Besuch aus dem Schwabenländle (Woche 35)

Nachdem die letzte Woche ja äußerst turbulent zu Ende ging, erhoffte ich mir von der nächsten Woche ein wenig Erholung und vor allem eine gehörige Portion Schlaf. Um es direkt auf den Punkt zu bringen: ich habe weder noch bekommen. Besonders schlimm war das aber nicht, denn so anstrengend die Woche auch war, so sehr habe ich sie auch genossen.

Aber von vorne:
Am Montag meinte es mein Stundenplan gut mit mir, sodass ich immerhin halbwegs ausschlafen konnte, bevor ich mich auf den Weg in den Unterricht machen musste. Noch leicht verschlafen schleppte ich mich durch den Vormittag, bevor ich mich dann am Nachmittag mit Vivi auf den Weg in die Stadt machte, wo wir zunächst den Markt auf dem Zelný trh unsicher machen wollten (ein wahres Paradies für Obst- und Gemüsefans) und schließlich, wie könnte es anders sein, im Café Mitte landeten, wo wir die Sonne, die leckeren hausgemachten Limonaden (domácí limonády klingt in meinen Ohren noch viel schöner) und natürlich die besten Muffins der Stadt genossen.

Okay, es waren keine Muffins, aber fast:)

Ursprünglich hatten wir geplant, einkaufen zu gehen und den Abend mit einem Picknick auf dem Špilberk ausklingen zu lassen, eine unvorhergesehene Planänderung machte uns dann allerdings einen Strich durch die Rechnung.

Diese Woche stand nämlich der Schüleraustausch mit unserem Partnergymnasium in Stuttgart an. Die Gruppe aus Stuttgart sollte am Nachmittag mit dem Zug ankommen. Am Vormittag hatte ich der zuständigen Lehrerin hier noch versichert, dass 25min Umsteigezeit in Wien selbst mit Verspätung der Deutschen Bahn (die man ja von vornherein einplanen sollte) gut machbar sind. Tja, falsch gedacht. So verschob sich die Ankunft der Gruppe um zwei Stunden nach hinten und wir beschlossen kurzerhand, unser Picknick auf den nächsten Tag zu verschieben und stattdessen Spargel zu kochen.

Mmmmmmm, lecker 🙂

Gesagt getan und so machten wir uns mithilfe der Anleitung meiner Eltern an die Spargelsoße, bis ich schließlich zum Bahnhof musste, um die Gruppe in Empfang zu nehmen.
Als der Zug schließlich einfuhr und die Schüler:innen nach und nach auf dem Bahnsteig standen, hätte man denken können, die Austauschpartner:innen kennen sich schon seit Jahren, so herzlich viel die Begrüßung aus. Wie weggeblasen schienen all die Aufregung und Sorgen, ob es wohl Verständnisprobleme gebe.
Gemeinsam mit den begleitenden Lehrkräften aus Deutschland machte ich mich wieder auf den Rückweg zur Schule, da die beiden für die Dauer ihres Besuchs meine Nachbarn werden sollten.

Zurück in der Wohnung war das Essen schnell fertig und auch wenn die Soße beim ersten Versuch noch etwas zu zitronig geraten ist, war ich doch mehr als glücklich mit dem Ergebnis.
Viel Zeit zum Genießen blieb uns allerdings nicht, da wir am Abend noch mit Ema, einer Mitschülerin aus einem Sprachkurs auf ein Bier verabredet waren. Es blieb auch tatsächlich bei einem Bier, da wir pünktlich um 23 Uhr aus der Kneipe komplimentiert wurden und da Montag war, hatte auch sonst nichts mehr offen.

Meinem Schlafentzug tat das frühe Ende unseres Kneipenbesuchs allerdings durchaus gut, sodass ich mich am nächsten Morgen schon deutlich fitter als am Vortag fühlte. Nachdem ich den Vormittag wieder in der Schule verbrachte, ging es am Nachmittag dann auf den Špilberk, wo wir uns unter einem Baum mit Blick auf den Petrov ein schattiges Plätzchen suchten und unsere mitgebrachten Leckereien genossen.

Erdbeeren, Sonne und ein traumhafter Blick, was will man mehr?

Irgendwann wurde es dann aber doch Zeit, wieder zurück ins Zentrum zu gehen, denn schließlich wollten wir uns noch mit Adéla und Simona treffen. Wo? natürlich in einem Café, allerdings in einem, das ich auch noch nicht kannte. Und was haben wir getrunken? Natürlich hausgemachte Limonade:)

Bevor es dunkel wurde, machten wir uns noch auf den Weg zur letzten obligatorischen Sehenswürdigkeit der Stadt: der Villa Tugendhat. Womit ich nicht gerechnet hatte war, dass wir dort auch der Austauschgruppe über den Weg laufen würden. Während der deutsche Teil eine Führung in der Villa bekam, genoss der tschechische Teil die Sonne und Ruhe im Garten. Mein persönliches Highlight der Villa war an diesem Tag allerdings die Katze, die durch den Garten stromerte und sich bereitwillig streicheln lies.

Zurück in der Stadt waren wir schon wieder hungrig und da es Vivis letzter Abend war, beschlossen wir, noch einmal Smažený sýr und Kofola zu essen, beziehungsweise zu trinken, bevor wir den Abend mit einem Filmeabend ausklingen ließen.

Am nächsten Morgen hieß es dann wieder früh aufstehen, um rechtzeitig am Bahnhof zu sein.
Und ab diesem Zeitpunkt nahm das Chaos eigentlich seinen Lauf. Wobei, chaotisch war es eigentlich nicht. Eher stressig, aber weil es so viele schöne Erlebnisse gab, die sich beinahe nahtlos aneinanderreihten.
Nach einer kurzen Unterrichtseinheit machte ich mich von der Schule aus direkt auf den Weg zum Mendlovo náměstí, denn dort wollten wir uns eine Basilika anschauen, die ich zwar schon an die hundert Mal von außen gesehen hatte, aber noch nie besucht habe. Ein großer Fehler! Denn nachdem wir zunächst ein wenig verloren an der Haltestelle standen, die momentan eher einer riesigen Baustelle gleicht, betraten wir schließlich die Basilika, deren Größe sich von außen zwar erahnen lies, von innen dann aber nochmal ganz anders auf einen wirkte.

Wow!

Was auch dieses Mal wieder zur Sprache kam, ist die große Religionslosigkeit, die in Tschechien herrscht. Je nach Quelle geben 80-90% der Bevölkerung an, sich keiner Religion zugehörig zu fühlen. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb wirken viele der Kirchen hier auf mich deutlich lebendiger als in Deutschland. Denn dort wo Religion noch gelebt wird, wird sie das, so mein Empfinden, noch deutlich aktiver als in Deutschland.
An dieser Stelle muss ich aber auch betonen, dass Religionslosigkeit nicht gleich Atheismus bedeutet. Der Atheismus lehnt jeglichen Glauben an eine höhere Macht ab, wohingegen Religionslosigkeit lediglich bedeutet, dass man sich keiner Religion zugehörig fühlt, aber vielleicht dennoch an eine übernatürliche Macht glaubt. Ein Trend, der sich auch in Deutschland immer mehr verbreitet, besonders mit Blick auf die zahlreichen Kirchenaustritte in der jüngsten Vergangenheit.

Im Anschluss ging es dann zum Mittagessen in das nahegelegene Brauhaus, wo der Anblick unserer Gruppe bei den Kellern eine kleine Panik auslöste, die sich noch verstärke, als sich herausstellte, dass es wohl nicht genügend vegetarisches Essen für alle gibt. Vier Portionen Smažený sýr ließen sich dann allerdings doch noch auftreiben und so konnten wir uns schließlich frisch gestärkt auf den Weg in Richtung Klettergarten machen, der wohl ohne Zweifel das Highlight des Tages werden sollte.

Nach einer kurzen Einweisung ging es dann direkt mit einer Seilbahn über den Fluss und ab in die Bäume. Da der Parcours für Kinder und Jugendliche bestimmt war, machten wir uns zunächst keinen großen Kopf, ob und wie anstrengend es werden würde. Tja, die tschechischen Kinder und Jugendlichen scheinen kleine Wunderkinder im Klettergarten zu sein, anders ist es nicht zu erklären, dass wir mehrere Abstürze und dutzende Flüche später nach fast zwei Stunden völlig erschöpft unten ankamen.

Mein persönliches Highlight: die Seilbahnen, bei denen man so schnell wird, dass jede:r Zweite sich nicht richtig festhalten kann und von der anderen Seite wieder zurück in die Mitte rollt.
Erschöpft aber dennoch mit einem großen Grinsen im Gesicht, ging es für uns über den Rothenberg, von dem aus man eine großartige Aussicht auf die Stadt hat, in eine kleine Kneipe, wo wir uns jede:r mit einer Kofola in der Hand, erholten und die Schüler:innen das Erlebte Revue passieren ließen: „Boah, die Seile waren das Schwerste.“ „Quatsch, die Buchstaben waren viel schlimmer.“ „Also die fand ich einfach.“ und viele weitere Gespräche dieser Art schallten kreuz und quer über den kleinen Innenhof und spätestens ab diesem Zeitpunkt war nicht mehr erkennbar, dass sich die Schüler:innen erst seit wenigen Tagen kannten.

Blick vom Rothenberg.

Für mich ging es dann direkt weiter (ihr erinnert euch: Freizeitstress und so) ins Zentrum, wo ich mich mit einer Schülerin/Freundin zur Vorbereitung auf ihr mündliches Deutschabitur traf. Das Schöne an solchen „Vorbereitungen“ ist, dass sie meistens darin bestehen, einfach miteinander zu sprechen.

Damit war der Tag allerdings noch nicht vorbei, denn ich traf mich mit den Lehrkräften aus Stuttgart auf dem „Fressmarkt“ im Zentrum. Welchen Anlass es dieses Mal gab, das können einem nicht mal die Einheimischen sagen, aber was solls, Hauptsache es gibt Bier, Wein und gutes Essen.

Dass es am nächsten Morgen frühes Aufstehen angesagt war, hatten wir am Abend vorher ein wenig verdrängt, sodass wir recht wortkarg zum Busbahnhof liefen, von wo aus es nach Mikulov gehen sollte. Nachdem mit einem kleinen Schlusssprint auch die letzten Schüler den Bus erreicht hatten, konnte es losgehen.
Vor Mikulov war noch ein kleiner Zwischenstopp in einem germanisch-römischen Museum geplant, welches dummerweise direkt neben dem Aquapark lag, was die Motivation, sich einen Vortrag über Römer und Germanen in Südmähren anzuhören, nicht gerade steigerte. Leider bestand der Vortrag dann auch darin, dass die Schüler:innen einen Haufen Arbeitsblätter ausfüllen sollten, wobei wir Lehrer:innen sicherlich am unaufmerksamsten waren.

Mit dem Bus, dessen Busfahrer wohl Hobbyrennfahrer mit einer Vorliebe für Vollbremsungen war, ging es schließlich weiter bis nach Mikulov, wo wir nach einer kurzen Mittagspause auf den heiligen Berg stiegen und einen Teil des Jakobswegs bis zur anderen Seite des Hügels liefen, von wo aus wir leider einen hervorragenden Blick auf einen Badesee hatten. Für uns hieß es allerdings, weiter an Weinreben vorbei, bis zurück nach Mikulov zu laufen, wo wir im Schatten auf den Bus warteten, der uns dann, ein wenig gemächlicher als der auf dem Hinweg, zurück nach Brno brachte.

Immer wieder den Aufstieg wert.

Wir waren stark versucht, doch einen Bus später zu nehmen und spontan schwimmen zu gehen.

Die Zeit war wie im Fluge vergangen, sodass Freitag tatsächlich schon der letzte Tag des Austauschs war. Start war dieses Mal im neuen Rathaus, wo die Gruppe aus Stuttgart offiziell begrüßt wurde. Schließlich ist Stuttgart ja die Partnerstadt Brnos, da gehört sich das wohl so. Nach einer kurzen Führung durch die verschiedenen Säle wurde danach noch ein obligatorisches Gruppenfoto auf der Treppe vor dem Rathaus gemacht, bevor wir uns auf den Weg zu den Kasematten in der Burg machten. Ganz zu Beginn meines Freiwilligendienstes hatte ich diese schon einmal besucht, war aber nicht übermäßig begeistert gewesen. Mit einer Führung, wie wir sie dieses Mal hatten, sah das Ganze aber schon anders aus und die Tour war wirklich interessant, wenn auch sehr kalt.

Trotz katastrophaler Fotoqualität, hier ein Foto aus einem der Sitzungssäle.

So durchgefroren waren wir alle froh, als wir wieder in der Sonne standen und nutzten die Mittagspause, um über den Markt zu schlendern, völlig überteuerte Erdbeeren zu kaufen und schließlich noch einen kleinen Abstecher ins Einkaufszentrum zu machen, wo ich in einem kleinen Lebensmittelgeschäft die Entdeckung des Tages machte: Brezeln. Wenn ich eines in den letzten Monaten vermisst habe, dann sind es Brezeln. Natürlich können die, die es hier gibt, denen zu Hause nicht das Wasser reichen, aber sie sind besser, viel besser als nichts.

So gestärkt stand dem letzten Programmpunkt des Tages nichts mehr im Wege: Abenteuer-Minigolf. Bei bestem Wetter stürmte unsere Gruppe also den Minigolf-Platz und die nächsten zwei Stunden sah man überall hochkonzentrierte, glückliche, frustrierte und gelegentlich auch völlig verwirrte Gesichter.
Den letzten Abend ließen wir bei einem gemeinsamen Abendessen ausklingen, wo ich einen der besten vegetarischen Burger aß, den ich je gegessen habe und das wohl niedlichste Bierglas überhaupt geschenkt bekam. Ein perfektes Andenken an diese Woche!

An dieser Stelle muss ich einfach kurz erwähnen, dass ich unser kleines Minigolfturnier gewonnen habe:)

Am schönsten war es aber, den Schüler:innen dabei zuzuschauen, wie sie alle gemeinsam Volleyball spielten, bis man die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte und der Ball öfter auf den Boden fiel, als er in der Luft blieb. Selbst in so kurzer Zeit können wirklich gute Freundschaften entstehen, das hat diese Woche mal wieder bewiesen. Mit der letzten Straßenbahn ging es schließlich zurück zur Schule, wo ich völlig erschöpft in mein Bett fiel, wohlwissend, dass ich morgen früh raus musste.

Punkt 6 Uhr klingelte am nächsten Morgen der Wecker, damit wir es rechtzeitig zum Bahnhof schafften, um die Stuttgarter zu verabschieden. Gemeinsam wurde einer Schülerin noch ein dreisprachiges Ständchen zum Geburtstag gesungen (Tschechisch, Deutsch, Englisch) und als der Zug schließlich einfuhr und die Schüler:innen sich notgedrungen voneinander verabschieden mussten, floss hier und da eine Träne. Umso besser, dass in ein paar Wochen schon der Gegenbesuch in Stuttgart ansteht.

Nachdem ich schon einmal so früh wach war, beschloss ich, erstmal frische Brötchen zu holen und dann in Ruhe zu frühstücken, bevor ich den Rest des Tages und eigentlich des ganzen Wochenendes dazu nutzte, mich von den letzten zwei Wochen zu erholen, liegengebliebene Sachen zu erledigen und (mal wieder) meine hartnäckige Erkältung (oder ist es doch Heuschnupfen?) auszukurieren. Ach halt, eine kleine Verabredung stand noch an: ein Kaffee (natürlich) im Café Mitte mit zwei Freiwilligen vom Goethe-Institut in Prag, die ihr Zwischenseminar dazu nutzen, Brno zu besuchen (eine sehr gute Entscheidung, wie ich finde).

Die nächste Woche wird zum Glück etwas ruhiger, auch wenn ich es doch vermissen werde, keine Nachbarn mehr zu haben, mit denen man Abends noch schnell ein Bier oder eine Kofola trinken geht (man gewöhnt sich doch erstaunlich schnell an manche Sachen). Zum Glück bleibt das aber nicht lange so, denn der nächste Besuch steht schon bald an.

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