Gräben 2

Eines Tages beschließen mein Opa und ich, eine Fahrradtour zu einem Walderholungsgebiet im Herzen Brandenburgs zu unternehmen.

Als Kind haben wir einmal einen Sommernachmittag dort verbracht, ich erinnere mich noch gut an die schweren Holzbänke, das riesige türkis schimmernde Schwimmbecken und das Lagnese-Eis. Wir fahren durch den etwa 5 Kilometer entfernten Ortsteil Dahlen, durch das malerische Dorf Verlorenwasser und schließlich durch Egelinde.

Wir fahren über sehr sandige und staubige Trampelpfade und kommen dem Ferienparadies „Hohenspringe“ immer näher.

Doch: verschlossen. Verriegelt. Ausgesperrt. An der Tür hängt eine Nummer, die man anrufen solle, wenn die Tür versperrt sei. Doch niemand geht ran, auch durch das Betätigen der Glocke kommt niemand.

Leicht enttäuscht machen wir uns auf den Weg zurück nach Verlorenwasser. Hier gibt es eine einzige Kneipe „Zum trinkenden Hirsch“. Auch an diesen Ort habe ich Kindheitserinnerungen, wieder Lagnese-Eis, Schnitzel mit Letscho glaube ich.

Auch hier wieder: Verschlossen. Mittwoch ist Ruhetag.

Mein Opa ist ein hoffnungsvoller Optimist und lässt sich nicht unterkriegen, wir fahren circa 300 Meter zu einem Haus. Hier wohnt sein Freund aus dem Gartenverein. Ich kenne ihn noch nicht. Seine Frau macht uns auf, begrüßt uns freundlich, Händeschütteln. Opa stellt mich als den ältesten Enkel vor. „Na, irgendwer muss ja wohl der älteste sein“. Was soll das jetzt heißen? Viel Interesse an einem Gespräch besitzt diese Frau nicht, ihr Mann, den wir suchen, ist nicht zuhause, sie verweist uns auf die Kneipe, bei der wir soeben waren.

Schnell ist der Fahrradhelm wieder aufgesetzt und wir stehen an der Tür zum privaten Teil des Hauses neben der Kneipe, hier wohnt wohl der Wirt.

Munter betreten wir den Hof. Als Stadtkind frage ich meinen Opa, ob wir einfach so hineindürfen, wir haben unsere Visite weder angekündigt noch abgesprochen, Opa nickt bloß. Die freuen sich doch, uns zu sehen! Mit langsamen Schritten schiebe ich mein Fahrrad auf den unaufgeräumten Hof.

Zwei dickbäuchige Männer sitzen um einen niedrigen Tisch, der von einer mindestens 20 Jahre alten Plastikdecke bedeckt ist. Vor ihnen Bäuchen sprudelt ein spritziges Schöfferhöffer vor sich hin. Man begrüßt sich, reicht sich brav die Händchen, einer von den Männern sitzt oberkörperfrei auf einem viel zu kleinen Stuhl. Sein Bauch ist beachtlich, voller Sommersprossen und leicht errötet. Auf der Nase trägt er eine Brille mit Goldrand, die Haare haben ihn bis auf einen spärlichen Haarkranz verlassen. Er redet nicht viel.

Sein Bierkompagnon ist etwas aufgeweckter, stellt auch mal Gegenfragen. Eigentlich sympathische Männer. Mein Opa gesellt sich mit seinem Bauch dazu. Ich nehme, wie so oft in diesen Tagen, eher die Beobachterrolle ein.

Zuerst geht es um das Übliche: Das Dorffest, ein achtzigjähriger Dorfbewohner, der sich das Leben genommen habt, die diesjährige Kartoffelernte.

Tragik, Bier und Spaß kommen sich in der Konversation so unendlich nahe.

Ihre Sprache mit starkem brandenburger Einschlag klingt etwas agrressiv wie Hundegebell.

Im Laufe des Gesprächs funkeln jedoch auch anspruchsvolle Themen durch; der Diskussionsteilnehmer im senfgelben Oberteil entpuppt sich als eifriger Leser und Literaturfan. Er hat Tolstoi („Krieg und Frieden“) gelesen, Strittmater, ein DDR-Schriftsteller, sogar Juli Zeh kennt er sehr gut. Endlich mal ein bisschen Anspruch in der Konversation!

Ich muss zugegeben: So hatte ich meine Mitdiskutanten nicht eingeschätzt. Auch der oberkörperfreie Freund erklärt mir, dass er sich Russisch selbst beigebracht hat, er Kontakte in die Ukraine zu einem langjährigen Freund unterhält und einen Raben

Ich habe diese Menschen falsch eingeschätzt.

Da ist es für mich kein Problem, als mein Opa vor Stolz platzt und erklärt, dass ich politisch aktiv bin, in der SPD.

„Da bist du doch unser Mann für unseren vertrockneten Fluss, oder?“ Süß, wie mir als lokalen Juso-Vorsitzenden, der 600 km entfernt wohnt und wirkt, sofort die Problematik am Verlorenwasser angetragen wird. Ich verstehe nicht alles, es geht wohl um eine Flussabsperrung. Die beiden Kerle haben eindeutig die Hoffnung, dass ich etwas ändern kann. Diese Verantwortung lässt mich nachdenklich zurück. Es ist traurig, dass sich kein lokaler Abgeordneter die Situation anschaut und sich darum kümmern.

Dann kann ich den Frust verstehen.

Politisch wird es noch, vorsichtig kommentieren wir die Dusch-Spartipps Habecks und Kretschmanns („Waschlappen“).

Im Nachgang erfahre ich, dass einer der beiden zu DDR-Zeiten eine hohe Position in der Verwaltung der FDJ (Freien Deutsche Jugend) bekleidete: Sekretär für Internationales.

 

So ist er, der Osten.

 

Mit welcher Arroganz gehe ich in eine solche Welt?

 

Er holt noch drei tiefgekühlte Bier, dieses Mal Krombacher. Es ist ein warmer Sommertag, durch die dunklen Kiefern glüht die Mittagssonne.

 

Lachend und leicht betrunken steige ich wieder aufs Fahrrad. Die Straße ist heiß, alle 10 Minuten kommt ein Auto mit Tempo 100 angefahren und überholt uns. Mein Opa und ich lachen.

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