Part 2 – Historias de Octubre (Geschichten aus dem Oktober)

Zeit zum Schreiben finden
Momentan sitze ich im „Crepes & Waffles“, das sich in der Nähe meines Zuhauses befindet. Es regnet, wie so oft in der letzten Zeit und ich habe mich an einen warmen, gemütlichen Ort verzogen. „Crepes & Waffles“ ist eine kolumbianische Restaurantkette, die 1980 in Bogotá von zwei Studenten gegründet wurde (sagt die natürlich beste Quelle Wikipedia). Was ich von meiner Gastfamilie weiß, die mich hier schon recht früh einmal zum Brunchen mitgenommen hat, ist, dass hier primär Frauen arbeiten und viele von ihnen alleinerziehende Mütter sind und sie mit einem dieser Arbeitsplätze unterstützt werden sollen. Ich kann die Cafés sehr empfehlen, das Ambiente ist unglaublich schön, das Essen lecker und ausgefallen und auch die Preise sehr günstig.
Jetzt sitze ich auf jeden Fall hier und nippe an meinem „Golden Latte“, schaue mir das Treiben an und schreibe nebenbei auf, was ich den letzten Monat so erlebt habe. Los gehts 🙂

Freunde finden
Die letzten Wochen habe ich mich bemüht, noch etwas mehr mit den anderen Lehrern in Kontakt zu kommen und Stück für Stück haben wir uns besser kennengelernt und ich wurde auch auf ein Weinfestival eingeladen. Jedoch sind die meisten Lehrer, mit denen ich Zeit verbringe, auch aus Europa und es fällt mir immer noch etwas schwerer, auch besonders wegen der Sprachbarriere mit den kolumbianischen Lehrern in kontakt zu kommen.
Ansonsten verbringe ich aber auch immer mehr Zeit mit einer anderen Freiwilligen, die hier in Bogotá auch an einer Schule arbeitet. Das Vorbereitungsseminar war wirklich perfekt, um Kontakte zu knüpfen, um sich auch im Gastland austauschen zu können.
Und auch auf meiner Reise (mehr dazu später) habe ich einen Deutschen kennengelernt, der gerade in Bogotá studiert und mit dem ich vor Kurzem auch einen Kaffee getrunken habe.
Aber zum Glück habe ich auch noch meine Gastfamilie und ihre Haushälterin, mit der ich mich sehr gut verstehe und Spanisch üben kann. Und auch die niños aus meinen Klassen bringen mir unbewusst viel über Kolumbien und seine Kultur bei. Stück für Stück bin ich mit den beliebtesten Süßigkeiten, Verhaltensweisen und Füllwörtern vertraut geworden.
Aber auch allein kann ich mir die Zeit vertreiben und so gefällt es mir auch gut, nachmittags durch Usaquén zu laufen und mir die Geschäfte an zu schauen.

Aktivitäten in Bogota
Die letzten Wochenenden habe ich tatsächlich viel erlebt und neue Orte von der Stadt kennengelernt. Unter anderem bin ich mit meiner Ansprechpartnerin und einer ehemaligen Lehrerin meiner Schule im Osten der Stadt wandern gewesen. Wir sind schon um sechs Uhr morgens losgefahren und haben im „Quebrada La Vieja“ die Berge bezwungen. Die Landschaft war wunderschön und wir kamen an kleinen Bächen und Wasserfällen, einer Pferdeweide und sogar einer Menge Fliegenpilze vorbei, bis zum Gipfelkreuz „Cerro la Cruz Bogotá“. Oben erwartete uns eine schöne Aussicht, die die Anstrenung wert war, ein paar andere frühmorgendliche Wanderer und eine Handvoll Männer vom Militär. Ich bin mir immer noch nicht sicher, was genau sie dort oben gemacht haben, aber vielleicht war es auch nur eine Übung im Gelände. Der Abstieg erwies sich auf jeden Fall als matschige Rutschpartie, die meine Turnschuhe gerade so überlebten und so schlitterten wir vorsichtig den Berg herunter und können von Glück reden, dass wir nicht hingefallen sind, wie eine Gruppe von jungen Männern, die am Ende wirklich total im Schlamm verschwanden.
Ein anderer sehr schöner Ausflug war der zur Banksy Ausstellung in der Villa Adelaida. Der Eintritt war zwar recht teuer (86000 kolumbianische Pesos – ca 17,50 Euro), aber die Zeit dort wirklich interessant und auch sehr gut zu Spanisch lernen. Ausgestellt wurden viele Art Prints, andere Kunstwerke Banksys und Fotos von seinen Graffiti. Diese wurde unter Themen wie Protest, Krieg und Politik vorgestellt und man hat viel über seine Gesellschaftskritik und seinen Humor gelernt.
Ein weiteres Highlight war für mich, dass ich seit fast drei Jahren endlich wieder auf dem Pferd saß. Die jüngste Tochter meiner Ansprechpartnerin reitet am Stadtrand von Bogotá und eines Sonntages wurde ich eingeladen, sie zu begleiten. Glücklicherweise scheint es mit dem Reiten bei mir wie mit dem Fahrradfahren zu sein und ich habe es nicht verlernt. Nur meine Oberschenkelmuskulatur war nicht mehr daran gewöhnt und so lief ich den Rest des Tages mit etwas schmerzhaften Beinen umher.

Transmilenio
Des Weiteren kann ich stolz verkünden, dass ich es endlich in einen bzw. mittlerweile sehr viele Busse des Transmilenios geschafft habe. So heißt das Busunternehmen der Stadt und man sieht die blauen, gelben, grünen oder orangenen Busse oder den rote Transmilenio wirklich überall. Die Busse fahren im ganz normalen Verkehr mit und man kann sie benutzen, indem man sich eine Buskarte kaufe, die man jederzeit aufladen kann (an den Transmileniostationen, digital oder auch in vielen Drogerien oder anderen Läden). Die roten Busse des Transmilenio fahren auf einer eigenen Fahrbahn und kommen somit deutlich schneller voran. Des Weitern benutzt man die Karte auch nicht im Bus, sondern um auf die „Bus-Bahnsteige“ zu kommen. Aber ganz egal mit welchem Bus man fährt, eine Fahrt kostet immer ca 50 Cent und ist somit sehr günstig.
Bisher habe ich nur gute Erfahrungen gemacht. Manchmal kommen die Fahrzeuge zwar etwas spät, aber das sei auch dem schrecklichen Verkehr in der Innenstadt geschuldet. Jedoch sollte man trotzdem immer vorsichtig und wachsam sein, wenn man den Bus benutzt,da dort doch sehr häufig gestohlen wird. Einer Lehrerin wurde vor Kurzem zum Beispiel die Jacke aufgeschnitten, ohne dass sie es bemerkt hat, aber zum Glück hat es der Täter oder die Täterin nicht geschafft, ihre Wertsachen zu entwenden.

Reisen
Eine schöne Überraschung war die Einladung ein paar Lehrer, sie auf ihrer Reise nach Providencia, eine kolumbianische Insel in der Karibik zu begleiten. Es kam zwar alles ganz anders als geplant, aber nun habe ich eine gute Geschichte zu erzählen, da ich mittlerweile einen Hurrikan überlebt habe und tauchen gewesen bin.
Ehrlicherweise war es zum Zeitpunkt der Abreise nicht wirklich einschätzbar, wie schlimm der Hurikan werden würde, und somit waren wir alle supernervös und aufgeregt. Der Plan war eigentlich, am Freitag nach der Schule zusammen zum Flughafen zu fahren, nach San Andres (eine weitere kolumbianische Insel der Karibik) zu fliegen und eine Nacht dort zu übernachten und dann am nächsten Morgen weiter nach Providencia zu reisen. Der Flug nach San Andres wurde nicht gecancelt, der nach Providencia aufgrund des Sturmes jedoch schon. Letztendlich beschlossen wir einfach auf die Insel zu fliegen, dort abzuwarten, bis die Flughäfen wieder öffneten und den zweiten Flug um zu buchen. Eine Lehrerin stieg dann doch noch aus (aus unserem Plan, nicht dem Flugzeug) und so saßen wir insgesamt zu viert in dem zu ⅓ gefüllten Flugzeug.                                Ich hatte mir zuvor noch eine Powerbank gekauft, um auf mögliche Stromausfälle vorbereitet zu sein und informierte noch meine Familie und Freunde, dass ich ggf. die nächsten Tage nicht erreichbar sei. Meine Freunde waren total entspannt, meine Mutter das absolute Gegenteil.                                  Als wir am Abend auf San Andres ankamen, kauften wir erst mal viel Wasser und ein paar Snacks für die nächsten Tage und aßen noch mal alle zusammen in einem Restaurant. An der Strandpromenade war viel los und es wurde getanzt, gesungen und getrunken und dennoch merkte man, dass ein Sturm im Anmarsch war, da alle Läden verbarrikadiert waren.                                                                   Ab sechs Uhr am nächsten Morgen gab es eine Ausgangssperre und somit verbrachten wir den Tag im Hostel. Die Nacht zuvor war grausam gewesen (Triggerwarnung: Bad Trip). Ich und eine andere junge Lehrerin schliefen im gleichen Zimmer zusammen mit noch zwei anderen Personen. Den einen jungen Mann lernten wir noch am Abend kennen und verstanden uns auf Anhieb sehr gut, der zweite kam mitten in der Nacht und rannte gegen zwei Uhr morgen plötzlich ins Bad und übergab sich heftig. Er stöhnte für eine Viertelstunde, bis wir alle aufgewacht und so alarmiert waren, dass wir bei ihm klopften. Er war zwar ansprechbar, aber in einer üblen Verfassung und da es einfach nicht besser wurde, liefen wir nach unten zur Rezeption, um nach Hilfe zu bitten. Uns wurde gesagt, dass ein Arzt gerufen werden sollte, aber am nächsten Morgen erfuhren wir, dass er diesen wohl nicht wollte (wahrscheinlich Kostengründe). Wir zogen somit gegen drei Uhr morgens in ein anderes Zimmer um und schliefen todmüde ein.                                                                                                                                          Als ich am nächsten Tag geweckt wurde, ging es gleich chaotisch weiter, da unser Zimmer unter Wasser stand. Es hatte in der Nacht so viel geregnet, dass die Balkontür nachgegeben hatte und das Wasser in das Zimmer lief. Diesmal war es aber zu viel des Guten und da schon die Mitarbeiter des Hostels informiert wurden, drehte ich mich einfach um und schlief weiter.                                        Den Rest des Tages verbrachten wir mit Lesen, langen Gesprächen, essen (es gab zum Glück ein Restaurant) und Stormwatching. So richtig heftig wurde es erst am frühen Abend und es fielen ein paar Deckenteile auf den Boden, das Dach verlor ein paar Dachziegel und auch die Fassade musste etwas daran glauben. Zum Glück wurde keiner verletzt, aber da der Gemeinschaftsbereich eine Art Open Air Space war, waren wir wirklich immer ganz nah am Geschehen (zum Glück in einem sicheren Bereich). Immer wieder fiel auch der Strom aus, aber da es einen Notfallgenerator gab, ging alles ziemlich entspannt weiter und erst am nächsten Morgen hatte ich kein Internat mehr. Dann war der Hurrikan aber auch schon weiter nach Nicaragua gezogen und wir konnten uns die Nachwirkungen anschauen.                                                                                                Alles war etwas zerwühlt und unordentlich, ein paar Sachen waren beschädigt worden, aber alles in einem war alles gut gegangen und am Montag öffnete auch endlich wieder der Flughafen. Nach einer recht langen Wartezeit konnten wir somit endlich ins kleine Flugzeug nach Providencia steigen und kamen sicher nach nur ca 25 min an.                                                                                            Providencia ist im Vergleich zu San Andres deutlich weniger touristisch. 2020 wurde die kleine Insel fast vollständig durch einen Hurrikan zerstört und somit sind viele Häuser sehr neu und es wird auch noch immer viel weiter aufgebaut. Unter anderem der Flughafen und so stiegen wir einfach auf dem Rollfeld aus und liefen zur Registrierung unter freiem Himmel.                                                    Die nächsten paar Tage waren dann wirklich sehr schön. Am Vormittag hatten wir unsere Tauchgänge, dann gingen wir etwas essen und ruhten uns am Nachmittag aus, da wir immer so erschöpft waren. Für mich war es das erste Mal tauchen, aber all die anderen hatten schon Erfahrungen (bzw. sind ausgebildete Tauchlehrer) und so war ich wirklich in den besten Händen. Am Anfang hatte ich zwar etwas Schwierigkeiten, mich an die Atmung mit der Luftflasche zu gewöhnen, aber sobald man unten war, gab es so viel zu sehen, dass man ganz vergaß, dass man nicht normale Luft atmete. Und so sah ich ganz nah Korallen, viele Fische, Rochen und Langusten.                                                                            Viel zu schnell verging die Zeit und ich musste wieder zurück nach Bogotá. Rückblickend bin ich echt froh, dass ich so abenteuerlustig war, ein bisschen Zeit in dem Auge eines Hurrikans zu verbringen.

Schule
In der Schule läuft alles weiterhin sehr gut. Diese Woche bin ich für eine Lehrerin eingesprungen und habe viele ihrer Klassen übernommen. Es war superinteressant, nun auch endlich einmal alleine zu unterrichten und die Herausforderung hat mir sehr viel Spaß gemacht. Mittlerweile kenne ich die Klassen nun auch schon sehr gut und weiß, wie ich mit welchem Kind am besten umgehe. Somit hat es eigentlich ziemlich gut geklappt und die Kinder haben (meistens) gut gehört.

Halloween
Wie auch an so vielen anderen Orten wurde in meiner Schule Halloween gefeiert und es war wirklich ein sehr schöner Schultag. Schon seit Anfang Oktober wurde in vielen Geschäften Halloweendekoration verkauft und viele Läden und Lokale waren gruselig geschmückt. Am Freitag, dem 28. Oktober, wurde dann auch im Helvetia gefeiert und ich war freudig überrascht zu sehen, dass sich wirklich fast alle verkleidet hatten. Ich bin als Catrina (mexikanisches Skelett) gegangen und habe mich mit einem passenden Blumenhaarreif und ordentlich Gesichtsschminke am Morgen verkleidet. Ansonsten gab es sehr viele Disneyfiguren, Superhelden und tatsächlich gar nicht so viele typisch gruselige Verkleidungen wie Hexe, Gespenst und Vampir.                                                           In der Schule angekommen, habe ich natürlich erst mal ganz viele Fotos gemacht und bin dann mit meiner Klasse (1A) in die Turnhalle gegangen, wo sich alle getroffen haben, um bei einer Modenschau die Kostüme zu präsentieren. Die Kleinen (Kinder vom Kindergarten bis zur 5. Klasse) hatten sehr viel Spaß und zum Schluss wurden die besten Kostüme ausgezeichnet. Danach gab es Spiele, die von der Oberstufe organisiert und geleitet wurden und da es am Vormittag so heiß wurde, haben wir unsere Schüler dann im kühlen Klassenraum malen lassen. Zum Schluss gab es dann noch Brownies für alle und ein schöner Schultag ging zu Ende.

Das war mein Oktober. Es ist so viel passiert, dass ich hier nur von einem Bruchteil erzählen kann, und doch sind ganze fünf Seiten auf meinem Schreibprogramm zusammen gekommen.

Ganz liebe Grüße aus Bogotá – als Nächstes erzähle ich von meinem November und unserem Zwischenseminar .

Kathi

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