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Pune im Ausnahmezustand. Oder: Palkhi.

Dieses Wort hat diese Woche die Runde gemacht. Es wurde an jeder Ecke warnend-beteuernd hervorgebracht. Geh bloß nicht vor die Tür. Oder: Nimm die Kamera mit! Am Ende wurde im Institut beschlossen, einen „casual day“ off zu nehmen. Das hat ja sonst keinen Sinn… Palkhi?

Palkhi am Mulha River

Palkhi. Ein Ritual, das in 1000-jähriger Tradition Maharashtras (dem Bundesstaat Indiens, in dem ich lebe) steht und von den Warkaris während der Hindu-Monate Ashadh (Juni-Juli) und Karthik (November-Dezember) ausgeübt wird. Dabei ziehen die Dindis (einzelne Gruppen der Warkaris) kollektiv singend und tanzend (zwei Schritte vor, einen zurück!) zu der heiligen Stadt Pandharpur. In dieser Woche finden sich die Dindis aus allen Himmelsrichtungen Maharashtras in Pune ein.

„Jul 09 2015 : The Times of India (Pune) – Traffic police announce diversions on palkhi routes for 4 days“ – Pune steht still und ist lauter denn je.

Zurück zum „casual day“ im Institut. Die Entscheidung fiel natürlich auf Kamera. Also raus vor die Tür – alles wie immer -, die Straße runter zur Kreuzung und „Hey!“ zum nächsten Rikshaw-Fahrer. Er sieht mich mit großen Augen und wirft einen beunruhigten Blick auf die Uhr. Mein Ziel: ans andere Ende der Stadt. Während ich mich in meinem Viertel (Kalyani Nagar) ganz sicher wähnte, biegen wir schon in die erste Seitenstraße der riesigen Nagar Road ab und eiern im Zickzack durch enge Gassen eines mir zuvor völlig unbekannten Viertels. Einen riesigen Umweg später landen wir an der Brücke, zu der ich üblicherweise mit dem Fahrrad nicht mal zehn Minuten brauche. Und hier erhasche ich erste Palkhi-Bilder. Palki

Der Umzug beginnt – direkt vor meiner Haustür. Es ist bunt, es ist laut, es ist voll. Und irgendwie amüsieren wir uns, die üblichen Verkehrsteilnehmer, angesichts der Ausweglosigkeit unseres Vor- habens. Fotografieren gestaltet sich schwierig. Zu sehen sind meistens nur andere Autotüren oder bestimmt gestikulierende Polizisten. Alle paar 100 Meter tauschen die Roller- fahrerInnen den neusten Klatsch über die nächste Kreuzung aus, in welche Richtung man am besten abbiegen sollte. Nach knapp zwei Stunden verlassen wir das Ameisennest und ich komme in der idyllischen Society meiner Hindi-Lehrerin an. Den Rückweg aus dieser Oase mit bestem indischen Essen, vielen neuen Vokabeln, Imperativ-Formen und Schmusekatzen habe ich bis jetzt noch nicht verarbeitet. Mein Handy hat auf dem Weg seinen Geist aufgegeben und ich konnte mich – spät abends nicht mal auf halber Strecke nach Hause – bei einer Freundin retten. Gastfreundschaft ist ein Segen. Vor allem wenn Ausnahmezustände die Regel sind.

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