Erste Eindrücke II / First Impressions II

English Version below.

Wie fasst man die eigene Überforderung in Worte? Schreiben ist eine Form des Verarbeitens – egal ob es sich beim Schreibprojekt um einen Roman, Essay oder journalistischen Artikel handelt, immer verarbeitet man etwas, das vorher schon in Rohversion im Kopf existiert hat. Insofern könnte mir dieser Beitrag vielleicht helfen, meine Gedanken bezüglich der Stadt und einigen Erlebnissen der letzten Wochen etwas zu ordnen. Beim Schreiben des Artikels habe ich allerdings gemerkt, wie schwierig es ist Überforderung in Worte zu fassen. Überforderung geht einher mit Sprachlosigkeit – bezeichnet den schmerzhaften Moment in dem wir nicht wissen, wie wir etwas einordnen sollen und daher auch kaum etwas sagen können, außer vielleicht Wow oder Boah. Oder wir weinen, die letzte Möglichkeit unserem Innern nach außen auch ohne Worte Ausdruck zu verleihen. Überforderung ist viel Gefühl und wenig Wissen – wie kann ich einen solchen Beitrag schreiben? Zumindest brauche ich viel Platz dafür. Der folgende Beitrag ist daher erneut in zwei Teile geteilt. In diesem Artikel schreibe ich ‚nur‘ über meine ersten Eindrücke von Addis Abeba. In meinem nächsten Beitrag widme ich mich dann endlich einigen besonderen Ereignissen meiner Anfangszeit. Es ist möglich, dass ich in 5 Monaten auf diese Beiträge zurückblicke und denke, dass ich eigentlich keine Ahnung hatte oder, dass ich viel zu negativ eingestellt war. Andererseits wird es dann umso spannender, diese Zeilen erneut zu lesen und zu reflektieren.

Stadtbild: Menschenmassen, unzählige Autos, Staub, Lärm. Addis Abeba ist eine Großstadt wie Berlin oder Melbourne, Orte an denen ich schon längere Zeit gelebt habe. Ein Ort tausender Angebote und Möglichkeiten. Als zumindest einen festmachbaren Unterschiede empfinde ich die Präsenz der Menschen auf der Straße – sobald ich das Haus verlasse ist es mit der Ruhe vorbei, denn überall steht, sitzt, redet, handelt, läuft zur Arbeit Jung und Alt. Seltsamerweise ist genau das, für mich als Großstadtmensch, ein Problem. Warum? Zunächst, ich falle auf, was wiederrum bedeutet in einer großen Menge Menschen falle ich Vielen auf. In anderen Vierteln kann dies ganz anders sein, aber auf meinen Wegen zum Supermarkt/zur Arbeit etc. begegne ich pro Tag höchstens einem anderen Weißen. Es ist daher ganz verständlich, dass ich nicht einfach unbeachtet die Straße entlanggehen kann, trotzdem hat mich die Intensität der Situationen überrascht.  Auf jedem noch so kurzen Weg, sei es zum gegenüberliegenden Susq (Kiosk) um eine Packung Nudeln zu kaufen, werde ich angestarrt, mir wird Ferenji (Ausländer) hinterhergerufen, Gruppen männlicher Jugendlicher haben mich bereits verfolgt und Kussgeräusche oder Ähnliches gemacht, ich werde nach meinem Wohnort ausgefragt, ich werde absichtlich erschrocken indem man auf mich zuspringt und irgendetwas auf Amharisch oder ‚You are beautiful‘ brüllt. Ich wurde auch schon sehr hart aus dem Nichts im Vorbeilaufen von einer Frau auf Arm/Rücken geschlagen – warum, ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß, dass das meiste nicht böse gemeint ist. Ich weiß, dass viele Menschen einfach nur interessiert sind. Ich weiß, dass mir einiges vielleicht schlimmer vorkommt als es ist, weil ich neu in der Stadt bin, unsicher und schreckhaft. Ich weiß auch, dass meine Erlebnisse absolut nichts mit dem strukturellen Phänomen Rassismus zu tun haben und würde dieses Wort niemals auf mich bezogene Handlungen anwenden. Nichtsdestotrotz ist die Erfahrung als Fremde wahrgenommen zu werden eine Belastung. Ich hoffe, ich werde mit der Zeit abhärten. Äthiopische Freunde raten mir, all dies einfach zu ignorieren – ich arbeite daran. Sobald ich mich nicht mehr wie ein Außenseiter fühle und Selbstsicherheit ausstrahle werden die unangenehmen Erlebnisse vermutlich auch weniger.

Ein weiteres Problem ist meine besondere Sensibilität im Hinblick auf Gedränge und Menschenansammlungen. Diese Eigenart ist mir eigentlich erst innerhalb des letzten Jahres in ihrem Ausmaß klar geworden. Eine Abneigung gegen solche Situationen hatte ich vermutlich schon immer, aber erst im letzten Jahr fing ich an zu begreifen, dass ich beginne extrem zu reagieren: Von starker Wut bis zu Tränen in vollgestopften Straßenbahnen über kurz davor sein aus einem überfüllten ICE von Erfurt nach Berlin einfach irgendwo auszusteigen bis zu einer Panikattacke im Gedränge vor dem Vatikan in Rom. Na gut, zugegebenermaßen kommt diese Einsicht spät, denn ich hatte mich bereits bei ‚kulturweit‘ beworben, ohne diesen Charakterzug zu erwähnen. Meine Reise nach Addis Abeba wäre sonst wohl nicht zustande gekommen, denn hier kann ich solche Vorkommnisse absolut nicht vermeiden. Es ist, positiv formuliert, der perfekte Ort, um meine Angst zu bekämpfen. Trotzdem bedeutet es für mich enormen Stress in der Rush-hour unterwegs zu sein und das ist leider oftmals vonnöten. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich diese Reise nutzen kann, um mich an solche Situationen zu gewöhnen – ich habe mir aber auch selbst versprochen nach dieser Reise mehr Rücksicht auf mich zu nehmen. Es ist vermutlich der beste Weg sich nicht ganz geschlagen zu geben und von allem abhalten zu lassen. Andererseits will ich mich auch nicht mehr gedankenlos in beschriebene Momente stürzen, sondern anfangen auf mein Gefühl zu hören.

Zuletzt ein paar wenige Zeilen zum Thema Armut, denn ich weiß, dass im Ausland oftmals ein bestimmtes Bild von Äthiopien existiert und daher erreichen mich hierzu natürlich auch Fragen. Ich sammle momentan viele Eindrücke, möchte aber in diesem Fall meinen Gedanken keinen freien Lauf lassen – sondern wohl bedacht und vor allem recherchiert einen Beitrag verfassen. Ich bin, wie ihr wisst, erst so kurze Zeit hier, dass ich es nicht rechtfertigen könnte über ein solch kritisches Thema zu sprechen. Auch über andere Themen, die es unter Stadtbild sicherlich zu bearbeiten gäbe: Einkaufsmöglichkeiten, Märkte, Architektur etc. kann ich in dieser kurzen Zeit kaum etwas sagen. Alles zu seiner Zeit – ihr merkt, liebe Zwerge, ich brauche noch etwas, um mich einzuleben. Nichtsdestotrotz nochmal, ich bin gerne und vor allem freiwillig hier. Ich denke jede Reise lohnt sich, wenn man nur ein paar neue Dinge zu lieben kennenlernt. In den letzten zwei Wochen habe ich schon einiges gefunden. Ich sage nur Injera…

English Version

How can I put an overload of experiences/emotions in words? Writing is a form of processing. No matter if the project is an essay, a novel or an article, always something is processed which has already existed in the head, only in a raw version. Insofar writing down my experiences might help ordering the thoughts in my head about this city and about those events which I regard as out of the ordinary. While writing this update for you, I realized how difficult it actually is to put down my inner state unto paper. Being ‘overtaxed’ goes along with speechlessness – it describes the painful moment when we do not know how to understand or classify something and therefore do not know what to say about it, except wow or woah. In those moments we also cry, as a last resort for giving way for our feelings without using the verbal form. How can I put my feelings into words? Well, at least I need lots of space for it. In the following, I will only speak about my first impressions of Addis Ababa and dedicate another article to those experiences which I regard as out of the norm. It is possible that in 5 month I will look back to what I have written here and think that I actually did not have a clue what I was talking about or that I just had a very negative mindset. On the other hand, it will be interesting to read these lines again and reflect upon my journey once more.

City: Crowds of people, countless cars, dust, noise. Addis Ababa is a Metropolis like Berlin or Melbourne, two places where I have already lived. A place offering thousands of options, bringing together thousands of ideas on how to live human life. One difference I can pin down in comparison to those two cities is the presence of people outside/on the street. As soon as I leave the house I enter a restless space – young and old stands, sits, talks, negotiates or walks to work all the time, everywhere. Strangely enough for me, as a person growing up in a big city, this becomes problematic. Why? Well, I am noticed and in a crowded space, I am noticed by many people. This could be different in other corners of the city, however, when I walk to work, go grocery shopping etc., I rarely encounter a White person (maybe one or two every day). Therefore, being looked at is only natural. However, I did not foresee the intensity of the interactions. On the shortest ways, around the corner to the next susq (kiosk) I am stared at, being called ferenji (foreigner) by people passing me, groups of young men have already followed me making kissing noises and laughing, I am asked where I live by strangers, strangers scare me on purpose by jumping in my way and yelling something in Amharic or: You are beautiful/I love you towards me and then laugh. I have also been hit by a woman pretty hard on my back/shoulder when I passed her. Why? I don’t know. What I do know is that most of these incidents are not meant in a bad way and that many people are simply interested. I know that I just look different and it is only human to react to that. I know that many situations probably seem worse to me than they actually are because I am new in this city, I am insecure and easy to fright. I also know that these experiences have absolutely nothing to do with the structural phenomena called racism and would never use this word in relation to actions directed towards me.  Nevertheless, the experience to be perceived as a stranger is straining. I hope I will get used to all this very soon. Also, I think that being perceived as an outsider often has something to do with feeling like one and as soon as I have settled in a little bit more, these incidents will fade out. Ethiopian friends advise me to just ignore the idiots and do my own thing – I am working on it.

Another thing I am dealing with is my sensitivity in regards to crowded spaces. This characteristic of mine has only really become clear to me in its capacity within the last year. I probably always had an aversion against these sort of situations, but only within the last year I realized that sometimes I react in extreme ways: For example, I get really angry in a packed tram or get stressed out in a crowded train to the point where I think about exiting it in the middle of nowhere.  Also I got really emotional to the point of crying waiting in line in front of the Vatikan in Rome which is also a packed place as anyone knows who has been there. Well… It is a pity that I admitted this flaw so very late to myself because when I actually thought about these reactions, I had already sent my application to kulturweit. Otherwise I would have mentioned my sensitivity and I am sure that I would not have been sent to Addis Abeba. This would have been a shame! However, here it really is impossible to escape the described situations. Let’s treat this challenge in a positive way: Addis Abeba is the perfect place to fight my little phobia (especially during rush-hours when I am going or leaving work). I decided to use this journey to develop a stronger resistance – on the other hand, I promised myself that after these 6 month, I will be more kind to myself and consider this character trait of mine before I jump into new projects.

Finally, a few words about poverty. As you know, there exists a certain image of Ethiopia in the world in relation to poverty. It is only natural that I receive questions regarding this topic and how I perceive the situation in Addis. I know this topic is important, however, in this case I do not want to let my thoughts run free. Of course, I collect many impressions but it is such a critical topic and I have been here only such a short time that I do not feel entitled to say anything about it yet. I will write about the topic after I have done more research etc. Also I will speak about other things in relation to the citylife: about markets, places to see or bars but at the moment, I still know way too less. Everything in its own time. You see, my dear dwarves, I am busy settling in. Despite all difficult moments, I enjoy being here and am thankful for this journey. I think that every trip is worth it, as long as you find new things to love. In Addis, I have already found a few things of this kind. I’ll just say Injera…

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