Dobar dan, ja sam Jana. Kako ste?

Wie unschwer zu erkennen ist (oder vielleicht auch schwer), hatte ich nun auch meinen ersten Sprachunterricht. Den bekomme ich von Artan, einem Kollegen in der Grundschule. Wir verabredeten uns in der Mittagspause in der Schule. Für mich ein enormer Service, mussten meine Vorgänger doch jeweils unseren Berg, Meterizi, ganz runter, und den anderen Berg, Pinjesh, ganz hoch wandern, um zu den geheimen Schätzen der montenegrinischen Sprache vorzudringen. Ich hatte es also schön bequem. Gut, dann konnte es ja losgehen. Zuerst das Alphabet. Grundsätzlich dasselbe wie in Deutschland, mit einigen zusätzlichen Buchstaben. Ich brauche sie nicht alle aufzuzählen, denn für meine deutschen Ohren klangen sie ALLE GLEICH! Irgendwas zwischen tsch und tj… Als ich kurz vorm Verzweifeln stand, meinte Artan, es wäre ja nicht schlimm, wenn ich sie nicht auseinander halten könnte, die Leute würden mich trotzdem verstehen, es ist dann halt nur falsch. Sehr beruhigend! Jetzt am Wochenende habe ich mal angefangen, meine ersten Vokabeln zu lernen und ein bisschen in die Aussprache reinzukommen, es sieht nicht mehr ganz so düster aus wie am Anfang, vielleicht werden diese Sprache und ich ja doch noch Freunde. Wenn es mal ein bisschen hakt, muss ich einfach immer an Artans Standardspruch denken, meiner Meinung nach die perfekte Mischung zwischen Motivation und Drohung: „Ja, es ist schwer, aber denk dran, Albanisch ist noch schwerer.“ Na dann…

Nachdem ich Kurt am Montag Bericht erstatten musste, wie denn meine Vertretungsstunde gelaufen war, konnte ich beruhigt feststellen, dass ich den fehlenden Laptop nicht einfach nicht gefunden habe, er war tatsächlich nicht da. Kurt hatte ihn zum Seminar mitgenommen und vergessen, dass ich dann ja keinen Film schauen kann. Ich wurde aber zum Ausgleich für meine pädagogischen Qualitäten (haha!!) und meine Flexibilität gelobt. Die Schülern fanden es auch nicht so schrecklich, wie ich zuerst befürchtet hatte und im Rückblick war die Diskussion auch nicht so entsetzlich, wie ich sie im letzten Eintrag unter dem traumatisierenden Eindruck meines ungebetenen Besuchers dargestellt habe. Im Rückblick ist die Debatte nur wieder ein weiteres Indiz für die Toleranz und Offenherzigkeit der Bewohner dieser Stadt. Klar, nicht in Bezug auf Homosexualität, aber ich vermute, dass es einfach noch ein bisschen Zeit braucht, bis man sich auch in diese Richtung öffnet. Die Äußerungen der Schüler hatten mich so mitgenommen, dass ich den gesamten Rest unter den Tisch fallen ließ. Ich musste auch erst reflektieren, was es bedeutet, dass die Schüler z.B. mit dem Begriff Antisemitismus nichts anfangen konnte. Ich erklärte, was das Wort bedeutet und das war ihnen auch klar, aber sie verstanden nicht, warum jemand auf die Idee kommen sollte, Juden zu diskriminieren. Ich erzählte etwas vom 2. Weltkrieg, sie wussten auch, dass Juden in den Konzentrationslagern umgebracht wurden, aber für sie ist das Geschichte, das hat nichts mit ihrem Leben zu tun. Anschließend wurde mir bewusst, dass eigentlich die Schüler mir etwas über Toleranz beibringen sollten. Ich wollte nicht locker lassen und die Schüler aus ihrer Reserve locken. Und so begann ich, von Israel und dem Nah-Ost-Konflikt zu erzählen, weil ich mir eine für mich logische Kausalkette bildete nach dem Motto, das sind ja fast alles Moslems, die müssen da ja eine Meinung zu haben. Ich habe ich immer für relativ frei von Vorurteilen gehalten, jetzt musste ich erkennen, dass ich da noch eine Menge Nachholbedarf habe. Die Schüler verstanden den Grund und das Wesen für Antisemitismus nämlich immer noch nicht und es ist eigentlich die schönste Erkenntnis der Welt, dass ich es ihnen nicht besser erklären konnte. Es gibt einfach keinen Grund und es kommt im Horizont dieser Jugendlichen nicht vor, jemanden wegen seiner Religion oder seiner Herkunft zu diskriminieren. Diesen Freitag durfte ich Kurt, der nach Deutschland musste, wieder vertreten und habe den Film noch gezeigt. Er kam gut an und ich hatte das Gefühl, dass die Schüler gerne nochmal darüber gesprochen hätten, aber es war ausgemacht, dass sie in der Stunde für ihren Test nächste Woche lernen sollten und mir dabei Fragen stellen sollten. Jeder, dessen Schulzeit noch nicht allzu lange zurückliegt, weiß, dass in Vertretungsstunden die wenigsten dazu zu motivieren sind, wirklich zu arbeiten, und so bestand meine Arbeit weniger im Beantworten von grammatikalischen Fragen, als vielmehr darin, Stadt-Land-Fluss spielende oder quatschende Schüler zumindest so ruhig zu halten, dass man sie nicht im ganzen Schulhaus hört, was mir mal mehr, mal weniger gut gelang.

Doch trotz ihrer Lautstärke waren die meisten Schüler immer liebenswürdig, eben nur ein bisschen zu laut. Wenn ich mir vorstelle, man stellt in Deutschland eine Assistentin ohne Lehrerausbildung mit der einzigen Kompetenz, noch lauter schreien zu können als die Schüler, vor eine pubertierende zehnte Klasse, das gäbe wahrscheinlich Mord und Totschlag. Hier war es zwar laut, aber eben nur laut und nicht unverschämt. An dieser Stelle muss ich, um zumindest den Anschein von Ausgewogenheit zu erwecken, jedoch Milica, die Tochter meiner Vermieter zitieren, die mir auf dem Weg zur Schule verriet, dass die Schüler nur im Deutschunterricht so vorbildlich seien. Die deutschen Lehrer hätten eben Autorität. Im Grunde scheint also alles wie in Deutschland zu sein, ich hatte nur Glück mit meinen Kollegen Kurt und Armin!

Dieses Glück weiß ich wirklich zu schätzen, nicht nur in Bezug auf Autorität. Weil Ulcinj eine Kleinstadt mit deutlich dörflichem Charakter ist, eine in sich abgeschlossene Gemeinschaft, empfinde ich es als schwer, Anschluss zu finden. Das ist nicht schlimm, denn ich arbeite relativ viel und habe auch überraschenderweise kaum ein Problem mit Einsamkeit. Ich habe auch so viele Begegnungen zu verarbeiten, die zwar manchmal flüchtig sind, mich aber dennoch so nachhaltig beeindrucken, dass ich froh bin, viel Zeit für mich zu haben. Und doch ist es schön, ab und zu mit jemandem zu reden, der meine Sprache spricht. Und es sind tolle Gespräche, Diskussionen über Gott und die Welt. Hier kann ich noch was lernen und ich hoffe, dass ich nicht total intellektuell verkopft zurückkomme, angesichts des philosophisch hohen Niveaus unserer Diskurse.

Ansonsten bin ich fleißig damit beschäftigt, mich weiter in diese Stadt zu verlieben. Klar habe ich Heimweh, ich war ziemlich neidisch als Kurt jetzt am Wochenende nach Hause gefahren ist, aber ich fühle mich hier auch wohl. Wenn ich in meine Wohnung gehe, gehe ich nach Hause, ich bin stolz, die geheimen Schleichwege der Stadt zu kennen und bin überglücklich, wenn ich Ende Oktober barfuß auf einem Felsen sitze, der von Wellen umspült wird und den man nur erreicht, wenn man durchs flache Meereswasser watet. Auf diesem Felsen sitze ich, höre dem Meer zu und schreibe unsäglich schlechte Gedichte. Ich stecke die Nase in die Sonne, fröstle, wenn die Wellen spritzen und meine Füße nass machen und fühle, dass ich zumindest im Herzen neben der Pfalz einen zweiten kleinen Ort gefunden habe, wo ich einen Anflug von Heimat spüre. Und solange mir nicht wieder Katzen auf den Balkon kotzen oder Mäuse eine Invasion auf meine Wohnung starten (wenn die Mäuse wenigstens orange wären und mit den Augen klappern könnten…), kann ich ganz ruhig auf meinem Balkon sitzen, mit Tee in der Hand und Katze auf dem Schoß, und mich freuen, dass ich hier glücklich bin und trotzdem in Deutschland vieles auf mich wartet, dass es lohnt, Heimweh zu haben. Meine Familie, meine Freunde, mein Saxophon, mein Orchester, meine Bücher, der FCK (wobei, im Moment bin ich ganz froh dass zwischen uns ca. 1.600 km liegen, siehe Derby gestern), einfach die ganze wunderschöne Pfalz!

Mein erster 100%iger Scheißtag

Es war klar, dass es früher oder später passiert! Ein Tag, an dem einfach alles schief geht. Ich bin fast erleichtert, dass so viel Mist an einem Tag abgearbeitet wurde, damit ich möglichst viele Tage komplett genießen kann. Aber von vorne…

Um kurz vor halb 10 sollte die Stunde, die ich geben sollte, beginnen. Das einzige, was heute tatsächlich klappte, war, dass ich nicht verschlafen habe. Ich habe überhaupt eine seltsame Phobie entwickelt. Ich habe solche Panik davor, zu verschlafen, dass ich aus reiner Angst, immer genau fünf Minuten vor meinem Wecker aufwache. Egal zu welcher Uhrzeit. Wenn ich den Wecker dann auf Schlummern stelle, um nochmal eine Viertelstunde zu dösen, schaue ich alle zwei Minuten auf die Uhr, weil ich tiefes Misstrauen gegenüber meinem Handy hege, und immer glaube, dass es mich im Stich lässt. Ich stand also auf und als die ersten Geräusche sich durch meine vom Schlaf verklebten Synapsen im Gehirn vorgearbeitet hatten, wusste ich schon, dass ich eigentlich nicht raus will. Schon wieder Regen, schon wieder Gewitter. Der Tag war mir noch wohlgesonnen, als ich nach draußen trat, die Zuversicht und der Aktionismus schon etwas gedämpft, hörte der Regen auf und ich durfte hoffen, einigermaßen trocken in der Schule anzukommen.

Das klappte auch und ich war sogar so pünktlich, dass ich früher in meinen Klassenraum kam, für den ich jetzt auch endlich einen Schlüssel besitze. Ich dachte: „Prima, dann kann ich schon mal den Film vorbereiten!“ Denkste, mir hatte nämlich keiner verraten, wo der Laptop aufbewahrt wird, wenn keiner im Raum ist. Ich ging einfach mal davon aus, dass er im Schrank ist, aber entweder bin ich vollblind oder es gibt eine geheime Schatzkammer, von der mir noch nicht berichtet wurde. Jetzt war Flexibilität und Spontaneität gefragt, denn die ersten Schüler kamen in die Klasse. Ich musste entscheiden, ob ich das ganze Thema umwerfe und einfach was spiele oder ob wir uns eben ohne Film mit Diskriminierung beschäftigen sollten. Weil mir das Thema einfach zu wichtig ist, machte ich Letzteres. Ich erzählte den Film kurz nach, damit wir trotzdem einen Aufhänger hatten, dann stellte ich einige Fragen zu Rassismus. Es waren sowieso nicht viele Schüler anwesend, und von denen arbeiteten ungefähr vier mit, die Hälfte war kurz vorm Einschlafen und die anderen unterhielten sich so laut, dass ich kurz davor war, sie hochkant rauszuschmeißen. So eine Lehrerausbildung ist glaube ich doch eine ganz nette Sache, wenn man mit sowas klarkommen muss.

Mit den vier Schülern, die mich nicht im Regen stehen ließen, kam dann aber doch eine ganz ansehnliche Diskussion zustande. Ich fragte die Schüler nach anderen Formen von Diskriminierung, außer Rassismus sammelten wir noch Sexismus, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Antiziganismus, Christenverfolgung und Homophobie. Ich fragte immer, ob sie glaubten, dass diese Diskriminierungen noch existieren, wenn ja, wo, ob es das in Ulcinj gibt, wie es sich äußert und wie man es verbessern könnte. Ich war anfangs entzückt von den Ideen, die wirklich nicht schlecht waren. Abbau von Vorurteilen, Integration von Sinti und Roma-Kindern, Bildung und Aufklärung. Doch das letzte Thema, Homophobie, entsetzte mich ehrlich gesagt. Jugendliche, die ich als unbeschreiblich tolerant, aufgeschlossen und offen erlebt hatte, erklärten mir, dass man Homophobie bekämpfen solle, indem man die Schwulen zum Psychiater schickt. Ich kenne diese Position, das gibt es in allen Teilen der Welt, auch in Deutschland, aber es traf mich unvorbereitet, sodass ich nicht so recht wusste, wie ich reagieren sollte. Ich versuchte, den Schülern zu erklären, dass diese Meinung auch homophob ist, aber wirklich überzeugt schienen sie nicht. Ich habe mich von der Freundlichkeit, die hier allgegenwärtig ist, ein wenig blenden lassen und die Situation verklärt. Noch deutlicher wurde es in der zweiten Stunde, in der ich dasselbe nochmal veranstaltete. Die Schüler hier waren noch ambitionierter, fast die ganze Klasse diskutierte mit. Alle Themen waren abgearbeitet, die Homophobie kam wieder zum Schluss. Ich wiederholte den Standpunkt der anderen Klasse. Hier war keiner damit einverstanden. Es war mehr Toleranz vorhanden, das spürte ich, also traute ich mich, einen Schritt weiter zu gehen. Ich fragte, was passieren würde, wenn sie zu ihren Eltern gehen würden, um ihnen zu sagen, dass sie homosexuell sind. Einhellige Meinung: „Sie würden uns totschlagen.“ Das entsetzte mich eigentlich noch mehr als die Intoleranz der anderen Klasse, weil es eine Ausweglosigkeit offenbarte, eine Art Teufelskreis, in dem sich jede Generation, und sei sie noch so ambitioniert, immer wieder verliert. Es bleibt nur die Hoffnung, dass irgendwann jemand den Mut hat, das Bestehende zu ändern.

Während wir so vor uns hin debattierten, tauchte auf einmal vor dem Fester eine junge Frau auf. Sie tat nichts, sie stand einfach nur da, rauchte und beobachtete uns. Es war mir höchst unheimlich, die Schüler kannten sie auch nicht, aber sie kam immer wieder. Irgendwann riss ich das Fenster auf, fragte sie auf Englisch, was sie denn will, sie sagte: „Nichts. Ich kucke nur!“. Unsouverän, wie ich in diesem Augenblick war, sagte ich nur OK und knallte ihr das Fenster vor der Nase zu. Es passierten wirklich seltsame Sachen. Plötzlich kam ein Mädchen mit einem Buch rein. Sie sagte irgendwas auf Albanisch, die Schüler antworteten, dann kam sie mit dem Buch auf mich zu und hielt es mir abwartend unter die Nase. Ich konnte nur verständnislos kucken, bis mir die Schüler liebenswürdigerweise erklärten, ich müsse da jetzt unterschreiben. Ich machte das, immer in der Gefahr, aus Versehen eine Waschmaschine zu kaufen oder ein Mordgeständnis zu unterzeichnen, aber mittlerweile war ich soweit, mich einfach in mein Schicksal zu fügen und zu tun, was man mir sagte. Ich weiß nicht, was ich unterschrieben habe, es ging um irgendein Parlament oder so, ich habe nur gesehen, dass da noch mehr Unterschriften waren, also hatte es wohl nichts mit mir zu tun.
Von dem Teilmisserfolg in meiner ersten Unterrichtserfahrung gefrustet stapfte ich nach Hause. Dort machte ich mir erstmal etwas zu essen, wieder kein Festmahl, dazu war ich einfach zu erschöpft, aber es war zumindest essbar.
Während meine Nudeln köchelten, saß ich draußen auf dem Balkon, ließ die Tür ein wenig offen, um zu lüften, was sich später am Tag als großer Fehler herausstellen sollte.

Ich arbeitete noch ein wenig vor mich hin, schrieb Berichte über das Seminar und den Videoworkshop und wertete die Evaluation des Seminars aus.

Dass der FCK verloren hat, trug nicht gerade zur Aufhellung meiner Stimmung bei. Doch während ich mich noch über den Schiedsrichter und die verpassten Chancen ärgerte, huschte in meinem Augenwinkel das Grauen über meinen Boden hinweg ins Badezimmer. Eine winzige Maus. In meinem Blog berichtete ich schon von meiner Angst vor Ziegen mit Bart, meiner Tackerphobie und oben von meiner neuen Angst vor dem Verschlafen. Erich Kästner sagte mal: „Wer keine Angst hat, hat keine Phantasie.“ Das ist scheinbar mein unfreiwilliges Lebensmotto, aber meine Phantasie reicht definitiv nicht aus, um mir auszumalen, was mir eine solche Maus Schlimmes antun könnte. Es ist eine irrationale Panik, die ich schon immer hatte und die ich auch nicht mehr in den Griff kriegen werde. Das Lüften sollte ich jetzt bitter bereuen.

Kurz und gut, mein Alptraum wurde wahr. Ich sitze alleine in einer Wohnung, keine Mausefalle und kein Papa in Sicht, der sie wegmachen könnte. Ich war auf mich alleine gestellt und musste mich tapfer dem Kampf stellen. Mangels besserer Alternativen blockierte ich mit einem Kochtopf und einem Topfdeckel bewaffnet die Tür zum Bad und versuchte, die Maus zu erspähen. Der Plan war soweit gediehen, als dass die Maus in den Topf rennen sollte, Deckel drauf und raus damit. Was ich nicht einkalkuliert hatte, war, dass die Maus ja nicht blöd ist. Warum sollte sie auch in den Topf rennen? Ich jagte sie ein paar Mal hin und her, sie erkundete meine Dusche von innen und machte mal hinter dem Mülleimer sauber. Irgendwann flutschte sie mir dann durch die Beine und rannte quer durchs Wohnzimmer ins Schlafzimmer und versteckte sich unter meinem Rollkoffer, der in der Ecke steht. Ich öffnete die Tür zum Balkon, immer auf die Gefahr hin, dass noch weitere Mäuse meine Wohnung annektierten, und baute in die eine Richtung eine Blockade, sodass die Maus nach meinen Berechnungen nur zur Tür raus rennen konnte. Unter fast unerträglichen Angstzuständen, stupste ich den Koffer mit dem Fuß an, die Maus stürzte hervor, und verschwand Gott sei Dank durch die Tür nach draußen. Puuuuh, erstmal aufatmen. Der Laden steht jetzt noch offen, aber ich schlafe lieber bei offenem Laden, als die Tür jetzt im Dunkeln nochmal zu öffnen und mich den lebensbedrohlichen Gefahren auszusetzen, die da draußen auf mich lauern. Wo sind eigentlich diese bescheuerten Katzen, wenn man sie mal braucht??? Die Miezis sammeln wahrlich keine Sympathiepunkte bei mir!

Ich hoffe, dass ich aus dieser Jagd als gestärkter Mensch hervorgehe, wenn ich es schaffe, eine Maus aus meiner Wohnung zu kriegen, dann kann ich alles schaffen! Jetzt gehe ich, beseelt von meinen Heldentaten, schlafen, und hoffe, dass ich heute Nacht nicht von einem undefinierbaren Trippeln geweckt werde, und dass ich von etwas Schönerem träume als der Jagd auf winzige Mäuse.

Wie ich mir beim Zahnpasta-Kaufen den Sozialismus wünschte…

Seit über einem Monat bin ich jetzt schon hier in Montenegro. Wahnsinn, wo ist die Zeit geblieben? Es ist doch noch nicht lange her, als ich das Herz voller Ungewissheiten aus dem Taxi stieg und mein neues Zuhause auf Zeit kennenlernte. Mittlerweile hat mich der Alltag zwar wieder, ich bin eine ganze Woche brav in die Schule gegangen, habe im Unterricht gesessen, unzählige Tests korrigiert und Fragen beantwortet, aber so richtig kann ich es irgendwie immer noch nicht fassen. Die Zeitspanne von einem Jahr ist schwer zu begreifen, obwohl ich weiß, dass jetzt ein Zwölftel schon vorbei ist. In einem Monat ist das Zwischenseminar, dann wieder einen Monat später Weihnachten, dann fahre ich nach Hause. Im Februar ist dann der Austausch im Schwarzwald, an Ostern wollen meine Eltern zu Besuch kommen und dann ist es ja schon wieder fast vorbei…
Dass ich jetzt mal eine Woche Alltag hatte, kam mir sehr gelegen, denn so konnte ich mich mal ein bisschen auf das selbstständige Leben konzentrieren. Das ist eine Sache, vor der ich, frisch aus der Schule entflohen, schon ein bisschen Angst hatte. Alles in allem kann man sagen, dass ich es überraschend gut auf die Reihe bekomme. Die Menüs, die ich mir zaubere, sind jetzt zwar nicht 5 Sterne wert, aber verhungern tue ich nicht! Ich bin auch noch nicht im Müll versunken, meine Bude ist ordentlicher als es mein Zimmer in Deutschland je war. Es sind andere Dinge, die mich herausfordern. So zum Beispiel der Zahnpasta-Kauf: So lange ich denken kann, teile ich mir die Zahnpasta mit meiner Mutter. Immer dieselbe Marke, immer dieselbe Sorte. Jetzt stehe ich hier im Supermarkt vor einem Zahnpasta-Regal mit bestimmt zehn Marken mit nochmal jeweils fünf Sorten. Classic, extra fresh, extra white und weitere Besonderheiten, die sich mir nicht erschlossen haben. Dieser Kapitalismus mit seiner Konsumvielfalt überfordert mich! Kann es nicht einfach eine Sorte Zahnpasta geben, die meine Zähne sauber macht? Ich hatte ein ähnliches Problem beim Ketschup kaufen, aber da lasse ich mir ja noch gefallen, dass es scharfen, süßen, mit Barbecue-Geschmack und so weiter gibt… Aber Zahnpasta???
Dieses Problem war nun wirklich nicht vorherzusehen. Ein weiteres Rätsel ergab sich zu Hause. Ich hatte mir saure Gurken gekauft und diese auch ratzeputz weggegessen. Dann war das Glas leer. Und mir fiel auf, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie Gurkenwasser weggekippt habe. Ich habe, solange ich denken kann, das Glas immer leer gegessen und dann irgendwo hingestellt. Wie von Geister-(oder von Mama-)Hand ist es dann verschwunden. Und so stand ich unschlüssig mit dem Glas in der Hand vorm Waschbecken und fragte mich einige Minuten, was man denn mit Gurkenwasser anfangen könnte, entschied dann, als mir nichts einfiel, dass ich eigentlich noch nicht lebensfähig bin, mich das Alleinsein etwas sonderbar macht und kippte todesmutig das Wasser weg. Aber immer noch im Zweifel, ob ich das auch alles richtig mache. Ich stellte fest, dass es Zeit wird, dass der Regen wieder aufhört, damit ich mal wieder Leute zu Gesicht bekomme und nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen muss.
Dann habe ich nämlich zu viel Zeit zum Nachdenken, was gerade so in Deutschland passiert, was meine Freunde so machen, was ich alles verpasse. Und dann schleicht sich das Heimweh ein bisschen ein. Ich weiß, in der Pfalz ist gerade Herbst, die schönste Zeit im Jahr, wenn die Äpfel reif und die Wälder bunt werden. Pilze und Esskastanien sammeln fällt dieses Jahr weg und ich kann meine Nase nicht schon leicht fröstelnd in die goldene Pfälzer Sonne stecken. Ich bin schon froh, dass es ein positives Heimweh ist. Kein Es-ist-so-schrecklich-ich-will-nach-Hause, sondern eher ein Es-ist-wundervoll-aber-zu-Hause-wäre-ich-auch-ganz-gerne. Immerhin habe ich hier eindeutig das bessere Panorama, um dem Himmel beim Gewittern zuzuschauen. Gewitter über dem Meer ist nämlich ein sehr beeindruckendes Phänomen, welches man noch mehr genießen könnte, wenn nicht am nächsten Morgen immer der Strom ausfallen würde. Und wenn man nicht wüsste, dass der Regen noch ein paar Monate anhalten wird.
Doch eben dieser Regen hat mir mal wieder eine tolle Begegnung beschert. Ich lief im Regen den Berg hinunter auf dem Weg zur Schule und das Wetter war wirklich widerlich. Ein Auto kam mir entgegen. Der Fahrer sah mich, wendete auf der viel zu schmalen und viel zu steilen Fahrbahn, fuhr mir hinterher, hielt neben mir und fragte mich, ob er mich irgendwo hin fahren könne, weil es ja regne und ich ja total nass werden würde. Ich lehnte ab, man sollte sich ja trotz allem ein gesundes Misstrauen bewahren, aber die Einstellung der Menschen, mit anderen mitzudenken und aufeinander Acht zu geben, hat mich schon nachhaltig beeindruckt.
Die letzten vier Tage waren wieder mega anstrengend, wir hatten nämlich wieder Gäste, diesmal aus Berane und Tirana, die sich gemeinsam mit den Schülern hier auf ihre DSD2-Prüfung vorbereiteten. Das hieß für mich, dass ich am Samstag arbeiten musste, um Armin bei den Vorbereitungen zu helfen, Sonntag die Schüler begrüßt habe und die letzten drei Tage wieder vollzeit-eingespannt war. Ein bisschen Vorarbeiten für die Zeit, wenn nicht mehr so viel zu tun ist.
Die Vorbereitungen bestanden hauptsächlich im Arbeitsblätter-Sortieren und, Hilfe, Zusammentackern. Seit ich denken kann, hasse ich Tacker. In jedem Test, in jeder Kursarbeit, beschäftigte ich mich immer erst mal 10 Minuten damit, die Tackerklammer aus den Aufgabenblättern zu pulen. Sogar im Abitur nestelte ich daran herum, verletzte mich noch und schrieb fünf Stunden Deutschabitur mit blutendem Finger. Alles wegen meiner Tackerphobie. Doch jetzt bin ich Teil des Systems geworden. In tiefer Trauer habe ich meinen Idealismus begraben und folgte den Anweisungen. Warum kann man die Tacker nicht durch die viel sympathischeren Büroklammern ersetzen? Die machen auch nicht so hässliche Löcher ins Papier! Naja, man muss auch Opfer bringen…
Am Sonntag kamen die Schüler am Nachmittag an, wir begrüßten sie im Hotel und stellten uns vor. Eigentlich sollte schon ein bisschen was geschafft werden, zumindest ein Kennenlernspiel war geplant, aber die Schüler waren nicht zu überreden, ab 18 Uhr war nämlich Fußball angesagt. EM-Qualifikation, Albanien hatte die Chance, sich zum ersten Mal für eine EM-Endrunde zu qualifizieren. Also gaben wir nach und erstellten eine Tippliste, weil Thomas, der Lehrer aus Tirana, für den richtigen Tipp eine Tafel Schokolade versprach. Da ich zwar Fußball liebe, aber weder Kenntnis von der Stärke der albanischen noch der armenischen Mannschaft besitze, ließ ich mich beraten. 2:1 für Albanien wurde mir von einem der Schüler zugeflüstert. Derselbe Schüler, der sich noch lustig gemacht hatte, dass ich Fan von einem deutschen Zweitligaklub bin. Herzlichen Dank auch, der feine Herr Bayern-München-Fan hat mich mit seinem Katastrophentipp um meine Schokolade gebracht. Albanien gewann 3:0, die Laune der Schüler war gerettet und wir konnten spontane Autokorsos und Fanmärsche in den Straßen beobachten. Es ist für unsere verwöhnte deutsche Fußballseele nicht auszumachen, was diese Qualifikation für die Albaner bedeutet. Für meine Freunde zu Hause, es ist in etwa so als würde der FCK nochmal Deutscher Meister werden. Für alle anderen, erinnert euch an das 7:1 gegen Brasilien und verdreifacht dieses Gefühl!
An den drei Tagen wurde wirklich hart gearbeitet. Das übergeordnete Thema war Schule in Deutschland, wir beschäftigten uns mit allem Möglichen: G8/G9, Zentralabitur, Alternativschulen, Inklusion und vieles mehr. Die Schüler diskutierten und stritten viel, ich war beeindruckt, wie meinungsstark ein Großteil der Leute war. Da sie aus zwei verschiedenen Ländern mit zwei unterschiedlichen Sprachen kamen (nur die aus Ulcinj sprechen alle serbisch und albanisch), mussten sie in den Gruppen tatsächlich Deutsch sprechen. Da das jetzt schon Viertklässler (umgerechnet 13.Klässler) waren, also Schüler, die kurz vor ihrem DSD2-Examen stehen, klappte es auch wirklich gut. Für die Schüler waren es, alles in allem, glaube ich sehr bereichernde Tage, aber auch für mich, denn es ist immer erfrischend, Gäste hier zu haben. Das bedeutet, viele neue Begegnungen und interessante Gespräche. Ob mit den Schülern oder in diesem Fall besonders auch mit den betreuenden Lehrern aus Tirana, mit denen sich tolle Gespräche ergaben, die mich wirklich bereichert haben. Insbesondere Thomas, der einen unvergleichlichen Optimismus verbreitet hat, egal, um was es ging. Der mich am ersten Tag fragte, was ich denn mal werden wolle und auf meine Entgegnung, „Vielleicht Lehrerin“, mit einem unfassbar herzlichen „Willkommen im Team“ antwortete. Nicht dieses miesmachende „Mach das bloß nicht“, was ich sonst immer zu hören kriege.
Auch die flüchtigen Begegnungen auf der Straße reißen nicht ab. Doch flüchtig sind sie nur scheinbar, denn ich habe mir vorgenommen, sie mir im Herzen zu bewahren, für schlechte Zeiten. Als ich heute Morgen mit Armin vorm Hotel stand, um die Gäste zu verabschieden, kam ein wirklich sehr alter Mann vorbei. Er sprach Armin auf Serbisch an. Zu meiner Überraschung konnte ich ganz gut verstehen, um was es ging. Er fragte, ob wir Deutsche sind und was wir in Ulcinj machen, Armin erklärte, dass er Deutschlehrer am Gymnasium ist. Dann fragte er, ob ich Armins Tochter bin (kleiner Insider-Scherz am Rande, da mein Vater ebenfalls Armin heißt :D). Das passiert mir nicht zum ersten Mal, ich wurde auch schon einige Male für Kurts Tochter oder zumindest Verwandte gehalten. Trotz aller Aufgeschlossenheit ist Ulcinj noch sehr konservativ. Es ist für viele Menschen, insbesondere die Alten, schlicht nicht vorstellbar, dass ein Mädchen in meinem Alter alleine in ein fremdes Land geht, um dort zu arbeiten. Dahinter steckt in den meisten Fällen aber keine Herabwertung oder Diskriminierung, zumindest empfinde ich das nicht so, es kommt in ihrem Horizont einfach nicht vor. Wenn ich es dann aber erkläre, stoße ich oft auf Offenheit, manchmal sogar auf Begeisterung.
So, jetzt muss ich aber ab ins Bett. Morgen stehe ich zum ersten Mal alleine vor einer Klasse. Kurt ist mit einigen Schülern in Dubrovnik, auch für ein Vorbereitungscamp, diesmal für das DSD1-Examen. Ich vertrete ihn in der ersten (=zehnten) Klasse. Wir schauen einen Kurzfilm, „Schwarzfahrer“, und diskutieren dann ein bisschen über Rassismus in Deutschland. Das hoffe ich zumindest. Ich bin ziemlich aufgeregt und hoffe, dass alles gut geht. Aber davon werde ich, jetzt, wo der Blog endlich wieder geht (Juhu!!!), sicherlich bald berichten.

Der kuschelige Boden der Tatsachen

Juhu, ich habe es endlich geschafft! Nach drei Wochen in Montenegro war ich jetzt auch endlich das erste Mal in der Schule! Dazu gleich mehr, zuerst möchte ich noch mal kurz auf den Videoworkshop und damit auf meinen letzten Blogeintrag zurückblicken.
Der Workshop ging bis Donnerstag. Dann reisten die Schüler ab und weil ich wohl doch einen äußerst erschöpften Eindruck machte, musste ich am Freitag nur ganz kurz ein paar Rechnungen zusammenstellen und hatte sonst bis heute frei. Mir blieb also genug Zeit zum Reflektieren. Ich habe meinen doch sehr euphorischen Beitrag nochmal gelesen, kann euch aber sagen: Ich habe nicht übertrieben. Der Film ist zwar nicht fertig geworden, aber Siniša wird ihn in den nächsten Wochen zusammenschneiden und dann gibt es auch einen Link, damit ihr nicht nur mein Gerede (bzw. Geschreibe) habt, sondern auch mal seht, worum es eigentlich ging.
Das Wochenende nutzte ich dann mal, um nichts zu tun, mich von der doch sehr anstrengenden Woche zu erholen und mich ausführlich über den FCK-Sieg am Freitag zu freuen (warum muss ich eigentlich das Land verlassen, dass die mal wieder gewinnen???). Auch wenn es wirklich sehr entspannend war, hatte ich doch ein äußerst unschönes Erlebnis. Hierzu eine kleine Geschichte. Als ich am Donnerstag unterwegs war, um mich nochmal mit Kurt, Jakob und Siniša zu treffen und den Workshop zu besprechen, wurde ich auf dem Weg mehrmals auf Deutsch angesprochen. Es hat sich scheinbar mittlerweile rumgesprochen, dass diese komische Frau mit dem Strohhut die neue deutsche Assistentin ist. Ich kann euch sagen, dass es wahrlich nicht leicht ist, diesem extrem gastfreundlichen Völkchen zu erklären, dass man gerade keine Zeit hat, die Einladung zum Kaffee anzunehmen, weil man verabredet ist. Als ich allerdings doch ziemlich verspätet am Treffpunkt ankam, war keiner mehr in Sicht. Mein montenegrinisches Handy hatte ich leider vergessen, also konnte ich auch nicht anrufen. So machte ich mich schon leicht genervt auf den steilen Heimweg. Damit ich den Berg nicht nochmal runter musste, wollte ich gleich noch das Geld für meine Miete abheben. Ich geriet allerdings an einen Geldautomaten, der kein Deutsch sprach. Schade, denn ich verstand nichts mehr und drückte einfach mal alle Tasten. Ein Wunder, dass ich nicht aus Versehen 123456€ abgehoben habe. Nach ca. drei Panikattacken kriegte ich doch meine Karte wieder und lief dann endgültig unverrichteter Dinge nach Hause. Dort wollte ich mich mit meinem letzten deutschen Buch, das ich von meiner Vorgängerin geschenkt bekommen habe, auf den Balkon setzen und meine Ruhe haben. Plötzlich bekam ich Besuch. Eine Katze ließ sich mal wieder blicken und überraschenderweise auch streicheln. Dabei blickte sie mich aber immer so verdächtig an, mir schwante nichts Gutes. Zu Recht, dann plötzlich machte die Katze seltsame Geräusche. Seit Donnerstag habe ich am Computer eine Worddatei offen, weil ich einen Blogeintrag schreiben wollte mit dem Titel: „Hilfe, mir hat gerade eine Katze auf den Balkon gekotzt!“ Das entsprach auch der WhatsApp-Nachricht, die ich an sämtliche Adressen versendete, von denen ich mir Hilfe erwartete. Um meine treuen Leser nicht gleich am Anfang zu verschrecken, änderte ich den Titel jedoch noch in den „kuscheligen Boden der Tatsachen“, weil ich dieses Bild ganz toll finde. Ich war hier zum ersten Mal in meinem Leben in einer Moschee, und obgleich ich, wie vielleicht schon bemerkt, Religionen allgemein sehr kritisch gegenüberstehe, und auch ungerne eine der anderen vorziehen will, so muss ich doch sagen, dass der Teppichboden der Moschee doch schon eher zum Verweilen einlädt, als die harten Kirchenbänke. Ich bin also nach den tollen Workshop-Tagen wieder im Alltag angekommen, weiß, dass das hier nicht Utopia ist, aber ich finde es trotz kotzender Katzen immer noch ganz toll.
Heute war ich dann wie gesagt das erste Mal in der Schule. Ich wurde zu einer sehr humanen Zeit, um halb zehn, ins Deutschzimmer bestellt. Auf meine verängstigte Frage, wie ich denn dieses Zimmer finden sollte, kam die Antwort, ich solle doch Schüler fragen. Hmm, ok, ich habe zwar die Erfahrung gemacht, dass die alle total nett sind, aber wie finde ich jetzt heraus, welche Schüler Deutsch sprechen? Aus einem bei mir eigentlich seltenen Mangel an Entschlusskraft blieb ich einfach mal vor der Schule stehen und wartete, was passiert…
Da kam ein Mädchen, vielleicht 12 Jahre alt, aus der Schule und lief zielstrebig auf mich zu. „Jana? Can I bring you? Herr Schlegel?“ Ok, hier war ich schon mal richtig. Ich folgte dem Mädchen und erklärte ihr noch auf Deutsch, wo ich herkomme und dass sie doch bitte Deutsch mit mir reden soll. Dann kamen wir Gott sei Dank schon an und ich wurde mit großem Hallo begrüßt. Eine 7.Klasse wartete auf mich. Ich durfte mich kurz vorstellen, wie noch ziemlich oft an diesem Tag, und dann veranstaltete Herr Schlegel ein kleines Quiz, in dem die Schüler mein Lieblingsessen, meine Lieblingsmusik, meine Hobbys usw. erraten sollten. Klappte ganz gut und war sehr lustig, als mir einer der Jungs unterstellte, ich würde gerne Helene Fischer hören. Ich kuckte kurz sehr böse, aber dann haben wir uns wieder vertragen. Anschließend schrieb die Klasse einen Vokabeltest, der sich sehr lustig gestaltete, da Kurt ja kein Albanisch kann und deshalb keine stumpfen Übersetzungstests schreiben kann. Er turnte also alle Vokabeln eigenhändig vor, brach in Tränen aus, als er das Wort „traurig“ hören wollte, beschimpfte einen Schüler, als es um „böse“ ging und schmiss Bücher durch die Gegend, als das Verb „liegen“ gefragt war. Ich bin mal gespannt, wie sich diese Tests gestalten werden, wenn er mal Ölpest, Wahrsager oder Kartoffelsalat erklären muss 😀 Nach dem Test machten die Schüler eine Übung, bei der sie ihr Traumzimmer beschreiben sollten. Ich war geschockt, denn die ersten Antworten waren: „ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, eine Lampe, ein Schrank und ein Regal.“ Erste Frage: Wie sehen denn bitte ihre Zimmer in der Realität aus, wenn das das Traumzimmer ist? Zweite Frage: Warum sind die Schüler hier so genügsam? Nach und nach stellte sich aber heraus, dass es wohl hauptsächlich an der Sprachbarriere gelegen hat. Als sich die Schüler nämlich gegenseitig halfen, bekamen wir doch noch Antworten wie ein Whirlpool, ein Fußballfeld und ein Ferrari-Bett. Dem Himmel sei Dank, auch die Jugend hier hat noch Träume!
Dann kamen die nächsten Klassen: eine Achte, eine Neunte und dann noch eine Achte. Es war nicht mehr viel Neues, ich stellte mich wieder vor, wir machten ein Quiz, während diese Klassen ebenfalls Tests schrieben, korrigierte ich jeweils den Test der vorherigen Klasse. So richtig mit Rotstift und Häkchen und so, ich habe mich richtig wichtig gefühlt. Anschließend an den Unterricht traf ich den montenegrinischen Deutschlehrer Artan, der mir auch Sprachunterricht geben wird. Nächste Woche geht es los, dann gibt es keine Ausreden mehr, dann muss ich mich mal unter die Leute trauen und nicht immer nur hilflos stammeln, wenn ich auf Montenegrinisch angesprochen werde.
Doch auch ohne Sprachkenntnisse hatte ich wieder viele sehr schöne Begegnungen. Von den Einladungen zum Kaffee, die ich leider nicht annehmen konnte, hatte ich ja schon berichtet. Die Frau in dem kleinen Laden gegenüber, die kaum Deutsch spricht, kratzte für mich ihre letzten Sprachkenntnisse zusammen, um mir zu erklären, wie toll sie es findet, dass ich hier bin und dass ich freiwillig hier arbeite. Ich lernte einige Kollegen an Grundschule und Gymnasium kennen, die alle sehr freundlich und nett waren, ihr Englisch oder Deutsch für mich entstaubten und mich in Ulcinj willkommen hießen. Auch den Direktor des Gymnasiums lernte ich kennen, ein dicker, alter, sehr gemütlicher Mann, der mir strahlend die Hand reichte, sich ehrlich zu freuen schien, mich kennenzulernen und auch gleich noch meinen Tee im Lehrerkaffee bezahlte. An dieser Stelle bin ich noch nicht wirklich voran gekommen, bezahlen darf ich immer noch sehr selten, aber ich habe zumindest die Unart abstellen können, dass ich manchmal mit mehr Geld nach Hause gekommen bin als ich vorher im Portemonnaie hatte.
Am Nachmittag hatte ich dann noch zwei Stunden mit der zweiten Klasse am Gymnasium (kurze Erläuterung: Grundschule – 1. bis 9. Klasse, Gymnasium nochmal 1. bis 4. Klasse). Die Schüler kannte ich schon vom Austausch, wir besprachen ihre wirklich katastrophalen Aufsätze, die sie zum Austausch schreiben sollten. Hierbei fiel auf, dass die Schüler zwar teilweise fast perfekt Deutsch sprechen können, beim Schreiben tun sich die meisten aber wirklich schwer. Als Kurt dann sagte, keiner dieser Aufsätze wäre besser als eine 3, schöpfte ich noch keinen Verdacht, als er aber sagte, natürlich wollt ihr alle lieber eine 5, musste ich kurz (oder ein bisschen länger) stutzen, bis mir wieder einfiel, dass das Notensystem von 1 bis 5 geht und genau umgedreht ist. Daran werde ich mich erst noch gewöhnen müssen, dass man abschreibenden Schülern mit Einsen droht und fleißigen Schülern eine 5 in Aussicht stellt. Klingt für meine deutschen Ohren extrem seltsam!
Wenn das allerdings, neben der Sprache natürlich, mein größtes Eingewöhnungsproblem ist, dann kann ich mich glücklich schätzen!
Während ich auf Armin wartete, der mich mit nach Hause nehmen sollte, lernte ich noch den Parkplatzhund kennen. Die Straßenhunde werden hier oft nicht sehr gut behandelt. Ich hatte Zeit und wollte nicht doof rumstehen, also kraulte ich den Hund ausführlich hinter den Ohren. Armin versprach, ich hätte einen Freund fürs Leben gewonnen. Hunde sind scheinbar doch netter als Katzen, oder zumindest dankbarer. Sollte mich dann doch irgendwann mal die Einsamkeit übermannen, dann habe ich jetzt zumindest einen Ansprechpartner, der mir nicht widerspricht (an dieser Stelle hatte sich ein Tippfehler eingeschlichen – „wiederspricht“ – und nicht mal 10 Minuten, nachdem ich den Artikel veröffentlicht hatte, schreibt mir meine Mutter, ich solle doch bitte diesen schrecklichen Fehler verbessern! Danke liebe Mama!) und gegen eine kleine, streichelnde Gegenleistung meinem Kummer so lange lauschen wird, wie es nötig ist.
Im Moment gibt es dazu allerdings noch recht wenig Anlass. Drückt mir die Daumen, dass es so bleibt!

Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!!!

Vorsicht: Der nun folgende Text kann Spuren von Idealismus, Beschönigung und unreflektierten Schwärmens enthalten. Bitte nur mit ausreichend Hirn und Fähigkeit zum kritischen Hinterfragen konsumieren.

Was ich in den letzten Tagen erlebt habe, ist eigentlich unglaublich. Da ich die von kulturweit gesetzte Arbeitszeit von maximal 40h pro Woche im Moment sowas von überschreite (was sich aber in den kommenden Monaten mehr als ausgleichen wird, wie mir versprochen wurde), fehlt mir die Zeit zur Reflexion dessen, was hier passiert, aber das werde ich hoffentlich bald nachholen können und ich weiß ganz sicher, dass es mich maßgeblich verändern wird.
Ich habe ja schon des Öfteren festgestellt, dass sich meine Vorurteile über die Balkanregion in keinster Weise bestätigen ließen, also habe ich sie auch nach und nach abgelegt. Wie aber die letzten paar Tage mein Weltbild durcheinander gewirbelt haben, ist eigentlich schon absurd. Ich laufe durch Ulcinjs Straßen und spüre einen Anflug von Stolz, dass ich Teil dieser Stadt sein darf, obwohl ich nichts dafür geleistet habe und ja auch nur vorübergehend das Privileg habe, hier zu leben, aber dennoch geht dieses Gefühl nicht mehr weg.
Aber von Anfang an: Nachdem die deutschen Austauschschüler wieder weg waren, die mir in ihrer Verwöhntheit, ihrer negativen Einstellung und ihrem Meckern einen so miesen Kontrast geliefert haben, dass es mir noch leichter fiel, die montenegrinischen Schüler toll zu finden, begann nahtlos ein Videoworkshop mit Deutschschülern aus Berane, Podgorica und Ulcinj. Dieser Workshop ist eine der seltenen Kooperationen zwischen Goethe-Institut und ZfA. Das Thema ist: „Ulcinj als multikulturelle Stadt“.
Ich lernte Jakob vom Goethe-Institut in Belgrad und Siniša, einen professionellen Filmemacher aus Berlin kennen, die zusammen mit Kurt den Workshop leiten sollten. Einen Tag später kamen die Schüler. Der erste Tag stand ganz im Zeichen des Kennenlernens und der Einführung in die Technik. Auch erste Ideen zum Thema wurden gesammelt. Auf meine Vorfreude folgte erst mal Ernüchterung. Die Schüler konnten nicht besonders gut Deutsch und die Ideen, die sie für den Film hatten, waren mehr als langweilig. Hätten wir nach diesem ersten Konzept gearbeitet, wäre eine Art Imagefilm für Touristen herausgekommen. Meine Motivation für die folgenden Tage hielt sich in Grenzen, doch schon zum Abendessen wurde ich das erste Mal überrascht. Wir gingen zusammen ins Restaurant und ich wollte mich ganz selbstverständlich zu den Lehrern setzen. Dann kamen zwei Mädchen aus Berane und sagten, dass ich bei ihnen sitzen soll. Gesagt, getan, ich saß mit sechs montenegrinischen Mädels an einem Tisch, die hauptsächlich serbisch sprachen, ich verstand also kein Wort. Doch nach und nach wechselten sie immer öfter ins Deutsche, weil sie mich an ihrem Gespräch teilhaben lassen wollten. Es war sehr schwierig, weil einige Deutsch als dritte Fremdsprache und somit erst seit einem Jahr lernen, aber mit Händen und Füßen und einigen englischen Vokabeln, kam eine respektable Unterhaltung zustande.
Am nächsten Tag waren die Schüler morgens sehr müde. Also wurde ich so mir nichts, dir nichts, dazu verdonnert, ein Spielchen zu spielen, weil ich wohl irgendwie mal erwähnt hatte, dass wir beim Vorbereitungsseminar einige Energizer kennengelernt haben. An dieser Stelle ein fettes Danke an die Homezones, die die Listen erstellt und auf facebook geladen haben, ihr habt mich gerettet! Nach einer ausgedehnten Runde Big Buddy ging die Ideensammlung in die nächste Phase. Wir teilten Gruppen ein, die die verschiedenen Interviewpartner kontaktieren und befragen sollten. Und oh Wunder, plötzlich entstanden investigative und kritische Fragen zum Thema Multikulti und Zusammenleben der Religionen. Die stellvertretende Bürgermeisterin, die ich schon während des Austauschs kennenlernen durfte und die fließend deutsch spricht, weil sie 30 Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet hat und erst seit einem Jahr wieder in Montenegro ist, schaute vorbei und begrüßte die Schüler. Sie wusste nicht, dass die Schüler nicht so gut deutsch sprechen und hielt mal so nebenbei einen unfassbar fesselnden Vortrag über Humanismus, Toleranz und Respekt. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich sie hätte unterbrechen sollen, um ihr zu sagen, dass die Schüler sie nicht verstehen, aber ich war so geplättet von dem, was sie gesagt hat, dass ich niemals auf die Idee gekommen wäre, ihren Redefluss zu bremsen. Man merkte, wie sehr ihr das Thema am Herzen liegt und wie sehr sie dafür brennt, das friedliche Zusammenleben zu erhalten und zu stärken. Eine solche Frau, selbstbewusst und durchsetzungsstark, hätte ich in einer immer noch patriarchalisch geprägten Gesellschaft wie auf dem Balkan eher nicht erwartet, aber sie ist für mich innerhalb von zwei Wochen zu einem großen Vorbild geworden. Sie arbeitet viel, bewegt eine Menge in dieser Stadt, ist aber trotzdem immer ansprechbar und hat für alles ein offenes Ohr und noch ein bisschen Energie übrig. Sie ist mit dafür verantwortlich, dass mitten im ziemlich korrupten Montenegro ein Filmfestival mit dem Titel „Challenging the corrupted mind“ stattfinden kann. In allem, was sie tut, ist sie aber auch noch unheimlich mitreißend und warmherzig. Wenn jede Stadt solch eine (stellvertretende, darauf legt sie Wert) Bürgermeisterin hätte, würde sich vieles zum Besseren wenden. Wir verpflichteten sie gleich noch als Interviewpartnerin für den folgenden Tag. An diesem wurden auch die anderen Interviews, mit dem Imam, einem extrem aufgeklärten, modernen Mann, dem Priester der orthodoxen Kirche und dem Mann aus dem Touristenbüro, durchgeführt. Ich war beim Interview mit der Bürgermeisterin dabei und hatte vorher ein Erlebnis, das mir sehr nahe gegangen ist. Eine der Schülerinnen war sehr aufgeregt. Sie erzählte mir das und ich versuchte, sie zu beruhigen. Als sie erfuhr, dass ich mitgehen würde, war alle Aufregung auf einmal weg und sie sagte ernsthaft: „Wenn du dabei bist, kann ja nichts schief gehen.“ Bääm, so schnell geht der Rollenwechsel zum Lehrer. Ich war für die Mädels aus einer anderen Stadt schon die Expertin für Ulcinj, weil ich wusste wo das Rathaus ist und wie die Bürgermeisterin heißt. Genauso am Nachmittag, als wir die etwa einstündige Wanderung zu großen Strand in Angriff nahmen. Bin ich eine Woche zuvor, beim Austausch, noch selbst hinter den Lehrern hergedackelt, war ich jetzt die einzige, die den Weg kannte und musste allen alles erklären. So schnell wird man mal eben zur einheimischen Expertin. Nach dem Strandausflug besuchten wir das Filmfestival. Der Film war mäßig, es ging um Demokratiebewegungen in fünf verschiedenen Ländern, klingt spannender, als es war. Vielleicht war es für die Schüler ein Ansporn, es selbst besser zu machen, denn auch heute Morgen war die Motivation ungebrochen. Zwei Jungs aus Ulcinj, die ich schon beim Austausch kennengelernt habe, zeigten mal wieder, dass ich nicht zu Unrecht von den Schülern hier geschwärmt habe. Sie kümmerten sich um alles, nutzten ihre Kontakte, um uns alles Mögliche zu erleichtern und waren einfach zuverlässig da, wenn sie gebraucht wurden. Und nebenbei konnten sie uns noch Geschichte aus der multikulturellen Stadt Ulcinj erzählen. Benni erwähnte so nebenbei, dass er drei beste Freunde hat. Er selbst ist muslimischer Bosniake, ein Freund muslimischer Albaner, ein anderer katholischer Albaner und der dritte orthodoxer Serbe. Diese Anekdote reicht eigentlich, um die Quintessenz dessen, was wir von allen anderen Seiten auch gehört hatten, zu bestätigen. Die Bürgermeisterin sprach von Respekt und davon, dass die Ulcinjer einfach zu faul für Konflikte sind, der Mann im Tourismusbüro schaute überrascht und meinte, er hätte noch nie darüber nachgedacht, dass die Stadt multikulturell ist, das hätte ihn nie interessiert und er möchte eigentlich nur, dass alles so bleibt wie es ist, ein albanischer Passant erzählte, dass sein Sohn hauptsächlich montenegrinische Freunde hat und eine Serbin, die während des Krieges in Ulcinj lebte, fing an zu weinen, als sie vom Frieden in der Stadt erzählte.
Wir stellten immer wieder die Frage, warum es in Ulcinj funktioniert und an anderen Orten auf der Welt nicht. Überall schlagen sich Menschen die Köpfe ein, wegen Nationalität, wegen Religion oder wegen anderem Scheiß, und hier leben die Menschen zusammen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass die Anderen vielleicht anders sind, etwas Anderes glauben oder denken. Keiner konnte erklären, warum es so ist, es ist einfach so! Ich bitte inständig die ganze Welt darum: Schickt Sozialwissenschaftler, Kulturwissenschaftler, Religionswissenschaftler nach Ulcinj, lasst sie das Geheimnis ergründen und es in die ganze Welt tragen! Es macht mich glücklich, zu sehen, dass es scheinbar doch eine Alternative zu Hass und Krieg gibt. Durch Zufall habe ich sie gefunden und ich möchte schwören, dass ich niemals aufhören werde, davon zu berichten. Liebe Leute, nicht verzagen, Frieden ist möglich, mein Idealismus wird hier neu entfacht und zu einer hoffentlich ewigen Flamme ausgebaut! (An dieser Stelle wird vielleicht auch deutlich, warum ich dem Text einen solchen Warnhinweis vorangestellt habe.)
Der Film ist noch nicht fertig, die Schüler sind noch fleißig am Basteln und Schneiden. Man kann natürlich nicht sagen, ob das Endprodukt dann wirklich ein Erfolg wird, aber der Prozess hat bei allen Teilnehmern unheimlich viel in Gang gebracht:
Die Schüler haben deutsch-mäßig extrem viel dazugelernt. Sie können nach ein paar Tagen schon viel besser sprechen als am Anfang. Sie sind von schüchternen 15-jährigen zu selbstbewussten, kritischen Reportern geworden. Außerdem haben sie jetzt Freunde aus ganz Montenegro gefunden, viele zum ersten Mal auch Freunde anderer Religionen. Die Begleitlehrerin aus Podgorica, die eigentlich Französischlehrerin ist und kein Wort Deutsch gesprochen hat, hat aus dem Stegreif angefangen, Deutsch zu lernen und hat sich schon ein beeindruckendes Vokabular erarbeitet. Und mir wurde mal eben mein gesamtes, mittlerweile leider oftmals pessimistisches Weltbild um die Ohren geschlagen. Ich wandle mich bezüglich des Weltfriedens gerade wieder zur Optimistin. Ich habe erfahren, dass der Lehrerberuf, den ich hier zumindest ansatzweise ausgeführt habe, neben all den Nachteilen, die es unbestreitbar gibt, auch etwas Wunderbares hat. Die Arbeit mit den Schülern, ihnen etwas beizubringen und für sie Ansprechperson sein zu können, ist eine ganz tolle Erfahrung für mich. Nebenbei konnte ich mein ein bisschen eingestaubtes Französisch bei der Lehrerin aus Podgorica mal wieder auspacken. Am Tisch beim Abendessen herrschte ein bunte Chaos aus vier Sprachen, Deutsch, Englisch, Französisch und Montenegrinisch, was aber auch wieder inspirierend war.

Ich habe keine Ahnung, ob dieser Blogeintrag für Leute, die nicht dabei waren, nicht tödlich langweilig ist. Ich bin wie immer unzufrieden, weil ich es nicht schaffe, die Vielfalt meiner Gefühlswelt zu Papier (oder zum Blog) zu bringen und mir nach dem Veröffentlichen wieder tausend Sachen einfallen werden, die ich eigentlich noch hätte erwähnen müssen. Aber wenn nur ein Funke von dem, was ich hier erlebt habe, auf euch alle überspringt, dann habe ich schon gewonnen.

In diesem Sinne, liebste Grüße aus dem friedlichen Ulcinj in die Welt hinaus!

Dunkle Wolken im Paradies

Bei der Auswahl meines Wecktons an meinem Handy bin ich wählerisch. Nachdem ich es mal mit „Keine Macht für Niemand“ versucht hatte, im meinem Leben aber nie wieder so erschrocken bin wie an jenem Tag, habe ich mich, um einigermaßen sanft geweckt zu werden, für „Castle on a cloud“ aus Les Miserables und „Sound of Silence“ entschieden. So werde ich behutsam vom Reich der Träume in die Realität begleitet.
Heute Morgen hätte ich ausschlafen können, da ich erst um 11 Uhr mit Armin verabredet war, um für den Videoworkshop Kabel mit bunten Fähnchen zu versehen, um sie, wie Entdecker mit der Fahne ihres Heimatlandes, hier mit ZfA-Aufkleber zu brandmarken und fremde Annexionen zu verhindern.
Weil ich gestern Abend lange geschrieben habe, stellte ich den Wecker sicherheitshalber doch auf 10 Uhr. In Erwartung einer verhältnismäßig langen, gemütlichen Nacht schlief ich beseelt ein.
Ein paar Stunden später: Ich träume gerade wahlweise von der großen Liebe, dem ewigen Glück oder anderen Verrücktheiten, als ich mit einem unbeschreiblichen RUMMMS! sehr unsanft auf den Boden der Tatsachen und meiner kleinen Wohnung zurückgeholt werde. Ich stehe senkrecht im Bett und versuche, die Ursache dieses Höllenlärms zu ergründen. War es ein Erdbeben, wie damals in den 70er Jahren, welches die gesamte Stadt zerstört hat? Oder Gottes (oder Allahs) Zorn, weil es ihm um die geopferten Schäfchen Leid tut? Ein panikartiger Blick auf die Uhr bringt mich in meinen Spekulationen ein gutes Stück voran. Halb acht, eigentlich müsste es schon längst hell sein. Doch draußen herrscht Finsternis! Vielleicht ein Vulkanausbruch mit Aschewolke? Oder doch die Apokalypse?
Nein, denn plötzlich durchdringt mein noch müdes Gehirn die Erkenntnis, dass nicht nur das omnipräsente Meeresrauschen an meine malträtierten Ohren dringt, sondern auch Regen. Aber wie! Da scheint Petrus (oder Allah oder Buddha oder das fliegende Spaghetti-Monster, um die religiöse Neutralität zu wahren) seine Gießkanne aber ganz schön zu schütteln. Aus gut unterrichteter Quelle, nämlich meiner Erinnerung, weiß ich, dass man von meinem Balkon das Meer sehen kann, doch kann ich meinem Gehirn dieses Wissen leider nicht durch visuelle Impulse bestätigen, man sieht nämlich das Meer vor lauter Wasser nicht mehr!
Nachdem ich schlaftrunken erkannt hatte, dass an diesem Umstand unmittelbar nichts zu ändern war, der Meerblick schien unwiederbringlich verloren, fuhr ich fort mit meiner Suche nach der Ursache des Lautes, der mich um meine Fensterscheiben fürchten ließ.
Plötzlich, Helligkeit! Wie ein Blitz durchzuckte, nun ja, ein Blitz, die finstere Nacht. Verdammt, hatte mir jemand Paparazzi auf dem Hals gehetzt? Ach nein, ich bin ja gar nicht berühmt. Kurz darauf erneut ein Grollen, als würde ein riesiger Riese an Keuchhusten leiden. Wieder klirrten die Scheiben und ich drehte schon mal in Gedanken mein Zimmer auf den Kopf, um zu berechnen, was Dr. Walter alles bezahlen würde. Ich wollte meine Gebete sprechen, bis mir auffiel, dass ich nicht religiös bin und gar nicht wüsste, welchen Gott ich denn jetzt um Vergebung für welche Sünden bitten sollte.
Dann kehrte aber doch der Realismus zurück, und ich fand mich in einem schnöden Gewitter wieder. Aber was für eins, alle obigen Schilderungen sind keineswegs übertrieben. Ich kuschelte mich also wieder in mein Bett und döste noch ein bisschen vor mich hin. Irgendwann stand ich auf, um zu frühstücken, kochte mir Tee und checkte mal eben, was es so Neues in der großen, weiten Welt des Internets gab. Um mir neues Müsli zu holen, legte ich das Handy kurz aus der Hand. Als ich wiederkam, funktionierte das Internet nicht mehr. Naja, nicht so tragisch, das soll ja vorkommen. Weil ich aber eine wichtige Nachricht von Armin erwartete, wann wir uns denn treffen würden, schrieb ich ihm eine altmodische SMS, dass er mir doch bitte auf diesem Wege Bescheid geben soll, weil WhatsApp eben ausfällt. Seine Antwort ließ mich stutzen: „Hier ist der Strom weg. Hat im Moment keinen Sinn. Ich melde mich.“ Plötzlich vermisste auch ich das sonore Brummen meines Kühlschranks, das Blubbern des Boilers und das rote Licht am Fernseher. Stromausfall, scheinbar im ganzen Viertel! Also doch die Apokalypse!
Geschlagene 7 Stunden saßen wir elektrizitätsmäßig auf dem Trockenen. Das hieß für mich: mir Sorgen um meine Eier und Milchprodukte im Kühlschrank machen, keine Essen kochen, im Dunkeln aufs Klo gehen (#festerlosesBad) und kein Internet, was mich mit der Heimat verbindet. Ganz ehrlich, ich war entsetzt über mich selbst. Ich dachte immer, ich gehöre nicht zu diesen degenerierten Wesen, die keine Sekunde ohne ihr Handy ertragen, die immer Input und ständig Entertainment brauchen und ohne sofort unruhig werden. Und ja, es stimmt, ich hänge nicht ständig am Handy, aber dass man mir die Möglichkeit weggenommen hat, es theoretisch zu tun, dass man Angst haben musste, jetzt gerade eine wichtige Nachricht zu bekommen, machten mich total nervös. Ich konnte mich zwar noch ganz gut so beschäftigen, so viel Phantasie habe ich noch, aber ich kontrollierte ständig, ob der Strom nicht doch schon wieder geht. Ich kann nicht in die Zukunft schauen, aber wenn da noch ein Rest verkümmerter Konsequenz in mir ist, dann sollte ich mein Medienverhalten mal grundlegend überdenken. Ich hasse es grundsätzlich, von etwas oder jemandem abhängig zu sein, und diese 7 Stunden haben mir tatsächlich die Augen geöffnet.
Mittlerweile ist alles wieder gut, der Strom ist in die verdorrten Steckdosen zurückgekehrt. Mein Essen ist noch gut, verhungert bin ich dank Brot und Müsli auch nicht und auch im Bad findet man sich mit Handytaschenlampe ganz gut zurecht. Als ich auf mein Handy schaute, hatte ich eine, in Zahlen 1, in Worten auch, neue Nachricht, die man nun nicht gerade als weltbewegend bezeichnen kann. Beschämt legte ich mein Handy aus der Hand und schrieb (erstmal per Hand, also ganz analog!!!) diesen Blogeintrag.
Auch die Sonne ist zurückgekehrt und bescherte mir als Entschädigung gleich noch ein tolles Fotomotiv von Himmel und Meer.
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So saß ich auf dem Balkon und betrachtete lange, wie sich die Wolken verzogen, bis am Himmel nichts mehr von den Naturgewalten zeugte, die hier noch kurz zuvor gewütet hatten. Dabei ließ ich das Handy Handy sein, interessierte mich nicht für WhatsApp, Facebook oder sonst was, sondern genoss den Moment, ohne ihn sofort mit jemandem teilen zu müssen.
Ich habe immer gesagt, dass ich während dieses Jahres etwas Neues lernen möchte, und wenn es das war, dann bin ich schon ganz glücklich!

Selbstkonfrontationen im Überfluss

Vor meiner Ausreise, eigentlich schon seit ich meine Zusage bekommen habe, machte ich mir Sorgen. Viele Sorgen über alles Mögliche. Ganz banale Dinge wie „Wo wasche ich meine Wäsche?“ oder „Wo kriege ich eine montenegrinische SIM-Karte her?“, aber auch Grundlegendes. Was ist, wenn das Heimweh zu schlimm ist? Wenn ich mich nicht einleben kann, einsam bin oder mit meinen Aufgaben nicht klar komme?
Was soll ich sagen, kaum eine dieser Sorgen war berechtigt. Hier wird sich so gut um mich gekümmert, sowohl von meinen Vermietern als auch von den beiden deutschen Lehrern, dass mir mein neues Leben manchmal leichter zu fallen scheint, als das alte in Deutschland.
Wie konnte ich ahnen, dass hier ganz andere Ängste plötzlich wieder aktuell werden…
Seit früher Kindheit habe ich eine nicht erklärbare Phobie vor Ziegen mit Bart. Ohne Bart sind sie überhaupt kein Problem, aber schon als Winzling beim Tiere füttern, bekamen nur die ohne Bart etwas vom durch Kinderhände eigenhändig gerupften Gras ab, weil die anderen zu gefährlich wirkten. Jetzt erklimme ich auf einem Zick-Zack-Weg nichtsahnend einen Berg an der Bucht von Kotor, dem südlichsten Fjord Europas.
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Oben soll mit den Schülern aus Deutschland und Montenegro gemeinsam eine Festung und natürlich die mal wieder atemberaubende Aussicht besichtigt werden. Voll darauf konzentriert, nicht schlapp zu machen und auf der Schotterpiste nicht den Halt zu verlieren oder mir mitten im Hang die Bänder zu reißen (wobei das dann ein Fall für die legendäre Dr.Walter-Notfallnummer gewesen wäre… wer weiß, vielleicht wäre ich ja mit dem Hubschrauber aus dem Gelände gerettet worden, auch ganz reizvolle Vorstellung), naja, jedenfalls mit den Gedanken ganz woanders, gehe ich Schritt für Schritt und blicke auf den Boden. Keine gute Idee, denn dann erblickte ich ohne Vorwarnung DAS vor mir:
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Einmal den Blick gehoben, entdeckte ich eine ganze Ziegenherde, die scheinbar nur mir Spalier zu stehen schien und mit bedrohlich-bärtigem Blick mein unsicheres Treiben verfolgte.
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Als ob das nicht genügte, lag auch noch an jeder Wegbiegung eine Kuh, die gemütlich wiederkäute.
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Die Ziegen kreuzten immer wieder meinen Weg. Wäre ich jetzt Schülerin gewesen, hätte ich mich vermutlich kategorisch geweigert, auch nur einen Schritt weiter auf diesem Weg zu tun. Jetzt bin ich aber über Nacht zum Vorbild mutiert und musste mich zwingen, Fuß vor Fuß zu setzen. An dieser Stelle noch mal danke an meinen Homezone-Trainer Felix, deine Momo-Geschichte mit dem Straßenkehrer hat mir hier schon mal sehr geholfen! Was soll ich sagen, ich habe den Ausflug überlebt und mir ganz zufällig eine, wie ich finde, Mega-Überleitung zu meiner nächsten Prüfung gebaut.

Ich hielt mich immer für eine tolerante Person. Auch wenn ich das Wort Toleranz nicht mag, weil ich mich nicht im Recht sehe, meine eigene Lebensweise als so normal anzusehen, dass ich in der Position bin, eine andere neben meiner lediglich zu „ertragen“, beschreibt es in diesem Fall mein Anliegen hoffentlich relativ treffend. Ich toleriere und respektiere andere Kulturen, Religionen im Allgemeinen (auch wenn ich selbst keine habe) und damit zusammenhängende Traditionen. Damit konfrontiert wurde ich in meinem gemütlichen Glashaus-Leben einer behüteten Abiturientin bisher allerdings eher selten. Jetzt kommen die Ziegen wieder ins Spiel. Gestern war die ganze Stadt plötzlich voller Tiere. Von überall ertönte ein Määäääh, immer wieder. Ich beobachtete zwei Männer, die ein Schaf aus ihrem Kofferraum luden, mitten in der Stadt!
Heute begann das muslimische Opferfest. Ich wusste das, mein von Eindrücken aber sowieso überfordertes Gehirn konnte diese Information allerdings nicht mit der vorhergehenden zu einer logischen Kausalkette verknüpfen. Und so traf mich das vom Balkon hängende tote Schaf, das gerade seiner Haut entledigt wurde, heute Morgen völlig unvorbereitet. Ich hatte Gott sei Dank sowieso nichts gefrühstückt, weil heute eine Bootstour auf dem Programm stand und ich, im Bewusstsein meiner Anfälligkeit für Seekrankheit, den eh schon etwas zugemüllten See nicht noch mit den Überresten meines halbverdauten Müslis verschönern wollte, denn sonst hätte es durchaus passieren können, dass ich zumindest einen Teil meines Mageninhalts nicht bis zum See hätte bei mir behalten können.
Ich bin vegetarisch erzogen worden, Fleisch, totes Tier, Schlachtungen und all diese Dinge sind mir fremd und für mich sehr unangenehm. An dieser Ablehnung ist meiner Meinung nach prinzipiell auch nichts Verwerfliches, aber es ist eben eine Tradition, die für Muslime, soweit ich das verstanden habe, sehr wichtig ist. Und so stecke ich in einem Dilemma zwischen Tierschutz und Toleranz. Es ist eine sehr schwere Frage, wie weit die Toleranz gehen sollte bzw. darf und welche Prinzipien man dahinter zurückstellen kann. Ich finde keine Antwort und wähle den feigen Weg, mich nicht zu entscheiden und für mich eben mal kein Urteil zu fällen.

Morgen reisen die deutschen Austauschschüler ab, ich dachte, dann beginnt der Alltag in der Schule (die ich mittlerweile zumindest einmal ganz kurz von innen gesehen habe), doch jetzt sind erst nochmal ein paar Tage Videoworkshop angesagt. Es kommen Schüler aus Berane und Podgorica, die gemeinsam mit Schülern aus Ulcinj einen Dokumentarfilm über die multikulturelle Stadt drehen sollen. Ich habe keine Ahnung vom Filmen, Bearbeiten, Schneiden und auch noch keine Vorstellung, worin meine Aufgabe bestehen wird, aber das lasse ich mal auf mich zukommen. Und Mitte der Woche beginnt dann (endlich) der „Innendienst“ in der Schule, wie es mein Kollege immer drohend nennt. Ich bin gespannt, weil ich dann sehen kann, was ich tatsächlich ein Jahr lang tun werde.

Weil im Moment vieles eben neu und aufregend ist, komme ich noch nicht richtig dazu, mich einzurichten. Der Koffer ist zwar schon lange ausgepackt und die Schränke eingeräumt, aber vieles scheint hier noch provisorisch und erlaubt mir noch nicht das Gefühl, wirklich ein ganzes Jahr hier zu sein. Wenn ich so darüber nachdenke, wäre es eigentlich schön, diesen Eindruck zu bewahren, dann verliert dieser scheinbar so lange Zeitraum seinen Schrecken. Ja, auch mich hat das Heimweh dann doch mal erwischt, wenn es draußen stürmt und gewittert, man also in seiner Wohnung gefangen ist, dann kratzt die Einsamkeit doch zwischendurch mal an der Tür. Doch noch sind das flüchtige Momente, denn dann melden sich entweder die Katzen, die sich mittlerweile tatsächlich zumindest kurz streicheln lassen, oder mein Handy vibriert und ich finde zumindest digital den Weg zurück in die Heimat und merke, dass ich eben dank Facebook, Whatsapp und Skype nicht einsam bin, nur weil ich alleine bin. Diesen Unterschied zu erkennen ist ein großer Schritt auf dem Weg, sein Heimweh einzudämmen.

Eigentlich wollte ich früh schlafen gehen, weil ich ob der Reizüberflutung eigentlich dauermüde bin, doch weil ich so wenig Zeit zum Schreiben, weder für den Blog noch für mich selbst, finde, musste ich dringend mal ein bisschen was loswerden, bevor so viele wichtige Impressionen wieder in den Untiefen meines Hirns versickern. Immer wenn ich einen Eintrag zu Ende geschrieben habe, fallen mir noch tausend Sachen ein, die die große, weite Welt unbedingt wissen sollte, doch die werde ich an kalten Winterabenden komprimiert an euch weitergeben (Ja, das war eine Drohung 😀 ). Jetzt genieße ich die Ausläufer des Sommers (auch wenn das Wetter im Moment ziemlich bescheiden ist und die Straßen statt zu Fuß besser mit Kanus bewältigt werden sollten…) und versuche, mein neues Leben auf die Reihe zu kriegen. Und nicht mehr so vielen Ziegen zu begegnen!!!

Neu im Land und schon gleich wieder weg…

Einen Tag nach mir kamen deutsche Austauschschüler aus Freudenstadt im Schwarzwald in Ulcinj an. Das ist der Grund dafür, dass ich die Schule noch nicht von innen gesehen habe, sondern die ganze Zeit mit den deutschen und den montenegrinischen Schülern unterwegs war.
Am ersten Tag wurden wir beim Bürgermeister der Stadt empfangen. Klingt vielleicht ein bisschen unspektakulär, ist hier aber eine riesengroße Ehre. Er ging sogar um den riesengroßen Konferenztisch herum und schüttelte jedem einzeln die Hand. Kurt, mein Kollege, meinte, eigentlich dürfe man sich die Hand danach nicht mehr waschen, so als hätte man dem Papst die Hand gegeben. Weil man das von Deutschland so nicht kennt, standen die deutschen Schüler nicht auf, als der Bürgermeister kam. Die stellvertretende Bürgermeisterin, die fließend deutsch sprach, wies uns gleich darauf hin, dass es hier etwas anders läuft.
Als der Bürgermeister seine Ansprache hielt, konnte ich mich gleich davon überzeugen, wie gut die montenegrinischen Schüler deutsch sprechen. Zwei Mädels lieferten aus dem Stegreif eine Simultanübersetzung von wirtschaftlichen und politischen Fakten, die viele andere vermutlich nicht mal in ihrer eigenen Sprache verstehen würden. Extrem beeindruckend!
Danach stand eine Führung durch die Altstadt auf dem Programm. Eine Deutschlehrerin vom Gymnasium erklärte kurz ein paar historische Dinge und erzählte Geschichten und Sagen, die mit der Altstadt in Verbindung stehen. Sehr interessant, allerdings waren alle froh, dass es so kurz war, die Sonne brannte und brennt hier nämlich immer noch unbarmherzig von morgens bis abends.
Gestern stand dann ein längerer Ausflug auf dem Programm: Kaum in Montenegro angekommen, musste ich das Land auch schon wieder verlassen, allerdings nur um im Nachbarland Albanien eine Festung und die Stadt Shkodra zu besichtigen. Hier zeigte sich, dass es hilfreich sein kann, Fan des 1. FC Kaiserslautern zu sein, bin ich doch durch regelmäßige Besuche des Betzenbergs im Bergsteigen geübt. Belohnt wurde man hier allerdings nicht mit mehr oder minder katastrophalem Fußball, sondern mit einem atemberaubenden Ausblick über die Landschaft Albaniens.
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Rechts die Stadt Shkodra und im Hintergrund ausnahmsweise nicht das Meer sondern ein See

Rechts die Stadt Shkodra und im Hintergrund ausnahmsweise nicht das Meer sondern ein See


An der Grenze bemerkte ich wieder meine bereits erwähnte Unerfahrenheit mit Grenzkontrollen. Es gab Probleme, weil irgendeine Liste gefehlt hatte, alle Pässe mussten eingesammelt werden, obwohl sie später gar nicht gebraucht wurden. Es bleibt mir unbegreiflich, warum ich einen in der Landschaft so fließenden Übergang nicht einfach übertreten darf, weil vor Urzeiten eine willkürliche, durch Kriege und Krisen immer wieder veränderte Linie gezogen wurde. Uniformen machen mir Angst und geben mir kein Gefühl von Sicherheit, sondern ein Gefühl der ständigen Bedrohung. Noch vor wenigen Tagen konnte ich einfach so sagen, dass offene Grenzen etwas sind, was ich vermissen werde, doch die Realität machte mir einen dicken, schwarzen Strich durch die Rechnung, weil unsere Politiker ja scheinbar glauben, dass die Flüchtlinge weg sind, wenn man sie nur nicht mehr sehen kann und flugs mal die Grenze zu Österreich dicht machten.
Doch wenn mich die Grenzen nerven, gibt es auch wesentlich schlimmere Schicksale, als hier in Ulcinj zu bleiben. Mein Blick vom Balkon ist es schon wert, sich mit Stempeln, Pässen und Zollbeamten rumzuschlagen.
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Die Menschen sind wahnsinnig nett, es gibt aber immer wieder Dinge, die ich lernen muss.
Ein kleiner Überblick:
Was ich nicht darf: meine Rechnungen im Restaurant selbst bezahlen. Als ich mit meiner Vorgängerin Alex unterwegs war, die gefühlt die gesamte Stadt kennt, wurden wir ständig und überall eingeladen und durften selbst nach lautstarkem Protest nicht bezahlen. Auch meine deutschen Kollegen scheinen sich schon so weit akklimatisiert zu haben, dass sie zumindest diese Eigenheit der Montenegriner und Albaner übernommen haben.
Was ich nicht darf: versuchen, montenegrinisch zu reden. Vorneweg, mein Montenegrinisch beschränkt sich auf ca. 5 Wörter. Den Sprachkurs habe ich noch nicht angefangen, ich könnte also kein vernünftiges Gespräch führen. Das muss ich aber auch nicht. Ich muss nur durch die Straßen laufen und mich auf deutsch unterhalten, ich werde ständig angesprochen: „Deutsch? Ja, ja, guten Tag, wie geht’s? Wie ist Ulcinj?“ Danach erzählen die Menschen, dass vor dem Krieg immer sehr viele deutsche Touristen kamen, jetzt allerdings nicht mehr. Doch daher können zumindest die älteren fast ausnahmslos deutsch und freuen sich, ihre Sprachkenntnisse mal wieder aufzufrischen. Sie hoffen nämlich, dass in Zukunft wieder mehr Touristen aus Deutschland kommen. (An dieser Stelle ein Insider-Tipp: Es lohnt sich 😀 )
Was ich nicht darf: eine der zahlreichen Katzen, die scheinbar auf meinem Balkon wohnen, in meine Wohnung lassen. Das hat meine Vermieterin ausdrücklich gesagt, doch ich kann sie beruhigen: Die Katzen mögen mich nicht. Ich darf sie nicht streicheln, dann rennen sie gleich weg und sie kucken mich immer an, als wollten sie sagen: „Was willst du eigentlich hier?“ Kurt meinte, Katzen wären bestechlich, doch auch mein Joghurt konnte sie nicht abschließend überzeugen, mich in ihrem Revier zu akzeptieren. Hat jemand einen heißen Tipp für mich?
Was ich nicht darf: mir Gedanken über meine Vorurteile machen. Die sind nämlich alle von vorne bis hinten völliger Blödsinn! Eigentlich brauche ich nur Kurt zu zitieren, um die Absurdität aller Vorurteile zu verdeutlichen. Er fragte mich, ob ich schon wisse, dass hier 80% der Einwohner Albaner seien, und damit ja auch 80% Moslems. Als ich das bejahte, sagte er: „Ja, das sieht man ja auch, die Mädels sind ja alle total verschleiert, bei manchen sieht man nicht mal den Bauchnabel.“ Und das stimmt, mit diesen knappen Klamotten hätten meine Eltern mich vermutlich nicht auf die Straße gelassen, abgesehen davon, dass das bei mir ja auch keiner sehen will 😉
Alles in allem ist es also bis jetzt eine wirklich tolle Zeit, ich warte darauf, was passiert, wenn dann der Alltag richtig losgeht, d.h. die deutschen Austauschschüler wieder weg sind und die Schule losgeht, und wie die Stadt aussieht, wenn die letzten Touristen weg sind, weil man mir schon verraten hat, dass dann ziemlich tote Hose ist. Egal, dann schaue ich eben weiter aufs Meer und teile meine wirren Gedanken mit euch und der ganzen Welt 🙂

Angekommen in Montenegro!!

Und zwar nicht nur körperlich, sondern auch mit Kopf und Herz!
Ein kleiner Rückblick:
Mein Wecker klingelte gestern um 8 Uhr, also zu einer verhältnismäßig humanen Uhrzeit. Müde war ich trotzdem und so versuchte ich mein Gehirn mit schwarzem Tee in Gang zu bringen. Nachdem die letzten Vorbereitungen getroffen und Bruder und Oma verabschiedet waren, ging die Fahrt zum Flughafen los. Um Aufregung zu vermeiden, schlief ich sicherheitshalber gleich mal wieder ein.
Am Flughafen angekommen holte mich mein Packtrauma wieder ein. Schon zwei Tage vorher stand ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch, weil ich schon drei Kilo Übergepäck in meinem absolut überdimensionierten Koffer hatte. Weil ich diese drei Kilo nicht mehr eliminieren konnte, dachte ich, dass es jetzt ja auch egal ist und packte nochmal drei Kilo drauf. Als ich der netten Flughafendame mein Leid klagte, schob sie meinen Koffer so schnell weiter, dass sie unmöglich die Anzeige richtig lesen konnte und sagte: „Übergepäck? Nein, Sie haben kein Übergepäck!“ 50€ gespart, der Tag war langsam nach meinem Geschmack.
Dann ging es zur Passkontrolle. Als noch nicht exzessiv herumgereister Mensch, der die EU nur in die Schweiz verlassen hat und die Vorzüge des Schengen-Abkommens schon immer sehr geschätzt hat, für mich absolutes #Neuland. Doch auch diese Hürde konnte ich mit Leichtigkeit überspringen und saß alsbald im Flugzeug. Trotz meiner Flugangst war der Flug ganz nett, ich konnte nämlich schon aus der Luft ein bisschen von der Schönheit meines Einsatzlandes bewundern.
Als nach der Landung der Stempel im Pass und der Koffer auf dem Band erschienen war, ging noch einer meiner heimlichen Träume in Erfüllung. Ich wurde von einem sehr netten, deutschsprachigen Taxifahrer mit einem Schild erwartet, auf dem mein Name stand. Ich konnte mich richtig wichtig fühlen! 😀 Ich wurde fix ins Taxi geladen und ab ging die wilde Fahrt von Podgorica, der Hauptstadt, nach Ulcinj, meinem Einsatzort. Wir fuhren erst über einen See und durch eine wunderschöne Gebirgslandschaft, dann hörte ich den Satz: „Wenn wir durch diesen Tunnel durch sind, sieht man das Meer!“ Endlich! Doch am Ende das Tunnel war ich zunächst enttäuscht, wieder nur einen neuen Berg vor mir zu sehen. Ich blickte mich suchen um. „Da drüben ist es doch!“ Und tatsächlich, zwischen zwei Bergen spitzelte das Meer hindurch und gab mir einen ersten Eindruck von der kontrastreichen Landschaft Montenegros. Ich begann langsam aber sicher jeden Tunnel zu verfluchen, weil er mir den Blick auf meine wundervolle Umgebung versperrte.
Vor meiner Unterkunft erwartete mich ein kleines Empfangskomitee. Mein Mentor, der sehen wollte ob ich heil angekommen bin. Mein Vermieter mit seiner Tochter, die deutsch spricht und seiner Frau, die mich auf Englisch mit den Worten begrüßte: „Du kannst mich alles fragen und über alles reden, ich werde deine zweite Mutter sein.“ Und dann war da noch meine Vorvorgängerin Alexandra, die gerade hier Urlaub macht und mir sofort bereitwillig alles zeigte und alles erklärte. Wir gingen noch zusammen in die Stadt und an den Strand, wo uns ein Sternenhimmel ähnlich dem am Werbellinsee erwartete.
Ich fiel abends totmüde ins Bettchen. Welche Sorgen ich mir auch immer im Vorfeld gemacht habe, als ich heute morgen aufwachte und von meinem Bett aus das Meer sehen konnte, war ich sicher, dass es eine super Zeit wird und ich viel Spaß haben werde.

PS: Das ist schon die zweite Version meines Textes, die erste war plötzlich weg, nachdem der Server sich mal wieder verabschiedet hatte…

Jetzt geht’s looooooos!!!

Naja, noch nicht ganz jetzt, sondern eigentlich erst am Sonntag, aber nach 10 Tagen Vorbereitungsseminar fühle ich mich endlich bereit für mein Jahr in Montenegro und ich kann es langsam nicht mehr erwarten.
Wenn ich im Moment aus dem Fenster schaue, beehrt die liebe Sonne unsere wunderschöne Pfalz mal wieder mit ihrem Lächeln, doch nach langen, arbeitsreichen, SEHR KALTEN Tagen am Werbellinsee im ebenfalls sehr schönen Brandenburg, scheint die Aussicht auf 30 Grad am Meer doch sehr verlockend.
Kurzer Rückblick auf die Seminartage:
#Homezone#Workshop#Korruption#Lachyoga#PoetrySlam#Selbstreflexion#Vernetzung
#endloseDebattenüberNachhaltigkeitKapitalismusundKultur#Musik#See#spontanbadengehen
#PrivilegienundKolonialismus#Projektarbeit#Ichwerdeeuchallevermissen
Es war eine sehr schöne, gewinnbringenden Zeit! Man durfte sich mit Dinge beschäftigen, die einen interessieren, musste sich manchmal mit Dingen beschäftigen, die einen nicht so interessieren, aber alles in allem habe ich wirklich von diesen 10 Tagen profitiert. Es war ganz toll, Leute aus allen Teilen Deutschlands kennen zulernen und sich auszutauschen. Doch jetzt ist es gut, dass es vorbei ist, damit wir in ein noch größeres Abenteuer starten können.
In diesem Sinne
MAZUNGA und Jetzt geht’s loooooos!!!

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