Impending doom

Die Geschichte ist im Rahmen des Vorbereitungsseminars entstanden. Zwei Orte, an denen unsere Menschheitsgeschichte maßgeblich beeinflusst wurde, kommen darin vor – die nachgebauten Kolumbusschiffe in Huelva und das Vernichtungslager in Auschwitz. 

Impending doom

Huelva, 2019

Der Orangenduft weht zu uns herüber. Im Bus ist es warm, die Klimaanlage ist kaputt, oder vielleicht wurde sie gar nicht erst eingebaut. Wir rollen immer weiter weg von der Stadt, vom Duft der Orangen hin zum Meer. Lila Blüten säumen die vom gleißenden Sonnenlicht beschienene Straße. Die Maste der Schiffe tauchen in der Ferne auf, ich stelle mir vor, wie sie es damals für die Ureinwohner taten – impending doom, drohendes Schicksal, nicht abwendbar, Ausgang unbekannt. Wir kommen an, ich bin enttäuscht. Das sind die Schiffe, mit denen unser Globus gesprengt, unsere Weltgeschichte einmal ausradiert und neu geschrieben wurde? Sie wirken klein und seltsam leblos, wie die ausgestopften Tiere in der letzten Etage des Naturkundemuseums. Ich fühle mich sehr weiß, der Sonnenbrand kriecht meine Arme hoch. Die Bedeutung, die dieser Ort für uns Menschen hat, will sich einfach nicht in meinem Unterbewusstsein niederlassen. Millionen Menschen, deren Leben an den Folgen der Reise dieser Schiffe zerschellt ist wie wie die Wellen am Bug des Flaggschiffs lassen mich kalt. Mir ist heiß, „Wann fahren wir ans Meer?“, frage ich.

Auschwitz, 2019

Wie immer habe ich mich zu dünn für die kalten Temperaturen angezogen, die Kälte kriecht meine Arme hoch. Doch in mir brodelt es, meine Gedanken überschlagen sich. Mit gesenktem Kopf laufe ich am Maschendrahtzaun entlang. Das Schuldgefühl klebt an mir wie der nasse Sand unter meinen Füßen, verlangsamt meine Schritte, lässt mich schließlich stehen bleiben. Ich hebe meinen Kopf und gucke zum Himmel, er ist grau, ein paar einsame Vögel ziehen ihre Runden in der Ferne, als würden sogar sie die bedrückende Stille meiden, die innerhalb des Zaunes herrscht. Später sitzen wir im Bus, ich zittere immer noch, niemand redet. Irgendwann fragt jemand, was wir heute Abend machen wollen, er oder sie erntet leere Blicke. Keiner weiß, wie man sich jetzt verhält, wie man damit umgeht. Im Bus sitzen nur weiße Menschen, wir alle werden in ein paar Tagen zurück in unsere deutschen Häuser fahren und uns in ein paar Jahren nur noch an Momente dieser Reise erinnern können.

„Wie konnten Menschen so etwas geschehen lassen?“, frage ich.

„Die Frage ist doch“, sagt jemand, „wie Menschen sich so etwas ausdenken konnten“.

 

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