Eine Abschlussfahrt durch mein Zuhause auf Zeit

Zum Abschluss meiner Zeit in Hanoi möchte ich eine gedankliche Rundfahrt durch die schwirrende Stadt unternehmen. Auf dem Moped, versteht sich. Fahren wir ein letztes Mal an einem Freitagabend in die Altstadt.

Dafür buche ich mir über die App ‚uber‘ eine Fahrt mit einem Motorroller. Dank des letzten Aktionscodes erhalte ich so viel Rabatt auf diese Fahrt, dass ich gar nichts zahlen muss. Passiert gar nicht so selten. Bei ‚uber‘ gibt es häufiger Rabatte als bei der Konkurrenz ‚Grab‘, doch die haben mehr Personal und sind schneller zur Stelle. Als Schwäbin möchte ich diesmal aber lieber sparen.

uber- und Grab-Fahrer

Der Fahrer ruft mich an. Meine Vietnamesisch-Kenntnisse sind auch nach einem halben Jahr noch ziemlich spärlich, seine Englischkenntnisse auch. Er fragt mich etwas auf Vietnamesisch, ich sage meine Adresse „Mot tram ling hai Nguyen Thai Hoc“ und er sagt „Okay, okay“ und legt auf. In den meisten Fällen klappt das so, wir verstehen uns. Der Fahrer kommt an, erkennbar an seiner hellblauen ‚uber‘-Kluft. Das ist aber nicht immer so, häufig tragen die ‚uber‘-Fahrer ‚Grab‘-Kleidung und andersrum. Er gibt mir einen Helm und siehe da, es ist einer der Firma ‚Grab‘. Mittlerweile sind beide Anbieter fusioniert, wenn ich das richtig verstanden habe in der vietnamesischen Mail, die ich kürzlich erhalten habe. Ich ziehe erst meinen Mundschutz auf, dann den Helm. Auf die saubere Luft daheim im Schussental freue ich mich schon.

Deutschlerner haben im Kurzfilmprojekt EinBlick, das zu Beginn meiner Zeit am Goethe-Institut stattfand, einen Film über die Luftqualität in Hanoi gemacht. Schaut doch rein – da bleibt einem die Luft weg:  „Breathe“

Es geht los durch den trubeligen Verkehr. Richtung Altstadt zu fahren ist einfach, man muss einfach der Nguyen Thai Hoc Straße folgen. Bei der Rückfahrt wird es umständlicher, da sie eine Einbahnstraße ist. Wird meistens respektiert, wer es besonders eilig hat oder keine Lust auf einen Umweg fährt einfach auf dem Gehweg entgegen der Einbahnstraße. Die vielen Einbahnstraßen in Hanoi haben mir die Orientierung am Anfang zusätzlich erschwert, da der Hinweg häufig anders war als der Rückweg. Nach ein paar Wochen gewöhnt habe ich mich dann daran gewöhnt und mich erstaunlich gut zurechtgefunden zumindest da, wo ich öfter unterwegs war.

Das ist eher wenig Verkehr…

Meine (schwer auszusprechende) Straße

Der übliche Straßenlärm begleitet mich, ein andauerndes Hupkonzert. Viele Motorroller piepsen laut, synchron zum Blinken. Vorher wusste ich gar nicht, dass es so viele unterschiedliche Huptöne gibt. Im Januar hat die vietnamesische U23 Fußballmannschaft in der Asienmeisterschaft das Finale erreicht und ich weiß noch, wie ich nach dem gewonnenen Viertelfinale den Jubel der Fans sah und dachte, in Deutschland gäbs jetzt nen Autokorso mit Hupkonzert, aber hier geht das ja gar nicht, das würde gar nicht auffallen, es wird ja so schon viel gehupt. Pustekuchen! Die ganze Nacht lang wurde gefeiert und die vietnamesische Flagge wurde mit viel Stolz überall gehisst, aufgeklebt oder aufgemalt. Und das beste: Am nächsten Morgen war es sehr sauber auf den Straßen, während in Deutschland alles voller leerer Bierflaschen und sonstigem Dreck wär. Als das Halbfinale lief, war ich auf dem Rückweg von einer Schule weiter außerhalb. Die Fahrt dauert ca. eine halbe Stunde. Es war vergleichsweise wenig los und an fast jeder Straßenkreuzung hörte man gelegentlichen Jubel, wenn die Mannschaft eine gute Aktion gemacht hatte. Oder empörtes Aufheulen, wenn nicht. Ich hatte vorher nicht viel von der vietnamesischen Fußballmannschaft gehört und hätte nicht gedacht, dass Fußball so beliebt ist im ganzen Land, aber der Sieg wurde groß gefeiert. Leider waren sie im Finale gegen Usbekistan nicht erfolgreich. Das lag eventuell mit an dem Schnee, der das Spielfeld in China bedeckte. In Vietnam schneit es quasi nie, und wenn, dann nur im hohen Norden bei der Stadt Sapa. Schade, ich hätte gerne mitgejubelt.

Vietnam im Fußballfieber

Ich schrecke aus meinen Gedanken auf, da mein Fahrer in einer waghalsigen Aktion ein Auto überholt und bei dunkelorange über eine Kreuzung schießt. Hoppla, zum Glück ist alles gut gegangen, mein Helm hätte mich vor keinem Sturz bewahrt, diese Nussschale. Seit ich ein bisschen sattelfester bin, macht die tägliche Hindernisfahrt auf dem Moped mir aber mehr Spaß als Angst.

An der nächsten roten Ampel hält er dann doch an. Über dem roten Licht ist noch ein weiteres Feld, das ich in Deutschland noch nie gesehen habe, aber sehr nützlich finde. Die Sekunden, bis die Ampel wieder grün wird, werden heruntergezählt. Bei Grün gibt’s nen Countdown für Rot. Nach und nach füllt sich die Straße und um uns herum stehen einige Roller, die umständlich großen Autos in der zweiten Reihe.

10 – 9 – 8 Motoren, die ausgeschaltet waren, werden wieder gestartet. 7 – 6 – 5 die meisten Handys werden weggesteckt und alle sind bereit. 4 – 3 – 2 vereinzelte Frühstarter sind schon losgeschossen, der Querverkehr hat ja schon Rot. Die Ampel wird Rot-Orange. 1 – Grün! Los geht’s! Der Massenstart hat begonnen, alle rasen los als ginge es um die Wurst! Das muss es auch, denn der bedrohlichere Countdown läuft schon: 30 – 29 – 28 es bleibt nicht ewig Grün…

Nur noch wenige Sekunden bis zum Massenstart.

Das nächste Hindernis ist ein bewegliches. Vor uns fährt ein bis oben hin vollgepacktes Moped mit entsprechend gedrosselter Geschwindigkeit. Das Überholmanöver ist aber nicht allzu schwierig, da man rechts und links überholen kann. Und auch nebeneinander fahren. So streng eingehalten wie bei uns werden die Verkehrsregeln nicht.

Wir düsen weiter in der Blechlawine der quasi immer andauernden Rushhour. Es sind jedoch nicht alle Drahtesel aus der früheren Fahrradstadt verschwunden. Häufig sieht man auch Frauen jeden Alters, die ihre Fahrräder alias mobiler Verkaufsstand durch die Straßen schieben. Von Blumen über Kleider und Dessous bis zu frischem Gemüse und Obst kann man alles bei ihnen erhalten. Englisch können sie selten, aber um Verhandeln zu können reichen mein Vietnamesisch, Hände und Füße und ein freundliches Lächeln. Fleißig und lautstark verhandelt wird auch im größten Markt Hanois, dem Dong Xuan Markt. Verglichen mit dem größten Markt Ostafrikas, dem Owino Market in Ugandas Hauptstadt Kampala (wo meine Schwester war), geht es sehr leise zu, zu deutschen Märkten herrscht trotzdem noch ein großer Unterschied.

Straßenverkäuferinnen

Auf dem Markt

Viel wird auch auf der Straße verkauft.

Je näher wir der Innenstadt kommen, desto öfter sieht man auch Frauen mit dem traditionellen Strohhut, dem Non La (über den meine Mitfreiwillige Sophie hier geschrieben hat) und einem Joch über den Schultern – ein sehr vietnamesisches Fotomotiv. Aber die Geschichte dieser Frauen ist nicht ganz so idyllisch, wie sie aussehen. Die meisten von ihnen sind bitterarm, kommen vom Land nach Hanoi, um etwas Geld zum Leben zu verdienen. Ihre Familien sehen sie vielleicht mal alle zwei Wochen. Im Frauenmuseum in Hanoi gibt es dazu einen berührenden Dokumentarfilm. Viele verkaufen Früchte, die sie mit großen Messern gekonnt schälen und zerteilen. Die Früchte hier werde ich auf jeden Fall vermissen, eine erfrischende Passionfruit am Strand, eine süße reife Mango oder die spannende Kombination aus unreifer Mango mit Chillisalz (Vorsicht, superscharf!).

Eine bunte Auswahl an Früchten

Was sich ebenfalls mehrt in Richtung Innenstadt sind die großen Reisebusse, angefüllt mit Touristen. Im Verkehr voller Zweiräder fallen die Ungetüme umso mehr auf. Sie verstopfen die Straße ein bisschen, aber die wendigen Mopeds und Motorräder kommen im Normalfall schnell daran vorbei. In der Innenstadt gibt es einige Hotspots und Sehenswürdigkeiten, die sich der weltgewandte Traveler nicht entgehen lassen will.

Der Hoan Kiem See in der Stadtmitte, …

das Ho Chi Minh Mausoleum, …

die Zitadelle Tanh Long, …

oder abenteuerliche Stromkabelkonstruktionen.

Besser als ich können Hanoier Schüler und Schülerinnen von ihrer Stadt erzählen – Bilder sagen mehr als Worte: „Über Hanoi“

So langsam wird es Frühling und damit kommt auch wieder die Sonne aus der grauen Wolkensuppe hervor. Bei mir weckt das Frühlingsgefühle, bei den meisten Vietnamesen aber eher Angstgefühle. Die Sonne bedeutet braun werden und braun sein ist hier kein Schönheitsideal. Die Haut der meisten Asiaten wird in der Sonne sehr schnell braun – was wir Europäer auch gerne hätten. In Asien ist es aber schön, besonders helle Haut zu haben und daher packen die meisten VietnamesInnen sich gerne gut ein. Ein Rollerfahrer in Blümchenstoffjacke mit Ärmeln, die bis über die Hände gehen und passendem Mundschutz/Gesichtsbedeckung sind keine Seltenheit. Hier werde eher ich komisch angeschaut, wenn ich mit kurzen Ärmeln meine Haut der Sonne preisgebe. Das Verständnis von Schönheit ist eben sehr unterschiedlich.

Wir kommen zum Hoan Kiem See, dem Herz der Altstadt. Da es Wochenende ist, endet die Fahrt hier. Ab Freitagabend dürfen keine motorisierten Fahrzeuge in die Altstadt fahren. Ein Spaziergang um den See wandelt sich vom Laufen in Straßenlärm zum Schlendern durch Menschenmassen, wie auf einem Jahrmarkt. Absolut lohnenswert. Hier gibt nur noch hin und wieder Fahrräder, von denen Tiere verkauft werden. Ob den Fisch in der Plastiktüte oder das Vögelchen im kleinen Käfig, es gibt Kleintiere aller Art in nicht ganz artgerechter Haltung. Man kann verschiedene Süßigkeiten kaufen oder Jugendlichen zuschauen, die einen spontanen Tanzbattle austragen. Oft wird man von Studenten (oder sogar von süßen Drittklässlerinnen), die ihr Englisch üben wollen, angesprochen und hat manchmal sehr nette Erlebnisse dabei. Mit verkleideten Maskottchen kann man Fotos machen oder einen Herzluftballon für seine Liebste kaufen. Und natürlich gibt es viele Souvenirs an mobilen Ständen oder in kleinen Läden.

Oder man geht lecker abendessen – zum Beispiel typisch vietnamesische Frühlingsrollen.

Schließlich kommen wir am Hoan Kiem See an. Das ist ein Ort, den ich  sehr gerne in Erinnerung behalte – ob zum ruhigeren Konzertabend oder turbulenten Straßenfest, ein Besuch ist er immer wert. Im Reiseführer wird er als Herz der Stadt bezeichnet, und im Herzen kann ich wohl am besten Abschied nehmen von meinem Zuhause auf Zeit. Bis zum nächsten Mal!

Auf Wiedersehen, Hanoi!

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