Motorradhelme statt Nikolausmützen

Spotted! Ich bin in Athen, in Exarchia, am 6. Dezember.

Um zu verstehen, was es genau mit dem 6. Dezember hier auf sich hat, muss man die Vorgeschichte von alle dem kennen. 

Am 6. Dezember 2008 wurde ein 15-jähriger Junge in dem Athener Stadtviertel Exarchia von einem Polizisten erschossen. Daraufhin kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen mit der Polizei. Und bis heute gehen die Menschen in Athen jeden Nikolaustag auf die Straßen und es kommt zu Ausschreitungen zwischen Demonstrierenden und der Polizei. Der Polizist, der den tödlichen Schuss damals abfeuerte, wurde 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt, aber diesen Juli entlassen. Der oberste Gerichtshof legte jedoch dagegen Berufung ein. Ein weiterer Punkt ist, dass in Exarchia Häuser besetzt sind. Das Ministry of Citizen Protection hatte am 20. November eine 15-Tage-Deadline zur Räumung der Häuser gestellt, die demnach kurz vor dem 6. Dezember abgelaufen war. 

Und das war mein 6. Dezember diesen Jahres:

Schon um 14.00 Uhr wurde ich von der Arbeit nach Hause geschickt. Die Institutsbibliothek hatte geschlossen, die Fensterläden wurden fest verschlossen. Denn das DAI liegt in Exarchia und da würde es abends zu gefährlich werden. 

Schon in der Mittagspause war Exarchia beinahe ausgestorben. So gut wie alle Geschäfte und Restaurants hatten geschlossen, Gitter und Garagentore vorgezogen. Nur vereinzelt liefen einem Menschen über den Weg und parkende Autos waren auf einmal eine Seltenheit. Und für Athen sehr ungewöhnlich erlebte ich vollkommene Stille, kein Auto oder Motorrad, keine Stimmen, nichts. 

Am Abend versammelten sich viele Menschen an einer Gedenkstätte in Exarchia für den Jungen, der 2008 erschossen wurde. Kerzen wurden angezündet und Blumen niedergelegt. Es hat mich sehr berührt, dass nach mehr als zehn Jahren immer noch alles so nah scheint. Allmählich versammelten sich nun alle Demonstrierenden bei Panepistimiou vor dem Universitätsgelände. Tausende Menschen schlossen sich der Demonstration an. Die komplette Innenstadt war für den Verkehr gesperrt. Seit dem Nationalfeiertag am 28. Oktober kam es immer wieder zu Demonstrationen, doch diese übertraf alle. Es wurde riesige Banner getragen und rote Fahnen an hölzernen Stöcken, im Chor wurde das durch ein Megafon vorgerufene vielmals so laut wiederholt. Alle Demonstrierenden waren dunkel angezogen, viele vermummt, einige hatte ihre Motorradhelme dabei. Schon hier war zu merken, dass die Nacht nicht friedlich bleiben würde.

Die Demonstration ging von Panepistimiou über den Omonia-Platz (den „Platz des Volkes“) über eine der Hauptstraßen zum Syntagma Platz, wo das Parlament von Griechenland steht und wieder zurück nach Panepistimiou – einmal durch die ganze Innenstadt. In sicherer Entfernung wurde der Strom von Polizisten begleitet, voll ausgerüsteten Polizisten: Helme, Schlagstöcke, Gasmasken, Schilde und Flaschen, die entweder Feuerlöscher oder mit Tränengas gefüllt waren, beides wäre logisch gewesen.

Bei Panepistimiou löste sich der große Strom an Demonstrierenden auf in kleinere Gruppen. Nächste Stadtion: Exarchia, nur wenige Straßen entfernt. Schon gegen Ende der Demonstration war zu merken, dass es sich hochkochte: Vermummte besprühten die Universitätsgebäude und die Nationalbank mit Graffiti, warfen Farbbomben und der erste Mülleimer brannte. Es wurde immer schwieriger den Grad der Gefahr zu erkennen.

Eine große Anzahl von Demonstrierenden fand sich danach in Exarchia zusammen. Hier brannte der Müll auf den Straßen. Über den Häusern kreiste ein Helikopter, der mit Scheinwerfern das Viertel beleuchtete. Immer weiter rückte die Polizei von Panepistimiou aus vor, immer weiter nach Exarchia, Block für Block. Da stolpert man auch mal über eine Tränengasgranate der Polizei, denn es wurde Tränengas eingesetzt, um die Menschen zurückzudrängen. Wenn man da keine Gasmaske dabei hat, kann das schnell ungemütlich werden. Irgendwann flogen dann die ersten Steine (deshalb die Motorradhelme) und Molotowcocktails! 

Am nächsten Tag war das normale Leben in Exarchia wieder eingekehrt, die Geschäfte hatten geöffnet, Autos und Motorräder fuhren und die Restaurants und Straßen waren wie immer voller Menschen. Es schien beinahe so, als wäre nie etwas gewesen.

 

Was passierte laut der Zeitung bzw. der Polizei:

Dem Gedenkmarsch an den von einem Polizisten getöteten Jungen Alexandros Grigoropoulos schlossen sich 4500/10000 Menschen an. In Exarchia kam es zu Auseinandersetzungen, bei denen mit Steinen und Molotowcocktails geworfen wurde. 50 Menschen wurden festgenommen, ein/zwei Polizist/en wurde/n verletzt. An die 3500 Einsatzkräfte, mehrere Drohen und ein Helikopter waren eingesetzt.

Zum Weiterlesen:

https://www.nzz.ch/international/unruhen-in-athen-nach-gedenkmarsch-fuer-getoeteten-jugendlichen-ld.1526990 

https://www.bote.ch/nachrichten/international/ausschreitungen-in-athen-nach-gedenkmarsch;art46446,1212962 

http://www.newgreektv.com/english-news/item/30977-buildings-under-occupation-in-athens-targeted-by-authorities

Exarchia: Greek riot police strips demonstrators off, humiliates them

Von 2008:

https://medium.com/athenslivegr/december-2008-the-month-when-greeces-divided-past-returned-in-full-force-837df0963fcb 

Etwas über Exarchia:

https://www.theguardian.com/cities/2019/aug/26/athens-police-poised-to-evict-refugees-from-squatted-housing-projects 

 

XOXO Amelie

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