Wer hätte das gedacht? Der alltägliche normale Wahnsinn

Hello allerseits!

Ich dachte, ich melde mich mal, um ein paar aktuelle Gedanken zum aktuellen Zeitgeschehen mit Euch zu teilen.

Bitte nicht auf Struktur und Kohärenz achten 😉 – ich habe einfach mal das niedergeschrieben, was mir so durch den Kopf geht.

Die Zeit verstreicht so langsam wie die Rahmbutter auf meinem Frühstücksbrötchen. Und das meine ich positiv. Vor vier Wochen hatte ich auf dieser Plattform ein paar Post-Brasilien-Covid-19-Gedanken hier veröffentlicht. Daraufhin lasen viele in meinen Zeilen sehr große Selbstzweifel und dass ich wohl mit der Enttäuschung eines Lebenstraumes nicht klarkommen würde. Also nochmal, für alle, zum Mitschreiben: Mir geht es gut. Wirklich. Sehr gut sogar.

Ich glaube, ich bin langsam in einer neuen Wirklichkeit angekommen, der Corona-Wirklichkeit.

Ein inneres Feuer der Begeisterung auf das Ausland lodert zwar immer noch in mir, aber beim täglichen Newsblick und Nachrichtenklick auf Tagesschau und Co, habe ich Grund genug, mich dankbar in Sicherheit zu wähnen. Wer eine kleine Kostprobe wünscht, was gerade in Brasilien abgeht, der folge diesem Pfad

Unglaublich, oder? Vor zwei Monaten bewegte ich mich noch relativ selbstsicher durch die Straßen Sao Paulos und Belém, die Gefahr des Virus klein haltend. „Brasilien wird schon nichts passieren“, war mein Gedanke. „Das Virus wird hier nicht ankommen.“ – sagte ich auch aus der tiefen Überzeugung heraus, doch noch im Land meiner Träume bleiben zu können. Und weil ich mir natürlich wünschte, dass vor allem die arme Bevölkerung, die ich Belém sah, verschont bliebe.

Es waren ja zum damaligen Zeitpunkt einige 100 Fälle in Sao Paulo und keinen bestätigten in Belém. Und heute ist Brasilien das Land mit den zweitmeisten Infektionen weltweit. Allein der Bundestaat Sao Paulo hat mehr Todesopfer als ganz China. Und das alles liegt an einer Regierung unter einem ultrarechten Präsidenten, der die Existenz des Virus anzweifelt, es als ein „Grippchen“ abstempelt und Selfies mit Corona-Leugnern macht, weiter brav Händchen schüttelt und gegen die sinnvollen Maßnahmen seiner Gouverneure ankämpft. Sein Gesundheitsminister und sein Justizminister traten beide zurück – aus Protest. Der Nachfolger im Gesundheitsministerium, ein Onkologe, hielt nur 28 Tage (!) im Amt durch, ehe auch dieser verzweifelt hinschmiss.

Dabei ist nicht zu vergessen, dass durch die Blockade in den öffentlichen Behörden illegale Holzfäller die Gunst der Stunde nutzen und in Sekundentakt fußballfeldergroße Flächen im Regenwald abholzen. Ein Zuwachs um 55% der Rodungen gegenüber des letzten Quartals ist zu verzeichnen. Und, als wäre das alles nicht genug, will der Präsident ein umstrittenes Gesetz durch den Kongress peitschen, das Landübernahme im Amazonas noch einfacher machen soll und damit die Zerstörung des Regenwaldes noch stärker befeuert.

Gott, bitte steh diesem Land bei.

Wie es wohl den Menschen geht, denen ich im März in Brasilien, wenn auch nur kurz, begegnete? Dem allerersten Brasilianer, den ich sah? Den Polizisten in der Gangway am Flugzeug? Den Uber-Fahrern Andersson, Rafhael, Cristiano, mit denen ich mich so angeregt unterhielt? Der Frau am Flughafen von Belém, die mich versehentlich für einen Italier hielt? All den Marktfrauen und Männer am Ver-O-Peso, die ihre Wocheneinkäufe erledigten? Den pfiffigen Gastronomen im Stadtteil Liberdade, die Touristen so herzlich empfangen?

Wie geht es ihnen wohl? Wie geht es ihren Familien? Wie überstehen sie diese schwierige Zeit?

Ich hoffe wirklich nur das Beste für sie.

Wer hätte das alles gedacht?

In Mexiko, meinem Heimatland ist es auch nicht besser. Ähnliche Probleme: Eine unfähige und inkompetente Regierung, die das Virus verharmlost. Ähnliche Zustände in öffentlichen Krankenhäusern. Ähnliche Entwicklung der Infektions- und Todeszahlen.

Nun bin ich ja zurück in Esslingen – und nochmals – wirklich dankbar dafür. Im Anbetracht der dramatischen Situation sind meine anfänglichen Sorgen wie weggeblasen. Meine Reise nach Brasilien kommt mir so weit weg vor. Wie in Trance.

An allen Ecken höre ich „Glauben Sie mir, in Brasilien wären Sie jetzt nicht gerne“.

Mittlerweile habe ich mich, wie man im Leben halt muss, mit der Situation abgefunden.

Und es gibt ja auch einige positive Aspekte in meinem „Post-Covid-19-Leben“:

Wer hätte gedacht, dass ich angesichts der Situation endlich mal mehr Sport treibe und meiner Gesundheit etwas Gute tue? Mit längst verschollenen Freunden kommuniziere, die in meinem Adressbuch als Karteileichen abgespeichert waren?

Wer hätte gedacht, dass wir mal realisieren, dass wir nicht für ein Meeting um die halbe Welt tingeln müssen, sondern dass alles auch digital funktioniert?

Wer hätte gedacht, wie kreativ wir sein können? Masken mit Superman-Motiv nähen (natürlich für unsere wahren Held*Innen im Gesundheitsdienst), Panda-Plüschtiere als Abstandhalter in Läden stellen oder auf diversen Instrumenten ein abendliches Nachbarschaftskonzert trällern?

Wer hätte gedacht, dass wir den Wert eines ruhigen und besonnenen Krisenmanagements schätzen lernen? Dafür wird Deutschland international ja sehr geachtet. Meine Verwandten im fernen Mexiko wünschen sich Angela Merkel als Regierungschefin …

Um ein komplettes, differenziertes Bild zu zeichnen, muss natürlich auch die Gegenseite von „Wer hätte gedacht …“ berücksichtigt werden.

Wer hätte gedacht, dass einige unserer Artgenossen auf urmenschliche Instinkte der Angst zurückgreifen und schlecht recherchierten, unsauber erzählten Verschwörungstheorien Glauben schenken, die nichts Anderes sind als hanebüchener Unsinn?

Wer hätte gedacht, dass dieses Virus die schönsten und die unangenehmsten Seiten unserer menschlichen Natur offenbart? Panische Hamster-Käufer und solidarische Nachbar*Innen sowie #unsereHeldenDesAlltags (falls es diesen Hashtag überhaupt gibt). Und ja, die Klopapier-Metapher  hat mittlerweile ausgedient. Oder man sollte eher sagen auscovidiert.

Wer hätte gedacht, dass Corona das digital marode Schulsystem zur Schau stellt?

Das Virus zeigt doch: Wir sind machtlos. Wir sind machtlos gegen die Naturgewalt. Und wir haben gelernt, was wichtiger ist als schwarze Zahlen, Umsatz, Rendite und Südseeurlaube: Unser aller Gesundheit.

Zum Teil hat das Virus die kreativsten Seiten aus uns herausgekitzelt. Digitale Tanzstunden per Zoom? Ein Oster-Podcast für Oma und Opa? (und ja, länger als nur „Oma, schick mal mehr Geld“!) Der Versuch eines Online-Jugendhauses? Alles nun möglich.

Die Möglichkeit und Nutzung der digitalen Kanäle zeigen doch, wozu unsere Zivilisation alles fähig ist – wenn sie will. Kleine Randbemerkung: Solange das Internet nicht ausfällt 😉

Ich hab vor Corona eigentlich nie oder nur gaaanz selten an einer Telefonkonferenz oder an einem Online-Meeting teilgenommen. Nein – man musste spätabends um 19 Uhr noch zur Vereins- oder Vorstandssitzung an das Gesäßteil der Welt düsen. Um dann nach langer Diskussion und Abschweifungen zu einem Ergebnis zu kommen. Die Online-Formate haben den Vorteil, unnötiges Geplapper zwischendurch zumindest bedingt einzuschränken. Meetings werden knackiger und produktiver, die Anfahrtswege kürzer und können neuerdings auch in Unterhosen zurückgelegt werden (aber Achtung, dass ja nicht die Kamera runterfällt …)

Stundenlanges Sitzen im HomeOffice kann aber auch ganz schön müde machen. Deswegen kann man draußen Sport machen. Oder, wem dies nicht möglich sein sollte, kann an besagten digitalen Sportkursen teilnehmen. Ist mal ungewohnt, aber macht Spaß.

Wenn ich draußen spazieren gehe oder an Wochenende auf dem Fahrrad unterwegs, sehe ich überwiegend glückliche Menschen. Keine Bad-News oder traurig bedeckten Gesichter weit und breit. Paare halten Händchen, schlecken an bunten Eissorten, Radsportler mit blühend-bunten Trikots zischen an mir vorbei. Alles wie vorher, könnte man meinen.

Erst beim Betreten eines Busses oder eines Supermarktes, wird man unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt. Das Virus ist da. Menschen laufen mit unterschiedlich gestalteten Schutzmasken oder gar Schutzvisieren herum.

Ich habe seit drei Monaten niemandem mehr die Hand geschüttelt. Früher eine Geste der Unhöflichkeit, heute eine reine Schutzmaßnahme. Krank durch Nett sein! Das wollen wir ja alle tunlichst vermeiden.

Was allerdings positiv ist: Man lernt, Freundlichkeit auf andere Weise auszudrücken. Mit einem strahlenden Lächeln zum Beispiel. Jemandem in die Augen schauen. Jemandem einmal mehr ein herzliches „Danke“ sagen. Früher hat man ja weniger hinterfragt. Das Reichen des Tätzchens schien eine unterbewusste Selbstverständlichkeit, keiner dachte darüber nach. Ich denke, unsere Welt wird durch Corona etwas bewusster.

Sorge bereitet mir jedoch das Zurückfallen in alte Strukturen der Angst, so zum Beispiel Nationalismen, Abschottung, Protektionismus, und die „Wir-zuerst-und-über-alles“-Attitüde.

Hier gießen die Populisten der Welt (oder solche, die es sein möchten) eine gehörige Menge Öl ins Feuer, um die fiesen menschlichen Urinstinkte aufzurütteln.

Aber Achtung, ich rede hier nicht nur von der nationalen und globalen Ebene der Staatenlenker, sondern auch im ganz einfachen Alltag: Jeder, der gerade unnötigerweise hamstert, auf Mitmenschen mit Ignoranz und Arroganz herabschaut, verkörpert ein Stück weit die Einstellung: „Nach mir die Sintflut“. Sowas ist wahrlich nicht schön und nicht zu akzeptieren.

Auf europäischer Ebene sehen wir es auf ähnliche Weise: Verweigerte Hilfe und Unterstützung für besonders stark betroffene Länder wie Italien oder Spanien, das permanente Wegschalten aller Themen, die nichts mit Corona zu tun haben, so zum Beispiel die Situation der Flüchtlinge in Moria. Europa steht vor der Zerreißprobe. Ich hoffe, die EU überlebt diese Krise. Damit sie beweist, dass das Bündnis den Namen „Union“ noch verdient …

Was will Corona eigentlich?

Ich weiß es nicht. Mit Corona direkt Kontakt aufzunehmen, gestaltet sich als etwas schwierig. In ihrem Büro erreiche ich niemanden.

Randbemerkung: Die heilige Corona ist auch Schutzpatronin des Geldes und der Fischerei. Corona bedeutet auf Latein „Krone“. Daher haben einige Länder, wie zum Beispiel Schweden, die „Krone“ als Während.

Ist es nicht erheiternd und geradezu paradox, dass es Corona ist, die uns zeigt, dass Geld eben nicht alles ist? Oder das Fischen nach starken Dividenden, Kostenmaximierung und Beschleunigung anderen Dingen untergeordnet werden kann?

Wo wir gerade bei Beschleunigung sind: Ich empfinde das Virus und den dadurch angestoßenen Gesellschaftszustand als entschleunigend. Man hat das Gefühl, nichts mehr zu verpassen. Der soziale Druck nimmt ab, bei allem dabei sein zu müssen. Für Menschen, die beispielsweise unter einer Sozialphobie leiden, ist das also auch eine gewisse Entlastung.

Früher, vor der Abreise nach Brasilien und vor der Pandemie, hatte ich auch immer den Drang, überall präsent zu sein. Eine Woche mit vier Abendterminen, Sitzungen und Meetings war nicht unüblich. In der Krise habe ich gelernt, was mir jetzt wichtig ist und was nicht. Heute weiß ich einen gemeinsamen Filmeabend mit der Familie stärker zu schätzen als davor. Oder ein Sonntagsspaziergang. Mein altes Leben vermisse ich in der Form also nicht allzu sehr.

Im Moment leben. Sich auf sich besinnen. Zeit haben, Lernzuprozesse zu starten und über den vergangenen, den gegenwärtigen und zukünftigen Augenblick des eigenen Daseins zu reflektieren. Was will ich mit meinem Leben anfangen? Was sind meine Ziele? Welchen Stellenwert hat Familie, Liebe, XY für mich? Auf diese Fragen versuche ich noch Antworten zu finden.

Bei allem Positiven – der crazy shit für mich dabei ist: Das Virus ist ja eigentlich nicht gut. Es ist ein Bösewicht, das unschuldige Menschen tötet. Meine obigen Zeilen lassen sich sehr euphorisch lesen – wie jemand, der das Virus unterschätzt und dem noch nichts passiert ist. Möchte ich nicht machen. Ja, es ist gefährlich. Deswegen versuche ich, mich und andere zu schützen, mein klitzekleines Sandkorn zur Bekämpfung des Virus beizutragen.

Auch wenn ich im erweiterten Bekanntenkreis bereits einen covid-19-bedingten Todesfall erlebt habe, der mich zutiefst in Trauer versetzt hat, ist Corona für mich inzwischen wieder so weit entfernt. Das Wörtchen hat für mich eine abstrakte Erscheinung angenommen. Covid-19 hier, Corona da, Virus, Pandemie, Epidemie, Krise, schwere Zeit! Es trifft jeden. Ob direkt, gesundheitlich, oder indirekt, strukturell. Durch Umgestaltung des Lebens, des Arbeitsplatzes, der Volkswirtschaft, der eigenen Planungen.

Niemand hätte sich vorstellen können, dass ein kleinster, auf lebendem Gewebe gedeihender Krankheitserreger so einen großen Schaden anrichten kann. Jeden, der im Mitte 2019 vor dieser globalen Katastrophe gewarnt hätte, hätte jeder, ich glaube sogar Frau Merkel und Herrn Wieler selbst, für verrückt erklärt. Jetzt haben wir den Salat. Now we have the salad.

Diese Pandemie beherrscht alles und jeden. In tausenden von Unternehmen und Institutionen werden Ordner angelegt mit dem Namen „Corona-Alternativen“,  Online-Veranstaltungen mit Titeln wie „Corona – wie geht es nun weiter?“ organisiert, Telefonate und Gespräche geführt, Mails geschrieben, die es sonst wahrscheinlich nie gegeben hätte!

Wahrscheinlich werden meine potenziellen Kinder und Enkelkinder eines Tages das Kapitel „Covid-19“ im Geschichtsunterricht durchnehmen und mich dann fragen: „Was hast du in dieser Zeit eigentlich gemacht? Wie war das so?“

Auch in zukünftigen Bewerbungsgesprächen könnte eine mögliche Frage lauten: „Wie haben Sie die Zeit der Pandemie für sich genutzt?“  – das wird vielleicht der entscheidende Punkt sein, ob jemand eingestellt wird oder nicht, je nachdem oder der oder die Kandidatin in seiner oder ihrer Antwort unter Beweis stellt, wie er oder sie an neue Gegebenheiten flexibel und kreativ anpasst und die Krise bewätigt. Boah, wieder dieser Karrieregedöns.

Sollen wir Corona zum „Wort des Jahres 2020“ krönen?

Ob wir es wollen oder nicht, das Virus sich inzwischen in unsere Sprache eingenistet. Ob Anglizismen wie „Home-Office“, „Home-Schooling“ , „Lockdown“ oder gar seltsame Wortneuschöpfungen wie „Öffnungsdiskussionsorgien“ – diese Wörter sind fester Bestandteil der politischen und medialen Debatte und sind aus dem Alltagssprache-Duden 2020 nicht mehr wegzudenken.

Diese neuen Beiträge zur deutschen Sprache bieten aber auch Anlass für kontroverse Diskussionen. Wer oder was ist denn jetzt „systemrelevant“? Wie soll „Home-Schooling“ denn genau aussehen?

Naja. Egal wer wir sind, was wir gerade beitragen können oder wie die Zukunft aussieht, eines können wir: Gemeinsam zusammenstehen und geduldig sein. Diese Situation wird sicherlich noch ein bisschen länger andauern. Und wenn die Krise dann endlich vorbei ist, müssen wir umsichtig sein, um nicht eine zweite Welle oder ein Corona 2.0 zu erleben. Denn wir wollen ja alle gestärkt aus der Krise hervorgehen. Einiges wird sich hoffentlich (!) ändern: Ich hoffe, dass wir alle – achtsamer, bewusster, flexibler, digitaler, sensibler werden, den vielfältigen Stimmen unserer Gesellschaft gleichsam zuhören, handfeste Wahrheiten von billigem Quatsch trennen, uns respektvoller begegnen – in allen Lebenslagen.

Jetzt werde ich erstmal mein Zimmer umgestalten – wer hätte das gedacht?

Bis dahin verabschiede ich mich mit einer großen digitalen Umarmung!

Mark

 

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