Unterricht

Hey guys,

das neue Jahr 2021 ist gestartet und alle unsere Wünsche und Hoffnungen beginnen, Wirklichkeit zu werden. Hoffentlich? Ich weiß ja auch nicht. Noch scheint das absolute Ende der Pandemie nicht in Sicht, trotz erster Impfungen. Ich möchte heute einen kleinen satirischen Text mit Euch teilen. Es geht um einen überspitzten Rückblick auf eine typische Unterrichtssituation, wie ich sie allzu oft erlebt habe. Ihr ja vielleicht auch?

PS: Die romantisierte Gegenseite des Unterrichts folgt natürlich auch 😉

Viel Spaß!

 

Klirrende Kälte im Morgengrauen. Nasse Kunstfellmäntel mischen sich mit miefenden For-You-Schulränzen und miesen Montagsgesichtern. Hier und da drückt sich ein kleiner Fünftklässler durch die muskulösen Oberstufenprotze und den schicken, aber keinesfalls passend zur Witterung gekleideten Abiturpüppchen. 7:41 Uhr, die letzten Dieselbusse stehen stinkend vor dem eiskalten Tor aus Stahl, einige flinke Knirpse entkommen den schließenden Türen rechtzeitig. Die Abgaswolke der Elterntaxis, die mit größter Lässigkeit ihr Revier auf dem Lehrerparkplatz markieren, mischt sich mit dem Geruch nach drohender Klassenarbeit und Hausaufgabenkontrolle. Nichts wie rein in die gute Stube!

Im Lehrerzimmer werden emsig die letzten Kaffeekannen ausgeleert, in klebrige Tassen, die schon seit ungefähr einem Jahr keine Spülmaschine von innen gesehen haben. „Was kennen Seeräuber keine Kreise?“ steht auf der Tasse. „Weil Sie Pi-raten“ auf der anderen Seite. Oh, der Kollege hat Geburtstag, schnell noch ein in Serviette gewickeltes Mandarinentörtchen in den Jutebeutel. 7:51. DING DANG DONG hallt es wie im buddhistischen Tempel und die Schüler wissen, dass Ihnen eine Erlösung bevorsteht – von Ihrer wertvollen Schlafenszeit. Hastig drucksen sich die Lehrkörper darum, wer wohl am spätesten zum Unterricht erscheint. Ach, die Kopien! Verdammt.

8:05 Uhr, zum Glück konnte die Mathehausaufgabe noch schnell hieroglyphisch übertragen werden; Hauptsache es steht was im Heft, was genau drinsteht, ist nicht so wichtig. Der Lehrer kommt: Zunächst erkennt man ihn nur als kleinen schwarzen Punkt am Ende des Flurs. Dann der wippende, leicht federnde Schritt, der Oberkörper leicht nach vorne geneigt, die speckige Aktentasche brav im selben Rhythmus hinterher. Die Brille zwei Millimeter vor den ersten Nasenhaaren, die Piratentasse und ungefähr ein Viertel Regenwald Blätter fest zwischen die Achseln geklemmt.

Aus der ebenfalls schwarzen Hose, die mutmaßlich seit acht Tagen getragen wird, sprudelt ein neugieriger Schlüsselbund mit dem Aufdruck eines Automobilzulieferers, wahrscheinlich familiäre Bezüge. Die Hand gleitet zur Gesäßtasche wie ein Cowboy zur Colt. Jetzt muss nur noch in mühevoller Kleinarbeit der richtige herausgefischt werden, die Klasse murmelt schon wieder wirres Zeug. Man kann die schlechte Laune förmlich riechen. Mann, ich liebe den Geruch von Mathe am Morgen. Alle dösen zu ihren Plätzen, nichts Neues, keine abgerissene oder wenigstens mit obszönen Botschaften verschmierte Tafel, kein aus Protest nicht funktionierender Tageslichtprojektor, der sich gegen die Schulgemeinschaft verschworen hat. Stattdessen tropft der graue Hahn munter vor sicher her und die Neonröhre stimmt mit einem müden Flackern in die Begrüßungsmelodie ein.

GUTEN MORGEN, ertönt es von vorne, G-U-T-E-N M-O-O-O-O-R-G-E-E-E-N H-E-E-E-R-S-C-H-W-E-I-G-E-R

Seit 6 Jahren probt ihr allmorgendlich dieses schwungvolle Lied, habt ihr nichts Besseres drauf?

Weiter in der Regie, aber: Ein Stuhl fehlt. Tippelnde Achtklässlerschritte verlassen den Raum, klopf klopf am Nachbarreservat. Zwei runde Brillengläser blicken genervt von der an die Tapete projizierten Aufgabe 2, Trigonometrie, zur Tür. Der Pumageruch tritt indes auf den weiten Flur.

Stuhl da, das Unterrichtsgespräch ist bereit zum Start. Aber die Kreide! ….

Wir präsentieren Ihnen die Ausstattung auf den viel zu niedrigen Tischen: Die frischerlegte Beute, blutig verschmiert und mit Kaffeeflecken des Täters versehen. 29 Frischfleischstücke, zu Morgenstunden und 10 Minuten vor Unterrichtsbeginn noch angerührt, garniert mit krakeligen Smileys, aberwitzigen Motivationssprüchen („Nächstes Mal holst Du Dir die 1, Jeremy!“) aber auch desaströsen Botschaften („Das war wohl nichts, Halbjahresnote: 5“). Gekrönt wird das ganze durch das Sahnehäubchen und Hauptwerkzeug einer jeden schriftlichen Hinrichtung, das Excalibur jedes Pädagogen, der Stabilo, thront auf dem lange im Besitz des Täters, aber soeben erst fertig bearbeiteten Stapel mit nach Versetzungsgefahr duftenden Lernzielkontrollen.

 

Ich werde sie erst am Ende herausgeben, das ist besser für euch alle. Dann arbeitet ihr konzentriert. Einige müssen sich im nächsten Jahr wirklich anstrengen. Hier wird gekonnt versucht, einzelnen Rudeltieren nicht direkt ins Antlitz zu schauen, das könnte tödlich enden.

Also wenden wir euch eurem Lieblingsthema zu: Lineare Gleichungssysteme. Ein Blätterhagel aus Kopiervorlagen erfüllt den Raum, wahrscheinlich aus irgendeiner in die Jahre gekommenen Mathematikunterrichtbastelanleitung, wo dass noch daß geschrieben wird und Achtklässler gesiezt werden.

Nach Bekanntgabe der Unterrichtsanweisung begibt sich die Fraktion des wechselwarmen Gezüchts augenblicklich ans Fenster, um mit faszinierender Leidenschaft alle Fenster aufzureißen. Ein unsichtbarer Kampf aus halbem Schneesturm und pubertätsbedingter Körpergerüche beginnt über die Köpfe hinweg zu toben.

Einige entschiedene Kämpfer der kalten Jahreszeit verkriechen sich währenddessen noch tiefer in ihren Kokon aus nicht beendeten Träumen und Wollpullovern. Hektisch, fast schon engagiert, spaziert die Lehrkraft durch das Winterwunderland, um die an Tafel, Tageslichtprojektor und Dokumentenkamera geschriebene, missverständliche Aufgabenstellung zu erklären, während ein zweiter Krieg ausgetragen wird, bei dem kleine Schneekügelchen per Luftpost verschickt werden und in der Föhnfrisur des Lehrkörpers landen.

So vergeht die Zeit im Winterwunderland, die Gruppenarbeit mutiert binnen Sekunden zum „Einer-rechnet, schreibt, präsentiert-und-der-Rest-steht-daneben-und-grinst“-Projekt.

Die Dramaturgie steigert sich erst, als der Stapel Klausuren vom hölzernen Lehrerpult in die Klauen des perfiden Pädagogen wandern: Bereit zum Gefecht. Aber halt, wichtige Anmerkungen zum Rechenstil müssen noch gemacht, böse Blicke im Unterrichtsraum verteilt – und überhaupt die Klassenarbeit mühsam besprochen werden. Nach jeder präsentierten Musterlösung einer Aufgabe durch den Lehrkörper samt Punktevergabe scheint man den Notenspiegel anhand der Gesichtsfarbe immer präziser nachverfolgen zu können. Dann, der Höhepunkt des fünfaktigen mathematischen Dramas, eine Minute nach Pausengong das kalte Servieren der Rache – für all die Lacher, all die dummen Fragen, all die verdutzten Gesichter. Zahlen von zwei bis sechs werden mit akrobatischem Geschick durch die Schar an erfrierenden Schülern geworfen; selten erlebt man Wutausbrüche, Tränen und Anzeichen gespielter Freude so nah beieinander. Ehe die ersten einsamen Wölfe ihrem Instinkt nach warmen Pausenbrötchen mit Wurstaufstrich folgen, werden die obligatorischen Hausaufgaben als Belohnung für die gute Mitarbeit auf eine ganze Tafelhälfte gekritzelt und die aufmerksame Klasse mit einem herzlich gemeinten, aber zur Sicherheit bedrohlich geraunten „Bis morgen!“ entlassen.

 

 

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