellinsee in Berlin. Angeblich, um zu vermeiden, dass sich in uns das Gefühl breitmacht, gänzlich ins kalte Wasser geworfen zu werden, wenn wir denn dann später in alle Welt aufbrechen.

Wir hatten etwas über eine Woche voller Theorie bezüglich Kolonialismus, Rassismus, interkultureller Sensibilisierung und über die Importanz Geschichten auf eine “faire” Art und Weise zu erzählen. Aber wie wir Seiten über Seiten an Informationen gehändigt bekommen haben, begannen die Tage sich zu strecken, wurden immer länger. Die Zeit schien, falls überhaupt, dann nur unendlich langsam zu verstreichen. 

Jeden Morgen drei Stunden lang über Massenmorde und alles Übel in der Welt zu lernen und dann nach einer kurzen Mittagspause voller Kraft und Energie zu sein, um diese Themen nochmals auseinanderzunehmen und zu diskutieren, ist nicht mehr als eine Wunschvorstellung. Eine Überschätzung des eigenen, menschlichen Potenzials und Leistung. Dies sind keine Themen, die man leichtfertig verkraftet. Es braucht Zeit, um Informationen wie diese zu verarbeiten, da sie einem sonst irgendwann einen zu großen Tribut abverlangen. 

Und so kam es dazu, dass als die Bar auf dem Seminargelände aufmachte, sich ein monotoner Beigeschmack an die Tage anhaftete. Die meisten von uns wachten kurz vor neun auf, ausgelaugt und übermüdet von den zu kurzen Nächten, manche noch leicht verkatert. Gerade noch rechtzeitig, um die Überbleibsel vom Frühstück einzusammeln. Die Vormittage begannen zu verschwimmen, nahtlos ineinander überzugehen. Die meisten von uns zu müde und erschöpft, um den Seminarinhalten noch volle Aufmerksamkeit zu schenken. 

Dann begann das Mittagessen, eine Kombination aus 50% vegetarischem und 50% veganem Essen. Ein Segen für manche und gleichzeitig Grund für einen Aufschrei von vielen anderen. Ich persönlich gehörte zu den Personen, die am Essen nicht viel zu beanstanden fanden und allgemein damit zufrieden waren. Aber nach zwei Jahren Internatsessen könnte man mir wahrscheinlich auch alles mögliche vorlegen und solange es nicht in Öl schwimmt und zumindest etwas Geschmack hat, würde ich glücklich sein.

Die Nachmittage bestanden meistens aus einer Vielzahl von Workshops, wobei die Themen selbst bei weitem nicht vielfältig waren. Waren doch die Inhalte letztendlich alle nahezu identisch, lediglich getarnt durch leichte Unterschiede in der Namensgebung der Workshops. Lediglich ein paar grenzten sich von der Mehrheit ab: Workshops für BiPoc Leute (Black, Indigenous, People of Color) und Menschen aus sozial schwächeren Familien. Sie stachen vor allem dadurch aus der Masse heraus, dass von den Aushängen für besagte Workshops kaum Zettel zur Teilnahme abgerissen wurden. Von wem sollten sie das denn auch? Obwohl wir über 300 Seminarteilnehmer waren, war ich in der Lage, sämtliche BiPoc Leute an einer Hand aufzuzählen und praktisch jede Person, mit der ich während des Seminars gesprochen habe, hatte gerade ihr Abitur abgeschlossen oder war bereits im Studium. Es stimmt zwar, kulturweit verlangt von seinen Teilnehmern keine Hochschulzulassung, aber es ist nun mal nichtsdestotrotz auf eine bestimmte Personengruppe ausgelegt.

Dies wurde auch den meisten anderen Teilnehmern nach einem sogenannten Diskussionsabend bewusst. Es ging um verschiedene Perspektiven bezüglich der Kritik an kulturweit. Das Problem mit den verschiedenen Perspektiven war, dass sie eigentlich gar nicht so verschieden waren. Waren doch sämtliche Podiumsteilnehmer Mitarbeiter von kulturweit. So wurden dann also verschiedene Artikel, in welchen kulturweit kritisiert wird, vorgelesen, nur um dann einstimmig entkräftet zu werden. Das Konzept, sich mit der Kritik auseinanderzusetzen, an sich eigentlich ein nobles, nur wirkte die gesamte Diskussion zu scheinheilig, zu sehr wie eine Predigt, in welcher eigentlich nur die eigenen Interessen gestärkt werden sollen. So ist etwas, dass vom Prinzip her eigentlich gar keine schlechte Idee war zum kleinen seminareigenen Skandal geworden. Ich selbst bin zwiegespalten und kenne mich, um ehrlich zu sein, auch gar nicht genug mit der Thematik aus, um ein reflektiertes Statement abzugeben. Was ich allerdings im  Vergleich zu vielen anderen habe, ist meine lange Erfahrung im Ausland. Mein Aufwachsen in zwei gänzlich verschiedenen Welten. Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass das, was wir hier tun, verwerflich ist. Ist kulturweit perfekt? Bei weitem nicht, aber wer sich selbst als Verbreiter von Kolonialismus sieht, weil er an einem Programm wie diesem teilnimmt, mutet sich meiner Ansicht nach selbst zu viel Bedeutung zu. Die meisten von uns sind gerade mal ein halbes Jahr im Ausland und auch wenn manche von uns beim Deutschunterricht helfen, ist unsere Präsenz an den Schulen kaum lang genug, um einen bleibenden Eindruck im Land zu hinterlassen. Wenn du an einem Programm wie diesem teilnimmst, wirst du für etwas Abwechslung im Leben der Schüler sorgen und vielleicht ein paar Lehrkräfte entlasten. Wobei selber Unterrichten, dürfen wir ja auch sowieso gar nicht. Aber wie gesagt, ich bin eigentlich gar nicht befugt, Themen wie diese zu kommentieren, schließlich ist mein eigenes Wissen auch mehr als lückenhaft.

Wobei ich durchaus viel auf dem Seminar gelernt habe. Das einzige Problem mit meinem neuen Wissen ist, dass es nahezu komplett aus Theorie besteht. Aus Dingen, die gut zu wissen, aber schwer auf die reale Welt zu übertragen sind. Wir haben uns etwa viel Wissen über interkulturelle Sensibilität angeeignet, ohne tatsächlich irgendetwas über die Kulturen in unseren Einsatzländern zu lernen. Und wie kann man Missverständnisse oder Statements, welche eine starke emotionale Reaktion bei bestimmten Völkern hervorrufen, vermeiden, wenn man nichts über besagte Völker lernt?

Und so wurden wir letztendlich trotz allem ins eiskalte Wasser geworfen.

Aber ich kann euch einen kleinen, flüchtigen Blick in die Zukunft geben: Obwohl manche von uns verzweifelt versuchen, ihren Kopf über Wasser zu halten, während andere von uns mit Leichtigkeit hindurch schwimmen, ist noch niemand gesunken.

Ausblick auf den Werbellinsee 1

Ausblick auf den Werbellinsee 2

Ausblick auf den Werbellinsee 3

Ausblick auf den Werbellinsee 4

Zusammen mit Jola in Laurins Hängematte am letzten Tag

Erste Überlegungen

Meine Gedanken der letzten paar Wochen verschwimmen langsam. Sie werden zu nicht mehr als einer Sequenz von zu schnell abgelaufenen Ereignissen. Vor etwas mehr als einem Monat war ich noch auf einer kleinen Farm in der Mitte vom Nirgendwo in New York. Nun bin ich am anderen Ende der Welt. Manchmal ist es schwer, es zuzugeben, aber insgeheim habe ich immer gehofft, hierherzukommen, in die Mongolei.

Ich glaube, meine ursprüngliche Scheu davor, zu sagen, dass ich in die Mongolei gehe, rührt daher, dass in Deutschland der Begriff “Mongolei” ein Wort ist, dessen eigentliche Bedeutung oftmals schwer zu erfassen ist. Natürlich gibt es ab und zu Leute, die von der endlosen Steppe, den Jurten, den Nomaden und Dschingis Khan gehört haben. Mit etwas Glück sagt der Name “Ulaanbaatar” auch noch jemandem etwas. Aber viel mehr als der Name der Stadt ist den meisten Leuten auch nicht bekannt. Die supermoderne Stadt, welche das Herz des Landes bildet, wird oftmals übersehen. Wie kann man dies auch irgendwem verübeln, wo es doch tausende von Städten weltweit gibt. Zu viele, um sie alle mit Namen zu kennen. Das eigentliche Problem liegt darin, dass Leuten nicht bewusst ist, was sich innerhalb dieser Stadt befindet. Die riesigen Malls, die Märkte und die mit Unmengen an Autos, die trotz eigentlichem Rechtsverkehr oftmals auch Lenkräder auf der linken Seite haben, gefüllten Straßen. Es ist schwierig, Menschen die moderne, globalisierte Seite der Mongolei zu zeigen, wo doch das in Deutschland verbreitete Bild des Landes oftmals so anders ist.

Ich habe das Glück, die letzten zwei Jahre in einer unglaublich diversen Gemeinschaft gelebt zu haben, in der Leute oftmals mehr als nur die gängigen Stereotype über andere Länder kannten. In Deutschland ist dies allerdings oftmals nicht der Fall, schließlich ist unsere Bildung trotz allem auf Europa fokussiert. Dementsprechend waren auch die Reaktionen, die ich erhalten habe, als ich Leuten erzählt habe, dass ich in die Mongolei gehe, mehr als durchmischt. Manche haben sich gefreut, aber andere reagierten besorgt und leicht befremdet. Es gab Leute, die keinen Sinn in meiner Entscheidung finden konnten.

Es ist schwierig, Leute zu überzeugen, dass das Bild, welches sie ihr ganzes Leben lang von einem Land gehabt haben, fehlerhaft ist. Insbesondere wenn man selbst nie in besagtem Land war. Natürlich kann man sie mit Fakten und Bildern aus dem Internet überschütten, aber man kann ihnen nicht persönlich das Gegenteil beweisen. Man hat keine persönlichen, emotionalen Erlebnisse aufzuweisen, welche ihnen das Gegenteil aufzeigen. Menschen glauben nicht immer an Vernunft, wir brauchen emotionale und instinktgesteuerte Geschichten und nun, da ich hier bin, kann ich diese endlich vorweisen. Ich kann meine eigene Geschichte über die Mongolei erzählen, voller Ungewissheit, aber auch voller Glück und freudigen Geschehnissen.