Zwischenseminar (Woche 11)

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie ich die letzte Woche und alles was währenddessen passiert ist, in Worte fassen soll. In meinem letzten Beitrag habe ich damit geendet, dass ich hoffe, dass die nächste Woche genauso schön wird wie der Samstag. Tja, was soll ich sagen, die Woche wurde noch viel schöner als ich es mir hätte vorstellen können und ich befürchte, dass dieser Beitrag wohl einer der längsten wird, die ich je schreiben werde.

Aber von vorne. Nach langem hin und her hatten wir uns schließlich entschieden, uns trotz der Coronasituation in einem AirBnB zu treffen um das Online-Seminar gemeinsam zu verbringen. Wir, das waren 9 Freiwillige aus Tschechien und der Slowakei.

Selbstverständlich negativ getestet machten Rosina und ich uns also am Sonntag mit dem Zug auf nach Veselí nad Moravou, eine Kleinstadt circa 1,5 Stunden entfernt von Brno.

Ich habe mich direkt in diesen schon etwas in die Jahre gekommenen Zug verliebt.

Ganz besonders angetan hatten es mit die Fenster.

Dort angekommen trafen wir auf Jurij, Freiwilliger aus Prag und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zu unserem AirBnB. Währenddessen führten wir mal wieder eine angeregte Diskussion darüber, was noch als Dorf gilt und was als Stadt. Bei zwei Dorfkindern und einem Stadtkind gingen die Meinungen durchaus auseinander. Dort angekommen trafen auch recht schnell die anderen ein und uns erwartete die erste Überraschung. 9 Freiwillige hatten es nicht geschafft, bis 9 zu zählen, sondern waren der festen Überzeugung, wir wären zu 8. Somit stand dann plötzlich eine Person mehr in der Küche als wir Betten hatten. Wen wir vergessen hatten war nicht mehr nachvollziehbar und im Grunde auch egal, viel zu groß war die Freude darüber, die anderen Freiwilligen endlich wiederzusehen oder kennenzulernen.

Den ersten Abend verbrachten wir damit, das AirBnB unter die Lupe zu nehmen. Unsere Erkenntnisse des Abends waren: neben einem Bett zu wenig, gibt es auch kein Waschbecken im Bad, keinen Schlüssel für die Badezimmertür und das Wlan ist nicht so stabil wie erhofft. Davon ließen wir uns aber nicht die gute Laune verderben und unterhielten wir uns bis spät in die Nacht, als würden wir uns schon ewig kennen. Beim Treffen mit anderen kulturweit-Freiwilligen ist mir das schon häufiger passiert und mir fällt keine bessere Beschreibung ein, als es als „Magie der kulturweit-Community“ zu bezeichnen.

gemeinsames Abendessen wie in einer Großfamilie

und angeregte Gespräche bis tief in die Nacht.

Eine sehr wichtige Gemeinsamkeit: Wollsocken

Entsprechend hart war auch das Aufstehen am nächsten Morgen (die Nacht hatten wir zu dritt auf einem Doppelbett mit zwei Decken und zwei Kopfkissen verbracht). Wir hatten allerdings keine große Wahl, schließlich waren wir ja genau genommen hier für das Zwischenseminar und das begann nun mal pünktlich um 8:30 Uhr vor dem Laptop. Thema des ersten Seminartags war die Reflexion unseres Freiwilligendiensts. Was arbeiten wir? Wie viel arbeiten wir? Wie gefällt es uns? Und viele weitere Fragen, die zum Nachdenken angeregt haben: Bin ich zufrieden mit meinem Freiwilligendienst? Was erhoffe ich mir von den verbleibenden Monaten? Was kann ich tun, um diese Ziele zu erreichen?

der Küchentisch: Esstisch, Arbeitsplatz, Ablagefläche,…

Neben den ernsteren Themen war es aber auch einfach schön, die anderen Freiwilligen in Tschechien (wenn auch nur online) wiederzusehen und sich auszutauschen. Den Nachmittag verbrachten wir größtenteils mit unserer Filmhausaufgabe. Wir sollten in einem kurzen Video darstellen, wie es uns die letzten Monate ging. Der gemeinsame Nachmittagsspaziergang eignete sich dabei hervorragend, um verschiedenste Szenen zu filmen.

Die Gruppe: Clara, Rorsina, Jurij, Nadja, Lucie, Fiona Richard und Zoe (und ich hinter der Kamera)

die kritische Filmcrew

Spaziergang am Fluss

Abends wurde dann wieder bis in die Nacht geredet und Karten gespielt. Das Top Thema bis dato: Dialekte. Wenn 9 Freiwillige aus allen Teilen Deutschlands aufeinandertreffen ist das auch kein Wunder. Es sorgt allerdings immer wieder für Belustigung, wenn wir Baden-Württemberger zum Beispiel vorschlagen, doch einfach zu vespern (was das bedeutet habe ich in einem der vorherigen Einträge schon erklärt) und uns die Berliner und Niedersachsener daraufhin ratlos anschauen.

Wenn man plötzlich kurz vor Mitternacht meint: jetzt muss endlich mal ein Gruppenfoto her.

Die zweite Nacht verbrachten wir wieder zu dritt auf dem Doppelbett, was schon deutlich besser klappte, sodass wir am nächsten Tag einigermaßen erholt pünktlich vor unseren Laptops saßen. Entgegen unserer Befürchtungen funktionierte das Wlan bereits am Montag deutlich besser als erwartet und wir konnten uns somit voll und ganz in das Thema „Deutsch-tschechische Geschichte“ vertiefen. Vor meinem Freiwilligendienst hatte ich erschreckend wenig Ahnung von diesem eigentlich so wichtigen und noch immer aktuellen Thema und obwohl Geschichtsunterricht vor dem Laptop durchaus zäh werden kann, war ich alles in allem sehr froh, die Gelegenheit gehabt zu haben, meine Wissenslücken ein wenig zu füllen. Außerdem bekamen wir Besuch aus dem kulturweit-Büro und erfuhren, dass wir im März kräftigen Zuwachs in Tschechien bekommen werden. Insgesamt werden 9 neue Freiwillige kommen, wovon eine sogar in Brno eingesetzt ist!

Wie auch die letzten Tage, gingen wir am Dienstagnachmittag wieder einkaufen. 9 Leute essen unglaublich viel, vor allem wenn man davor alleine gelebt hat. Außerdem stellen sich die seltsamsten Essgewohnheiten ein. Das 1,5 Liter Essiggurkenglas, dass wir am Sonntag mehr aus Jux gekauft hatten, war nach 2 Tagen schon leer und somit musste dringend Nachschub her. Zum Glück waren die Supermärkte (wir hatten wie so oft in Tschechien die Wahl zwischen Billa, Lidl und Kaufland) zu Fuß gut zu erreichen und wir kombinierten unsere Einkäufe regelmäßig mit einem Spaziergag durch die Stadt. Dennoch zog es uns gegen Mitternacht noch einmal an die frische Luft, sodass wir spontan eine kleine Nachtwanderung unternahmen.

Das Gurkenglas spielte eine so wichtige Rolle, dass es einen Platz in diesem Eintrag verdient hat.

gemeinsames Kochen

Am Mittwoch bekamen wir in unserem Seminar Besuch von einer Zeitzeugin der Vertreibung der Sudetendeutschen aus Tschechien. Wir hatten die Gelegenheit, zu erfahren, wie dieses Ereignis einzelnen Personen und ganze Familien geprägt hat und stellten fleißig Fragen. Nachmittags bekamen wir dann erneut Besuch (natürlich nur online) und zwar von einem Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Prag, der uns viel über die Arbeit und das Leben im auswärtigen Dienst erzählte und definitiv bei einigen von uns das Interesse an diesem Berufsfeld weckte. Nach Ende des Seminars stand selbstverständlich wieder der alltägliche Spaziergang und Einkauf an. Zurück in der Wohnung mussten wir dann allerdings feststellen, dass die Lampe in der Küche den Geist aufgegeben hatte, sodass wir in Ermangelung an alternativen Aufenthaltsräumen (die Wohnung besteht aus zwei Schlafzimmern, einer Küche und einem Bad) den Abend bei Kerzenschein, Kartenspielen, guten Gesprächen und jede Menge Spekulatius und Lebkuchen verbrachten.

gemeinsamer Filmabend.

Donnerstags ging es in unserem Seminar um das Projekt, das jede:r während seines Freiwilligendiensts machen muss. Während manche schon konkrete Pläne haben, habe ich zwar ein paar Ideen, muss diese aber noch konkretisieren. Außerdem hörten wir den Slowaken bei ihrer „Human Library“ zu. Sie hatten Besuch von zwei Roma, die ihre ganz unterschiedlichen Geschichten erzählten. Abends hatten wir zwar selbst einen Workshop zum diesem Thema, dieser war allerdings recht theoretisch und so waren wir froh, uns am Mittag die Erfahrungsberichte angehört zu haben. Es ist erschreckend, wie nah struktureller Rassismus und Ausgrenzung doch sind, wenn wir bereit sind, diesen auch als solchen  wahrzunehmen. Wenn es um Apartheid geht, denken wir meistens zuerst an Südafrika, nicht wissend, dass sie im Grunde vor unserer Haustür, in Europa stattfindet. Viele Roma-Kinder werden noch immer auf Sonderschulen geschickt, obwohl sie keinerlei besonderen Förderbedarf haben und es eigentlich per Gesetz verboten ist, Kinder aufgrund ihrer Herkunft den Zugang zu guter Bildung zu verwehren. Genau das passiert aber noch immer in vielen Ländern Europas. Sind die Kinder dann auf regulären Schulen, werden sie häufig dort ausgegrenzt, was zu schwerwiegenden psychischen Problemen führen kann und einen guten Start in das Erwachsenenleben häufig unmöglich macht.

Den Nachmittag nutzen wir dazu, endlich Plätzchen zu backen. Viele von uns, mich eingeschlossen, haben keinen Backofen in ihrer Wohnung, sodass wir den Backofen im AirBnB unbedingt ausnutzen wollten. Also drehten wir die Weihnachtsmusik voll auf und improvisierten was das Zeug hielt, da diverse Backutensilien wie ein Wellholz, ein Rührgerät und Ausstecher fehlten. Das Ergebnis konnte sich dennoch durchaus sehen lassen (sowohl optisch als auch geschmacklich) und so waren die Plätzchen schnell verputzt.

Arbeitsteilung.

Sie schmecken genauso gut, wie sie aussehen.

Am Abend testeten wir eine slowakische Spezialität: Tatratea. Dabei handelt es sich um einen Kräuterlikör, der in der Slowakei und auch in Tschechien bekannt ist, in deutschen Supermärkten allerdings kaum zu finden ist. Zu später Stunde zog es uns dann erneut an die frische Luft und so machten wir uns mit einer großen Tüte Spekulatius (am Ende unserer Nachtwanderung war davon nicht mehr viel übrig) und Weihnachtsmusik auf den Weg.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit: die Spekulatiustüte.

Der nächste Morgen war entsprechend hart, dennoch würde ich behaupten, dass wir uns wacker geschlagen haben, als es um das Besprechen von Problemen mit Schüler:innen und das Unterrichten im Allgemeinen ging. Auch hier hat es wieder geholfen, sich mit den anderen Freiwilligen auszutauschen, die in einer ganz ähnlichen Situation sind: Unterrichten ohne, dass man so wirklich einen Plan davon hat. Es tat gut zu wissen, dass nicht nur ich einfach munter drauf los probiere und mich durch verschiedenste Methoden teste um herauszufinden, was funktioniert und was ein totaler Flop ist. Als Faustregel würde ich zukünftigen Freiwilligen mit auf den Weg geben: Versucht, nicht das zu machen, was euch früher an Lehrer:innen genervt hat, außer es erscheint euch aus der Freiwilligenperspektive plötzlich sinnvoll.

Das Highlight des Tages war aber definitiv der erste Schnee mit dem keiner so richtig gerechnet hatte. Unsere alltägliche Einkaufstour verwandelte sich so in eine spontane Schneeballschlacht auf dem Kauflandparkplatz und eine Rutschpartie vom feinsten. Und mein kleines persönliches Highlight: Ich habe es geschafft, auf Tschechisch Pizza zu bestellen und sie ist sogar angekommen! Das zwei Pizzen davon nicht den gewünschten Belag hatten lag, da waren wir uns einig, nicht an unseren Tschechischkünsten.

Da ahnten wir noch nicht, dass noch mehr Schnee kommen würde.

Rache ist süß.

Den letzten gemeinsamen Abend ließen wir bei Kartenspielen und jede Menge guten Gesprächen ausklingen, bevor es am nächsten Morgen hieß: Packen, Putzen und ab zum Bahnhof.

Kurz vor Abfahrt. Natürlich alle brav mit Masken.

Zu meiner großen Freude ließen sich die Fenster wieder öffnen.

Von dort aus verabschiedeten wir uns in alle Himmelsrichtungen, wobei ich auf meiner Fahrt nach Brno Gesellschaft von Jurij hatte, der auf seinem Weg nach Prag einen kleinen Zwischenstopp im wunderschönen und verschneiten Brno einlegen wollte. Der gemeinsame Stadtbummel hatte trotz der verwaisten Weihnachtsmarkthäuschen (am Donnerstag wurde spontan ein 30-tägiger Notstand ausgerufen, der unter anderem Weihnachtsmärkte verbietet) etwas Weihnachtliches und wir genossen den Schnee in vollen Zügen, ohne von einer Dachlawine erschlagen zu werden.

No caption needed.

Immerhin der Weihnachtsbaum steht.

Der erste Schneemann der Saison.

Am Sonntag wachte ich zu meiner großen Freude dann von einem Geräusch auf, das unverkennbar rutschender Schnee auf meinem Dach war. Also traf ich mich spontan mit einem Schüler und wir gingen zusammen Schlittenfahren (ich habe 2:1 gewonnen!), bauten den schönsten Schneemann, den Brno je gesehen hat, tranken Glühwein, der endlich mal nicht ganz so stark war und kletterten rutschige Hänge hinauf, nur um kurz vor Ende wieder hinunterzurutschen.

Mein etwas improvisierter Adventskranz.

Mit so viel Schnee hatte ich nicht gerechnet.

Schlittenfahren ist auch in Tschechien sehr beliebt.

Oliver, der Schneemann.

Rückblickend war diese Woche wohl eine der schönsten, die ich in meinem Freiwilligendienst verbringen durfte und das habe ich in erster Linie all den Menschen zu verdanken, die ich kennenlernen durfte und mit denen die Tage viel zu schnell vergingen. Ich habe jetzt mehr denn je das Gefühl, dass ich neben dem Sicherheitsnetz, dass meine Familie und meine Freund:innen zu Hause darstellen, noch ein Zweites dazugewonnen habe. Eines, dass aus Freiwilligen und anderen Menschen besteht, die ich vor knapp 3 Monaten noch nicht einmal kannte, heute aber als gute Bekannte oder gar Freunde bezeichnen würde. Falls jemand noch mit dem Gedanken spielt, sich bei kulturweit zu bewerben: Schmeißt eure Zweifel über Bord und traut euch einfach. Für mich hat es sich jetzt schon gelohnt und ich kann es kaum erwarten, zu sehen, was diese Zeit noch für mich bereithält.

In diesem Sinne „Měj se hezky!“ und bis nächste Woche.

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