In den folgenden Texten will ich Euch ein bisschen in mein Leben in Rio mitnehmen und Szenen aus meinem Alltag schildern – gepaart mit Reisetipps und authentischen Eindrücken. Heute zeige ich Euch den Stadtteil Copacabana (mit dem gleichnamigen Strand, dem wohl berühmtesten Strand der Welt!) anhand meiner Morgenroutine: einer Joggingtour.
rechts: Blick vom Mirante do Leme (Aussichtsplattform) links: Copacabana-Promenade am Morgen
Ich atme die kühle Morgenluft ein. Es ist 7:51 Uhr, der Stadtteil Copacabana von Rio de Janeiro erwacht. Die Avenida Nossa Senhora de Copacabana, an der ich wohne, rauscht wie der nahegelegene Atlantische Ozean, es huschen zahlreiche Autos, Uber-Taxis, gelbe Rio-Taxis und unzählige Motorräder hupend durch die Massen. Zwischen den Hochhäusern strahlt der Himmel strahlend blau. Forscher*innen haben herausgefunden, dass Rio den blauesten Himmel der Welt hat.
Ich biege links ab in die Rua Duvivier, die nach einer sehr reichen Familie Rio de Janeiros benannt ist (bekannt ist heute vor allem der linke Komiker Gregório Duvivier, den ich nicht zuletzt durch Programme wie „Porta dos Fundos“, einen sozialkritischen YouTube-Comedy-Kanal, sehr schätze). In Rio de Janeiro und vor allem in Copacabana ist es sehr üblich, dass Familien einen Häuserblock, mindestens jedoch ein Gebäude, für sich und die Familie kauften. Heute sind die Nachfahren dieser Familien und Grundbesitzer verarmt, leben aber über ihre Verhältnisse und so, als würde ihnen das halbe Viertel immer noch gehören.
In der Rua Duvivier liegen, wie überall in Rio bzw. in Copacabana, an jeder Ecke Restaurants und die typischen Bars. Rio hat eine der höchsten Restaurant-Dichten der Welt. Nachdem ich am Friseur vorbei, am Kiosk, dem in Gelbtönen gehaltenen Restaurant Amarelim mit grünem, mit Plastikwiese überzogenem Außenbereich vorbeihusche, wärme ich mich für das morgendliche Joggen auf. Auf der anderen Seite das LF-Café, das ich mit meiner Mutter, Freunden aus Deutschland und meiner Freundin schon besuchte. Daneben ein Nagel- und Massagestudio. Wie oft ich die Straße schon entlangging. Alleine oder in Begleitung, mit Freunden oder ohne. Es ist so schön, wenn die Gebäude immer mehr zur Heimat werden – in den meisten Geschäften und Restaurants war ich bereits zu Gast bzw. Kunde und kann schon eine Geschichte dazu erzählen. Jeden Tag werde ich mit der Umgebung etwas vertrauter. Ich verwachse sozusagen mit dem Ort. Und Rio-Copacabana ist auf jeden Fall ein Ort, mit dem man gerne verwächst. Und das beweist mir jedes Mal die spektakuläre Aussicht.
Bevor ich am Strand angekommen bin, komme ich an einem meiner Lieblingslokale in Copacabana vorbei: Best Açaí. Klingt sehr touristisch (ist es auch), für mich gibt es aber hier das allerbeste Açaí-Eis. Die Açaí-Beere ist ein Superfood aus dem Amazonas bzw. dem Norden Brasiliens und ist dort so etwas wie ein Grundnahrungsmittel. Sie wird allerdings ungesüßt und warm zusammen mit Fisch und Farinha (einem gerösteten Mehl) oder Tapioca-Kügelchen gegessen. In Rio kennt man sie allerdings nur als Eis, das am Strand oder an jeder Ecke angeboten wird (mehr dazu im Text zu den Strandetiketten). Das Perverse am Best Açaí ist aber nicht das sündhaft leckere Eis (Açaí in all seinen Variationen, z. B. Maracujá, Diet (ohne Zucker), mit Kinderschokolade- oder Milchpulvergeschmack), sondern die Toppings: flüssige Ovomaltine, flüssige weiße Schokolade, Pistaziencreme, Smarties, Banane, Erdbeere, fette Brownie-Stückchen, Trauben und sonstige Saucen. Das Eis kann also durchaus zur Kalorienbombe werden. Das zu schildern, während ich eigentlich über eine sportliche Aktivität schreiben will, fühlt sich falsch an.
Ich muss nur die morgens noch viel befahrenere Avenida Atlântica überqueren, was sich als abenteuerlich erweist. Da nicht jede Straße eine Fußgängerüberquerung besitzt, muss ich warten, bis sich der Verkehr etwas beruhigt und ich zwischen dem Gehupe und den Motorrädern (Achtung, gefährlich!) über die zwei Straßenautobahnen kann. Das lernt man mit der Zeit, ist so ähnlich wie die ganzen Videos über das Straßenüberqueren in Vietnam. Ich halte kurz inne und beobachte die Menschen in ihren Autos. Wohin sie wohl fahren? Die Geschäftsmänner in weißen Hemden telefonieren über die Freisprechanlage. Die Kinder sitzen gelangweilt in Privatschulen, zu Hause wischt die Hausangestellte Staub von der Stereoanlage. Daneben brettern schwer beladene Transportautos mit Eiskanistern vorbei.
Sonntags ist die Straße autoärmer, da ist eine Spur nämlich gänzlich für den Verkehr gesperrt. Leute joggen, spazieren, fahren Fahrrad oder Inline-Skates. Von der Avenida sieht man auf dieser Höhe die Spitze des Zuckerhuts, Christus sowie das strahlend blaue und klare Wasser des Atlantiks. Der Strand ist noch fast leer.
Das ist nun mein Leben in Rio de Janeiro. Seit knapp einem Jahr wohne ich hier, habe immer noch ein kleines Kitzeln, wenn ich morgens dieses fantastische Meer und den Zuckerhut erblicke. Ich beginne meine Joggingrunde, die ich etwa alle zwei Tage wiederhole.
So langsam sollte ich die Reihenfolge aller Strandbars auswendig kennen, es ist eine gute Strategie, um die Gedanken beim Joggen nicht allzu sehr schweifen zu lassen. Eine Barracke nach der anderen passiere ich, die Sonne brennt sich mit zuverlässiger Gewohnheit auf meine Haut ein. Alle paar hundert Meter rieche ich den Fisch mit Knoblauch, die Musiker in den Strandbars fangen an, die ersten Töne zu spielen. Oder eine Fitnessgruppe, bestehend vor allem aus älteren Semestern, tanzt zum Rhythmus einer Sambagruppe.
Morgens finde ich es eigentlich am besten. Je weiter der Tag voranschreitet, desto mehr Touris auf orangenen Uber-Fahrrädern fahren gemütlich über den Fahrradweg und je mehr Argentinier, Franzosen und auch viele Deutsche kaufen Souvenirs, lassen sich dabei von den Verkäufern genüsslich abziehen.
Was mich insgesamt schon seit Beginn meiner Zeit hier fasziniert, ist, wie alle hier begeistert Sport treiben. Jede*r will in Form sein, den perfekten Strandkörper haben. Vor allem ältere Menschen schockieren mich jedes Mal, wenn sie mich beim Joggen überholen (ja, ein*e 70-Jährige*r kann schneller als ich sein!) oder mich etwa mit ihren Scootern (einem Hybrid aus halb Fahrrad, halb Motorrad, mit denen man bis zu 50 km/h fahren kann) überholen. Zum Thema Sport in Rio und dem Körperkult muss allgemein noch ein gesondertes Kapitel folgen!
Alle zweihundert Meter kriecht auch kurz der beißende Geruch einer orangenen Mülltonne in mein Nasenloch. Die COMLURB ist das städtische Müllentsorgungsunternehmen und leistet wirklich gigantische Arbeit. Es sind die Helden Rios. Die, die beim berühmten Karneval im Sambódromo in Rio de Janeiro von hinten alles putzen und sauber fegen. Die, die nach dem Karneval, bei dem die Straße einer offenen Feldschlacht gleicht, alles sauber putzen.
Doch zum Karneval an anderer Stelle mehr. Nach den für die Bevölkerung Rios kostenlosen Mega-Konzerten an der Copacabana, wie zu Shakira (2026), Lady Gaga (2025) oder Silvester mit 2,5 Millionen Besucher*innen sorgen sie dafür, die etwa 5.000 Tonnen Müll zu entsorgen. Jeden Tag zwischen 2 und 3 Uhr morgens wird der Strand mit gigantischen Pflügen und Traktoren gereinigt und jedes Sandkorn durch ein Sieb gepresst. Damit am nächsten Tag die Touristen und Cariocas ihre Bräune verfeinern können.
Ich will den COMLURB-Mitarbeitern irgendwann ein Kompliment machen. Ich traue mich aber (noch) nicht. Interessanterweise verdienen Mitarbeitende bei der Stadtreinigung außerordentlich gut.
Ich jogge weiter, auf der einen Seite überteuerte Strandbars, in denen sie dir 10 EUR für Live-Musik und Servicegebühr für den Caipi berechnen, auf der anderen Seite die luxuriösen Hotels, z. B. das Copacabana Palace, neben dem ich auch wohne. Ein Stadtteil voller Gegensätze.
Neben der Joggingstrecke lauern auf der anderen Seite auch die unzähligen Fotograf*innen, die nur darauf warten, Bilder von allen vorbeilaufenden Joggern zu schießen. Also Jogger-Paparazzi. In Deutschland unvorstellbar! Der hochheilige Datenschutz! Ein wildfremder Mensch schießt Fotos, die er natürlich dann verkaufen will. Ich jogge weiter, wünsche dem Fotografen einen guten Tag, posiere manchmal schnell für das Foto. An manche Dinge gewöhnt man sich.
Ich passiere die großen Hoteltürme: Wyndham, Othon, Fairmont. Als ich am Forte de Copacabana, einer Festung mit Militärmuseum und sehr exklusiven Cafés wie der Cafeteria Colombo, angekommen bin, drehe ich an einem kleinen Kreisverkehr für Fußgänger um. Heute sind es nur fünf Kilometer (vom Açaí-Spot zur Festung und zurück), übermorgen, wenn ich die ganze Copacabana (hin und zurück) ablaufe, sind es 8 Kilometer. Weiter nach Ipanema (und auch Leblon, zwei schicke Stadtteile der Zona Sul, Südzone Rios) kann man auch laufen, dann führt der weg am berühmten Arpoador-Felsen vorbei, auf den zum Sonnenaufgang alle Touristen klettern, um das Ende des Tages zu beklatschen. Ebenfalls sehenswert: Die Aussicht vom Mirante do Leme, einem Aussichtspunkt, auf der anderen Seite des halbmondförmigen Strandes. Auf dem Gipfel befindet sich ebenfalls eine schöne Festung (Forte de Duque de Caxias) – natürlich, wie so vieles in Rio, mit spektakulärer Aussicht.
So schön die Palmen auf dem Foto auch erscheinen, so schön der Sonnenschein auf das charakteristische Schwarz-Weiß des Bürgersteigs auch fällt, all dieses Luxusleben täuscht nicht über die soziale Realität dieser Stadt hinweg: In den Nebenstraßen der Strandpromenade sieht man auch schon die Obdachlosen, oder hier auch Cracudos genannt, da sie Crack konsumieren. An der Supermarktkasse wird man von Straßenkindern angesprochen und nach Bargeld oder etwas Essbarem gefragt. Das alles ist hier Alltag und so richtig will man sich hier nicht daran gewöhnen. Aber was weiß ich, privilegierter 25-jähriger weißer Mann, schon.
(Anmerkung: Mir ist bewusst, dass dieser Text noch sehr statisch ist und keine anderen Personen außer meiner eigenen zu Wort kommen. Ich schildere meine täglichen Jogging-Runden, die ich weitestgehend alleine verbringe. In den kommenden Tagen werde ich Texte mit mehr Stimmen posten!)
