Pause

Dieser Text ist ein Einblick in viele Gedankengänge der letzten Monate. Es ist ein sehr persönlicher Text, den vielleicht nur ich verstehe, daher bitte nicht wundern, wenn einige Sachen wirr, unlogisch oder widersprüchlich klingen. Ich freue mich, dass ihr hier seid!

Es ist Pfingstsonntag. Ich sitze in einem sauber und sorgfältig eingerichteten Wohnzimmer, im Wohngebiet um mich herum glückliche Kinder, die Seil springen.

Mir geht es gut. Ich war vor Kurzem in meiner mexikanischen Heimat, habe mein Oma mitgebracht, in der Uni und im Job läuft es gut, ich habe dank einer Saftkur, die 28 Tage dauert, schon 5 Kilo verloren. Ich mache täglich Sport und erfreue mich an den schönen Dingen des Lebens, wie ein paar seltene Sonnenstrahlen im Juni.

Dennoch gibt es einen Punkt, der jetzt erreicht wurde. Ich brauche eine Pause. Ich muss ordentlich nachdenken. Kraft tanken.

Corona hat vieles verändert, klar. Jedoch stelle ich mir immer öfter die Frage: Rasen wir alle auf den Abgrund zu? Ist diese Welt, wie wir sie kennen und lieben, dem Untergang geweiht?

Klimawandel, Ukrainekrieg, Armut, Hunger, eine polarisierte Gesellschaft, die immer weniger zuhört. Irgendetwas läuft doch schief. Und ich frage mich: Was ist mein Anteil, was kann ich tun? An vielen Tagen fühlt man sich wie ein passives Würmchen, das sich zwar dreht und windet, aber trotzdem nichts verändern kann.

Klar, man kann sich engagieren, politisch, privat, ehrenamtlich. Feine Sache. Besser als nichts tun.

Aber teilweise stelle ich mir die Frage: Bringt mein Engagement etwas? Oder drehe ich nicht am falschen Rädchen?

Sorgt mein Tun dafür, dass sich konkret etwas ändert, egal ob auf Landesebene, auf kommunaler Ebene usw.?

Es fühlt sich schlicht falsch an, für interne Mitgliederbespaßung zu sorgen, große Pläne ohne jegliche Umsetzung zu schmieden, in einer immer älter werdenden Partei den Hampelmann zu spielen? Ja, man ist ja der „Vorzeigejunge“, der, der bei Veranstaltungen vorne steht und den Laden zusammenhalten soll.

Doch werde ich den Erwartungen der anderen nicht gerecht (was mich aber nicht stört): Ja, ich bin jung, aber ich bin nicht immer rebellisch, unangepasst, laut, links und gegen den Strich!

Ich bin ja Juso. Wenn ich die Geschichten der älteren höre, man habe früher Häuser besetzt, Zelte in der Innenstadt aufgestellt und Veranstaltungen gestürmt, ist manchmal ein vorwurfsvoller Ton dabei: Wieso

Wir dürfen aber auch nicht zu einem Ableger der spießigen Erwachsenen werden. Wenn ich sehe, wie manche Sitzungen in Jugendverbänden geführt werden, mit einer Verbissenheit auf Geschäftsordnungsdetails, Sakkos und 7-Tage-Regen-Gesichtern, dann kann es doch auch nicht sein. Schimmert es da schon leicht durch? Der Wunsch nach Anders sein.

In unserer heutigen socialmedia-affinen Welt geht es doch nur darum: Das Foto, das die meisten Klicks bringt. Der Tweet, der den größten Shitstorm auslöst.

Gerade wenn man wie ich in einem Gehege aus mit den Hufen scharrenden Jungpolitiker*innen aufwächst, die alle auf das nächste Pöstchen in wenigen Jahren schielen, wird einem das immer wieder bewusst. Wie sticht man aus der Masse hervor? Mit welcher Aktion? Mit welchem Statement?

Es ist doch alles eine große Heuchelei. Wir geben uns nicht, wie wir sind. In Bewerbungsgesprächen gaukeln wir Stärken und Schwächen vor. Verstecken uns hinter automatischen E-Mail-Formulierungen und neuem PR-Blabla.

„Ich danke Ihnen für Ihren Input“ – heißt im Klartext: Du kannst Dich gleich verkrümeln.

Ich würde gerne mehr auf den Putz hauen, jedoch fehlen da manchmal die Ressourcen. Und die Zeit. Und ja, manches Mal, schlichtweg die Lust. Bin da etwas zu harmoniebedürftig!

Ja: Ich trage gerne Anzug, verhalte mich gerne professionell, fahre entgegen des grünen Zeitgeistes gerne Auto, formuliere gerne geschliffen, denke viel über Zukunft nach. Und? Ist es schlimm daran?

Diesen inneren und äußeren Erwartungen ständig gerecht werden zu müssen, kennt man aus jedem Lebensbereich:

Ja, ich wäre auch gerne intellektueller, würde mit Goethe-, Hegel- und Kantzitaten um mich schmeißen, jedes Buch gelesen haben und in jeder Situation eine geistreich-witzige Antwort parat haben! Wäre wäre wäre!

Würde auch gerne mehr Obst und Gemüse essen, mich gesünder ernähren, täglich eine Stunde Sport treiben, solche

Und ich bin so wie ich bin. Das Leben besteht aus dem ständigen Austarieren von Interessen, von mal mehr, mal weniger

Man kann auch anders sein, indem man sich wie ein Erwachsener verhält. Was rede ich von erwachsen sein, ich bin doch schon 21!

Manchmal habe ich das Gefühl, die junge Gesellschaft spalte sich in zwei Gruppen: Die, die einfach nur Spaß haben vollen, sich hedonistisch am Materiellen erfreuen, sich wenig für Politik interessieren. Das ist ihnen am wenigsten vorzuwerfen! Jeder will eine gute Zeit haben.

Und dann gibt es die Vollblutengagierte, die in alles und jedem einen Skandal sehen und dies auch öffentlich anprangern.

Das ist natürlich sehr verkürzt. Warum muss ich ständig alles politisieren?

Bitte nicht falsch verstehen, die Zeilen solchen sich keinesfalls pessimistisch lesen. Ich denke, es ist gesund, sich von Zeit zu Zeit Gedanken über das eigene Handeln und sein Zeitmanagement zu machen.

Im Moment bin ich vieles: Lehramtsstudent an der Uni Tübingen, erstens. Auch wenn dies manches Mal etwas kurz kommt. Eigentlich ist das Priorität.

Als Student, Lehramtspraktikant, studentischer Mitarbeiter bei einem Landtagsabgeordneten, Tutor an der Uni, studentische Hilfskraft, Dozent an der Volkshochschule, Juso-Vorsitzender, Landespressesprecher der Jungen Europäer Baden-Württemberg (um nur einige Ämter zu nennen), wird mir so schnell nicht so langweilig.

Ich verliere manchmal selbst den Überblick, was ich alles mache und frage mich, wie ich Zeit für alles finde. Jetzt kann man zurecht sagen: Mach doch einfach weniger! Entspanne dich doch! Die letzten Tage habe ich es probiert, einfach mal zuhause zu sitzen und nichts zu tun! Ich bin vor Verzweiflung fast verrückt geworden, war schlecht gelaunt und aggressiv. Auch die Langeweile will gelernt sein. Außerdem entscheide ich, was ich zu- und was ich absage. Ich bin ein Mensch, der unterschiedliche Betätigung braucht. Ich bin gerne unterwegs im Lande, organisiere oder besuche Veranstaltungen und habe einen vollen Terminkalender.

Ich merke aber, dass das, was mir am meisten Spaß macht, das Unterrichten von Sprachen und das politische Engagement ist. Ich bin gerne unter Menschen, stehe am Stand oder an der Tafel, unterhalte mich, versuche, zu überzeugen!

Manchmal ergreift mich der Gedanke, auszuwandern, alles hinzuschmeißen und komplett in einem fernen Land unterzutauchen. So wie es damals, vor mittlerweile 2 Jahren (wie die Zeit vergangen ist!) mit Brasilien geklappt hätte.

Dem tristen Alltag, bestehend aus Mails beantworten, essen, schlafen, unfreundlichen Menschen zu entfliehen.

Denn das Problem sind oft die Menschen. Egal ob es nicht grüßende Nachbarn beim Spaziergang, die schlecht gelaunte Kassiererin im Supermarkt oder ehemalige Freunde, die einen nicht wiedererkennen. Ich spüre, dass die Gesellschaft kälter geworden ist. Wo bleiben die herzlichen Umarmungen, die Komplimente, Gespräche, in denen auch mal nach dem Gegenüber gefragt wird? Zur Kommunikation gehören immer zwei Seiten!

Ich bin da vielleicht als Halbmexikaner etwas anders gestrickt, brauche ein bisschen die Show, stundenlange Gespräche am Esstisch und social events.

Ich liebe Deutschland. Seinen Fleiß, seine Disziplin, seine Verbindlichkeit. Viele werden es nicht gerne hören, aber ich bin sehr stolz darauf, Deutscher zu sein: Wer weiß, was es heißt, nicht ohne Auto oder Begleitung vor die Tür gehen zu können, weiß, wovon ich rede. Ich liebe es, dass ich nah am Wald wohne. Dass ich mich frei bewegen kann. Dass ich meine Träume und Projekte konkret verwirklichen kann.

Die Servicekultur und Freundlichkeit ist in manchen Staaten aber besser ausgeprägt. Ja, wir Deutsche sind manchmal etwas spießig, etwas zu sicherheitsorientiert, verbissen auf zu kleine Details.

Und natürlich kann man nicht alle über einen Kamm scheren.

“Macht Euch mal locker!“, würde ich manchen gerne zurufen und kräftig schütteln. Redet miteinander, interessiert Euch für Eure Mitmenschen.

Eure Kontoauszüge, Luxuskarossen und Bausparverträge sind nicht alles!

Ich bin für ehrliche Kommunikation. Wer das hier liest, weiß ich nicht. Aber wir sehen ja in den aktuellen Kriegszeiten, wie befreiend es sein kann, offen Widersprüche und innere Logikbrüche anzusprechen, schlichtweg transparent zu sein. Ja, es ist eine beschissene Lage, wir müssen da aber jetzt durch. Mit einem Lächeln im Gesicht. Wie politische Kommunikation in diesem Sinn funktionieren kann, sieht man derzeit an Robert Habeck und Annalena Baerbock.

Jetzt denkt man sich zurecht: Was soll dieser Text? Dieses Herumlavieren? Was sind die Konsequenzen daraus?

Es ging mir vor allem darum, Dinge offen und unmissverständlich auszusprechen. Nicht dieses „Es musste mal gesagt werden!“, wie manche Neurechte es nennen. Sich mal artikulieren, die eigenen Widersprüche nach außen zu kommunizieren.

Wie gesagt – ich weiß nicht, ob das hier Fabrizierte wirklich Sinn gemacht hat. Es war ein erster Versuch, ein Konvolut an Gedankenströmen, die einen immer wieder durchfließen, zu kanalisieren. Und es hat sich gut, befreiend angefühlt. Schreiben kann so therapeutisch sein!

Damit dieser Text aber etwas versöhnlich endet, mache ich einen kleinen Zeitsprung:

Ich denke daran, wie ich einmal ein kleiner Junge war. Mit etwa 10/11 Jahren, also vor etwa 10 Jahren. Ich habe gerne One Republic gehört, hatte viel Freude an der Schule, vor allem an den Fremdsprachen und war daher eher der Außenseiter. Am meisten mochte ich es, nach der Schule nach Hause zu radeln und mich an den Rechner zu setzen und Arbeitsblätter und Klassenarbeiten für meinen Bruder zu entwerfen. Dabei probierte ich unterschiedliche Layouts und Schriften aus. Grundlegend war dabei, das Konzept

Ich passte – kein Witz – sogar meine Handschrift an die meiner Lehrer*innen an. So habe ich im Laufe meiner Schullaufbahn ganze fünf Mal die Handschrift gewechselt, was für große Verwunderung bei meinen Lehrer*innen auslöste.

Während der Rechner lief und ich meine Word-Dokumente bearbeitete, schaute ich meine Lieblingsserie „How I met your mother“. Ich kann teilweise heute noch genau sagen, an welcher Stelle des Arbeitsblattes X ich war, welches Wort ich unterstrich, welchen Kreis zum Ausfüllen ich einfügte, als sich gerade diese Szene in der Serie abspielte. Es hatte etwas Meditatives!

Ich habe den Lehrerberuf zutiefst bewundert, hatte meine 3-4 Lieblingslehrer, die ich in jeder kleinen Marotte kopiert habe. Nachdem ich die Klassenarbeiten, die meinem Bruder als Vorbereitung für „echte“ Klassenarbeiten dienten, ausgedruckt hatte, packte ich sie meine eigens angeschaffte Lehrertasche aus feinstem Leder, ging hoch ins Wohnzimmer, wo mein Bruder auf einem kleinen Holztisch saß und geduldig auf seine Klassenarbeit wartete. Ich teilte dreißig Blätter aus, als würden sich auch dreißig Schüler im Raum befinden. Mache ein paar Ansagen und lasse meinen Bruder schreiben. Wenn er fertig ist, korrigiere ich seine Arbeit in Windeseile und gebe sie zurück. Natürlich im gleichen Setting: oben im Klassenzimmer, für 30 imaginäre Schüler und mit den Ansagen vor der Rückgabe einer Klassenarbeit.

Es ist Sommer und es läuft der Song „Safe and sound“.

Das habe ich ganze 8 Jahre lang für meinen Bruder gemacht.

Es erfüllt mich mit Freude, dass ich heute genau das mache, wovon ich schon als kleines Kind geträumt habe. Heute korrigiere ich im Praktikum echte Klassenarbeiten mit und denke gerne daran zurück.

Ja, das Leben und auch das Studium kann zäh und langweilig sein, aber es sind diese Kleinigkeiten, Erinnerungen und Momente, die das Leben lebenswert machen.

Können wir alle nicht manches Mal wie Kinder sein und uns am Leben so undschuldig erfreuen?

Jedenfalls ist heute ein schöner Sommertag und ich gehe raus, um die Sonnenstrahlen zu genießen.

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