die chicago boys in chile

„Wir sind im Krieg mit einem mächtigen Feind“,

sagte Piñera im Oktober vergangenen Jahres. Mit dieser Aussage meinte der Präsident die Millionen Chilenen, die überwiegend friedlich gegen das Regime protestieren. Bis weit in diverse Nebenstraßen stehen, trommeln, singen und tanzen sie. Einige sieht man mit der Fahne von Chile, andere mit der Flagge der Mapuche, des größten indigenen Volks in Chile, in der Hand.

Zunächst wunderte mich, dass gerade dort, wo in Lateinamerika so ein großer Wohlstand herrscht, die politische Unruhe auf der extremen Seite des Spektrums ist. Anfang Januar, als ich eine Gruppe von Schülern zusammen mit anderen Freiwilligen bei einem Surfcamp in Chile begleiten durfte, erlebte ich diese hautnah. Ich schlenderte durch die Straßen von Santiago und sah beinahe überall politische Graffitis mit unterschiedlichen Andeutungen, spürte das Tränengas in der Luft und begegnete sogar Panzer, die seit dem Ende der Militärdiktatur von 1990 zum ersten Mal wieder auf den Straßen rollen.

Angefangen hat all dies mit einer Preiserhöhung auf U-Bahn-Tickets um 30 Pesos. Da stellt man sich schnell die Frage, wie eine Erhöhung von umgerechnet vier Cent solche Massen-Demos auslösen können. Sobald man sich mit Chilenen vor Ort unterhält, bemerkt man, dass diese Demonstrationen noch andere, viel tiefgreifendere Gründe haben.

Es geht prinzipiell um die vorherrschende ökonomische Ungleichheit. Laut der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und der Karibik ist die Ungleichheit so groß wie fast in keinem Land auf der Welt. Das reichste 1% der Bevölkerung besitzt mehr als ein Viertel des nationalen Vermögens. Der Hälfte aller Chilenen gehören dagegen etwa 2,1 Prozent des Vermögens. Wenn dann die U-Bahn- und zusätzlich auch Strompreise steigen, kann das für gewisse Teile der Bevölkerung zu einem großen Problem werden. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Hälfte aller Chilenen nicht mehr als 400.000 Pesos (ca. 500 Euro) im Monat verdienen und die Lebensmittel in den Supermärkten etwa so viel wie in Europa kosten, kann man die Frustration schnell nachvollziehen. 

„Wir wollen einfach ein gerechteres Land, mit Chancen für alle“, sagte eine Protestierende. „Meine Tochter hat studiert. Und jetzt ist sie auf die nächsten 20 Jahre verschuldet.“

Ein Studium in Chile kostet des Weiteren pro Jahr um die 5000 Euro und Stipendien gibt es kaum. So kommt es dazu, dass sich nur die oberen Schichten einen höheren Bildungsabschluss leisten können und somit die neue Oberschicht bilden. Aufgrund dieser geringen sozialen Mobilität sind die  gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten also stark begrenzt.

„Und manche müssen mit winzigen Renten leben, die Mindestrente hier in Chile liegt knapp über 100 Dollar. Was soll man damit machen?“ 

Das Rentensystem in Chile basiert auf Anleihen, also Wertpapieren. Deren Wert schwankt relativ häufig, was dazu führt, dass die Rente kein konstanter Faktor ist. Sobald der Kurs sinkt, bekommt man eben weniger Rente. Dazu kommt, dass es keine gesetzliche Krankenversicherung gibt, sodass finanzielle Schwierigkeiten schnell zu gesundheitlichen Problemen werden können.

All diese Strukturen lassen sich Zurückführen auf die Handlungen des ehemaligen Diktators Augusto José Ramón Pinochet und den sogenannten Chicago Boys. Sie waren eine Gruppe chilenischer Wirtschaftswissenschaftler, die in den 50er und 60er Jahren in Chicago oder in anderen Großstädten in den USA studiert haben. Wenn man das im Hinterkopf hat, ist deren Idealvorstellung von der Wirtschaft leicht zu erraten, da sie von dem der vereinigten Staaten inspiriert ist. Da es zu Beginn der Diktatur eine wirtschaftliche Krise in Chile gab, ließ Pinochet sich von den Chicago Boys beraten. Er öffnete die chilenische Wirtschaft für den Weltmarkt, senkte Zölle und Unternehmenssteuern und schaffte den Mindestlohn, sowie diverse Gewerkschaften ab. Zusätzlich zu diesen liberalisierenden Maßnahmen, wurden viele staatliche Unternehmen privatisiert. Chile erzielte mit diesen Maßnahmen einen wirtschaftlichen Erfolg, der dazu führte, dass Chile zu einem der reichsten Länder Lateinamerikas wurde.Aus diesem Grund wurden viele der Maßnahmen bis heute nicht rückgängig gemacht. Das grundlegende Problem, dass zu den heutigen Unruhen führt ist jedoch, dass die Chicago Boys keine soziale Sicherungssysteme aufgebaut haben und sich somit allein auf die Produzenten- und nicht auf die Konsumentenseite konzentrierten. 

Die Reaktion des momentanen Präsidenten auf die Situation war die Rückgängigmachung der U-Bahn-Preiserhöhungen, eine öffentliche Entschuldigung und eine Ankündigung neuer Gesetze, die beispielsweise einen höheren Mindestlohn und eine bessere Mindestrente sichern sollen. 

„Mein Eindruck ist, dass die Leute keine Ruhe geben werden, bis es konkrete Antworten auf die hier vorgetragenen Forderungen gibt“, meint einer der Protestierenden.

Erkennbar an den immer noch stattfindenden Demonstrationen ist jedoch, dass sich die Bevölkerung noch viel tiefergehende Maßnahmen, im Grunde genommen eine neue demokratische Verfassung, wünscht. Dieses Kapitel der chilenischen Geschichte wird also noch nicht zum Ende gekommen sein.

Wenn euch das Thema interessieren sollte, hier einmal einige meiner Quellen und weitere Links:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/chiles-wutprobe-revolution-im-traenengas.979.de.html?dram:article_id=464496

https://www.deutschlandfunkkultur.de/theatermacher-guillermo-calderon-zur-lage-in-chile-wir.2159.de.html?dram:article_id=469298

https://www.dw.com/de/wieder-krawalle-bei-studentenprotesten-in-santiago-de-chile/a-52726486

https://www.tagesschau.de/ausland/chile-proteste-121.html

lucrecia martel 2.0?

Lucrecia Martel, geboren am 14. Dezember 1966, ist eine der bekanntesten und bedeutendsten argentinischen Filmregisseurinnen und dirigierte unter anderem die Filme „Der Morast“, „Zama“ und „Die Frau ohne Kopf“.  Auf meiner Reise beschloss ich, es ihr gleichzutun und einen Kurzfilm mit kleinen Eindrücken, die ich an den verschiedenen Orten einfangen konnte, zu erstellen!? Und, nun ja, das hier ist dabei rausgekommen:

Besos,

Sofi ?

irgendwo, wo im winter die sonne scheint

Dass ich mich diesen Monat an den Laptop setzen werde, um ein wenig über all das zu reflektieren, was in der letzten Zeit passiert ist, hätte ich nicht gedacht! Es ist eben ständig irgendetwas dazwischengekommen, wie z.B. die Ankunft des Pakets meiner Eltern (nach 6 Monaten!), der lang ersehnte Umzug ins Zentrum, die Uni-Bewerbung und, achja, meine unfassbar ereignisreiche Reise! 🙂

Oft habe ich darüber nachgedacht, in welcher Form ich meine Eindrücke gesammelt und geordnet wiedergeben könnte, doch kam mir nicht einmal nach einer kleinen Skizzierung der Geschehnisse eine gescheite Idee. Ich könnte ganz plump von den Orten erzählen, die ich gesehen habe, aber das könnte sehr schnell sehr eintönig werden. Oder ein paar Seiten aus meinem Artbook hochladen, wo ich ab und zu während der Reise ein paar Gedanken festgehalten habe. Diese sind dann aber vermutlich doch zu wirr und durcheinander, dass man die ohne eine Erklärung dann doch nicht verstehen könnte.

Nach ein paar Überlegungen bin ich also auf die Idee gekommen, mich in die Inhalte, die mich auf der Reise an den verschiedenen Orten beschäftigt und verwundert haben und über die ich danach recht häufig gestolpert bin, reinzulesen und dann eine Zusammenfassung der Erkenntnisse zu schreiben. So kann ich sowohl meine Erfahrungen vor Ort, als auch ein wenig Hintergrundwissen in einen Topf schmeißen und hoffen, dass ein sinnvoller Text dabei rauskommt!

Übersichtshalber hier aber einmal ein chronologischer Überblick:

03.10. – 11.01.20 Surfcamp in Santiago de Chile, Matanzas und Pichilemu

12.01. – 14.01.20 Iguazú

15.01. – 20.01.20 Curitiba

21.01. – 28.01.20 Rio de Janeiro

29.01. – 31.01.20 Cusco und Aguas Calientes

01.02. – 02.02.20 Puno

03.02. – 05.02.20 Coroico

06.02. – 10.02.20 Rurrenabaque y La Pampa

11.02                    La Paz

12.02. – 13.02.20 Uyuni

13.02. – 16.02.20 Salar de Uyuni, San Pedro de Atacama

Und damit diese Übersicht auch im großen Bild und im Zusammenhang meines Blogs Sinn ergibt, werde ich die Themen in der ortsspezifischen Chronologie hochladen! 🙂

Ich hoffe, dass euch das Format gefallen wird y nos vemos pronto!

Con cariño,

Sofi ☀️

das zwischenseminar und alles drum herum

Vorfreude: Eine Emotion, die durch die Erwartung eines künftigen, positiven Ereignisses gekennzeichnet ist. Sie wird durch das Eintreffen dieses Ereignisses beendet. Die Vorfreude geht sowohl semantisch als auch zeitlich der Freude voran. Ein Begriff, der zunächst kindliche Erinnerungen, beispielsweise diverser familiärer Festlichkeiten, wecken könnte. Doch was ich Anfang November erlebt habe, fühlte sich dann doch ein wenig anders an. Denn zu diesem Zeitpunkt lag das Zwischenseminar, mein Saltatrip und das Wochenende in Rosario noch vor mir. Und anders, als bei dem zuvor genannten Beispiel, ging es nicht um Familiäres und auch nicht um unkompliziertes Teilnehmen, sondern eben auch um die eigene Organisation. Eine erwachsene Vorfreude also?
In der letzten Zeit reflektiere ich häufiger über das Erwachsenwerden und über zukünftige Pläne und um ehrlich zu sein, würde ich hierbei den Begriff „Vorfreude“ nur bedingt verwenden, da all die Gedanken häufig überwältigend auf mich wirken und dazu führen, dass ich gedanklich vollkommen abdrifte. (Und ob abdriften, was ja schon mit dem Gedanken der Fortbewegung zusammenhängt, das richtige Wort dafür ist?)
Es gibt einfach zu viel, was beschlossen werden muss und wenn ich daran denke, wie viel vor allem meine bevorstehenden Entscheidungen in meinem Leben prädeterminieren werden, scheint es so, als ob die Zeit still stehen und das gesamte Universum einfach nur auf meinen nächsten Schritt warten würde, um mein Schicksal zu justieren. Und in genau solchen Momenten bin ich überglücklich, dass ich einige dieser Entscheidungen zumindest für ein Jahr aufschieben konnte.
Gott sei Dank zog sich die Zeit bis zum Seminar (18.11.19) nicht allzu sehr, sodass ich dann wenigstens für diese Tage durch Freunde und Mitfreiwillige wieder zurück in die Realität geleitet wurde.
Aus diesem Grund denke ich, dass ich von den lang ersehnten persönlichen Begegnungen mehr mitnehmen werde, als von den theoretischen Einheiten, bei denen hauptsächlich Thematiken vom Vorbereitungsseminar wiederholt, aber leider nicht weitergeführt wurden. Des weiteren kam es sowieso eher in der Freizeit zu Besprechungen von persönlichen Erlebnissen, da diese eben in einem fluiden Kontext viel natürlicher scheinen. Hier war es besonders beruhigend zu sehen, dass jede einzelne Person, auch wenn die Erfahrungen und das Umfeld komplett unterschiedlich sind, dann doch ähnliche Dinge fühlen und denken.  Aber nicht nur der Austausch, der zwischen den Freiwilligen stattfand, wird mir in Erinnerung bleiben. Ich durfte nämlich, gemeinsam mit einem weiteren Freiwilligen, über die argentinische Realität mit unseren Gastgebern quatschen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie offen über eigene Erlebnisse und vor allem Lieblingsbücher erzählten, faszinierte mich sehr. Und nachdem wir unsere E-Mail-Adressen ausgetauscht hatten, erhielt ich quasi direkt die ersten E-Mails mit Links zu den Büchern, Gedanken über die Auswirkung eines gelungenen Buches und zu meiner Überraschung auch ein von der Familie erstelltes Buch mit Rezepten und Briefen zum Anlass des Geburtstages eines Familienmitgliedes. Logischerweise war ich, nachdem die E-Mail ankam, total überwältigt und sprachlos. Nach einigen Überlegungen kam ich dann aber gemeinsam mit einigen anderen Freiwilligen zu dem Schluss, dass wir diese Familie an Weihnachten besuchen müssen!
Eine theoretische Einheit, die ich aber besonders interessant fand, war der Ausflug nach La Perla und der Vortrag, den wir dort hören durften. Über die Militärdiktatur (1976-1983) wusste ich bereits einige Eckdaten, da wir diese in unserer Homezone bereits besprochen haben. Aber vor Ort zu sein und die Menschen, die hinter all diesen Zahlen stehen und denen ihre gesamte Existenz, sowohl körperlich als auch mental, gestohlen wurde, auf Bildern neben Briefen von Verwandten zu sehen, war dann doch ein anderes Erlebnis. Die Tatsache, dass alle Freiwilligen um mich herum genauso still wurden und viel sensibler miteinander umgingen, bestätigte nur meine Vermutung, dass ich wohl nicht die einzige war, die dieses Erlebnis als besonders intensiv einstufte.
Nach dem Zwischenseminar telefonierte ich dann noch mir ein paar Freunden aus Deutschland und erzählte ihnen von genau diesem Ausflug. Und als mir auffiel, dass keiner so richtig was darüber wusste, hatte ich die Idee zumindest hier die Militärdiktatur und ihre Auswirkungen ein wenig zu erläutern:
Die Militärdiktatur begann am 24. März 1976, als eine Gruppe von Militärs, unter der Führung des Generals Jorge Rafael Videla, die damalige Präsidentin Isabel Martinez de Perón verhaftete. Zunächst war die Bevölkerung zuversichtlich, denn sowohl die politische als auch die wirtschaftliche Lage, ließen keine weiteren Hoffnungen zu. Es herrschte politische Gewalt, Terror linker Guerillatruppen und regierungsnaher Paramilitärs und eine marode wirtschaftliche Lage. So erhoffte man sich von der Regierungsübernahme eine Besserung des alltäglichen Lebens.
Diese Hoffnung wurde aber bald enttäuscht, da die Militärjunta ein System der totalen Kontrolle und Überwachung errichtete und den sogenannten „schmutzigen Krieg“ begann. So wurden dann systematisch alle Gegner des Regimes verfolgt und monate-  und teilweise sogar jahrelang ohne Prozess festgehalten, gefoltert und ermordet. Die Leichen der Opfer wurden anschließend an geheimen Orten in Massengräbern untergebracht oder von Flugzeugen aus in den Rio de la Plata geworfen.
Da die Familien teilweise bis heute nicht wissen, was mit ihren Familienmitgliedern geschehen ist, spricht man bei den Opfern von den „desaparecidos“, den Verschwundenen.
Bis heute gehen zahlreiche Menschen auf die Straße und kämpfen für irgendeine Form der Aufklärung und Wiedergutmachung. Laut einigen Argentiniern, mit denen ich bisher gesprochen habe, leider erfolglos. Zusammengefasst war mein November also voller „Ups and Downs“, die mich fürs erste vermutlich nicht loslassen werden…
Vielen lieben Dank fürs Lesen! Ich würde mich auf jeden Fall über Kommentare freuen und hoffe, dass die ein oder andere neue Information dabei war!
Con cariño,
Sofi

nirgendwo ist auch ein ort – las salinas de san josé

a.k.a.: Wie das Nichts mir eine Fülle von Erkenntnissen brachte

Als ich vor der Abreise überlegte, welche Erfahrungen ich nicht missen wollen würde, wurde mir schnell klar: desto größer die Diskrepanz zu meiner heimischen Realität, desto besser. Denn das, was ich in Deutschland hinterlassen habe, sollte genau dort bleiben. Das Vorbeirauschen der Autos, das mich täglich in den Schlaf wiegte, der Großstadtdschungel, durch den ich zunächst hin und her irrte, dessen Lichtungen ich jedoch nach und nach entdeckte und und und… So wunderte mich meine Euphorie bei dem Gedanken, einen Ausflug in die Salzwüste Córdobas zu machen, kaum. Denn weniger als Nichts, gibt es eben nicht.

Vor Ort angekommen waren meine Gedanken trotz minimaler Umgebung komplett wirr. Zunächst überkam mich ein Gefühl von Größe. Immerhin gab es weit und breit kein anderes Lebewesen, das mich übertraf (,was bei meiner Körpergröße nicht unbedingt zum Alltag gehört). Nach einer 2 stündigen Wanderung durch die wie eine Schneelandschaft wirkende Salina verging dies jedoch recht schnell. Ich schien wohl die Dimension der Weite komplett aus dem Sinn verbannt zu haben. Wenn es in einer Großstadt immer ums „größer, höher und mehr“ geht, dreht es sich in der Wüste wortwörtlich um Nichts. Nun waren wir bloß 2 Stunden von Córdoba und etwa 15 Minuten vom nächsten Dörfchen entfernt, jedoch erlebte ich hier zum allerersten Mal das Gefühl der absoluten Kleinheit und Einsamkeit. Und nach dem unglaublichen Sonnenuntergang, als die ersten Sterne begannen kleine Gebilde und schließlich eine unendliche Kinoleinwand zu formen, wusste ich, dass ich angekommen war. Angekommen im Nirgendwo, 13.000 km von zu Hause entfernt. Hier bekam ich diese Distanz erst richtig zu spüren. Was hier ein wenig dramatisch oder gar beängstigend klingt, fühlte sich vor Ort wie die absolute Ruhe an. Aufgrund der Leere, die mich umgab, verspürte ich keine Verantwortung, hatte keine Aufgaben oder To-Do-Listen im Kopf und fühlte mich so richtig präsent. Ich kam also ironischer Weise ohne jeglichen Input zu einer friedlichen und stillen Erkenntnis, die meinen weiteren Aufenthalt sicherlich prägen wird. Und für diese Erinnerung bin ich den Sternen unglaublich dankbar.

Ich habe die Wüste immer geliebt. Man setzt sich auf eine Sanddüne. Man sieht nichts. Man hört nichts. Und währenddessen strahlt etwas in der Stille.

– Antoine de Saint-Exupéry

P.S.: Eine Sternschnuppe habe ich sogar auch entdecken können! Ahja und bevor ich diesen Beitrag hier beende, folgen natürlich noch ein paar Fotos von diesem unglaublichen Erlebnis:

Afectuosamente,

Sofi

buenos aires – insert in-Evita-ble pun here

Dass ich bereits nur ein paar Wochen nach meiner Ankunft nach Buenos Aires kommen würde, hätte ich nie gedacht. Natürlich stand es von Anfang an auf meiner Bucket List, denn: Jeder dritte Argentinier, fast 13 Millionen, leben im Großraum der Hauptstadt, davon ca. 3 Millionen Menschen in der eigentlichen Capital Federal Buenos Aires. Da kann man nur neugierig werden und sich die Frage stellen, was so viele Menschen an einen Ort zieht.

Beim Vorbereitungsseminar wurde uns von einer möglichen Einladung der deutsche Botschaft anlässlich der Festlichkeiten des dritten Oktobers erzählt, nur hielt ich dies zunächst für eher unwahrscheinlich. An einem Nachmittag, der anscheinend eine große Welle an Motivation mit sich brachte, beschloss ich dann doch, die Botschaft zu kontaktieren und mein Glück zu versuchen. Schlimmstenfalls erhalte ich eine Absage, dachte ich. Und siehe da: Bereits nach einem Tag erhielt ich eine offizielle Einladung, die ich selbstverständlich der Schulleitung vorzeigte, um den Trip genehmigen lassen zu können. Voller Euphorie wurden dann direkt die Buskarten gebucht, Sitzplätze ausgewählt und und und.

Die Zeit bis zur Abreise verging wie im Flug und bald stand ich, mit diversen Freiwilligen am Telefon, vorm Kleiderschrank, um last minute, ganze zwei Stunden vor Abfahrt, zu packen.  Keine 10 Stunden später befand ich mich um 06:00 am Retiro von Buenos Aires. Und als ich ankam verschlug mir diese unglaubliche Stadt direkt den Atem und ich erinnerte mich ein wenig verwirrt an das, was Jorge Luis Borges einst sagte:

Buenos Aires es horrible de fea. – Jorge Luis Borges

„Buenos Aires ist atemberaubend hässlich.“ Ich las dieses Zitat vermutlich in einem der tausenden Reiseführer und zunächst konnte ich mir ausmalen, was er hiermit andeuten könnte: Die 18.000 Autobusse, 40.000 Taxis, die unzähligen Privatwagen, den Lärm, Krach und die Polarisierung von Arm und Reich, von der recht häufig erzählt wird.

Vor Ort angekommen, konnte ich diese Aussage dann doch nicht richtig nachvollziehen. Allein schon die europäische Architektur, welche fröhlich Elemente aus allen europäischen Ländern, genauso wie die Speisekarten vieler Restaurants, mischt, beeindruckte mich übermäßig. Warum diese Stadt „Paris Südamerikas“ genannt wird, wurde also bereits in den ersten Minuten glasklar. Die darauffolgende kleine Stadttour intensivierte meine Abneigung bezüglich Borges Aussage nur. Als ich am Abend, kurz vorm Theaterbesuch, ein wenig Zeit hatte um mein Handy zu checken, schaute ich direkt nach, ob es eventuell jemanden gab, der sich zu Borges‘ Kommentar kritisch geäußert hatte und tatsächlich wurde ich fündig.

Lo que pasa es que Borges era ciego. – José María Peña

„Fakt ist, dass Borges blind war.“ Zunächst war ich vollkommen von Peñas Zitat überzeugt. Egal in welche Richtung ich mich bewegte, überall wurde ich von unglaublichen Gebäuden empfangen, welche ein Gefühl von geschichtlichem Reichtum ausstrahlen.

Als ich jedoch das Microcentro verließ und mich am ein oder anderen Ort genauer umschaute und ein wenig verirrte, veränderte sich meine Wahrnehmung. Heute lebt im Großraum der Stadt fast jeder dritte unterhalb der Armutsgrenze. Im Stadtzentrum fällt dies kaum auf, jedoch ist die Hauptstadt von einem ständig wachsenden Ring von Siedlungen, welche man hier „villas miserias“ nennt, umgeben. Diese bestehen vorwiegend aus Blech- und Bretterkonstruktionen, welche weder einen Strom- noch einen Wasseranschluss besitzen. Vielleicht meinte Borges ja genau das: die unglaublich starke Polarisierung zwischen Arm und Reich und die bröckelnde Schönheit der Architektur. Und vielleicht war er überhaupt nicht blind, sondern einfach nur besonders aufmerksam. Das ganze stimmte mich dann logischerweise recht nachdenklich und das vor allem, weil ich, als ich dann wieder nach Hause fuhr und das erste Mal die äußeren Gegenden von Córdoba tagsüber sehen konnte, auf ähnliches traf.

Letzten Endes kam ich zu dem Schluss, dass genau diese Ambivalenzen Buenos Aires ausmachen und vermutlich weiterhin die Besucher polarisieren werden. Ich empfinde es aber, trotz Verständnis für alle zwei Seiten, als unglaublich wichtig sich auf beides einzulassen, um so weder ein utopisches noch ein bedrückendes Bild dieser beeindruckenden Stadt zu erhalten. Ich denke, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich wieder zurückkomme. Und dieses mal vielleicht mit einem ganz anderen Blickwinkel.

Con cariño,

Sofia

 

das historische zentrum

Kommt man mit dem Bus in Córdoba an, merkt man recht schnell, dass man sich in der zweitgrößten Stadt Argentiniens befindet. Hochhäuser, dichter Verkehr, Hektik und Lärm. Gelangt man jedoch dann ins Zentrum, vergeht dieses Gefühl unglaublich schnell. Das historische Zentrum ist sehr kompakt und die meisten Monumente gruppieren sich um die Plaza San Martin. Wenn man dann durch die unzähligen Gässchen von Córdoba schlendert, fällt einem zunächst die Inkonsequenz der Architektur auf. Direkt neben prachtvoll verzierten und mit Liebe zum Detail errichteten Gebäuden, welche aus Paris oder Wien stammen könnten, stehen große Asphaltblöcke, die wie abstrahierte Versionen der zuerst genannten Gebäude aussehen. (Ich denke, dass meiner vorherigen Formulierung meine persönliche Vorliebe zu entnehmen ist.) Zu Beginn verwirrte mich dieser Stilmix, mittlerweile denke ich, dass genau das diese Stadt ausmacht!

Nachdem ich mir an einem Sonntag während der Siesta Zeit genommen hatte, um mir einen kleinen Stadtplan im Kopf zusammenzustellen, konnte ich mich voll und ganz auf das historische Zentrum und die geschichtlichen Hintergründe konzentrieren. Am Patio Olmos, meinem Orientierungspunkt, aus dem Bus ausgestiegen, lief ich meine Lieblingsstraße , Obispo Trejo, entlang und gelangte so zur Plaza San Martin, dem Lebensmittelpunkt und Schauplatz diverser Veranstaltungen. Dort befindet sich ein Denkmal des Unabhängigkeitskämpfers, welcher von seinem Ross aus auf den Cabildo und die Kathedrale blickt. Der Cabildo, das aus dem Jahre 1588 stämmige Rathaus, beherbergt heute das städtische historische Museum. Mein Timing war an dem Tag sogar so perfekt, dass ich neben der Ausstellung auch in eine kleine Vorlesung geraten bin, bei der eine Autorin ihr neues Buch vorstellte. Lange blieb ich jedoch nicht, da meine Aufmerksamkeit schnell auf was anderes gelenkt wurde: die Kathedrale. Diese ist, wie eben alles, ebenfalls von der Mischung diverser Architekturstile geprägt: eine romanische Kuppel, aus dem Barock stammende Türme und ein neoklassizistisch gehaltener Portikus. Da ich an diesem Tag recht spät unterwegs war, empfing mich bei meinem Besuch dieser Kirche ein Chorkonzert, welches natürlich zu einem noch überwältigenden ersten Eindruck führte! (Am liebsten würde ich hier einen Ausschnitt davon hochladen, jedoch erlaubt mir der Server dies leider nicht…) Zu Abend beschloss ich im Barrio Güemes zu essen, welches mir aber so gut gefiel, dass es einen eigenen Blogeintrag verdient! Allzu viele Fotos habe ich noch nicht machen können, da ich mich noch kaum ganz umschauen konnte. Einen kleinen Schnappschuss der Kathedrale konnte ich jedoch trotzdem machen:

Bueno, adiós y nos vemos beim nächsten Eintrag!

 

 

meine erste woche 16.09-22.09.

Selbst am Ende der ersten Woche scheine ich noch nicht realisiert zu haben, auf welchem Teil der Erde ich mich gerade befinde. In der ersten Woche lebe ich in einer mir allzu gut bekannten Routine und die Wochenenden fühlen sich wie kleine Trips in den nahen Süden an. Nur ab und zu, wenn ich mir eben Zeit nehme, um die Tage zu rekapitulieren und mir mein Glück vor Augen führe, überkommt mich ein Gefühl von Surrealismus (das klingt unglaublich dramatisch, disculpame). Manchmal erwische ich mich sogar dabei, meine neuen Eindrücke und Erfahrungen in die Träumeabteilung meines Bewusstseins zu ordnen. Das mag wohl daran liegen, dass alles, was ich bisher kennenlernen und erkunden durfte einer Form von Perfektion gleicht.

Die Offenheit der Lehrer und Schüler, die herzlichen Einladungen zu diversen Aktivitäten, wie Wandern in den malerischen Sierras und kleine Ausflüge nach nah gelegene Dörfer und und und. All diese Dinge führten recht schnell dazu, dass das tägliche Aufstehen um 6:00, um die Heizung anzumachen (, da wir momentan „Winter“ haben), zu einer einfach zu bewältigenden Aufgabe wurde. Die Frage, ob das aber an meinem Tatendrang und Enthusiasmus oder an meinem Jetlag liegt, konnte ich bisher noch nicht klären.

Einen Kulturschock, soweit man eben davon sprechen kann, hatte ich bisher noch nicht. Die Begrüßung und der normale Körperabstand sind zwar anders, Busse Halten nur dann, wenn man wie wild winkt, aber alles in allem gewöhnt man sich recht schnell an diese Unterschiede. Das, was aber noch ein wenig mehr Zeit benötigt, ist die Aneignung der anderen Sprechweise. In der Schule hatte ich zwar ein paar Jahre lang Spanisch, aber eben nur Castellano. Und nachdem mir erklärt wurde, dass hier sogar jede Stadt einen stark ausgeprägten Slang hat, denke ich, dass es dann doch fair ist, mir noch ein wenig Zeit zu lassen!

Bueno, genug von all diesem theoretischen Krams und auf zu dem obligatorischen Tourifoto!

meine kleine bucket list

Bevor es mit den medizinischen Vorbereitungen losgehen konnte, musste ich natürlich erst einmal überlegen, welche Reiseziele ich ins Visier nehmen möchte. Bei so einem vielfältigen Angebot war es ziemlich schwierig zu überlegen, was meine Prioritäten sind und was überhaupt realisierbar scheint! Nach ein paar Stunden vor dem Laptop habe ich mich auf 8 große Ziele festgelegt:

Machu Picchu in Peru, Rio de Janeiro in Brasilien, Quebrada de Humahuaca (die bunten Berge), Puerto Iguazú (Wasserfälle), Santiago de Chile, Buenos Aires und El Calafate (Nationalpark Los Glaciares).

Um die Distanzen zu visualisieren, habe ich des weiteren Córdoba, meinen Wohnsitz für das Jahr, markiert.

Ich freue mich schon darauf herauszufinden, welche Ziele ich erreichen werde und welche Orte es spontan auf meine Bucket List schaffen!

Achja und falls ihr irgendwelche Tipps und Orte habt, die man eurer Meinung nach gesehen haben muss, würde ich mich über einen Kommentar freuen!

Bevor es mit den medizinischen Vorbereitungen losgehen konnte, musste ich natürlich erst einmal überlegen, welche Reiseziele ich ins Visier nehmen möchte. Bei so einem vielfältigen Angebot war es ziemlich schwierig zu überlegen, was meine Prioritäten...