Eine Erkältung auf Reisen (Woche 6)

Dobrý den!

Nachdem die letzte Woche ja durchaus abwechslungsreich war, könnte man meinen, diese Woche wäre ein wenig ruhiger gewesen. Pustekuchen! (das haben die Schüler:innen in einer der Klassen gelernt, an einer sinnvollen Erklärung für die Entstehung dieses Wortes bin ich gescheitert(

Nachdem Chris am Montagmorgen abreiste, blieb ich alleine in meiner Wohnung zurück. Okay, eigentlich ganz und gar nicht alleine. Zum einen ist da Lucie, Freiwillige aus Breclav und meine vorübergehende Mitbewohnerin, bis ihr zweiwöchiger Intensivsprachkurs hier in Brno vorüber ist und zum anderen die Hauptdarstellerin des heutigen Eintrags: meine Erkältung.

Warum aber ausgerechnet „eine Erkältung auf Reisen?“ Naja, zum einen ist die Erkältung deutschen Ursprungs, sie hatte sich bei Chris mit ins Gepäck geschmuggelt (daher haben wir auch zur Sicherheit einen Coronatest gemacht) und zum anderen wollte auch ich mich von der Erkältung nicht von diversen größeren und kleineren Ausflügen abhalten lassen und musste sie so wohl oder übel mitnehmen.

Aber von vorne. Nachdem Chris also abgereist war, traf ich mich Nachmittags mit Lucie in einem Café um die Unterrichtsstunden für die kommende Woche vorzubereiten und machte mich Abends schließlich auf den Weg zum Sprachkurs – die Erkältung natürlich immer im Gepäck.

Die Straße vor der Schule.

Der Dienstag lief recht ähnlich ab, abgesehen davon, dass der Vormittag in der Schule etwas ereignisreicher verlief. Da auch zahlreiche Schüler:innen und Lehrer:innen verschnupft durch die Schule liefen, hatte ich kein ganz so schlechtes Gewissen mehr, trotz Schnupfen zu kommen, zumal ja auch der Test negativ war. Und so konnte ich immerhin eine Klasse besuchen, die nach meinem bisher einzigen Besuch bei ihnen vor zwei Wochen bei ihrer Lehrerin nachgefragt hatte, wann ich denn mal wieder mitkommen würde. Ich kann euch sagen, dass war ein ziemlich gutes Gefühl, so wertgeschätzt zu werden. Außerdem übte ich wieder mit den Abiturienten die auch in Deutsch Abitur machen für ihrer mündliche Prüfung. Von einer Schülerin war ich schon vorgewarnt worden, dass die Stunde möglicherweise nicht so produktiv sein könnte, da danach ein Tschechischtest anstehe. Ein Blick auf die wirklich lange Zusammenfassung (es dürften mindestens 20 Seiten gewesen sein) ermutigte mich dann zu meinem Entschluss, 10min früher Schluss zu machen, worüber die Schüler:innen auch sehr dankbar waren.

Mittwochs fühlte sich dann meine Erkältung zunehmend ignoriert und beschloss, mich da zu treffen, wo es einem als Lehrerin/Praktikantin am meisten schadet: an der Stimme. Nach zwei Unterrichtsstunden am Vormittag, die nicht gerade unanstrengend waren und einer Stunde am Nachmittag, bei der ich knappe 30 Begriffe erklärte, verabschiedete sie sich gerade rechtzeitig zu meinem abendlichen Sprachkurs, sodass ich dort mehr krächzte als redete.

Brno bei Nacht. Viele Sterne sieht man aufgrund der Lichtverschmutzung leider nicht.

Die gleiche Kirche nur aus einem anderen Winkel und anderem Licht.

Donnerstags dopte ich meine Stimme dann mit drei Tassen Tee zum Frühstück, was auch erstaunlich gut funktionierte. Entsprechend waren auch die Unterrichtsstunden besser als erwartet. Ich habe mit beiden Klassen, die ich an diesem Tag hatte viel gelacht, was nicht zuletzt an der nicht funktionierenden Technik und meinen fehlenden Technikkenntnissen lag, aber was solls, Lachen verbindet und das ist die Hauptsache.

Nachmittags begab ich mich dann auf völlig unbekanntes Terrain. Ich ging mit einem Lehrer in ein Teehaus. Nachdem ich zu Beginn etwas skeptisch war, das Teehaus befindet sich in einem Keller eines etwas heruntergekommenen Hauses in einem Hinterhof, überzeugten mich schließlich die angenehm ruhige Atmosphäre, die liebevolle Einrichtung (jeder Raum ist einem Teehaus in einem anderen Land nachempfunden), der wirklich leckere Tee und ein noch leckerer Schokokuchen. Außerdem war es wirklich schön, sich einmal in aller Ruhe mit dem Lehrer unterhalten zu können, ohne direkt in eine andere Unterrichtsstunde hetzen zu müssen. Ich merke zunehmend, wie wichtig es für Lehrer:innen ist, sich über Klassen und Schüler:innen auszutauschen, nicht um über sie zu lästern, sondern um herauszufinden, ob bestimmte Verhaltensweisen nur bei einem selbst im Unterricht auftreten, oder vielleicht auch bei anderen Lehrer:innen und ob diese Tipps haben, wie damit am besten umzugehen ist. Generell habe ich festgestellt, dass die meisten Lehrer:innen fehlende Motivation und Leistung eher schade finden als darüber zu schimpfen. Die Meisten wünschen ihren Schüler:innen wirklich nur das Beste und tuen sich nicht leicht, wenn sie schlechte Noten vergeben müssen.

Am Abend beschlossen eine Freundin und ich, die Fähigkeiten des Internets auf die Probe zu stellen und ein transkontinentales Telefonat zu wagen. Sie macht momentan ein FSJ in Uganda und trotz zahlreicher teils 10-minütiger Sprachnachrichten hatten wir doch das Bedürfnis, einmal direkt miteinander zu reden und uns über unsere unterschiedliche und doch irgendwie auch ähnliche Situation auszutauschen.  Entsprechend groß war die Freunde, als es dann tatsächlich klappte und die Verbindung sogar recht stabil blieb.

Freitags stand dann eine leichte und gleichzeitig auch sehr aufregende Aufgabe an. Es fand nämlich die Pilotprüfung – also eine Art Probeprüfung – für die DSD-Prüfung statt, bei der drei Schüler:innen aus der vorletzten Klasse vor ca 70 Schüler:innen aus der letzten und vorletzten Klasse eine Prüfung absolvieren. Was für mich wie absolute Folter klingt, ist hier Routine und soll dazu dienen, den Schüler:innen zu zeigen, wie so eine Prüfung abläuft. Meine Aufgabe war wie gesagt denkbar einfach. Ich war für die Beaufsichtigung der Prüflinge zuständig und hatte dadurch leider nur bei dem letzten Schüler die Gelegenheit, die Prüfung anzuschauen. Das reichte aber, um mich tief von dem hohen Niveau der Prüfung zu beeindrucken. Die Schüler:innen müssen eine Präsentation zu einem Thema halten, in diesem Fall war das die Sterbehilfe in Deutschland, selbst für Muttersprachler kein einfaches Thema.

Im Anschluss fiel die Übungsstunde mit einer weiteren Gruppe Abiturienten dem Fußballturnier zweier Klassen zum Opfer. An meiner Schule gab es auch Fußballturniere, diesen wurde aber keine allzu große Beachtung geschenkt. Umso überraschter war ich von der Stimmung, die mich auf der Tribüne der Turnhalle erwartete. Obwohl, oder vielleicht gerade weil das Spiel am Ende 6:6 ausging, klingelten mir am Ende die Ohren von den Anfeuerungsrufen der beiden Fangruppen und ich bin schon sehr gespannt, wie das dann erst beim Finale in ein paar Wochen sein wird.

Da Freitag immer mein längster Arbeitstag ist, ging es für mich nach dem Fußballturnier noch nicht nach Hause, sondern zum Konversationsunterricht mit den Schüler:innen, die freiwillig noch mehr für ihre DSD-Prüfung üben wollen. Da die Stunde freiwillig ist, kann ich vorher auch nie sagen, wie viele Schüler:innen teilnehmen werden. Umso überraschter war ich, als ich am Ende 12 Schüler:innen gegenübersaß, nochmal mehr als in der vergangenen Woche.

Nachdem auch diese Stunde vorüber war, schnappte ich mir meinen bereits gepackten Rucksack (ich empfehle es wirklich allen zukünftigen Freiwilligen, sich einen Wanderrucksack zuzulegen, in den zumindest Klamotten und Co. für drei Tage passen) und machte mich auf den Weg nach Breclav, um dort mit Lucie und ihrer Mitbewohnerin Alina das Wochenende zu verbringen.

Den Samstag nutzten wir für einen Ausflug nach Mikulov, eine wirklich wunderschöne kleine Stadt direkt an der Grenze zu Österreich. Mehr brauche ich dazu eigentlich gar nicht zu schreiben, die Bilder sprechen für sich.

Der Hauptplatz. Je nach Position sieht man immer wieder andere schöne Gebäude.

Die Burg, das Herz der Stadt.

Der Kirchturm mit dem Heiligen Berg im Hintergrund.

Lucie, Ich und Alina im Schlossgarten. Der Wind traf uns etwas unvorbereitet.

Seeehr leckere Tomatensuppe. Wir habe ngelernt, Potatosoup und Tomatosoup werden gerne mal verwechselt.

Die kleinen Gassen erinnern einen an Italien.

Am Sonntag bekam meine langsam abklingende Erkältung dann die Gelegenheit, neben Deutschland und Tschechien noch ein drittes Land zu bereisen, denn wir machten eine Fahrradtour nach Österreich.

Vorher mussten wir allerdings eines der Fahrräder auf Vordermann bringen und schafften es tatsächlich, den Platten zu beheben, den Sattel trotz fehlenden Werkzeugs zu verstellen und die Bremsen zumindest soweit nachzuziehen, dass ich den Launen des Weges nicht völlig ausgeliefert war.

Sehr idyllisch gelegenes Jagdschloss. Das Fahrrad wertet das Foto definitiv auf.

Von Breclav aus kann man dann ganz bequem mit dem Fahrrad entlang der Thaya, durch den Wald und vorbei an einem Jagdschloss bis zum Naturschutzgebiet an der Grenze fahren und ehe man es sich versieht, hat man sie auch schon überquert, denn außer einem alten und schiefen Grenzstein, einem Schild mit der Aufschrift „Achtung Staatsgrenze“ und den Überresten einer Schranke deutet nichts darauf hin, dass man gerade ein anderes Land betreten hat.

Wir machen uns vor dem Schloss fast so gut wie das Fahrrad.

Highlight des Fotos: Das reparierte Fahrrad. Ohne Reparatur wäre ich spätestens an dieser Brücke gescheitert.

Ein kleiner Draht kann mich nicht daran hindern, Grenzzäune zu öffnen. Okay, zugegeben, nach dem Zaun hätten wir erst noch einen Fluss überwinden müssen, um nach Österreich zu kommen, aber es hat sich trotzdem verboten angefühlt.

Hier haben wir die Grenze dann legal überquert.

Generell war auf der gesamten Strecke kaum jemand unterwegs und wir genossen die Stille, das gute Wetter und unser mitgebrachtes Vesper.

die wohlverdiente Pause.

Nachmittags ging es dann bequem mit dem Zug zurück nach Brno, wo ich bereits Fahrkarten für einen Trip buchte, auf den ich mich bereits sehr freue und von dem schätzungsweise der übernächste Blogeintrag handeln wird. Bis dahin genieße ich aber erstmal die Tatsache, dass in zwei Tagen die Herbstferien beginnen und freue mich auf den Besuch meiner Familie, der für das Wochenende geplant ist.

Mej se hezky!

Amelie

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