Das Alphabet der ersten Woche

Liebe LeserInnen,

Seit genau einer Woche lebe ich jetzt in Dakar – eine Woche, die sich gleichzeitig wie ein Wimpernschlag und ein ganzer Monat anfühlt! Um die Vielzahl meiner Eindrücke in eine halbwegs geordnete Form zu bringen, habe ich mir zu jedem Buchstaben des Alphabets ein Wort überlegt, das mit den letzten Tagen zu tun hatte. Im Folgenden Begriffe dann ausführlicher erläutert (Achtung, laaanger Artikel!). Dank gilt an dieser Stelle der lieben Clara: Nur durch ihr regelmäßiges Fotografieren könnt Ihr auf meinem Blog ein Stück näher dabei sein.

Alles Liebe
Eure Nora x

 

  1. S.: „Wir“ sind Clara, Franzi, Johanna und ich, teilweise noch Sonja, die im Goethe Institut ein Praktikum macht.
  2. P. S.: Wichtig: Wahrscheinlich werden nur die Wenigsten von Euch selbst in den Senegal reisen. Vielleicht sind Eure Quellen über dieses Land sehr vereinzelt, vielleicht bin ich auch die Erste, von der Ihr darüber hört. Dementsprechend trage ich eine nicht zu unterschätzende Verantwortung dafür, was für Eindrücke Ihr durch meinen Bericht bekommt, was für Bilder sich in Euren Köpfen eventuell festigen. Dessen bin ich mir bewusst und versuche natürlich, keine Verallgemeinerungen und Stereotypisierungen aufzubringen. Es ist zwar klar, aber denkt bitte trotzdem daran: Meine Berichte werden meine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse behandeln und dadurch zwangsläufig subjektiv sein. Außerdem erlebe ich selbstverständlich nur Bruchteile der senegalesischen Kultur und sehe einen winzigen Teil des Landes (vor allem nach einer Woche).

Aufwühlend

Schon vor der eigentlichen Reise ging es mit dem „Aufwühlen“ los: Entgegen der Erwartung vieler der 330 Kulturweit-Freiwillige war das 10-tägige Vorbereitungsseminar kein regionenspezifischer Crashkurs. In der Zeit am Werbellinsee ging es vielmehr um unsere eigene Identität, persönliche Beziehungen, globale Machtstrukturen, Kolonialismus, Rassismus und Diskriminierung in jeglicher Form – um nur einige der Themen zu nennen. Teils wurden sie in großer Tiefe in unserer Homezone (feste kleine Seminargruppe) behandelt, teils in einzelnen Wahl-Workshops. Vor allem die kritische Auseinandersetzung mit Kulturweit und unserer eigenen Rolle als Freiwillige, außerdem das Beschäftigen mit unseren eigenen Rassismen war ein durchaus schmerzhafter Prozess (Höhlengleichnis??), der auf keinen Fall wieder aufhören darf.

In Dakar angekommen hatte das Aufwühlen dann vor allem mit der Reizüberflutung zu tun: Unbekannte Gerüche, Geräusche und Gassen (entschuldigt das holprige Trikolon). Nicht nur wegen der Hitze war die Anfangszeit deshalb von einer anhaltenden Müdigkeit geprägt.

Busse

Auf den Straßen Dakars haben wir eine Vielzahl von Fortbewegungsmitteln gesichtet: Am auffälligsten sind – außer den gelegentlichen Pferdekarren – die bunt angemalten Kleinbusse, die vollbepackt durch die Stadt ziehen. In ihnen sind wir noch nicht gefahren, aber dafür in den nächstgrößeren Varianten – Immer noch recht klein, aber gemütlich und echt günstig: Für 150 Francs (CFA), umgerechnet 23 Cent, kommt man sehr weit und hat einen fantastischen Blick auf das bunte Treiben um einen herum.

 Clara

Die bereits erwähnte, begnadete Fotografin Clara ist die erste meiner drei Mitfreiwilligen, mit der ich Kontakt hatte. Einige Wochen lang hegten wir einen sehr lebhaften Austausch von minutenlangen WhatsApp-Audios, bis wir uns dann am 1.9. endlich „in echt“ trafen. Clara ist ruhig und entspannt, aber trotzdem total spontan und abenteuerlustig; sie ist direkt und meinungsstark, und gleichzeitig eine wundervolle Zuhörerin und gute Seelsorgerin! Lieblingsspruch: „Ja mei!“. Sie ist auf ihrem Blog sehr fleißig, er ist nur zu empfehlen! https://kulturweit.blog/baobablog/

Dach

Die Unterkunft (à Zimmer), in der wir vier Kulturweiterinnen leben, hat eine riesige Dachterasse, von der man einen super Blick auf die Dächer des Viertels hat. Dort haben wir den Sonnenuntergang am Freitagabend genossen.

Essen

Ein wichtiger Punkt! Gleich am Donnerstag waren wir im kleinen Supermarkt (10 Minuten entfernt) einkaufen: Dort haben wir uns eingedeckt – die meisten Sachen bekommt man genauso wie in Deutschland. Vor allem Verpacktes kostet ähnlich viel, teilweise auch mehr. Obst und Gemüse kaufen wir an den kleinen Ständen am Straßenrand, Zwiebeln und Kartoffeln auch in den Boutiques, kleinen Läden, die man überall findet. Die Auswahl ist groß (Mangos, Süßkartoffeln, Avocados… und viel, das wir noch probieren werden), die jeweiligen Obst- und Gemüsestücke riesig. „Zu Hause“ beachten wir die Regel „Boil it, peel it or leave it“ sehr fleißig, vielleicht auch zu fleißig. In der Gemeinschaftsküche haben wir den Gasherd und –ofen (!) schon ziemlich gemeistert und einiges zusammen gekocht: Ein vegetarisches Chili, selbstgemachte Tomatensoße, Ofen-(Süß)kartoffeln und Gemüse, sehr originelle Sommerrollen, Bananen-Pancakes… Dabei haben wir festgestellt, dass drei Sachen eigentlich zu allem passen: a) Curry-Pulver b) Zwiebeln in großen Mengen und c) „La vache qui rie“. Spezifisch Glutenfreies (Brot oder Nudeln) habe ich noch nirgendwo gesehen und es ist mir leider auch nicht wirklich möglich, duftende senegalesische Speisen am Straßenrand zu kaufen. Das Nationalgericht „Yassa Poulet“ haben wir heute probiert und es war super lecker! Ich hab noch Brot übrig und ausgerechnet, dass ich pro Woche genau 213 Gramm meiner mitgebrachten Spaghetti essen kann, damit sie bis Ende Februar reichen. Ansonsten bin ich mit Kartoffeln, Reis, Polenta und Hirse gut bedient.

Franzi

Franzi ist ein Bündel guter Laune, singt in einem Fort und hat ein sehr ansteckendes Lachen. Leider fährt sie schon nächste Woche nach Saint-Louis, an „ihre“ PASCH-Schule – bis dahin wird sie uns andere bestimmt noch viel zu oft in „Lügner“ besiegen und zu meiner Scham auch in Kuhhandel (Anfängerglück!). Besonders schön ist unsere geteilte Affinität für Disney-Filme, die wir hoffentlich noch stärker ausleben werden!

Goethe Institut

Das Goethe Institut Senegal ist klein, aber fein: Die Mitarbeiter sind alle total freundlich und herzlich. Der Leiter ist gerade in Elternzeit, deshalb haben wir Praktikantinnen (Clara, Franzi und ich; Johanna arbeitet in der Kulturabteilung) das Chefbüro für uns. Chic! Im Moment ist nicht allzu viel zu tun, aber wir arbeiten uns in einige Bereiche ein, die uns dann an unseren Schulen hilfreich sein werden.

Heimweh

Ab und zu packt mich das Heimweh – ich bin schon verdammt weit weg! Viele Leute fehlen mir sehr und es ist nicht einfach, dass ich sie so lange nicht sehe. Zum Glück hat man mit WhatsApp und auch Videoanrufen sehr gute Möglichkeiten zum Kontakt, aber leider nicht in allen Fällen. Und es ist ja auch nicht das Gleiche. Prinzipiell geht es mir aber wirklich sehr gut, keine Sorge!

Institut Francais

Das Institut Francais haben wir am Samstag besucht. Es ist eine ruhige, grüne Oase in dem (bis jetzt) hektischsten Viertel, das wir gesehen haben. Das Restaurant, das dazu gehört, wurde auch schon von uns für gut befunden! In ein paar Tagen machen wir dort einen Einstufungstest und dann im Oktober einen Französisch-Intensivkurs.

 

Johanna

Johanna ist die vierte im Bunde und die einzige von uns, die bereits studiert hat. Sie läuft so viel barfuß wie möglich, hat immer lachende Augen und ist sehr herzlich. Unser Zusammenleben hat sie durch das Einführen einer tollen App sehr erleichtert („Settle Up“!!). Oh, und sie ist mutig (Das Überqueren von Straßen ist ein Abenteuer für sich!). Lieblingsspruch: „Wunderbar“ – „Zauberbärchen“

Klimaanlage

Ich habe mir zwar das günstigste Zimmer (à Zimmer) geschnappt – es hat dementsprechend keine Klimaanlage. Zum Glück verhindert ein Ventilator mein Schmelzen gerade so. Es ist eigentlich gar nicht soo heiß, um die 30 Grad. Bei einer Luftfeuchtigkeit von 90% bin ich aber sehr froh, dass es bei Clara und Franzi gekühlt ist. Bei letzterer verbringen wir alle unsere gemeinsamen Mahlzeiten und auch sonst einiges an unserer Freizeit. Mal sehen wie es in Kaolack wird, wo ich Anfang November hinziehe. Da es im Landesinneren liegt, fehlt dort die Meeresluft, die zumindest etwas Frische nach Dakar bringt. Zum Glück ist die heißeste Zeit bald vorbei.

Lesen

Das hat wenig mit Dakar zu tun, aber es ist mir nichts mit L eingefallen… Gerade lese ich den vierten Teil von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga („The Story of the Lost Child“, unnötigerweise auf Englisch, da eh übersetzt). Die Reihe ist fantastisch, aber langsam wird es etwas schleppend. Vielleicht hätten drei Romane auch gereicht.

Monument de la Renaissance Africaine

Diese riesige Statue – größer als die Freiheitsstatue – steht bei Les Mamelles (die „Brüste“ Dakars; zwei Hügel am Meer). Schweißüberströmt sind wir dort angekommen und haben von ihrem Fuße aus das Häusermeer von oben betrachtet. Die Sicht ist unserer Meinung nach auf jeden Fall schöner als die Figur, die auch in ziemlicher Kritik stand, vor allem wegen ihrer Baukosten.

Na’nga def?

Das heißt „Wie geht es Dir?“ auf Wolof, der eigentlichen Sprache Senegals. Mein Wortschatz ist bis jetzt überschaubar, aber der nette Wächter des Instituts bringt uns täglich ein bisschen was bei. Vielleicht mache ich noch einen Sprachkurs!

Orientierung

Zuerst war es echt schwer für uns, Routen durch das Straßenwirrwarr zu planen. Mit Offline-Karten ist das jedoch absolut kein Problem und mittlerweile finden wir uns in unserem Viertel schon echt gut zurecht. Der Weg zur Arbeit ist auch echt sehr angenehm, 20 Minuten zu Fuß.

Piscine Olympique

Das größte Schwimmbad Dakars liegt direkt neben dem Goethe-Institut! Für 1000 Francs (circa 1,50 Euro) kann man dort unter der Woche seine Bahnen schwimmen. Gestern haben wir das frühere Aufwachen in Kauf genommen und waren vor der Arbeit da; sehr erfrischend!

Quoi?

Wolof verstehe ich wie gesagt praktisch nichts und auch die Brüchigkeit meines Französisch wird mir andauernd schmerzlich bewusst – man plappert so schnell! Es wird aber schon etwas besser und motiviert mich nur für den Sprachkurs und Duolingo-Sitzungen.

Regen

Als wir am Freitag das erste Mal zum Meer gelaufen sind, prallte die Sonne noch gnadenlos vom blauen Himmel auf uns hinab – zehn Minuten später war dieser dunkelgrau und wir waren ratzfatz nass bis auf die Knochen. Sehr erfrischend! Danach hat es noch einmal geregnet, da konnte ich das erste Mal meinen Ventilator ausmachen.

Schafe

Ab und zu hört man ein „mäh“ aus den benachbarten Hinterhöfen, einige Male haben wir auch Schafe auf den Straßen gesehen. In einem Zeit-Artikel wurden sie als Statussymbole beschrieben, aber genauer habe ich mich noch nicht mit ihnen befasst.

Taxi

Unzählige Taxis bevölkern hier die Straßen – alle paar Meter (nicht übertrieben!) hört man ein Hupen. Wir sehen nun mal wie Touristen und dementsprechend nach potentieller Kundschaft aus. Mittlerweile schütteln wir nur noch den Kopf – es ist zwar günstiger als eine Kurzstrecke in Frankfurt, aber in Bussen bekommt man einfach mehr mit.

Unterricht

Noch nicht hier in Dakar, aber dann in Kaolack werde ich an einer PASCH-Schule tätig sein. Wie das genau aussehen wird, weiß ich auch noch nicht ganz genau, aber wahrscheinlich werde ich beim Deutsch-Unterricht helfe, mit dem Deutsch-Club Projekte durchführen und vielleicht eine AG gründen. Im Moment denke ich an Standard-Tanz. Mal gucken, wie sich das realisieren lässt. Ich bin gespannt.

 

Viecher

Ich nehme täglich Malaria-Prophylaxe-Mittel und bin außerhalb des Hauses von Kopf bis Fuß mit Autan eigesprüht. Tatsächlich ist die Moskito-Lage im Moment total überschaubar, ich habe nur einen Stich. Der Gastgeber unserer Unterkunft hat mich ein bisschen ausgelacht und beruhigt – tatsächlich ist das mitgebrachte Moskitonetz echt nicht nötig (das Fenster ist sowieso auch abgedeckt).

Wasser

In regelmäßigen Abständen schleppen wir 10 Liter-Behälter zu uns in die Wohnung hoch – da wir das Wasser direkt um die Ecke bekommen, ist das kein Problem.

Ansonsten waren wir am Sonntag am/ im Meer. Das Wasser war im Vergleich zu anderen Atlantik-Stränden zwar auch echt warm, aber als Kontrast zur Luft eine wunderbare Abkühlung. Leider schwamm schon einiges an Plastik im Wasser herum.

Xenophil

Klar, dass ein bisschen Griechisch reinkommt 😉 Tatsächlich sind bis jetzt alle Einheimischen, mit denen wir in Kontakt gekommen sind, sehr freundlich und zuvorkommend – vor allem, wenn man sie auf Wolof begrüßt! An Bushaltestellen wird einem direkt weitergeholfen; ein lieber älterer Mann, den wir an einer Straßenecke nach der Richtung gefragt hatten, kam ungefragt zum Bus, um für uns sicherzugehen, dass alles stimmt.
Auch wenn unser WG-Leben sehr entspannt und gesellig ist, freue ich mich, in Kaolack mein Zimmer in einem Familienhaus zu mieten und dort mehr einzutauchen.

Yay!

Trotz den Heimweh-Episoden ist es insgesamt wirklich schön. Ich bin gut drauf und freue mich, hier zu sein. Yippie!

Zimmer

Unsere Unterkunft habe ich über AirBnb gefunden, sie ist geräumig und wir haben unsere eigenen Zimmer. Das Gemeinschaftsbad ist zwar echt nicht groß, aber vollkommen in Ordnung, und die Küche ist gut ausgestattet. Mein Zimmer ist hell, sauber, und wirklich gemütlich – vor allem mit meiner Lichterkette, Tape-Verzierungen und den Fotos einiger meiner Lieblingsmenschen.

 

Puh, danke, wenn Du durch diese 2000 Wörter gekommen bist! Ganz liebe Grüßen!

6 Gedanken zu „Das Alphabet der ersten Woche

  1. Frank

    Klingt ja sehr schön. Hoffentlich kommst du trotz fehlender Klimaanlage in einem Stück wieder. Wegen Moskitos scheint man sich bei dir ja keine Sorgen zu machen. Nutz die Zeit! Ein halbes Jahr ist weniger als man denkt. Liebe Grüße aus Deutschland.

    Antworten
  2. Ahmet

    Hört sich wie eine spannende erste Woche an.
    Ich bin gespannt auf deine weiteren Erlebnisse und Erfahrungen.

    Bis dahin und eine gute zeit wünschend,

    A.S

    Ps.: Ich hoffe du wirst noch viel Spaß in Dakar haben

    PPs.: Na’nga def?

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.