Eine Gratwanderung

Eine Gratwanderung

Perú hat etwas, das Uruguay nicht hat: eine Geschichte. Uruguay ist ein geschichtsloses Land, für mich als Geschichtsfan eigentlich ein eher trauriges Reiseziel. Und im ganzen Land sind wahrscheinlich nur deshalb überall Artigas-Statuen zu sehen, weil ein Land, dessen Bevölkerung mehrheitlich aus europäischen Einwanderern aller Herren Länder besteht, wohl eine gemeinsame Identifikationsfigur braucht. Das ist zumindest die These, die ich mir im Laufe der Zeit gebildet habe.

In Perú dagegen weiß ich bis heute nicht, wie der Nationalheld heißt. Aber Perú, das sind natürlich nicht irgendwelche europäischstämmige weiße Nationalhelden, das sind die Inkas, die Uros und wie sie noch alle heißen. In diesem Beitrag will ich einen kurzen Blick auf die indigenen Ureinwohner Perús werfen, die sich Gott sei Dank ihre eigene Kultur und Identität bis heute erhalten konnten.

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Beginnen wir mit dem Ort, der von La Paz aus gesehen am Nächsten liegt: dem Titicacasee. Der höchstgelegene kommerziell schiffbare See der Welt, mythischer Geburtsort der Sonne und des Inkavolkes, ist bei Touristen vor allem wegen einer Attraktion bekannt: den Islas Flotantes, den schwimmenden Inseln des Uro-Volkes. Dieses musste vor Jahrhunderten vor den expandierenden Inkas fliehen und beschloss, sich ihre eigenen Schilffloßkonstruktionen auf dem See zu bauen. Schwimmende Inseln also. Nach alter, traditioneller Technik werden diese Inseln regelmäßig erneuert, auch wenn heute nur noch 30 Prozent der Uros wirklich auf den Inseln leben. Der Rest fährt morgens für die Touristen hin und abends wieder zurück aufs Festland. Robinson Crusoe mit Feierabend quasi.

Denn natürlich muss man sich bewusst sein, dass nicht nur diese Inseln mittlerweile längst im Zeichen des Tourismus stehen. Tagsüber kommen die Touristen in Schnellbooten angeschippert, immer in Reisegruppen, denn für Individualreisende gibt’s das leider nicht. Dann bekommen sie bei ihrer „local family“ aus dem Quechua ins Englische übersetzt eine Stunde Input über die wichtigsten Infos zum Inselleben: wie man denn diese Inseln überhaupt baut, nämlich aus Schilfgras, und ja, das kann man essen, während der Schilfboden auf den seichten Wellen des Titicacasees schwankt und im Hintergrund die Solaranlage in der Sonne glänzt. Die Vorstellung endet mit der üblichen Präsentation selbstgeknüpfter Teppichwaren und einer zuzahlungspflichtigen (20 Sol/ca. 5 Euro) Schilfboottour ein Meterchen durch die „Gassen“ des Schilfinsel“dorfes“. Interessant war’s trotzdem.

Haupttouristenattraktion Nummer Zwei auf dem Titicacasee ist die Taquile-Insel, auf der ebenfalls selbstgeknüpfte Stoffe von den Einheimischen verkauft werden – allerdings, das ist das Interessante, ist diese Aufgabe hier Männerarbeit. Die „traditionelle“ Kleidung der Männer ist gar nicht ursprünglich peruanisch, auch wenn sie so aussieht, sondern stammt aus dem andalusischen Spanien. Die Insel selbst bewahrt sich zusammen mit einer Nachbarinsel politisch und verwaltungstechnisch eine gewisse Unabhängigkeit vom Festland, mit eigener Polizei, erkennbar an schwarzen Hüten. Diese „Polizisten“ leisten ausschließlich freiwillige und unbezahlte ehrenamtliche Arbeit, Korruption gibt es nicht. Die Kriminalitätsraten sind im Vergleich zum Festland recht niedrig, denn hier kennt jeder jeden.

Strickender Einheimischer auf der Isla Taquile

Strickender Einheimischer auf der Isla Taquile

Zum Abschluss noch Besuch bei einer Bauernfamilie im Andenhochland nahe Puno. Nachts kann es im Altiplano ziemlich kalt werden, vor allem außerhalb der großen, wärmespeichernden Städte, sodass hier der von den Touristen so geliebten Llama-Kleidung eine ganz besondere Bedeutung bekommt. Auch diese „local family“ ist touristenerfahren und versucht, ihre handgemachten Keramiken an den Mann zu bekommen. Ich frage mich an dieser Stelle, ob diese Menschen „arm“ sind. Sie haben eigentlich alles, was sie zum Leben brauchen, und wohl auch mehr Geld, als es auf den ersten Blick scheint. So ein Original-Llama-Handteppich ist ziemlich teuer, und selbst wenn nur fünf Touristen jeden Tag eine Keramikfigur à 20 Sol kaufen, dann kommt auch da einiges zusammen. Natürlich kann ich nicht abschätzen, welche Kosten auf der anderen Seite stehen, ob Steuern, ob der Reiseveranstalter auch noch etwas abbekommt, aber für eine solche Familie ist der Tourismus sicher eine willkommene Einnahmequelle. Der Grat zwischen „Authentizität“ und sowie „Ausverkauf des historischen Erbes“, manchmal ist er doch sehr kurz.

Nachdem es in diesem Artikel ja um die indigene Bevölkerung Perús ging, möchte ich auch einige Bilder von anderen Orten als den drei besprochenen anfügen. Schließlich sind diese Menschen keine Zootiere, die sich nur an touristischen Orten finden lassen, sondern prägen auch das ganz normale alltägliche Straßenbild. Hier also noch eine Auswahl von alltäglichen, „nicht für Touristen gestellten“ Straßenszenen aus verschiedenen Ecken Perús:

2 Kommentare

  1. Alisa · 2. August 2016

    Ich glaube ich war bei der gleichen Bauernfamilie, haha. Deren Quinoa-Brot war soooo gut.

    • Jan Doria · 2. August 2016

      …ja, es gab bloß leider zu wenig davon… 🙂 Zum Essensangebot der Bauernfamilie steht hier noch mehr. Ansonsten wie gesagt: die Touristen werden da überall mehr oder weniger bei den gleichen Sachen durchgeschleust.

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