Ich wohne in einer Stadt. Eine Stadt, die auch eine Uni hat, bis zu der ich es bisher aber noch nicht geschafft habe. Die Canetti Gesellschaft veranstaltet derzeit das 14. Internationale Literaturfestival Ruse, das vom 01. bis 17. Oktober stattfindet und jeden Abend Lesungen, Ausstellungen oder Darstellungen bereithält. Mit deren Vorbereitung und Durchführung sind wir jeden Tag beschäftigt, aber auch ganz spannend ist! Zu dem Festival aber das nächste Mal mehr. Was mich jeden Tag umgibt sind neben Menschen die Gebäude, und ich möchte sie beschreiben, weil sie ein großer Teil meiner momentanen Lebensrealität darstellen.

Das mich umgebende Stadtzentrum hat vieles von dem, das ich im Zuge meiner Bachelorarbeit als architektonische Elemente einer lebenswerten Stadt kennengelernt habe. Wenn ich durch die Innenstadt gehe sehe ich schmale Straßen, gesäumt von Häusern, die selten mehr als vier Stockwerke haben. Ich gehe an kleinen Geschäften im Erdgeschoss vorbei. Jeden Tag begegne ich streunenden Katzen, gleich nebenan wohnt eine ganze Gang. Die meisten Straßen sind von Bäumen gesäumt, das die meisten Ziele sind für mich fußläufig zu erreichen. Der Kernbereich ist autofrei. Der zentrale Platz wirkt auf mich eher wie ein Park. Er ist riesig, es laufen ca. 13 Straßen zu ihm hin. Wenn ich in Leipzig ein mal vom Gewandhaus zur Oper gehe bin ich dem Gefühl nach trotzdem drei Mal so lang unterwegs. Historische Altbauten, darunter viele von der Wiener Architektur inspiriert, begrenzen ihn. Vor fast jedem Gebäude haben Cafés und Restaurants ihren Freisitz. Es gibt eine Hauptmagistrale für Fußgänger*innen quer über den Platz und durch die Innenstadt, und keine Einkaufspaläste, die das Stadtzentrum ersetzen. Das alles sind Elemente, die ich als sehr angenehm wahrnehme, organisch, lebendig. Ich gehe darin und es fühlt sich gut an.
Eine intakte Innenstadtarchitektur ist Städten, die im zweiten Weltkrieg zerbombt wurden, meist nicht vergönnt. Die autofreundliche Verkehrspolitik der Nachkriegszeit hat häufig ihr Übriges zu einem unproportionalen, dysfunktionalen Wiederaufbau der Innenstädte beigetragen. Ruse dagegen bietet mit seinem historischen Stadtkern tolle Voraussetzungen für lebendige Straßen. Die letzten Wochen im September habe ich mit fast immer über 25°C und Sonne satt noch richtig genossen. Wie ein verlängerter Sommer. Erst in den letzten Tagen ist es kühler und regnerischer geworden. Vielleicht liegt es auch noch an dem sommerlichen Wetter, aber es ist unglaublich belebt. Es gibt einfach viel Leben zwischen den Häusern. Mir ist bewusst geworden, wie schön diese Lebendigkeit des öffentlichen Raumes ist, und wie wenig ich davon in Chemnitz erlebt habe. Meine Arbeitskolleg*innen sind fast jeden Tag in irgend einem Etablissement mit einem Kaffee zu finden. Sie nehmen sich die Zeit und das Geld dafür, und zum ersten Mal in meinem Leben mache ich das auch.
PS: Eine Audioaufnahme, wie ich über den Fußboden laufe, ist noch in Arbeit. Die wird exzellent, aber sie braucht noch!
Ach ich fühle mich sehr sehr in die Wohnung und nach Ruse zurück versetzt! Bin gespannt wie es im Herbst und Winter in der Ruser Innenstadt sein wird.
Liebe Grüße, deine Vorgängerin
PS: Irgendwann ist mir das Knarzen des Parketts gar nicht mehr aufgefallen 😀
Hmm hat schon nachgelassen mit der Belebtheit :’D