Eindrücke nach Woche unu

So. Ich glaube jetzt ist der perfekte Zeitpunkt um mit dem Blog zu beginnen.

Liebe Grüße gehen raus an meine Familie und meine Freunde aus Deutschland, die sich entschieden haben mein Online- Reisetagebuches zu verfolgen. Ebenso, Grüße an andere Freiwillige und Neugierige die wahrscheinlich mehr oder weniger zufällig hier gelandet sind

Als ich im November völlig überraschend das Stellenangebot für Oradea bekam habe ich irgendwie nicht verstanden, dass das Ganze ja wirklich stattfinden würde. Abgesehen von Corona- Unsicherheiten, war die Vorstellung nach Rumänien zu ziehen und zu unterrichten ganz weit weg. Gestern war in einer Online Unterrichtsstunde ein Schüler sehr stolz darauf, die Redewendung ‚die Zeit vergeht wie im Flug‘ zu verwenden. Und das passt! Die Zeit verflog. Es fühlt sich an als wäre es gestern gewesen, dass ich meinen Freundinnen ein Bilderrätsel gesendet habe und Verwirrung entstand. Die Flagge Rumäniens ist nämlich fast identisch mit der des Tschads (Ich merke mir auch nie, welche die Rumänische ist…). Oder, dass mein Papa ungefähr dreißigmal das Wort ‚Wahnsinn‘ verwendete, als ich ihm von der Zusage berichtete! Lange Rede, kurzer Sinn: sowohl die Zeit vor meiner Ausreise, als auch die Zeit seit meiner Ankunft sind verflogen. Heute ist es genau eine Woche her, dass ich morgens um dreiviertel Vier in Dessau aufgewacht bin und skeptisch meinen Rucksack beäugt habe. Ich sage mal so viel: ich hatte mehr als einmal Angst, dass ich ihn nach dem Absetzten nicht mehr schultern kann. Ich habe dann noch viel zu schnell einen Tee geschlürft und bin im Kopf durchgegangen ob ich alle relevanten Dokumente, Medikamente und Ladekabel (es sind mehr als ich dachte) eingepackt habe. Sehr stolz war ich, dass ich in unter fünfzig Minuten am Frankfurter Flughafen zu meinem Gate gelangte UND sogar schon Geld gewechselt hatte. Der Kurs war mit Sicherheit total beschissen, aber das war mir egal. Ich hatte nämlich Angst das in Cluj nach der Landung nicht rechtzeitig zu schaffen. Das Taxi und mein Busticket musste ich bar und in Lei, der rumänischen Währung, bezahlen. Kurz hatte ich Angst, dass mir die Dame in Frankfurt Falschgeld unter der Plexiglasscheibe hindurch schob. Es fühlt sich im Gegensatz zum Euro nämlich viel fester und glatter an.
Als ich dann fast sechzehn Stunden nach meiner Abfahrt in Deutschland in Oradea aus dem winzigen Bus gestiegen bin habe ich mich total gefreut Nicole (meine Mitfreiwillige, die schon seit Oktober in Oradea ist) nach monatelangem Sprachnachrichten- Kontakt endlich kennenzulernen! Sie und unsere Ansprechperson Emese haben mich dann aufgegabelt und noch rechtzeitig vor der Ausgangssperre (22 Uhr) waren wir in Nicoles Wohnung. Ich habe mit ihr dort meine ersten paar Tage verbracht und bin so dankbar, dass sie mich an die Hand genommen hat und mir wirklich immer mit Rat und Tat zur Seite steht (fühl dich gedrückt, hihi). An meinem ersten Tag sind wir knapp 20 km durch Oradea gelaufen, haben Placinta gegessen und sind in die volle Dröhnung Jugendstil eingetaucht (ich finde es wunderschön!). Ich habe ein paar tolle Ufer am Fluss gefunden an denen man super relaxieren kann, wie der Mann von Emese mir erklärte. Ich freue mich ja schon so auf wärmeres Wetter (als ich heute aus dem Haus ging schneite es).
Und dann ist da ja noch die Arbeit…

Ich habe mir viel zu viele Gedanken gemacht (viiel zu viele). Ich habe Nicole ständig mit Fragen gelöchert, um mich vermeidlich besser vorbereitet zu fühlen. Ich dachte: wie soll Ich, unausgebildete Achtzehnjährige, die bis ins Abi hinein ständig Grammatikfehler gemacht hat, denn vor lauter pubertären Menschen und hyperaktiven Drittklässlern spontan eine lehrende Rolle einnehmen? Und schon jetzt ist mir mal wieder klar geworden, dass ich mich zu oft unterschätze. Nach einer kleinen Vorstellungsrunde in den Klassen, die vor Ort waren, setzte ich mich in eine zweite Klasse um mir mal den Unterricht anzuschauen und einen Einblick zu gewinnen. Die Lehrerin drückte mir aber sofort eine Heft in die Hand, klopfte mir auf die Schulter und schwuppdiwupp hatte ich mal eben eine Gruppe achtjähriger „unterrichtet„. Alle Grübeleien waren so sinnlos. Ich hab es geliebt! Die Arbeit mit Kindern hat mir schon immer total viel Spaß gemacht, und zu sehen wie zwanzig Schüler*innen genauso Freude am Unterricht haben ist ein verrücktes Gefühl. Ich habe in den darauffolgenden Tagen auch erlebt, dass der Präsenzunterricht mit einer zweiten Klasse eine ganz andere Energie hat als der Online- Unterricht mit einer sechsten, aber das ist auch voll okay… Ihr könnt euch bestimmt vorstellen wie verschieden die Motivation und die Menge der Redebeiträge waren.
Erkenntnisse nach Woche eins:
– Ich habe gar nicht viel gemacht und war dennoch total beschäftigt.
– Ich habe es unterschätzt während einer Pandemie in einem fremden Land alleine zu         wohnen.
– Die meisten Lichtschalter sind viel höher angebracht als in Deutschland. Oft muss ich   meinen Arm dafür heben.
– In Deutschland das Wasser aus der Leitung trinken zu können ist Luxus.
– In Straßenbahnen einzusteigen ohne zu wissen wo sie hinfahren, kann klappen. Eventuell   muss man aber auch die doppelte Strecke zurück rennen.
– Mein Rumänien Reiseführer würde mir mehr bringen, wenn er nicht Zuhause auf meinem   Schreibtisch liegen würde.

Ich bin jeden Tag noch total platt von dem Gedanken, dass ich hier erst mal bleiben darf. Rumänien begeistert mich schon jetzt und ich bin (noch) total motiviert hier die ein oder andere Erkenntnis und Erfahrung festzuhalten. Ich freue mich voll, wenn ihr euch die Zeit genommen habt diese Zeilen zu lesen :)

10 Comments

  1. Coco

    Ich liebe es, so schön geschrieben, hihi hast mich zum schmunzeln gebracht, wahrscheinlich hast du deinen Reiseführer mittlerweile. :)
    Bei dem einen Gericht was ihr gegessen habt, habe ich zuerst einfach Plazenta gelesen. Ups. :)
    Ich freue mich auf deine nächsten Einträge.

    1. Klara Weiss

      Danke Coco :))
      Es wird auch tatsächlich Plăcintă geschrieben, da ist die Assoziation vielleicht nicht mehr so groß haha!
      Ah, und der Reiseführer schlummert noch bequem in Dessau…

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