Die Gefahr davon, nur eine Geschichte zu erzählen

Vorne weg: Aus gesundheitlichen Gründen konnte ich nur 7 Tage am Vorbereitungsseminar teilnehmen und habe somit keinen „vollständigen“ Eindruck erhalten. Das Seminar war absolut großartig organisiert. Es bestand aus Workshops, Homezones (Gruppen mit Menschen, die in die selbe Region ausreisen werden), Freizeit und diversen Infoveranstaltungen. Unsere Homezone ist fantastisch (danke an euch!) und fühlt sich wirklich ein bisschen wie zu Hause an, vielen Dank vor allem an unsere Trainerin Anja, die uns Gespräche in einem geschützten Raum ermöglichte!

Doch es gibt etwas, was mir seit dem Vorbereitungsseminar noch immer im Kopf herumschwirrt, es ist „the danger of a single story“ (absolute Empfehlung: TED Talk ). Der Gedanke, wie gefährlich es für Individuen, Gruppen und Nationen werden kann, wenn immer nur eine Geschichte erzählt und gehört wird, beschäftigt mich sehr. Und so ging es mir mit kulturweit bis zum Vorbereitungsseminar: ich kannte nur die schöne, liebenswerte kulturweit Geschichte. Eine Geschichte von Austausch, Sprache lernen und Abenteuer.
Ob ich mich auch beworben hätte, wenn ich andere kulturweit Geschichten gekannt hätte? Ich weiß es nicht. Aber ich bin froh darüber, all das zu wissen, was ich jetzt weiß:

Die Zeit am Werbellinsee fühlte sich für mich äußerst befremdlich an. Über 300 Menschen, die ich noch nie gesehen habe, die ich nicht kenne und die mir trotzdem so ähnlich sind, waren dort auf einem Haufen.
Bereits am ersten Abend tauschten sich einige junge Menschen darüber aus, was wir tun könnten um uns mit den Menschen solidarisch zu zeigen, die in Chemnitz gegen Rechts auf die Straße gehen. Eine Idee war es #wirsindmehr um #wirsindbunt, #wirsindvielfältig, #wirsindsolidarisch zu erweitern. Klingt ziemlich gut. Oder? Es klingt nur gut, wenn man bunt und vielfältig ist.

People of color waren auf dem Seminar die Minderheit.
Die große Mehrheit der Freiwilligen hat Abitur oder studiert bereits.
Die meisten Kulturweitfreiwilligen gehören der Mittelschicht an.
Viele mit denen ich gesprochen habe, probieren (zumindest oberflächlich) auf die Umwelt zu achten.

Spätestens jetzt sollte jeder Person klar sein, wer die Möglichkeit erhält, 6 oder 12 Monate im Ausland zu verbringen.

Wer die Chance (oder eher die Aufgabe) erhält, Deutschland und die deutsche Sprache in einem anderen Land zu repräsentieren , ein differenziertes Deutschlandbild in die Welt zu tragen (Ziele des Programms). Aber kann und will ich das überhaupt? Möchte ich ein Aushängeschild für Deutschland sein, obwohl mir doch hier so vieles immer wieder böse aufstößt? Und wie sollen 300 Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und Hintergründen ein differenziertes Deutschlandbild in die Welt tragen? Und da sind wir wieder: bei der Gefahr davon, dass nur eine Geschichte erzählt wird, bei der Gefahr davon, dass nur eine Geschichte gehört wird.

Ich habe unglaublich viel gelernt, über Privilegien und Diskriminierung und darüber, wie ich sein und wahrgenommen möchte. Darüber, dass es in Ordnung ist privilegiert zu sein, und darüber, dass jede Person selbst entscheiden kann, wofür man die eigenen Privilegien nutzt. Leider sehe ich nicht, dass Deutschland die eigenen Privilegien bedacht nutzt: Am Dienstagnachmittag saßen wir zur offiziellen Begrüßung in der Barenboim Said Akademie. Davor erlebte ich einen Workshop zum Thema Antiziganismus, in diesem Workshop wurde mir noch einmal mehr bewusst,  wie viele (junge) Menschen, die jahrelang hier lebten, abgeschoben werden. Und dann wird dir erzählt, wie großartig es ist, als junger Mensch ins Ausland gehen zu können, welche großartigen Erfahrungen das sind. Wir sollen den Frieden in die Köpfe der Menschen tragen. Das sagen uns Menschen mit politischem Einfluss (teilweise aus dem Bundestag), die es nicht verhindern (können), dass Deutschland 38,5 Mrd. Euro  für Rüstungsgüter ausgibt? Das sagen Menschen, die nicht verhindern (können), dass andere Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Ist es nicht großartig?

Ich möchte kein Teil der Elite sein, die ständig gefördert wird. Ich möchte kein Teil der deutschen Außenpolitik sein, die brain drain (das Abwandern von qualifizierten Fachkräften ins Ausland) betreibt. Ich möchte keinen modernen Kolonialismus fördern. Ich möchte keine Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Trotzdem habe ich diesen Freiwilligendienst angetreten, denn im Endeffekt ist er das, was wir daraus machen. Ich möchte, dass sich Menschen darüber bewusst sind, wofür sie sich bewerben- beziehungsweise, dass sie sich darüber zumindest bewusster sind, als ich es war.

Leider habe ich es nicht hinbekommen meine Gedanken mehr zu strukturieren, wer einen tieferen Einblick in die Problematik erhalten möchte sollte 5 Thesen zu kulturweit lesen. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass alles nur Aspekte sind, die positiv und negativ betrachtet werden können. Und bereits jetzt merke ich wie die kritischen und negativen Gedanken von den sonnigen Gefühlen Budapests überschattet werden, ich möchte sie jedoch nie vergessen.

Liebe Grüße aus Budapest
Isa

1 Comment

  1. Allerweltsberta

    Liebe Isa, Danke für deine Offenheit. Es ist gut sich seinen Fragen zu stellen, sich seine Gedanken zu machen. Man sollte so viel mehr hinterfragen, man hat dann die Chance eigene Ideen und Wege zu entwickeln. Deine Ehrlichkeit hilft sicher manchem, sein Handeln zu überdenken. Bleib dir treu, lass dich nicht verbiegen. Du hast die Möglichkeit jetzt deinen Weg in Budapest zu gehen. Mit deinen Vorstellungen und Werten deine Arbeit mit den Kindern zu gestalten. Und du wirst das Super machen.
    Liebe Grüße aus dem Thüringer Wald.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.