Er betrat das Mensagebäude still und unauffällig. Hier ist also der Raum meiner Lügen. Worte, die verhallen, die sich noch mit Mühe an den Wänden entlangkratzen.
Er erinnerte sich an Gespräche bei billigen Mittagessen, in denen er, wie so oft, das Wort an sich riss und von vermeintlich spannenden Geschichten aus seinem Alltag erzählte.
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Er drückte das Sitzkissen weiter in den Stuhl. Seine potenzielle Schwiegermutter schaufelte ihm immer mehr Essen auf den Teller – sehr zum Leidwesen seiner Freundin, weil er doch abnehmen wollte. „ Du bisch total nebba der Roll“ sagte die Tante zu ihrem Mann. Er war mittendrin – überall neben ihm Pfälzer Lebensart, Gespräche über das Essen statt über Politik. Er erwischte sich dabei, wie er ein bisschen überheblich auf diese Menschen herunterschaute und hasste sich dafür. Diese Menschen hatten Geld und arbeiteten wirklich hart dafür. Scheiß akademische Blase mit der Abwertung.
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Er beschäftigte sich nicht so gern mit Musik. Er hasste Menschen, die stundenlang über sie reden hörten, auf tausende Konzerte im Jahr gingen oder diese verkackten Festivalbändchen am Handgelenk trugen, unter denen sich die Viren sammelten. Er hörte natürlich gerne Musik, das gehörte irgendwie dazu. Aber er hörte Lieder etwa drei Wochen lang, bis er sie hasste und er sie nicht mehr hören konnte. Er hörte dann immer ein Lied pro Tag, drückte mittendrin auf Stopp und hörte es wieder von vorne.
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Er drückte auf das „Abspulzeichen von Youtube“. Er liebte es, Claus Weselsky oder Gunther Krichbaum beim Reden zuzuzuhören. Beide waren erstaunlicherweise von der CDU- Doch das spielte hier keine Rolle. Es ging eher um die Ruhe, die Seriösität und die „Süße“, die diese gestandenen Männer beim Reden versprühten. Seit dem Frühjahr 2021 schlief er regelmäßig zu den Jung-&-Naiv-Interviews von ihm ein. Er kannte alle Aussagen von ihm mittlerweile auswendig und wurde immer beeindruckter von diesem Mann und seiner, vielleicht inszenierten Integrität. Er sprach über Verantwortung, Moral und dem bösen Management. Im Gegensatz zu so manchem Politiker glaubte er Claus Weselsky mehr.
Bei Gunther Krichbaum bekam er diese „Klassensprecher-Vibes“. Er mochte es, wie er seine Phrasen mit unterdrücktem, aber bemerkbaren schwäbischen Akzent in jedem Phönix-Interview wiederholte.
Er liebte den Politiksprech. Vielleicht redete er selbst manchmal so.
Was war eigentlich Reden? Das Produzieren von Lauten? Warum reden Menschen? So viele Worte, wenig Handlung, wenig Konsequenzen.
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Er dachte darüber nach, dass man sich als Autor ja nackig ausziehen musste, wenn man solche Geschichten erzählte. Doch er ließ dem Leser frei, zu entscheiden, was wahr und was erfunden war.
Die Abkehr von der autobiographischen Deutung war ihm im Studium beigebracht worden. Manchmal fragte er sich, ob Literaturwissenschaftler überhaupt richtig arbeiteten und ob nicht die Linguisten die wahren Wissenschaftler waren. Dabei war er doch selbst einer. Zumindest in seiner Fantasie.
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Er wollte in die Wissenschaft, aber nicht nur wegen des Inhalts, sondern wegen der Macht, des Prestiges. Weil er gerne E-Mails von verzweifelten Studierenden beantworten wollte.
Deswegen war es gut, dass er seinen politischen Werdegang nicht weiterverfolgte. Er trug schon seit seiner frühen Jugend gerne Hemden, Ledertaschen und fühlte sich gerne wichtig.
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Manchmal hatte er den Gedanken, dass seine Jugend durch seine Finger rann. Warum mussten alle jungen per definitionem wild, laut und rebellisch sein. Mit dem Anzug fühlte er sich wie ein Scheiß Kapitalist. Der Philipp Amthor der SPD.
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Er blickte seine Mutter im Theater an. Verstand sie überhaupt etwas? Es war das erste Mal in zwanzig Jahren in Deutschland, dass sie eine klassische Theateraufführung besuchte, die nicht mit dem Dschungelbuch oder dem Hund Bello zu tun hatte. Er hatte Plätze in der 1. Reihe gebucht, was einen unglaublichen Blick auf die Schweißperlen und die Speichelergüsse der recht dicken Darsteller ermöglichte.
Neben ihm in der Reihe saß der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete und blickte etwas nervös um sich. Wahrscheinlich fragte er sich, wen er noch grüßen könnte, um sein politisches Kontaktbuch zu pflegen. Wahrscheinlich war er heute aus Berlin angereist, mit dem Flugzeug um 17 Uhr in Stuttgart. Auf dem Flug hatte er ein paar Artikel über Friedrich Merz gelesen, sich mit gewaltigen Handgesten empört und auf Twitter geteilt. Im Taxi hatte er etwas zu oft auf den gewaltigen Busen der jungen Taxifahrerin, wahrscheinlich Studentin, geschielt und seine Frau zuhause mit einem schnellen Kuss begrüßt, ehe er sein Sakko lockerte und mit dem Elektroauto ins Theater fuhr.
Die Aufführung begann und er schaltete direkt ab. Keine Requisiten, erwartbare Dialoge und gespielte Ernsthaftigkeit.
Warum waren Theatermenschen so wahnsinnig peinlich?
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Er saß in der Schlange und fror sich einen Ast ab. Das Lokal war voll. Innen speisten die Vertreter einer neuartigen Stuttgarter Möchtegern-Bourgeoisie Miso-Suppen und viel zu teure Dumplings, die aber viel zu lecker waren, sonst hätte er sich nicht in die lange Schlange in der Kälte gestellt. Die Menschen in der vorbeifahrenden Straßenbahn blickten wie dumme Rehe aus dem Fenster und beobachteten die Menschenmenge mit glotzenden Augen. Man konnte die Verachtung bis hierher riehen.
War das die neue westliche Tendenz, sich international und aufgeklärt zu geben, nur weil man eine dämliche Misosuppe schlürfte und ein paar zu teure Dumplings in den Rachen stopfte?
