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Zurück in Deutschland, zumindest temporär

Es ist kaum möglich, das alles in Worte zu fassen. Ich sitze im Flieger nach Rom, Laptop aufgeklappt. Über meine Ohren säuselt das Lied „A Nível de“ von João Bosco. Warum erwähne ich das? Es ist dasselbe Lied, das ich beim Landeanflug auf Rio im August 2025 gehört habe. Seit diesem Zeitpunkt lebe ich in RIo. Jetzt kehre ich zum ersten Mal nach Deutschland, in meine schwäbische Heimat zurück. Es fühlt sich verrückt an. 15 Monate voller neuer Erfahrungen, ein neues Leben, eine neue Heimat, eine Freundin und neue Bekanntschaften. Ich kann diesen Ort, Rio de Janeiro, mein Zuhause nennen. Ich habe aus dem Auslandssemester einen Daueraufenthalt gemacht. Auch jetzt kehre ich nicht definitiv nach Deutschland zurück, sondern bleibe nur vier Wochen, davor aber anderthalb in Südkorea. Ernsthaft. Ich mache Urlaub dort, wo ich herkomme. In Rio will ich eigentlich für immer bleiben. Doch das ist eine andere Geschichte.

Wenn ich an all die Erfahrungen denke, all die Reisen, die Gespräche, das immer tiefere Eintauchen in die Kultur, wird mir fast schwindelig. Und das liegt nicht am Fliegen. Ich denke, das muss wohl so sein, wenn man seine Heimat aufgibt. Ich bin Teil von etwas Neuem . Ich bin Teil einer neuen Gesellschaft, habe mich verwoben mit einer neuen Geschichte, habe neue Geschichten weitergestrickt. Habe studiert, gearbeitet, geküsst, geliebt, gefeiert, Sport getrieben, gestritten, geweint. Bin gereist, geschwommen. War krank, im Krankenhaus, motiviert. Es war längst kein Studienaufenthalt mehr, auch keine Reise. Ich beziehe eine Wohnung, verdiene Geld, arbeite, habe den ganz normalen Alltagsstress. Und nicht zuletzt eine wunderbare Freundin, die mich sehr glücklich macht und die natürlich auch ein gewaltiger Grund zum Bleiben ist. Ich bin einfach nur dankbar. 

Gleichzeitig spüre ich, nicht nur in diesem Moment, eine Sehnsucht nach meiner Heimat, nach dem Ort, der mich geformt und 24 Jahre lang zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Ich bin gespannt, wie es sein wird, ein Fremder in der Heimat zu sein. Und früher oder später werde ich sowieso wieder ein paar Jahre in der Heimat verbringen. Hoffentlich mit Julia, der Liebe meines Lebens. 

Wenn ich überlege, welcher Mensch am 7. August 2025 in das Flugzeug stieg und welcher heute zurückfliegt, dann spüre ich so viel Veränderung und positiven Wandel. Der Mark von vor 15 Monaten musste raus aus seinem stressigen Alltag, aus seinen leeren Verpflichtungen, die ihm außer Geld nichts brachten. Aus einer Studentenstadt, in der er auch nach 5 Jahren nie warm wurde. Eine Liebe, die ihn zerfressen hatte. Ein Studium, das ihn nicht immer erfüllte. Und doch war es eben jenes Studium, das ihm diese Möglichkeit brachte, in Rio zu leben. Aus den 8 Monaten wurden erst 12, dann 15, dann für immer? Mark sprach zwar schon recht gut Portugiesisch, doch bei weitem nicht fließend. Am Anfang verstand ich ca. 80% von dem, was die die nuschelnden Cariocas so von sich gaben. Und mit jedem Tag wurde es mehr. Ich schrieb jeden Tag fleißig Wörter in mein Vokabelheft, verstand mehr, meine Sprache wurde idiomatischer. Vielleicht half es auch, dass ich mich vor allem mit Brasilianer*innen anfreundete und jeden Tag sprachliche Herausforderungen zu meistern hatte: Beantragung des Visums bei der Policia Federal, Rufen der Feuerwehr, Erklären von Mängeln in der Wohnung, Terminvereinbarungen und Gespräche mit Uber-Fahrer*innen, meinem Pförtner oder ganz einfach Unterhaltungen mit Freunden. Ich lese ganze wissenschaftliche Artikel auf Portugiesisch, in meiner Freizeit ganze Bücher, unterrichte, leite Meetings auf Portugiesisch mit Schulleitungen und der Direktorin des Festival des Festival do Rio. wachse, entdecke eine neue Seite meiner Persönlichkeit und liebe es. Ich werde ein anderer Mensch, Stück für Stück. Ist das nicht ein Ziel des Lebens? Sich weiterentwickeln?

Jetzt freue ich mich auf die Zeit und das Geborgen sein mit meinem Liebsten. Es ist eine Familienreise. Mein Vater wird 60. Ich werde 26. Mein Bruder macht ein Auslandssemester in Südkorea, ich will ihn besuchen.

Es ist soo verrückt. Die Strandpromenade, an der ich Mitte August zum ersten Mal voller Angst vorbeifuhr, der verrückte Tunnel und der Aterro do Flamengo-Park, gehört inzwischen so selbstverständlich zu meinem Alltag, dass mir mein alter Alltag wahrscheinlich fremd vorkommen wird. Ich bewege mich heute mit einer Selbstverständlichkeit durch die Straßen, weiß, welchen Bus oder Metro ich nehmen muss, wo ich aufpassen muss. Und das alles in einem Land, dessen Sprache ich nicht einmal studiere. Ein Land, mit dem ich mich schon immer verbunden fühlte. 

Ich liebe Brasilien über alles. Seitdem ich denken kann, spürte ich eine tiefe Verbundenheit zum dem Land der Lockerheit und der Samba-Rhythmen. Seitdem ich 13 bin, hatte ich den Wunsch, das Land zu bereisen und später dort zu leben. Ständig verglich ich es mit Mexiko, meiner zweiten Heimat, in der ich auch geboren bin. 

Ich wurde zum Experte über brasilianische Politik, schaute jede Fernsehsendung und Reportage über Brasilien, verschlang jedes Buch über mein Lieblingsland, das ich in die Hand bekam. Zum Beispiel „Brasilien für Insider“ von A. Wenn, der sein Leben in Rio beschrieb. Und jetzt bin ich selbst in Rio und erkenne so vieles aus dem Buch wieder. Kann sagen „Ja, das stimmt“ / „Ja, es stimmt, dass die Brasilianer*innen immer das Daumen-Hoch-Zeichen machen“ / „Ja es stimmt, dass das beste Açaí mit Granola, Milchpulver und Banane ist“. Und gestern erst telefonierte ich mit dem aktuellen Auslands-Korrespondenten des ZDF. Wir duzen uns.

Schon zu Schulzeiten schrieb mir eine Freundin ins Abschlussbuch „irgendwann hören wir von dir aus Rio“.  Interessant, wie das Leben spielt: Als ich 2019 erfuhr, dass von all den 198 Ländern dieser Welt mein Freiwilligendienst „kulturweit“ in Brasilien sich abspielen wollte, war ich außer mir vor Glück. Ich war in England auf Studienreise, führte das Bewerbungsgespräch mit einer netten Dame vom Goethe-Institut SP und entschied mich kurzerhand für die Stelle im Belém, am Tor zum Amazonas, an einer öffentlichen Schule. Ich bereitete mich 9 Monate auf den Dienst vor, beantragte ein sündhaft teures Visum, frischte die Sprache auf – nur um dann, nach einer Woche wieder abzureisen. Covid 19. Wir alle kennen die Geschichte. Ich war todtraurig, schmiedete mit Freundin Auswandererpläne (mehr ist hier nachzulesen!) Und wollte nicht zurück. 2 Jahre Pandemie und ich vergas Brasilien etwas, schrieb mich aber für einen Portugiesisch-Kurs an der Uni ein und lernte vier Jahre bzw. einige Semester fleißig die Sprache, fühlte ich mich doch der Kultur weiterhin verbunden. Ich plante aber mein Leben eher in Deutschland, war in der Politik aktiv und dachte nie, dass ich tatsächlich mal längere Zeit dort leben würde. Bis ich eines Tages das Plakat „Bewerben Sie sich für Rio oder Brasilien mit dem DAAD-ISAP-Stipendium“ an der Wand entdeckte. Und so blieb ich bis Januar 2026 mit diesem Stipendium, hielt mich danach mit Erspartem über Wasser, beantragte für meine Master-Arbeit in Französisch-Guayana ein anderes Stipendium, das ich bis heute verlangen durfte und, schrieb meine Masterarbeit, fing ein Praktikum am Goethe-Institut an, das ganz spontan und unkompliziert geklappt hatte, da ich schon Kontakt zum Leiter hatte. Und heute, witzigerweise, mache ich eine Deutschlehrerausbildung mit einer Kollegin aus SP, die mich 2020 am Goethe betreut hat. Kleine Welt! Und alles war in Gottes Händen.

Das nächste Stipendium für ein Praktikum an einer öffentlichen Schule ist schon beantragt und eine eventuelle Stelle als Deutschlehrer auch.

Und nebenher studiere ich an der UFF, zwei Semester, schrieb drei Hausarbeiten aus Tübingen, schreibe die Masterarbeit und bereite mich auf eine mündliche Abschlussprüfung, die ich in wenigen Tagen in Tübingen habe. Ich bin also noch zwischen beiden Orten bzw. Stühlen. Es war nicht einfach, sich in Rio, immernoch eine teure Stadt, über Wasser zu halten. Ich musste mich an viele Leute ranschmeißen, Kontakte knüpfen und ständig mit der Ungewissheit kämpfen, ob man den nächsten Job bekommt, das Geld reicht. Aber ich konnte gut leben. Gott sei Dank.

Ich führe mittlerweile Bekannte und Freunde, die in Rio sind, durch meine Heimat. Leben, wo andere Urlaub machen. Leben in einem Apartment in Copacabana. 200 m weg vom Strand. Das werde ich eines Tages noch realisieren, was das für ein enormes Privileg ist. Ich sehe den Strand gerade vor mir. Und ja, auch in meinen Gedanken beeindruckt er mich noch. Werde ich mich irgendwann daran gewöhnen? Gleichzeitig habe ich schon andere Seiten der Stadt und des Landes gesehen und weiß, dass das ein absoluter Ausnahmezustand ist. Dies aber nur am Rande

Wenn ich im Bus sitze auf meinem Arbeitsweg und den Zuckerhut neben mir erblicke oder am Christus vorbeifahre, ergreift mich dieser leichte Stich ins Herz, den ich schon damals gespürt habe, als ich im Uber in Niterói saß und diesen Berg erblickte. Und er sieht wirklich aus wie ein Zuckerhut. 

Integration ist aber natürlich keine Einbahnstraße. Ohne die Cariocas, die großartigsten Menschen der Welt, wäre ich auch nicht mehr dort. Ich spüre eine unfassbar positive Energie und Freundlichkeit. Es ist nahezu überall möglich, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich habe das Gefühl, dass meine ganze Seele und Art hier besser aufgehoben bin. Dass ich mich hier besser entfalten kann. 

Es stimmt zwar, dass es schwieriger ist, tiefgreifende Freundschaften mit Cariocas zu knüpfen, doch gleichzeitig brauche ich das nicht. Ich habe wenige Freunde, die mir guttun, eine nette WG und meine wunderbare Freundin, mit der ich naturgemäß viel Zeit verbringe. 

Das klingt bis jetzt alles so wunderbar rosig und schön. Doch 10 000 km entfernt von seinem Land zu wohnen, hat auch seine Schattenseiten klar. Natürlich vermisse ich meine Eltern, meine Freunde, meinen Bruder (interessanterweise eher Menschen als konkrete Orte). Natürlich vermisse ich einen Saunagang an einem kalten Februartag, natürlich vermisse ich europäisches Essen und klar definierte Jahreszeiten sowie die kuschelige und stressige Weihnachtszeit in Deutschland.

Am schmerzhaftesten wurde mir das alles bewusst, als meine Oma dieses Jahr sehr schnell an Krebs erkrankte und ich nicht bei ihr sein konnte – weder vor ihrem Tod, noch bei ihrem Tod. Es fühlte sich furchtbar an, die reglose und krebskranke Gestalt auf einem Bett per Videoanruf zu sehen. Ich reiste zur Beerdigung an und traf meine Familie wieder – nach nur 10 Monaten. Da ich Familie in Mexiko und in Deutschland habe, befinde ich mich von beiden etwa gleich weit entfernt (ca. 10 000 km). 

Apropos Mexiiko. Ein anderer Punkt, der sehr interessant ist: Während ich bis vor meiner Reise nach Brasilien eine sehr große Verbundenheit mit meiner mexikanischen Heimat spürte, muss ich mir leider eingestehen, dass meine Faszination und Identifikation mit Mexiko (auch sprachlich) etwas zurückgegangen ist. Ich mache mir aber keine große Sorgen, weil das wiederkommen kann. Ich vermute stark, dass es daran liegt, dass ich in Brasilien eine ähnlich aufgeschlossene und diverse Kultur vorfinde und viele Dinge sich dann doch ähneln, manches allerdings nicht.

Wie gesagt, natürlich lief besser nicht alles rund. Wenn man an einem Ort länger lebt, dann gibt es natürlich auch die tristen Regentage, die Tage voller Demotivation und wo nichts wirklich läuft.

Ich glaube, der Moment, an dem ich gespürt habe, dass ich mich langsam zu 100% mit Rio identifiziere, war, als ich anfing, meine 2011-Playlist, die ich bisher super streng mit meiner Schulzeit und Deutschland bzw. Esslingen verbunden hatte, nun auch in Rio zu hören und mir die Frage zu stellen: Wie sah dieser Ort – meine Heimat, hier 2011 aus? Wie waren die Menschen drauf, als sie „Just the way you are“ von Bruno Mars hörten?

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