35 – Ferienjob

Am Wochenende waren meine Mitbewohnerin und ich mit unserer liebsten großen Georgischen Freundin zu einem Ausflug verabredet. Wir fuhren mit der Marshrutka Richtung Akhalkalaki, durch das Dorf, in dem sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht hat und wanderten, leider durch die glühende Mittagshitze, bis zu einem Kunsthaus, das sie uns zeigen wollte.

Es ist ein sehr schönes altes Haus zwischen Wiesen, in dem verschiedene Ausstellungen stattfinden und das wohl der Anlaufpunkt für jede*n ist, der*ie in Tbilisi in der Künstler*innenszene mitmachen möchte. Auf dem Weg zu einem nahegelegenen Bach, verwandelte sich mein kühles Bier in Glühwein und ich sah mich sogar gezwungen den Kopf mit samt meinen Haaren ins wunderbar kühle Wasser zu tauchen, so sehr hatte mich der Sonnenstich gebeutelt. Unsere Freundin meinte amüsiert, es gäbe einen Spruch, nachdem sich die Haare eines guten Mädchens daraufhin mit Gold überziehen würden, ein Schlechtes aber, sich in einen Affen verwandelt würde… also Gold kann ich noch keines erkennen.

 

Bei einem der Ausflüge mit dem Diplomaten-Treffen, zu Organisationen in Tbilisi, waren wir in der ImpactHub, einem Co-Working Space in der Fabrika gewesen https://impacthub.net/ .

Dort hatte ich kurzerhand gefragt, ob ich bei ihnen, in der folgenden Woche Praktikum machen dürfte. Ich durfte, und so passierte es, dass ich mir die Hitze vom Leib halten konnte, in dem ich früh morgens, wenn es noch kühl war zur Arbeit ging, dort die Klimaanlage genoss und mich erst auf den Rückweg machte, wenn es wieder einigermaßen annehmbar war. Die Temperaturen in der Zeit nach dem Diplomaten-Treffen waren wirklich horrend. Eines Abends stand ich nach der Arbeit auf dem Weg zum Supermarkt an einer Bushaltestelle, es war gegen 20:00, und die Anzeigetafel bescheinigte einfach 40 Grad Celsius. Es kühlte Nachts auch nicht mehr wirklich ab, wir verglichen begeistert unser Handys mit der Wetterapp, wenn für Nachts mal nur 25 Grad angesagt waren oder es tags unter 40 blieb!

Dafür haben wir jetzt ein Melonen-Auto in der Straße, die sind sehr gut gegen die Hitze!

 

 

 

 

Die Arbeit in der Fabrika war interessant, ich konnte nicht wirklich viel tun, war aber sehr begeistert an so einem schönen Ort arbeiten zu dürfen. Nur endete sie leider mit einer Auseinandersetzung mit meinen übergeordneten Kolleginnen. Ich bin daran gleichermaßen Schuld wie sie, es war ein blödes Missverständnis und ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ich es hätte vermeiden können. Nun ja, es war trotz allem eine wertvolle Erfahrung.

 

 

Dann wurden wir mal wieder von der Endzeitstimmung und dem Abschiedskummer eingeholt, denn ich traf mich zum einen ein letztes Mal mit meiner Mentorin in einem Café. Ich bekam als Abschiedsgeschenk ein wunderschönes Notizbuch und eine ebenso schöne, elegante Teepackung – für den Herbst, für dein Studium. Und zum Zweiten waren wir zum Abendessen bei unserer liebsten Georgischlehrerin eingeladen, die wirklich zu unserer Georgischen Mama geworden war, während wir hier waren. Sie hat uns so viele Einblicke in das Leben hier gewährt und uns so viel beigebracht, auch auf uns aufgepasst und wie eine Mama ermahnt, ich werde sie ganz schrecklich vermissen!

Sie holte meine Mitbewohnerin und mich an der Metrohaltestelle ab und brachte ihre Jüngste mit, wir freundeten uns sofort an. Ihre Wohnung ist einfach wunderschön und so durch und durch ihre eigene, überall schimmert ihre Federführung durch, genauso, wie mir auch ihr jetziges Leben vorkommt, dass ich nur hoffen kann, irgendwann genauso ich selbst, frei und selbstständig sein zu können.

Sie hatte ihren Freund und noch einen anderen Freund eingeladen und unterstützt vom Wein ihres Papas und Georgischem Bier, wurde es bald ziemlich lustig. Sie hatte auch vorzüglich gekocht, dieses Adjapsandali, da hätte ich mich reinlegen können!

Unsere Gespräche, geleitet vom Tamada, wurden bald politisch, bald poetisch, ihr Freund ist Schriftsteller. Was mich sehr verwirrte und bewegte, war das Misstrauen, mit dem sie der Tatsache begegneten, dass wir aus Deutschland kamen – in ihren Augen dem Staat, in dem Alles perfekt läuft – hierher in ihr Georgien, mit den vielen Problemen. Wir verstanden uns trotzdem gut, sie waren viel älter als wir, intelligent und vertraut mit der politischen Situation ihres Landes. Aber sie verstanden einfach nicht, was wir hier wollten, ohne Familienbezug, ohne die große Liebe hier, sogar ohne vor der Anreise viel über das Land Georgien gewusst zu haben. Es wurde die Prophezeiung ausgesprochen, wir würden nicht wiederkommen, egal wie gut es uns jetzt gefiele und was wir sagten, solange wir hier sind.

Ich weiß nicht ob sich das als wahr herausstellen wird, ich bin immer noch ratlos, wie ich die beiden Tatsachen vereinbaren soll, dass ich jetzt nach Hause zurückkehren und ein längerfristiges Studium in Deutschland anfange werde und in Tbilissi, Georgien zumindest für ein Jahr eine zweites Zuhause gefunden habe. Ich hoffe ich kann bald zurückkehren, in irgendwelchen näheren Semesterferien, ich hätte Lust auf eine Zugreise über verschiedene Länder, mit Endpunkt Tbilisi, Georgien. Und dann vielleicht noch öfter, und vielleicht ein Auslandssemester. Wenn ich wieder zurück bin, will ich diesen Typen unbedingt nochmal treffen und ihn fragen, was er dazu jetzt sagt, weil ich werde es dann bestimmt auch nicht wissen.

Ganz Ähnliches hörte ich ein paar Tage später von den süßen älteren Damen, die unten in unserem Wohnhaus ein Bistro eröffnet haben. Wir gehen manchmal dorthin um Trinkwasser oder kalte Limonade zu kaufen, oder für ein hausgemachtes Khatschapuri, Auberginen mit Wahlnusspaste oder Hühnchensalat oder ein Eis. Sie sagten so was wie „Komisch wir wollen alle nach Drüben und ihr wollt jetzt Hier nicht mehr weg!“

Abends bekam ich ein richtig schönes Erinnerungsstück, das ich mit nach Deutschland nehmen kann. Ich habe nämlich bei dem Secondhand-Shopping mit unserer Georgischlehrerin ein sehr süßes weißes Kleid mit kleinen Erdbeermustern und Holzknöpfchen gekauft. Daran musste ein bisschen genäht und etwas ausgebessert werden.

Ich hatte es selbst versucht, aber meine Versuche sahen sehr kläglich und unordentlich aus. Also klopfte ich bei unserer Vermieterin, sie gibt nämlich Nähstunden und ihre Schwester hat ein wunderschönes Georgisches Modehaus im oberen Stockwerk. Sie sagte natürlich könnte sie mir das ausbessern, wir könnten es später am Abend machen.

Wir gingen in eine der Wohnungen, die gerade leer stehen und nicht vermietet werden. Es war zwar schon dunkel aber immer noch viel zu heiß, weswegen wir die Fenster zu ließen und uns unter die Klimaanlage setzten. Sie stellte Nüsse, Obst und Kuchen vor uns auf den Tisch, aber das haben wir gar nicht angefasst, denn während sie wieder auftrennte, was ich gemacht hatte, erzählte sie mir, sehr spannend, von ihrem Leben. Wie sie als eine der Jüngste im Jahrgang das Medizinstudium absolvierte und das in einer Zeit, als sie sich von ihrem Mann scheiden ließ und ihr Sohn noch ein Baby war. Sie zeigte mir Fotos, wie sie im Krankenhaus als Ärztin arbeitete und was für Schwierigkeiten sie hatte, als junge Frau ohne einflussreiche Bekannte in dieser Branche und dass sie deswegen nicht weiter arbeiten konnte. Dass sie eine enge Bindung zu ihren Cousins und Cousinen hat und sie froh ist, dass ihr Schwager gerne Männersachen mit ihrem Sohn unternimmt, dass der eine Cousin jetzt in Deutschland lebt und dass sie gerade Liebeskummer hat und nicht gerne länger als ein paar Tage verreist.

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