Abbruch und Abschied / Dropping out and saying farewell

English version below.

Übermorgen, um diese Zeit, komme ich am Berliner Flughafen an und werde von meiner besten Freundin begrüßt. Übermorgen, in einer Stunde, sehe ich meinen Freund wieder, übermorgen Abend meine Mutter und meine Schwester, Ende dieser Woche überrasche ich meinen Vater an der Ostsee. Diese Zeilen in Addis Abeba zu schreiben fühlt sich noch sehr surreal an. Wie fühle ich mich dabei, meinen Aufenthalt in Äthiopien und meine Kulturweitzeit radikal abzukürzen? Ich fühle mich gut, erleichtert und habe meinen Entschluss, seit ich ihn vor anderthalb Wochen gefasst habe, nicht bereut. Wie kam es überhaupt dazu und wie denke ich jetzt über mein 2-monatiges Kulturweit-Abenteuer – darüber möchte ich euch in diesem Blogpost aufklären.

Ich habe euch ja bisher nicht verheimlicht, dass ich in Addis auch einige Schwierigkeiten hatte. Vor Allem die auf mich gerichtete Aufmerksamkeit und die Massen an Menschen auf der Straße machten mir zu schaffen. Trotzdem wollte ich durchhalten – erstens gab es hier auch so viel Schönes für mich: freundliche Menschen, erfüllende Arbeit und leckeres Essen. Zweitens war ich bisher eigentlich niemand der schnell aufgibt. Daher fällt mir dieser Schritt, die eigene Grenze zu erkennen und sich nicht dafür zu schämen, auch nicht leicht. Der Gedanke zu bleiben fühlt sich allerdings um einiges falscher an und mein Bedürfnis, in einem mir gut bekannten Umfeld zu sein und meine Familie und Freunde um mich zu haben, ist stark. Das liegt maßgeblich an einem bestimmten einprägenden Erlebnis.

Am Sonntag vor zwei Wochen beschlossen eine befreundete Kollegin und ich, zusammen mit einigen Freunden von ihr, wandern zu gehen. Wir fuhren mit dem Auto zum Yarer Mountain, der etwa eine Stunde entfernt von Addis liegt. Insgesamt waren wir zu fünft, drei Männer (darunter auch ein Äthiopier) und zwei Frauen. Die hügelige Landschaft war beindruckend schön. Etwa zwei Stunden lang bestiegen wir den Berg, immer hinter uns eine Gruppe Jugendlicher und Kinder. Meine Begleiter kannten das Phänomen schon, dass einen beim Wandern neugierige Einheimische verfolgen und wir machten uns darüber keine weiteren Gedanken. Kurz vor einem steilen Weg zum Gipfel beschlossen wir uns aufzuteilen. Laut Karte würden meine Kollegin und ich einen entspannteren Weg als die Jungs einschlagen, aber sie nach nur einem Kilometer wiedertreffen. Als wir uns weit genug von unseren Freunden entfernt hatten begannen die Kinder/Jugendlichen, die uns Frauen gefolgt waren, immer aufdringlicher zu werden und uns nach Geld zu fragen. Nachdem sie begriffen, dass wir ihnen freiwillig kein Geld geben würden, eskalierte die Situation. Sie bedrohten und attackierten uns mit einer Viehpeitsche und einem Hirtenstock. Als der Hauptangreifer einen großen Stein hob, um uns damit zu bewerfen, griff ich endlich in meinen Rucksack und schmiss dem Jugendlichen all mein Geld entgegen (etwa 20 Euro). Viel zu spät eigentlich, aber wir waren in Schock. Die Gruppe rannte davon – wir rannten völlig aufgelöst in den nahen Wald, um uns zu verstecken. Wir fürchteten, dass unsere Angreifer für mehr Beute zurückkämen. In unserem Versteck fanden uns nach einigen panischen Anrufen unsere Freunde. Wir traten unseren 2-stündigen Rückweg zum Auto an. Meine Kollegin und ich hatten viele blaue Flecke, sie blutete, meine Hand war gebrochen.

In der Woche danach wurden wir gut versorgt. Alle kümmerten sich, wir waren im Krankenhaus, bei der Deutschen Botschaft, bei der Polizei. Das Goethe-Institut half uns bei allem, übernahm Taxikosten und zeigte großes Verständnis. Trotzdem war die Zeit nach diesem Erlebnis sehr schwierig. Immer wieder sagten mir alle, deren Meinung ich schätze, ich müsse auf meine innere Stimme hören und genau das machen, was sich jetzt am allerbesten anfühlt. Nach 5 Tagen stand meine Entscheidung, nach Deutschland zurückzukehren, fest. Mir ist klar, dass was uns passiert ist eine Ausnahme war, es außerhalb von Addis geschehen ist, wir naiv waren uns aufzuteilen, die Lage hier momentan angespannt ist und auch ethnische Konflikte die Stimmung der Menschen beeinflussen. Wir hätten uns bewusster sein müssen, wie wir auf die Menschen in dem Dorf, die kaum etwas besitzen, wirken. Natürlich werde ich meine Gefühle in Beziehung zu dieser Situation nicht verallgemeinernd auf meine Meinung von Äthiopien übertragen. Überall auf der Welt kann einem so etwas in der Art passieren, aber ich habe momentan nicht mehr die Kraft mich jeden Tag mutig zu sein und das Vertrauen aufzubringen, um Neues kennenzulernen. Momentan möchte ich mich einfach darauf konzentrieren zuhause wieder ganz auszuheilen: meine Hand zu kurieren und das Erlebte gesund zu verarbeiten.

Mittlerweile habe ich genug über meine Entscheidung nachgedacht, um mich nicht mehr zu schämen. Am Anfang war diese Scham allerdings ganz extrem und belastete mich fast ebenso sehr wie das eigentlich auslösende Ereignis. Was würden alle von mir denken? Warum bin ich nicht so stark wie die Freiwilligen vor mir? Enttäusche ich meine Chefin, die mich im Bewerbungsgespräch extra auswählte weil sie sich darauf verließ, dass ich für ein halbes Jahr gute Arbeit leisten würde? Nach vielen Stunden des Nachdenkens und, das muss ich ehrlicherweise sagen, nach viel Bestätigung von Freunden und Familie, zweifle ich nicht mehr an mir. Etwas abzubrechen, mal nicht nach Plan zu handeln und Erwartungen anderer mal nicht zu erfüllen, macht einen nicht zu einem schwächeren Menschen. Im Gegenteil, ich bin froh dass ich stark genug war, um auf meine Bedürfnisse zu achten.

Generell betrachte ich diesen Abbruch als Chance, meine Zeit mit vielen anderen Dingen in Deutschland zu füllen. Ich habe schon ganze Listen voller Ideen und Pläne – ich kann diese Zeit vor dem Master gut nutzen! Allein schon diese zwei Monate in Addis haben mich tief geprägt und inspirieren mich zu Neuem. Durch die Arbeit am Goethe-Institut habe ich so viele junge und künstlerisch aktive Menschen getroffen – Menschen, kaum älter als ich, die großartige Dinge auf die Beine stellen. Ich bin entschlossen selbst auch aktiver zu werden und die Dinge anzugehen, die ich schon seit einer Weile im Kopf habe. Ich bin für die kurze Zeit in Äthiopien trotzdem sehr dankbar, denn ich habe so viel Neues kennengelernt und glaube, dass mich die vielen Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, weiterhin beeinflussen werden.

So endet also meine Reise und auch dieser Blog – unerwartet schnell. Auf dieser Plattform werdet ihr wohl nichts mehr von mir hören, aber vielleicht anderweitig. Den Blog werde ich wohl eine Weile online lassen, denn ich denke, dass es für abbrechende Kulturweitler gar nicht so einfach ist, einen Erfahrungsbericht über das Abbrechen finden. Vielleicht hilft es ja dem ein oder anderen sich nicht ganz so aussätzig zu fühlen.
Alles Liebe,
Janne

Abschiedsworte und Geschenke am Goethe-Institut.

English Version.

The day after tomorrow, around this time, I will be arriving at the Berlin Airport and will be greeted by my best friend. The day after tomorrow, in one hour, I will be meeting my boyfriend and later the same day I will see my mother and sister. At the end of this week, I will be surprising my Dad at the Baltic Sea. To write down these lines, sitting at work in Addis Ababa, feels surreal. How am I feeling, shortening my kulturweit-stay in Ethiopia? I feel good in fact – relieved since I made the decision almost two weeks ago. What were the reasons for this turn of events and what do I think about my 2 month stay in Addis now – this is what I will write about in this blog post.

Until now, I have not been hiding that I also had some difficulties here in Addis. Especially the attention directed towards me, when going basically anywhere, and the crowds of people on the streets stressed me out. Nevertheless, I wanted to pull through – firstly, because there are many great things about this place for me: Friendly people, fulfilling work and tasty food. Secondly I have never been someone who gives up easily. This is why taking this step and accepting my own boundaries without being ashamed is not too easy for me. However, the idea of staying just does not feel right and my desire to be united with my friends and family is very strong. Why…?

Well, two weeks ago on a Sunday, I and friend decided to go hiking – together with a few friends of her. With the car, we drove for an hour from Addis until we got to Yarer Mountain. We were five people in total: three men and us two women. The hilly landscape was beautiful – for approximately two hours we hiked up the mountain. Always behind us a group of youngsters and children. As my companions already knew this phenomena that when hiking anywhere in this country, some curious locals will follow you, we did not think about this subject further. Just before a steep path to the top of the mountain we decided to split up. According to the map, my friend and I would walk a less stressful path than the boys, but meet them again after just 1km. Obviously, we had a wrong sense of safety because when we were out of sight from our friends, the youngsters which had decided to follow us women, started to become more obtrusive and began to ask for money. When they realized that we had no intention of giving them anything, the situation escalated. They first threatened and then attacked us with a bullwhip and a shepherd’s crook. When the main attacker picked up a heavy stone to throw it at us, I finally reached into my bag pack and threw all my money at him (around 20 euros). Way too late, however we were in shock. The group ran away, we ran into the forest for hiding, as we were scared that the attackers would return for our phones and cameras. After as few panicked phone-calls, our friends found us there and we had to walk back to the car for two hours. My friend and I had many bruises, she was bleeding and my left hand was broken.

The week after this incident, everyone around us tried to provide the best care for us. We were treated at the hospital, we went to the German embassy for a conversation about security issues and we went to the police. The Goethe-Institut supported us in every way, paying our cab-costs and showing understanding for our state. Nevertheless, it was a tough time. Everyone who’s opinion I value kept telling me that I need to listen to my inner voice and do what is best for me. After 5 days, I made my decision to return to Germany. I do know that what happened to us was an exception which happened outside of this city. We were naiv to split up during a time were people are more tense than usual due to ethnic conflicts. We should have been more conscious on how we present ourselves in a village, where the people possess nothing but the basics for survival. Of course I will not translate my feelings towards this situation into my opinion of Ethiopia. Everywhere in the world you can be robbed or experience something similar – but I must say that at the moment, I do not possess the strength to stay here and be brave and trustful enough to encounter something new every day. I want to focus on healing my hand and process the event in a healthy way, surrounded by my friends and family.

By now, I have thought long enough about my decision to not be ashamed anymore. At the beginning, however, I was very self-conscious about my dropping out of the kulturweit-program. What would everyone think of me? Why am I not as strong as the volunteers before me? Am I disappointing my boss, who selected me believing I would be working well for six months? After many hours of thinking and, I must admit that, after lots of reassurance from my dearest, I do not doubt myself any longer. To not pull through and to change a plan once in a while does not make me a weaker person. The opposite, I am happy that I was strong enough to listen to myself and react according to my needs.

In general, I perceive this change of plans as a chance, to fill up my time with many other things. I have a long list of ideas to make use of the time before the start of my master. Those two month in Addis have already influenced me a lot and inspire me to try out new things. I have met so many creative young people who create awesome things. I am now determined to actually do those things which until now have been only thoughts in my head. I am so thankful for this short time in Addis because I experienced many things that were completely new to me and I think this stay will influence me a lot in my further biography.

Therefore, this is how my journey ends – unexpectedly quickly. On this blog you will not here from me any longer, but maybe on another platform…? I will keep this one online for a while though, because I think it is not too easy to find a blog about dropping out for partcipants of kulturweit. Maybe it helps someone to not feel as singular.
Lots of love,
Janne

Words of farewell and presents at the Goethe-Institut.

 

2 Comments

  1. Marlene App

    Liebe Janne,
    Eine sehr starke und reflektierte Entscheidung von dir! Nach so einem Erlebnis kann ich deine Gedanken und Gefühle absolut nachvollziehen.
    Wie schade, dass wir uns jetzt nicht mehr sehen. Ich wünsche dir alles Gute für die Zulunft!
    Marlene

    1. Jnn Llkndy

      Liebe Marlene,ja sehr schade, dass ich dich auf dem Nachbereitungsseminar nicht mehr treffe! Ich hatte mich schon darauf gefreut. Wünsche dir eine tolle weitere Zeit und viele spannende Erlebnisse (und Kraft für all die Spannung. Alles Gute

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