„Wasser oder Orangensaft?“ lächelnd betet die Stewardess ihren Standardtext herunter. „Ich möchte den Orangensaft“, sagt Lilly ganz brav und ganz mutig, wie es sie es zuvor geübt hatte.
Die Stewardess reicht ihr als Belohnung ein Modellflugzeug. Sofort ist es ausgepackt und eine kleine Chesna erhebt sich von Startbahn Klapptisch in Richtung Klimaanlage.
„Meine Damen und Herren, wir starten mit etwas Verspätung, wünschen Ihnen jedoch einen angenehmen Flug“ nuschelt es zweisprachig aus den schlechten Lautsprechern.
Mutter klammert ihre knochige Hand fest an ihre Tochter. Hauptsache Lilly geht es gut. Die erste Reise zur Oma nach New York kurz nach dem Tod ihres Vaters sollte sie gut überstehen. Ihre bunt lackierten Fingernägel mit den Tierchenaufklebern bohren sich in den Sitz, in den sich schon etliche Male das Sitzfleisch etlicher Touristen verewigt hat. Um sie herum nur aschfahles Flugzeuggrau zwischen emsig laptoppenden Geschäftsmännern und hektisch hin und hergeschobenen Saftwägen.
Das Modellflugzeug legt eine Zwischenlandung ein.
„Ist Papa in der Nähe?“ flüstert sie ihrer Mutter ins Ohr. Der Gurt drückt die Mutter fester in den Sitz.
Die Mutter greift zum Schminkspiegelchen, Tusche und Lippenstift sind im Handumdrehen aufgetragen. Ihr Mann hatte das immer gemocht. Sie lächelt Lilly an. „Natürlich ist Papa hier“.
Die Minichesna fliegt weiter, die Mutter nimmt ein Buch, doch liest nur Buchstaben. Die Beine sind’s! Die schwarzen Pumps machen ihr zu schaffen. Thrombosestrümpfe hatte sie dabei, doch es hilft alles nichts.
„Mama, warum fliegen Flugzeuge“? brummt Lilly und äfft Motorgeräusche nach. „Flugzeuge fliegen, damit die Menschen ihre Sorgen vergessen können, mein Schatz“. Erinnerst du dich an das Lied, das wir früher immer gesungen haben?
Über den Wolken macht ein schmalziger Bariton Werbung für Billiguhren und Champagner, das muss wohl die Freiheit sein, denkt sich die Mutter.
Lillys Blick gleitet zum Fenster, das Flugzeug fällt ihr in den Orangensaft. Die Wolken sind so weiß und leicht wie ihr Plüschschäfchen.
Die Mutter kramt nach lila Tabletten, ihre Atmung ist sehr kurz. Das Makeup verwischt und tropft auf die schwarzen Pumps.
„Ist Papa dieses Flugzeug geflogen?“ sagt Lilly ganz leise, die Augen auf die Wolken richtend, ihre klebrige Chesna in der Faust haltend.
Mutters Gesicht verschmilzt mit der Wolkenfarbe. „Denk nicht daran, mein Schatz, genieß lieber den Flug“.
Die Mutter entschuldigt sich auf die Toilette. Auf ihren schwarzen Pumps wackelt es wie bei den ersten Gehversuchen ihrer Tochter. Ihr Mann hatte sie ihr geschenkt.
Die Mutter bleibt kurz stehen. Ihr Blick folgt Lillys fröhlichen Flugbahnen.
So konzentriert Lilly ihre Chesna auch kreisen lässt, ihr fällt erst auf, dass etwas fehlt, als zwei Sanitäter vorbeigehen, die zwei schwarze Pumps in den Händen halten.
Inzwischen war die Sonne über dem Ozeanriesen untergegangen und die Lichter der Stadt, die niemals schläft, größer geworden.
