32 – dunkle Tannen, grüne Wiesen im Sonnenschein, Heidi ….

წამო მთაში! „Ab in die Berge!“ ruft die Wand mir gegenüber, wenn ich auf die Metro warte, schon seit Wochen. Also nehmen wir mal wieder den Midnighttrain, aber diesmal nicht nach Yerevan, sondern nach Sugdidi!

Als wir nach mehr als 8 Stunden, morgens um kurz vor sechs, am Hauptbahnhof aussteigen, sammelt uns gleich eine Marshrutka auf.  Unsere Rucksäcke kommen in den Genuss, oben auf dem Dach festgeschnallt, fahren zu dürfen. – Lieber Gott, jetzt darf es bloß nicht regnen oder stürmen! – Ich bin zwischen einem russischen Pärchen, die ihr Gepäck aus irgendeinem Grund mit rein genommen haben, ihrem großen Picknickkorb und ihrem gelangweilten, Mangas-lesenden Sprössling eingequetscht.

Schnell tauchen vor dem Fenster die ersten Berge auf und werden größer, das Wetter ist richtig gut, nichts von dem Regen zu sehen, den die Wetterapp für die nächsten 5 Tage voraus gesagt hatte. Grüne Wiesen im Sonnenschein! Wir erreichen Mestia, die größte Stadt in der Bergregion Swanetis.

Unser Gasthaus ist wirklich schön, weiß verputzte Wände und glänzende Butzenfenster in der Sonne. Die drei älteren Damen nehmen uns herzlich in Empfang. Die Wanderschuhe werden vor der Tür ausgezogen! Unser Zimmer ist oben unter dem Dach, mit Dachschräge, kleinen Fenstern, wunderbar weichen Betten und Büchern und persönlichen Gegenständen der Besitzerinnen in Regalen und Schrank.

Wir führen uns auf, wie die wild gewordenen Fohlen zum erste mal auf der Weide und müssen erst mal den nächsten Blumenwiesen-Abhang hinauf, über Kuh und Pferdeweiden und uns in die Wiese legen. Wir entdecken die Swanentürme, Ferkelchen und einen Stalinkopf. Außerdem holen wir uns einen Sonnenbrand, keine hat mit so guten Wetter gerechnet!

Am Abend wird es doch noch kühl, regnerisch und die Wolken ziehen sich tief über die Berge. Wir sind so erschöpft und hungrig, dass wir gleich im ersten Restaurant am Marktplatz das Swanetische Chatschapuri bestellen müssen. Zufällig findet genau an dem Abend ein Tanzfestival für Kindertanzgruppen statt, aus dem Gäste aus vielen umliegenden Orten und Regionen gekommen sind. Ein Herr (der Bürgermeister?) führt enthusiastisch durchs Programm und befeuert die Stimmung im Publikum, die durch den stetigen Nieselregen etwas gedämpft ist.

Gleich am nächsten Tag fährt ein Taxi uns und ein paar andere Besucher nach Ushguli, das Dorf gilt als eines der höchsten, durchgängig besiedelten Gebiete in Europa. Leider haben wir auf der Fahrt einen technischen Fehler … aber zum Glück kann uns ein anderes Auto mitnehmen. Es gibt einen Stopp am Turm der Liebenden und von überall eine unglaubliche Aussicht.

 

Irgendwie sind wir schon wieder zu müde ein anderes Restaurant auszuprobieren… und unser Stammlokal hat einen Fernseher und zeigt die Fußball-WM! Das war hier übrigens kein großes Thema, in Tbilissi hatte ich wenig Aufregung oder Vorfreude deswegen mit bekommen, okay vielleicht, weil sich Georgien nicht qualifiziert hat. Nur, nachdem Deutschland rausgeflogen war, bekam ich ein paar Mal das schadenfrohe Gewitzel eines Taxifahrers, nachdem ich ihm verraten hatte, wo ich herkomme.

Am nächsten Morgen wagen wir uns auf eigene Faust los. Ich soll meinen ersten Gletscher sehen. Leider geht die Straße zuerst ziemlich lange über eine Schotterpiste mit Baustelle links und rechts. Immer wieder halten Autos neben uns an und bieten uns an, mitzufahren. Irgendwie will niemand verstehen, dass wir hier zum Spaß herum hatschen. Aber irgendwann erreichen wir eine Hängebrücke und danach führt der Weg durch wirklich dichten Wald, wie ich ihn seit Deutschland nicht mehr gesehen habe. Das letzte Stück bis zum Gletscher wird ein furchtbares Gekraxel über ein Felsenmeer. Zurück lassen wir uns das letzte Stück dann doch gerne mitnehmen…

Am nächsten Tag gönnen wir unseren armen Füße eine Pause und fahren mit der Seilbahn bis über die Wolkendecke. Die Aussicht während der Fahrt ist atemberaubend, genauso die unangekündigten Pausen deren Grund unersichtlich bleibt… während denen man* leise in der Luft schaukelt.

Unsere Wanderung fällt leider kürzer aus, denn es gibt oben weder Markierungen noch Wegweiser, dafür aber immer wieder Wolken vorm Himmel, Grummeln und vereinzelte Regenschauer. Mehr als mit Laufen habe ich den Tag mit Regenjacke aus- und wieder einpacken verbracht. Deswegen versuchen wir einfach bergab zu laufen, der Seilbahn folgend. Ab der Mittelstation steigen wir wieder zu.

Vor dem Abendessen schließt uns eine Russische Lady das Swanische Hausmuseum auf.

Tags daurauf sind wir wieder fit und machen und im Frühtau zu Berge, einen senkrecht steilen Weg den Hausberge hoch, von den Dorfhunden umzingelt, die ab und zu auf die freilaufenden Kühe losgehen. Vaime!

Die hochgelobten Seen oben auf dem Berg treiben mich in den Wahnsinn, weil sie einfach nicht vor uns auftauchen wollen. Die Baumgrenze haben wir längst überschritten, irgendwann sehen wir Kühe im ersten Schneeflecken herumstaksen, dann ist es immer noch ein Stück und dann sind die auch noch zugefroren…

Aber wer gedacht hat, das Schlimmste wäre überstanden, Pustekuchen! Auf dem Rückweg nehmen wir eine falsche Abzweigung, auch hier ist es mit der Beschilderung nicht weit her, und plötzlich geht die Straße nicht mehr einfach nach unten, wo wir Mestia schon sehen können, sondern schlängelt sich weiter und weiter, eher in die Richtung, die wir zum Gletscher eingeschlagen hatten. Endlich unten auf der großen Straße angekommen, ungefähr auf Höhe des Flughafens, der ist ziemlich außerhalb der Stadt, findet sich plötzlich überhaupt kein Auto mehr, was uns mitnehmen möchte…

Wir haben es heil zurück geschafft, aber für den nächsten Tag beschlossen die Stunden bis zur Abreise mit Dösen im Garten zu verbringen.

 

Wir wollen wieder den Nachtzug ab Sugdidi nehmen, also stehen uns zuerst wieder einige Stunden in der Marshrutka bevor. Als zwei Deutsche Mädels allein auf Reisen, die ein bisschen Georgisch können und von sich behaupten keine Touristen zu sein, sondern in Tbilissi an einer Schule zu arbeiten, sind wir wohl bekannt, wie der bunte Hund. Schon beim Einsteigen höre ich wie sich die Fahrer über uns unterhalten. Der eine bemerkt meinen Blick und fragt grinsend ob ich verstehe was sie sagen. Sie blödeln ein bisschen mit uns und die allgemeine Meinung ist, wir seien „good Girls“ .

Auf der Fahrt bekommen wir einen Kaffee ausgegeben und zurück in Sugdidi sieht es so aus, als wäre es unseren Fahrern gar nicht recht, dass die zwei Kleinen alleine in der einbrechenden Dunkelheit am Bahnhof der Stadt, noch ein paar Stunden auf den Zug warten wollen. Sie bestehen darauf uns Gesellschaft zu leisten, sie müssen erst morgen früh die Ankommenden wieder nach  Mestia fahren und fragen besorgt ob wir denn wenigstens in Tbilissi bei Freunden wohnen würden.

Wir vertreiben uns die Zeit damit ein uns ein paar Worte Worte Swanisch vorsagen zu lassen -vergeblich, ich kann mich an nichts erinnern- was weniger wie ein Dialekt des Hochgeorgischen ist, mehr wie eine eigene Sprache. Auf Beobachter hätten wir bestimmt seltsam gewirkt. Zwei junge Europäerinnen mit dicken Rucksäcken und eine Gruppen mittelalter Georgischer Marshrutkafahrer und ihre Matshrutka gegenüber vom Bahnhof. Aber die hatten sich einfach Sorgen gemacht, wir waren sehr gerührt! Der Zug stand schon ein bisschen früher auf dem Gleis und irgendwann durften wir dann schon mal dahin gehen, haben uns bedankt und verabschiedet.

Als der Nachtzug endlich anfährt will der Schaffner nicht wie sonst mit dem Bettzeug herausrücken… „Hättet ihr diesmal mit den Tickets bestellen müssen“ .

 

Was ich gestern raus gefunden habe: unser Stamm-Obsthändler in Tbilissi kommt aus der Nähe von Mestia!

 

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