Leben in und zwischen Häusern

Ich wohne in einer Stadt. Eine Stadt, die auch eine Uni hat, bis zu der ich es bisher aber noch nicht geschafft habe. Die Canetti Gesellschaft veranstaltet derzeit das 14. Internationale Literaturfestival Ruse, das vom 01. bis 17. Oktober stattfindet und jeden Abend Lesungen, Ausstellungen oder Darstellungen bereithält. Mit deren Vorbereitung und Durchführung sind wir jeden Tag beschäftigt, aber auch ganz spannend ist! Zu dem Festival aber das nächste Mal mehr. Was mich jeden Tag umgibt sind neben Menschen die Gebäude, und ich möchte sie beschreiben, weil sie ein großer Teil meiner momentanen Lebensrealität darstellen.

Die Wohnung ist eine willkommenes Aufatmen. Sie ist Licht und Raum. Sie ist ein Geräusch. Sie hat, so wie viele Wohnungen, die ich bisher aber nur von außen gesehen habe, riesige Fenster, meist drei oder vier nebeneinander, auch häufig über eine Hausecke. Türen haben gemusterte Glaseinsätze. Sie liegt in einem dreistöckigen Gebäude nahe des Stadtzentrums. Rauhfasertapete, die ewige Begleiterin deutscher Mietwohnungen, gibt es hier keine, und auch kein Laminat. Der Fußboden ist mit einem feingliedrigen Parkett im Fischgrätenmuster ausgelegt. Es knarzt und quietscht bei jedem Schritt ein bisschen, was ich sehr gern höre. Und es fühlt sich an, als würde es sich der Bewegung des Fußes anpassen, als wäre es weich gepolstert. Mein Reiseführer schreibt, dass 90% der Bulgar*innen in Eigentumswohnungen wohnen (ohne die ein finanzielles Auskommen wohl nahezu unmöglich ist). Ich beobachte eine große Individualität der Wohnungen, die ich auf diesen Umstand zurückführe: in einem Haus gibt es unterschiedlichste Fenster, bauliche Zustände, Wandfarben. Es gibt seeehr viele Balkone und viele haben diese verglast, manche haben darin ihre Küche. Wohnungen werden einzeln gedämmt, nicht komplette Häuser. So ist ein Block keineswegs so uniform, wie ich das aus meinen bisherigen Wohnorten kenne. Und vom äußeren Zustand eines Hauses lässt sich überhaupt nicht auf die Wohnung schließen. Es scheint keine gemeinsame oder diktierte Fürsorge für die gesamte äußere Erscheinung zu geben, jede*r kümmert sich um sein Eigentum. So wie es, zumindest in meinem Haus, auch keine zentrale Klimatisierung gibt. Viele Wohnungen sind zum großen Teil noch vom Heizen mit Holz abhängig, viele haben aber zusätzlich strombetriebene Heiz- und Klimaanlagen. Die Ventilatoren sieht man auf jeder Außenfassade kleben. Das Heizen mit Holz hat den großen Vorteil, dass es von einer zentralen Energieversorgung unabhängig macht. In Zeiten, in denen die Energieversorgung sehr instabil war, war man mit einem Ofen auf der sicheren Seite. Und das hat sich bis heute so erhalten. Meine Wohnung ist vermutlich eine der hochwertigeren und zudem sehr zentrumsnah, was ich sehr genieße. Noch nie habe ich so nah am Zentrum gewohnt. Dafür ist sie für die meisten Menschen, die ihren Lebensunterhalt vor Ort verdienen, in der Miete aber auch einfach zu teuer. Die Vermieterin vertreibt sie schon länger an Freiwillige wie mich, die ich in der privilegierten Position bin sie bezahlen zu können.

Straßenflucht auf ein Gebäude, das ich aufgrund seiner Farbgebung gern sehe.

Das mich umgebende Stadtzentrum hat vieles von dem, das ich im Zuge meiner Bachelorarbeit als architektonische Elemente einer lebenswerten Stadt kennengelernt habe. Wenn ich durch die Innenstadt gehe sehe ich schmale Straßen, gesäumt von Häusern, die selten mehr als vier Stockwerke haben. Ich gehe an kleinen Geschäften im Erdgeschoss vorbei. Jeden Tag begegne ich streunenden Katzen, gleich nebenan wohnt eine ganze Gang. Die meisten Straßen sind von Bäumen gesäumt, das die meisten Ziele sind für mich fußläufig zu erreichen. Der Kernbereich ist autofrei. Der zentrale Platz wirkt auf mich eher wie ein Park. Er ist riesig, es laufen ca. 13 Straßen zu ihm hin. Wenn ich in Leipzig ein mal vom Gewandhaus zur Oper gehe bin ich dem Gefühl nach trotzdem drei Mal so lang unterwegs. Historische Altbauten, darunter viele von der Wiener Architektur inspiriert, begrenzen ihn. Vor fast jedem Gebäude haben Cafés und Restaurants ihren Freisitz. Es gibt eine Hauptmagistrale für Fußgänger*innen quer über den Platz und durch die Innenstadt, und keine Einkaufspaläste, die das Stadtzentrum ersetzen. Das alles sind Elemente, die ich als sehr angenehm wahrnehme, organisch, lebendig. Ich gehe darin und es fühlt sich gut an.

Доходно здание. In dem Gebäude befinden sich u.a. das Theater und das Büro meiner Organisation. CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1201504

Eine intakte Innenstadtarchitektur ist Städten, die im zweiten Weltkrieg zerbombt wurden, meist nicht vergönnt. Die autofreundliche Verkehrspolitik der Nachkriegszeit hat häufig ihr Übriges zu einem unproportionalen, dysfunktionalen Wiederaufbau der Innenstädte beigetragen. Ruse dagegen bietet mit seinem historischen Stadtkern tolle Voraussetzungen für lebendige Straßen. Die letzten Wochen im September habe ich mit fast immer über 25°C und Sonne satt noch richtig genossen. Wie ein verlängerter Sommer. Erst in den letzten Tagen ist es kühler und regnerischer geworden. Vielleicht liegt es auch noch an dem sommerlichen Wetter, aber es ist unglaublich belebt. Es gibt einfach viel Leben zwischen den Häusern. Mir ist bewusst geworden, wie schön diese Lebendigkeit des öffentlichen Raumes ist, und wie wenig ich davon in Chemnitz erlebt habe. Meine Arbeitskolleg*innen sind fast jeden Tag in irgend einem Etablissement mit einem Kaffee zu finden. Sie nehmen sich die Zeit und das Geld dafür, und zum ersten Mal in meinem Leben mache ich das auch.

До скоро

PS: Eine Audioaufnahme, wie ich über den Fußboden laufe, ist noch in Arbeit. Die wird exzellent, aber sie braucht noch!

2 Gedanken zu „Leben in und zwischen Häusern“

  1. Ach ich fühle mich sehr sehr in die Wohnung und nach Ruse zurück versetzt! Bin gespannt wie es im Herbst und Winter in der Ruser Innenstadt sein wird.
    Liebe Grüße, deine Vorgängerin
    PS: Irgendwann ist mir das Knarzen des Parketts gar nicht mehr aufgefallen 😀

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